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Martin Puchner: Kultur

Rezensiert von Prof. Dr. Johann Bischoff, 03.03.2026

Cover Martin Puchner: Kultur ISBN 978-3-608-96659-6

Martin Puchner: Kultur. Eine neue Geschichte der Welt. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2025. 427 Seiten. ISBN 978-3-608-96659-6. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.

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Autor

Prof. Dr. Martin Puchner, Verfasser der Publikation: Kultur: Eine neue Geschichte der Welt, wurde 1969 in Erlangen geboren und ist ein mehrfach preisgekrönter Autor und Herausgeber von zahlreichen Büchern. Er ist Professor für Englische und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Harvard University und leitet dort auch die Theaterausbildung. Bis 2009 war er an der Columbia Universität beschäftigt. Puchner lebt in Cambridge, Massachusetts.

Thema

In seinem Buchprojekt wird sein „erkenntnisleitende Interesse“ deutlich, sich vehement gegen kulturelle Abschottung und identitäre Verengungen einzusetzen. Bestrebungen, die nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Europa aktuell zu beobachten sind. Das politische Propagieren einer „nationalen Identität“ veranlasste Puchner engagiert und zum Teil emotional zu seiner Auseinandersetzung mit der Kulturgeschichte der Menschheit in der Publikation mit dem Tenor, dass nicht die Abgrenzung Kulturen stark macht, sondern die Fähigkeit der Öffnung zur Integration anderer Ideen. Puchner wählt prägende kulturhistorische Ereignisse als Beispiele aus, um seine These zu untermauern. Er beschreibt die kulturellen Aneignungs‑ und Transformationsprozesse teilweise mit einem „Augenzwinkern“, zumindest optimistisch und lebensbejahend, und signalisiert damit, dass eine anpassungsfähige Kultur allen Bedrohungen gewachsen sein kann. Es gelingt Puchner exzellent, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen. Der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler Puchner erläutert seine Position bezüglich der kulturellen Aneignung im historischen Kontext und macht deutlich, dass politische „Randgruppen“ für eine kulturelle Transformation nicht förderlich sind.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation erzählt die „Kulturgeschichte der Welt“ in 15 von Puchner ausgewählten Beiträgen, wie sich an unterschiedlichen Orten Kultur konstituieren konnte. Dazu lädt er Leser:innen ein, an seiner kulturellen Weltreise teilzunehmen. Seine Reise führt von der Chauvet-Höhle in Frankreich nach Ägypten, auf Nofretetes Spuren. Das klassische Griechenland wird besucht, das Aztekenreich in Mittelamerika, Indien sowie China im Zeitalter der Tang-Dynastie. Die Publikation schließt mit einem Epilog ab, Puchner fasst hier seine zentralen Aussagen zusammen, rundet sozusagen seine in den 15 Kapiteln ausgewiesenen Beiträge ab. Tenor seiner Aussagen ist der Verweis darauf, dass die Entstehung und Gründe menschlicher Kultur durch kulturelle Aneignung ermöglicht werden. Seine Ideen zur Kulturgeschichte der Welt sind u.a. in zahlreichen auch privaten Gesprächen entstanden, mit der Zielstellung zu verdeutlichen, dass durch eine Auseinandersetzung mit Kulturobjekten und kulturellen Praktiken aus der Vergangenheit die Gegenwart neu bestimmt werden kann, so formuliert es Puchner abschließend. Die kapitelweise nachfolgend aufgeführten Anmerkungen belegen die Quellen seiner Ausführungen, wohl wichtig darauf hinzuweisen, dass seine Kulturgeschichte nicht nur „kurzweilig“ geschriebene Geschichten sind, sondern auf wissenschaftliche Quellen beruhen.

Die Publikation umfasst 428 Seiten, davon sind 390 Seiten inhaltlich ausgewiesen, es folgen Anmerkungen und Register auf 38 Seiten. Im Mittelteil der Publikation sind 8 Seiten Farbfotos enthalten, ansonsten sind die Abbildungen s/w erfolgt.

Im Vorwort formuliert der Autor seine zentrale Aussage, dass Kultur nicht nur aus den Ressourcen einer Gemeinschaft entsteht, sondern aus Begegnungen mit anderen Kulturen. Nicht nur in den USA und Deutschland kommen gegenwärtig bei bestimmten Bevölkerungsgruppen dabei Zweifel auf – ihnen sei insbesondere diese Lektüre empfohlen, sofern sie des Lesens mächtig sind.

Zur Einführung beschreibt Puchner kulturelle Entdeckungen in der Chauvet-Höhle, sie befindet sich nahe der Kleinstadt Vallon-Pont-d’Arc in Frankreich im Flusstal der Ardèche, die Höhlenmalereien gehen auf das Jahr 35 000 v.Chr. zurück und zählen zu den weltweit bedeutendsten archäologischen Fundstätten mit den über 100 gemalten und gravierten Tier‑ und Symboldarstellungen. Puchner konstatiert, Kultur zu speichern und weiterzugeben, stellt Menschen vor die Aufgabe, Wissen festzuhalten und Methoden zu entdecken, um es den Nachgeborenen zu übermitteln. Die Wiederentdeckung der Höhle (1994), der Wechsel von Untergang und Wiederentdeckung ziehe sich wie ein roter Faden durch die Kulturgeschichte, so Puchner.

