Theresa Dzeba, Jonathan G. Maier et al.: Psychotherapeutische Erstversorgung
Rezensiert von Dipl. Soz.-Päd. Gerd Schweers, 26.08.2026
Theresa Dzeba, Jonathan G. Maier, Patrick S. Markey, Sarah Quaatz, Michael Zaudig: Psychotherapeutische Erstversorgung. Sprechstunde, Akutbehandlung und Gruppengrundversorgung : mit Kommentar zur Richtlinie und Hinweisen zur praktischen Ausgestaltung. Schattauer (Stuttgart) 2025. 224 Seiten. ISBN 978-3-608-40172-1. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.
Thema
Das Buch befasst sich mit der psychotherapeutischen Erstversorgung, wobei die neu eingeführten Versorgungsziffern Psychotherapeutische Sprechstunde und Psychotherapeutische Akutbehandlung (2017) und Gruppenpsychotherapeutische Grundversorgung (2021) die Struktur des Buches grundsätzlich prägen. Darüber hinaus arbeiten die Autor:innen in einem interdisziplinären Netzwerk, das hier ‑in einem Münchner Beispiel‑ im Rahmen eines MVZ arbeitet.
Autor:innen
Neben den oben genannten Autorinnen und Autoren enthält das Buch Beiträge von Fabian Drasdo, Iris Orth, Severin Pinillam und Julia Zaudig. Bedauerlicherweise fehlen Hinweise für kapitelbezogene Zuständigkeiten in der Inhaltsangabe vollständig. In den einzelnen Kapiteln werden immer wieder Hinweise auf die Autorinnen und Autoren gegeben, wenn auch nicht vollständig. Eine ausführliche Vorstellung der Einzelpersonen mit Hinweisen zur Qualifikation, zur Vita, vor allem der Position im Organisationsrahmen MVZ erfolgt nicht, obwohl es für mich als Leser von Interesse gewesen wäre.
Entstehungshintergrund
Die Autor:innen sind, soweit erkennbar, dem Münchner MVZ über umfangreiche Erfahrungen in verschiedenen Positionen verbunden. Im Vorwort wird das Ziel des Buches dahingehend beschrieben, dass die Erfahrungen in der psychotherapeutischen Erstversorgung und Akutbehandlung im Rahmen des MVZ in München zusammengefasst und praxisnah vermittelt werden sollen.
Aufbau und Inhalt
Das erste Kapitel des Buches (Psychotherapeutische Erstversorgung und Akutbehandlung) skizziert zunächst die Herausforderungen, die sich bis 2017 für die beschriebenen Arbeitsfelder stellten. Bei der Auflistung von Hilfsinstanzen werden nicht nur professionelle Instanzen der ärztlichen und psychologischen Versorgung, sondern auch Beratungsstellen und Hilfe durch Laiensysteme vorgestellt. Gerade in der unklaren Struktur der Versorgung in akuten Notlagen zeigt sich die Notwendigkeit von Veränderungen, die sich unter anderem in den neuen Leistungsziffern der Psychotherapierichtlinie ausdrücken. Im nächsten Unterpunkt werden Versorgungsmodelle in anderen Ländern Europas, aber auch im angloamerikanischen Raum und Australien vorgestellt. Das Kapitel schließt mit einem Fazit dieser Entwicklungstendenzen und einem Überblick über Ergebnisse zur Wirksamkeitsforschung.
Im zweiten Kapitel („Einführung neuer Versorgungsziffern“ für psychotherapeutische Sprechstunde, psychotherapeutische Akutbehandlung und gruppenpsychotherapeutische Grundversorgung) werden die neuen Leistungen mit ihren Paragrafen in den Psychotherapierichtlinien vorgestellt und kommentiert. Der Kommentar bezieht sich auf die Bedeutung für den Behandler in der Praxis und eventuell bereits vorhandene Effekte. Inhaltlich und strukturell weist dieses Kapitel Ähnlichkeit mit einem juristischen Kommentar auf. Es geht u.a. um Zuständigkeiten, Begriffsklärung und Indikationsfragen. Das Kapitel 2.3 zur Gruppenpsychotherapeutischen Grundversorgung 2021 ist ein Sonderfall im Text, weil hier nur die oben beschriebene Kommentierung vorgenommen wird, während die anderen neuen Leistungen im Weiteren auch Gegenstand umfangreicher inhaltlicher und methodischer Darstellungen und Erörterungen sind.
Das dritte Kapitel (Psychotherapeutische Sprechstunde – Vorgehen) befasst sich in den folgenden Abschnitten mit der selektiven Indikationsklärung, dem diagnostischen Prozess, praktischen Hilfen für die Sprechstunde, der Abgrenzung der Sprechstunde zur probatorischen Sitzung und zum Ablauf einer Sprechstunde. In diesem Kapitel werden Begrifflichkeiten definiert (u.a. „behandlungsbedürftige Erkrankung“, „Indikation/​Kontraindikation“) und der diagnostische Prozess sowohl im Text als auch in gut überschaubaren Grafiken erläutert. Die aufgelisteten praktischen Hilfestellungen für die Gestaltung der Sprechstunde sind kurz, knapp und pragmatisch formuliert.
