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Helmut Kuntz: Sucht und Spiritualität

Rezensiert von Prof. Dr. Stephan Quensel, 30.06.2026

Cover Helmut Kuntz: Sucht und Spiritualität ISBN 978-3-608-40192-9

Helmut Kuntz:Sucht und Spiritualität. Abhängigkeit weiter denken, neu verstehen, verbundener behandeln. Schattauer (Stuttgart) 2025. 198 Seiten. ISBN 978-3-608-40192-9. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR.

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Autor und Thema

Auf dem breiten Markt der nicht immer so erfolgreichen Sucht‑ und Drogen-Therapien propagiert Helmut Kuntz seinen eigenen, verstärkt suggestiv arbeitenden ‚spirituellen‘ Ansatz. Als erfahrener Autor populärer Schriften (sein Literaturverzeichnis erwähnt neben 17 weiteren Autoren 8 eigene Publikationen) stützt Kuntz sich einerseits auf seine eigene „30-jährige Praxis in der Drogen‑ und Suchtarbeit“ als Therapeut, Supervisor und Gestalter von Fortbildungsveranstaltungen, um diese andererseits durch Rückgriff auf antike Autoren, Asklepios und Paracelsus, die Bibel und fernöstliche Religionen, Jung, Steiner und Rilke, ‚theoretisch‘ abzusichern.

Aufbau und Inhalt

Nach einem einführenden Kapitel ‚Sucht: weiter denken‘, in dem er vor allem auf Asklepios und Paracelsus verweist, erläutert Kuntz im zweiten Kapitel seinen ‚spirituellen‘ Ansatz, um diesen anschließend (3. Kapitel) ebenso ausführlich durch methodische Beispiele aus seiner suggestiven Praxis zu belegen.

Von der Asklepios‘ Technik des therapeutischen Heilschlafs führt uns der Autor über die ‚heilsamen Sinnstiftenden‘ frühchristlich asketischen Therapeutae bis hin zur ausführlich dargestellten Krankheitslehre des mittelalterlichen Paracelsus. Dieser unterscheide fünf Arten von Krankheitsursachen – sog. Entia – von denen die ersten drei sich auf den Leib auswirkten: die der Sterne, der Gifte und der eigenen Körperkonstitution, während das Ens Spirituale mit seinen guten und schlechten Geistern und das Ens Dei dessen Geist beeinflussten: „In Einheit mit der geistigen spirituellen Dimension des Ens Spirituale und mehr noch mit dem unmittelbaren Einfluss Gottes oder der himmlischen Instanz, wie sie das Ens Dei enthält, stellt sich obendrein die Frage, ob einem Menschen mit erworbener süchtiger Abhängigkeit […] überhaupt Heilung erlaubt ist oder ob er seinen Weg bis zum bitteren Ende beschreiten muss, weil es der Lebensplan so vorsieht.“ (S. 42).

Fünf Einflussbereiche, die der ‚zyprische Heiler Daskalos‘ in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts „aufgrund eines ihm verliehenen Wissens über Gaben und Fähigkeiten, die jedes rationale Wissen weit übersteigen“ (46), als ‚Elementale‘ fasste: „Sie wirken wie ‚Wesenheiten‘ mit einem Eigenleben, wachsen und nähren sich durch die Gedanken und das tätige Verhalten eines Menschen.“ (S. 48). Als illustratives Fall-Beispiel schildert Kuntz die Entwicklung eines konkreten, personalisierten ‚Alkoholelementals‘: „Ein Elemental kennt seinen Wirt oder seine Wirtin genau. Schließlich wurde es ja von ihm oder ihr erzeugt. Folglich trägt es auch deren Intelligenz und findet ihre Schwachpunkte, an denen es sie packen kann, um seine eigene Macht zu sichern.“ (57). Sie entsprechen den ‚unreinen Geistern‘, wie sie „über Jahrtausende hinweg an kollektivem bewussten wie unbewusstem Wissen um die tiefen Zusammenhänge der menschlichen Bedingtheit in der universalen Schöpfung tradiert“ werden. (62).