Im ersten Kapitel „Königin Nofretete und ihr gesichtsloser Gott“ beschreibt Puchner Weltkulturgeschichte am Beispiel der Ausgrabungen in Ägypten, 1912 wurde die Büste der Nofretete freigelegt, bei der anschließenden Fundteilung wurde die Büste der deutschen Seite zugesprochen, sie befindet sich jetzt im Neuen Museum (Museumsinsel) in Berlin. Mehr als jede andere Kultur hatte Altägypten gigantische Ressourcen darin investiert, der Vergänglichkeit zu trotzen. Im zweiten Kapitel „Platon verbrennt seine Tragödie und erdichtet eine Historie“ setzt sich Puchner mit Platon und dem alten Griechenland auseinander. Platon und das griechische Theater wurden als Beispiele genannt, um die antiken Kulturereignisse zu beschreiben. Die Griechen ließen sich vom Theater deshalb so leicht mitreißen, weil ihre Kultur von öffentlichen Spektakeln lebte, so Puchner. So gewann die griechische Tragödie über ihren ursprünglichen Kulturraum hinaus immer mehr Einfluss. Puchner beschreibt die Begegnung Platons mit Sokrates, dem notorischen „Störenfried“, der nicht nur die einfachen Leute, sondern auch die herausragendsten Vertreter der antiken Kultur infrage stellte, z.B. Homer. Schließlich schloss er sich doch Sokrates’ Philosophie an.

Im dritten Kapitel „König Ashoka sendet eine Botschaft in die Zukunft“ beschreibt Puchner die indische Kulturgeschichte am Beispiel des bedeutenden Herrschers König Ashoka (268–232 v.Chr.) der Maurya-Dynastie. Der König wandte sich später seinem Gewaltregime ab und konvertierte zum Buddhismus, förderte fortan Gewaltlosigkeit, Mitgefühl und religiöse Toleranz durch Erlasse. Er führte neuartige Institutionen ein: einen kaiserlichen Beamtenapparat bestehend aus Emissär:innen (Inspektor:innen). Diese verliehen ihm eine zentralisierte Macht, er kennzeichnete sein Territorium mit Steinpfeilern. Mit Pfeiler und Stein ließen sich Erzählungen direkt in die Landschaft schreiben. Es entstand eine Kultur, die auf ausgeklügelten Merktechniken beruhte.

Im vierten Kapitel „Eine südasiatische Göttin in Pompeji“ beschreibt Puchner eine nur 24 Zentimeter große Statuette, die Kulturgeschichte geschrieben hat. Die Römer, so Puchner, schwelgten in der Exotik Indiens, dem Land der Gewürze, Arzneien und der Magie. So kam die berühmte Statuette ca. 79 n.Chr. in römischen Besitz, in dem Jahr, als der Vesuv ausbrach. Die Statuette wurde verschüttet, die Asche wirkte wie eine dauerhafte Versiegelung. Spätere Ausgrabungen zeigten, dass das römische Reich offen war für ausländische Einflüsse. Auch der Sieg über die Griechen führte nicht zur Verachtung deren Kultur, das zeigte auch eine Vorliebe für die Welt des griechischen Theaters.

Das fünfte Kapitel „Ein buddhistischer Pilger auf der Suche nach uralten Spuren“ thematisiert die chinesische Kulturgeschichte. Der chinesisch-buddhistische Pilgermönch Xuanzang (602–664 n.Chr.) aus der Tangzeit ist der Held seiner Erzählung. Während Xuanzangs Pilgerreise nach Indien studierte er buddhistische Texte und sammelte und übersetzte sie ins Chinesische. Er trug damit maßgeblich zur Verbreitung des Buddhismus in China bei und beeinflusste das religiöse Leben und Denken in Ostasien nachhaltig.

Das Kapitel sechs „Das Kopfkissenbuch und manche Tücke der Kulturdiplomatie“ beschreibt nach Puchner Sei Shonagon eine Episode von der komplizierten Beziehung zwischen Japan und China im berühmten „Kopfkissenbuch“. Sie dokumentierte das höfische Leben in Japan während der Heian-Zeit im 10. Jahrhundert. Das Leben am Hofe des Kaisers war zutiefst patriarchalisch reglementiert, Sei Shonagon erfasste das kulturelle Leben in kurzen Gedichten, darin wurde deutlich, dass Japan den chinesischen Kanon der Lyrik wie auch die Rituale und historischen Aufzeichnungen als Grundlage für die eigene Schriftkultur übernommen hatte, Puchner spricht von einer „Kulturdiplomatie“.