Im vierten Kapitel (Psychotherapeutische Akutbehandlung-Grundlagen) folgt zunächst eine Begriffsbestimmung zentraler Begriffe, gefolgt von der Symptomatik psychischer Ausnahme-und Krisenzustände, danach einige mögliche Diagnosen zu dieser Situation und einer Abgrenzung zwischen psychiatrischen Notfall und psychotherapeutischen Akutfall. Ein kurzer Exkurs zur historischen Entwicklung verweist auf die durchaus beachtliche Geschichte der Krisenintervention und frühe theoretische Annahmen zu Ursachen, Ausdrucksformen und Bewältigungsstrategien von Krise. Trotz eindeutiger Schwerpunktsetzung bei verhaltenstherapeutisch orientierten Vorgehensweisen ist diese Darstellung recht umfassend geraten. Die Verfasser beziehen sich im Folgenden immer wieder auf ihr Akuitätsmodell von Krise, das das „Hier und Jetzt“ der Person in der Krise als zentralen Bezugspunkt würdigt.
Im fünften Kapitel („ Psychotherapeutische Akutbehandlung – Vorgehen) geht es in den folgenden acht Abschnitten mit sieben Handlungsschritten um 1. Kontaktaufbau, 2. Erfassung des Akutfalls, 3. Psychoedukation und Erstellung eines Erklärungsmodells, 4. Erfassung von Ressourcen, 5. Zieldefinition, 6. Interventionen aus der Verhaltenstherapie, 7. Beendigung der psychotherapeutischen Akutbehandlung und Rückfallprävention,
In den Vorbemerkungen wird noch einmal ein Bezug hergestellt zu den neuen Behandlungsziffern. Es folgt ein knapper Abriss verschiedener psychotherapeutisch – psychiatrischer Behandlungsansätze und ein eigenes Modell der Vorgehensweise. Während die Handlungsschritte 1 und 4 eher von grundsätzlicher Bedeutung für die später vorgestellten konkreten Interventionen sind, sind die anderen Kapitel direkt und handlungsbezogen auf das Vorgehen in der Akutbehandlung konzentriert. Alle Schritte nutzen konkrete Interventionen aus unterschiedlichsten Schulen der Psycholohie/​Psychotherapie. Erst im Schritt 6 erfolgt eine ausschließliche Darstellung von Interventionsverfahren aus der Verhaltenstherapie. Im Schritt 7 werden nicht nur hilfreiche Interventionsmöglichkeiten, sondern auch Überlegungen zur Indikation von Richtlinientherapie einbezogen.
Im sechsten Kapitel (Interdisziplinäres Netzwerk in der Erstversorgung und gelebte Praxis) geht es in den folgenden Abschnitten um:
- Psychopharmakologische Interventionen in der Akutbehandlung
- sozialpsychiatrisches Versorgungsnetz in Deutschland
- Nutzung von Datenbanken zur Hilfeversorgung
- Versorgungszentrum mit Fokus auf psychotherapeutischer Akutbehandlung
- Datenlage zu psychotherapeutischen Akutbehandlung mit Quellen
Der erste Abschnitt ist natürlich auch in konventionell organisierten Versorgungseinrichtungen von großer Bedeutung, während das MVZ Bereiche integriert, die in konventionellen Strukturen wahrscheinlich eher nicht systematisch organisiert sind, u.a. kommunale Dienste, Angebote freier Träger und Wohlfahrtsverbände, neue Formen wie Soziotherapie. Auch die Nutzung von Datenbanken als möglichen Hilfsquellen wird im Weiteren thematisiert. Das Kapitel endet mit einem Überblick über Erfahrungen und wissenschaftliche Forschungsergebnisse des MVZ.
Diskussion
Positiv hervorheben kann man zunächst einmal das lernfreundliche Layout mit kurzen Abstracts zu jedem Kapitel, diversen Grafiken und Tabellen, häufig als „Kasten“ organisiert. Der Start mit einem „juristisch“ erscheinenden Kommentarschema scheint mir sowohl für Routiniers wie Lernende hilfreich zu sein. Die gruppenpsychotherapeutische Grundversorgung wird im Text nur kurz gestreift. Schwerpunkt ist eindeutig die konkrete Vorgehensweise in Sprechstunde und Akutbehandlung, die vor allem in den Kapiteln 4, 5 und 6 den Schwerpunkt bildet. Trotz der benannten Verbindung des MVZ zu einer verhaltenstherapeutischen Ausbildungsinstitution zeigen die konkreten Vorgehensweisen eine breite methodische Grundlage, die Annahmen und Verfahren der humanistischen Psychologie (z.B. Haltungsmerkmale nach Rogers), tiefenpsychologische Ansätze (z.B. Hinweise zu Gegenübertragungsmechanismen am Ende der Therapie) und systemische Ansätze (z.B. Nutzung analoger Verfahren, Ressourcenorientierung) nutzt. Gelegentlich passiert es, dass hier die Quellen – im Unterschied zu der sonst sehr sorgfältigen Recherche mit langen Literaturlisten – etwas oberflächlicher recherchiert erscheinen. Im letzten Kapitel werden schließlich offensiv politische, berufspolitische und organisationale Aspekte der Akutversorgung durch dieses MVZ thematisiert, das sich m.E. als Alternative zu bestehenden Strukturen versteht. Die zentralen Begriffe sind Interdisziplinarität, Arbeitsteilung, Aspekte räumlicher Verortung, Gemeinnützigkeit und Vernetzung/​Kooperation.
Fazit
Kompakte Bearbeitung einer ursprünglich leistungsrechtlichen Erweiterung durch Darstellung theoretischer Grundlagen, Anregungen methodischer Vorgehensweisen und Würdigung organisatorischer Veränderungen.
Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Gerd Schweers
Systemischer Familientherapeut, Ausbilder der GwG (GF, SV), Supervisor DGSv
Lehrer für besondere Aufgaben (Theorien und Methoden der Sozialarbeit) i.R.
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