„Ein solches Elemental lässt sich nicht bekämpfen“, sondern nur durch ein „lebensbejahendes, helles Elemental entkräften“ (61), wofür „hilfreiche dienstbare Geister“ bereitstehen: die Engel der Bibel ebenso wie der ‚Große Geist‘ der „indigenen Völker und Hochkulturen in Süd-, Mittel‑ und Nordamerika“ (67); und mit ihnen „alle, die den Beruf des Arztes, der Therapeutin, des Heilpraktikers […] anstreben.“ (69).

So wenig „letztlich die ambulanten und stationären Angebote unseres etablierten Suchthilfesystems zu helfen“ vermögen (75), so sehr könnten Erfahrungen mit einem spirituell religiösen Hintergrund – buddhistische Meditationspraktiken – und Selbsthilfegruppen nach dem Vorbild der Alcoholic Anonymous, wie z.B. der Dharma Punx [1] (80 f.) ‚die Eingebundenheit in ein Höheres Drittes’ ermöglichen. In diesem Sinne könne die Sucht auch, wie die Musikgeschichte belege, als ‚(Um)Weg zur spirituellen Erweckung‘ dienen (Kap. 2.10). Hinderlich sei insbesondere das zentrale Paradigma der Abstinenz; zumal, wie das ausführlich berichtete Beispiel von Robert Anatol Stein[2] belege, auch ein systemisch-autoregulatives Therapiekonzept‘ das Suchtmotiv entkräften könne (Kap. 2.13). Statt der an sich gutgemeinten ‚Therapie statt Strafe‘ komme es entscheidend auf die freiwillig übernommene ‚innere Reinigung‘ an (104 f.), wofür insbesondere ein ‚Ausgleich für das angehäufte Schuldkonto‘ anzustreben sei, zumal die ‚schwer zu tragenden Scham‑ und Schuldgefühle die Persönlichkeit des Patienten zermürben‘ (Kap. 2.15). Hier gehe es um „Verzeihen und Vergebung. Leider sind das keine Worte und schon gar keine inneren Haltungen, die in den verkopften, theorielastigen Konzepten unserer psycho‑ und suchttherapeutischen Ausbildungsinstitutionen einen Ehrenplatz einnehmen würden.“ (118).

Entscheidend sei dabei der Einsatz des ‚Imaginalen‘, als ‚unversiegbarer Bilder‑ und Formenreichtum zur emotionalen Korrektur von schmerzlich erlebten Realitäten.‘ „Das Imaginale ist keine Kategorie unseres Denkens mehr. Es ist eine Art inneren Sehens. Die visionären Bilder entstehen durch Informationen aus dem eigenen Inneren, wie durch Eingebungen von etwas Äußerem, das gleichzeitig im eigenen Inneren ist.“ Visionen, wie sie von den Sufis oder Rudolf Steiner angesprochen werden, „aus einer Welt [in der] auch unsere dienstbaren höheren Geister als An-Wesenheiten real existent“ sind. (119 ff.)

Um ‚für seine Patienten jeweils auf sie zugeschnittene imaginative wie mediale Übungen‘ zu entwickeln, ermuntert Kuntz sie zunächst, in sitzender Yoga-Haltung „sich vorzustellen, welche bildhafte oder symbolische Gestalt [auf dem leeren Stuhl vor ihnen] sie ihrer konsumierten Hauptsubstanz oder den von ihnen in süchtiger Weise ausgeübten Verhalten geben würden.“ (Kap. 3.3 mit Beispielen). Um sie mit ‚hellen lichtvollen Methoden von ihren Elementalen zu entbinden, entwickelt er sodann schamanisch-suggestive Szenarien „um das Element Feuer als Lebenskraft zu nähren“ (151) bzw. „sich in Dankbarkeit zu üben“ oder „eine Wohnung im eigenen Herzen einzurichten“ (157) und das oben erwähnte „Vergeben und Verzeihen als Wege zur Er-lösung“ zu gehen (Kap. 3.4, ebenfalls in ausführlichen Beschreibungen). Ggf. ergänzt durch ein reales,Auflegen seiner Hand‘ auf Herz und Rücken des Meditierenden (165 f.) oder durch die Vorstellung, „sich über einige Wochen täglich fünf bis zehn Minuten innerlich auf einen Menschen zu konzentrieren, der sich mit einem ähnlichen Problem plagt, wie sie selbst.“ (193).