Das siebte Kapitel „Als Bagdad zu einem Speicher der Weisheit wurde“ geht auf die Aktivitäten des Kalifen Abdallah al-Ma’mun (813–833 n.Chr.) zurück, der sich mit den Lehren Aristoteles’ auseinandersetzte und veranlasste, dass Bagdad zum Speicher der Weisheit wurde. Das antike Erbe aus unterschiedlichen Kulturen wurde in Bagdad gesammelt und wuchs damit zum Machtzentrum des Wissens. Ibn Sina, ein persischer Universalgelehrter, erhielt Zugang zur Bibliothek des Sultans, er nutzte Vernunft und Logik, um Gottes Existenz und die Schöpfung wissenschaftlich zu belegen.

Das achte Kapitel „Die Königin von Äthiopien befasst sich mit der bedeutenden Schrift „Kebra Nagast“ handelt von der Königin von Saba und König Salomo. Puchner beschreibt die Geschichte, wonach die „Bundeslade“ gestohlen worden sei (Diebstahl durch Menelik).

Im neunten Kapitel „Eine christliche Mystikerin und die drei Renaissancen Europas“ beschreibt Puchner das kulturelle Wirken Karls des Großen. Dreihundert Jahre später entfesselte Hildegard von Bingen (1098–1179) die Kraft des Skriptoriums.

In Kapitel zehn „Die aztekische Hauptstadt blickt ihren europäischen Feinden und Bewunderern ins Auge“ wird die Aztekenstadt Tenochtitlán vorgestellt, über das Reich herrschte Kaiser Moctezuma. Hernán Cortés war ein spanischer Konquistador, der mit Hilfe seiner indianischen Verbündeten das Aztekenreich eroberte.

Das elfte Kapitel „Ein portugiesischer Seefahrer verfasst ein weltumspannendes Epos“ beschäftigt sich mit Luis Vaz Camões (1524–1580).

Das zwölfte Kapitel „Aufklärung in Saint-Domingue und in einem Pariser Salon“. Paris 1755, Madame Geoffrin empfing in ihrem Salon Künstler:innen, Diplomat:innen, Philosoph:innen und andere Personen. Zur Gruppe zählten freidenkende Philosoph:innen wie Voltaire.

Das dreizehnte Kapitel „George Eliot fördert die Wissenschaft der Vergangenheit“. George Eliot war das Pseudonym der englischen Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin Mary Ann Evans (1819), die zu den erfolgreichen Autor:innen des viktorianischen Zeitalters zählt. Auch „Hobbyarchäolog:innen“ wie Heinrich Schliemann wurden aktiv. Sie übersetzte Werke von Ludwig Feuerbach und Friedrich Hegel.

Im Kapitel vierzehn „Eine japanische Welle erobert im Sturm die Welt“ beschreibt Puchner das künstlerische Schaffen des Malers Katsushika Hokusai. Anschließend beschreibt Puchner das Wirken von Ernest Francisco Fenollosa, einem US-amerikanischen Philosophen Ende des 19. Jahrhunderts.

Im fünfzehnten Kapitel „Das Drama der nigerianischen Unabhängigkeit“ beschreibt Puchner die Geschichte des Königs Ladigbolu I. Zusammenfassend erinnert uns der nigerianische Schriftsteller Akinwande Oluwole Soyinka daran, so Puchner, dass Kultur auf dem Boden des Synkretismus gedeiht.

Puchner beendet seine Publikation mit einem Epilog: „Gibt es 2114 n.Chr. noch eine Bibliothek?“. Hier stellt er das Projekt von Margaret Atwood vor, das sich mit der Idee auseinandersetzt, Kulturgut langfristig zu speichern und mit ökologischer Nachhaltigkeit zu verbinden. Sie nannte das internationale Projekt „Future Library“.

Zielgruppe

Puchner hat eine spannende Erzählung der Menschheitsgeschichte mit seiner Publikation „Kultur“ vorgelegt. Diese Publikation dürfte großes Interesse in einer breiten Leserschaft finden. Es wäre wünschenswert, wenn er mit seiner Publikation auch die große Gruppe der „Romanleser:innen“ ansprechen würde.

Diskussion

Puchner lädt seine Leserschaft ein, an einer historischen Weltreise durch die Kultur‑ und Sozialgeschichte der Menschheit teilzunehmen. Er vermag es, komplexe Zusammenhänge verständlich darzustellen.

Fazit

Puchners Publikation zeigt seiner Leserschaft auf, welche Triebkräfte kulturelles Schaffen universell in der Welt freisetzen kann. Dabei beschreibt Puchner die kulturellen Aneignungs‑ und Transformationsprozesse optimistisch und lebensbejahend und signalisiert damit, dass eine anpassungsfähige Kultur allen Bedrohungen gewachsen sein kann, und es gelingt Puchner exzellent, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen.

Rezension von
Prof. Dr. Johann Bischoff
Professor für Medienwissenschaft und angewandte Ästhetik an der Hochschule Merseburg
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Es gibt 15 Rezensionen von Johann Bischoff.

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ISSN 2190-9245