Diskussion

Die therapeutische Arbeit mit Menschen, die für ‚süchtig‘ erklärt wurden, ist wahrlich mühsam, und, wie Kuntz mehrfach betont, auch für den Therapeuten im naheliegenden Rückfall besonders belastend. Zumal dann, wenn auch der Patient diese Definition übernimmt, um sich damit von Verantwortung freizusprechen: ‚Da ich süchtig bin, kann ich nicht dagegen ankommen.‘ Solche Süchte sind, sofern nicht gravierende körperliche und soziale Spätfolgen vorliegen, primär ein mentales Problem; weswegen schamanisch-suggestive Techniken, analog zu den Zeremonien der Ayahuasca-Treats [3] naheliegen. Was freilich eine ‚verkopfte‘ Sucht-Industrie mit ihrer Abstinenz-Ideologie gerne übersieht, um dieses ‚Sucht-Potenzial‘ ebenso als Ausrede für ihr gelegentliches Versagen einzusetzen.

Insofern möchte ich, wenn auch innerlich erschauernd, dem sicher erfolgreich therapierenden Autor zustimmen. Abstinenz-orientiert oder gar strafend gegen diese ‚Sucht‘ anzukämpfen, ist ebenso kontra-induziert, wie dessen – mehr oder weniger bewusst – vorhandene Schuld‑ und Scham-Gefühle zu fördern. Akzeptieren, Auswege aufzuzeigen, konkrete Alternativen anzubieten wäre hier der Königsweg. Und zwar stets in einem für den Betroffenen plausiblen und einsehbaren Erklärungsrahmen, sowohl für dessen Abhängigkeit (böses Elemental) wie für die Guru-Macht des Therapeuten (guter, engelhafter Geist), eben so, wie wir dies aus der Arzt-Patienten-Beziehung kennen: Weißer Kittel, medizinische Fachsprache und Erklärungswunsch des Patienten.

So therapeutisch sinnvoll also ein solcher ‚spiritueller‘ Zugang mitsamt seinen pseudo-rationalen Erklärungen und seinen meditativen Erfahrungen sein kann, so stört mich doch, und zwar noch ausgeprägter als in meiner Hasler-Rezension [4], der frömmelnd ‚esoterische‘ Stil seiner ja auch an ein ‚normales‘ Lesepublikum ausgerichteten ‚theoretischen‘ Erklärungen.

Fazit

Der Autor belegt – nahezu ungewollt – wie sehr die Interaktionen zwischen dem Sucht-Therapeuten und dem Sucht-Patienten mental miteinander verbunden sind: Im Glauben an die Sucht des Süchtigen, das ‚böse Elemental‘, wie im Glauben an die erklärende Guru-Macht des Sucht-Therapeuten.

Literatur


[1] Noah Levine (2013): Dharma Punx: Wege ins Leben. Bielefeld: Aurum


[2] Robert, Anatol Stein (2019): Drei statt Dry – Trinkend dem Alkohol entkommen. Eine systemisch-autoregulative Methode zur Behandlung der Alkoholabhängigkeit. London: Trainerverlag


[3] Shishira Sreenivas: What is Ayahuasca? In: https://www.webmd.com/mental-health/​addiction/​what-is-ayahuasca sowie: https://retreat.guru/be/ayahuasca-ceremonies-retreats


[4] Gregor Hasler (2022): Higher Self. Psychedelika in der Psychotherapie. Klett Cotta. Rezension in: https://www.socialnet.de/rezensionen/​30464.php

Rezension von
Prof. Dr. Stephan Quensel
Jurist und Kriminologe
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Es gibt 82 Rezensionen von Stephan Quensel.

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ISSN 2190-9245