Reinhard Pietrowsky, Robert Bering et al. (Hrsg.): Albträume und Trauma
Rezensiert von Mag.a Barbara Neudecker, 01.07.2026
Reinhard Pietrowsky, Robert Bering, Christiane Eichenberg (Hrsg.):Albträume und Trauma (Traumafolgestörungen, Bd. 6). Wechselwirkungen zwischen Traum und Traumata. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2025. 176 Seiten. ISBN 978-3-608-98898-7. D: 55,00 EUR, A: 56,60 EUR.
Reihe: Traumafolgestörungen - 6.
Thema
Das Buch untersucht den Zusammenhang zwischen psychischen Traumata und Alpträumen und befasst sich mit der Entstehung und Behandlung von posttraumatischen Alpträumen aus wissenschaftlicher und psychotherapeutischer Sicht.
Autor
Reinhard Pietrowsky ist Psychotherapeut für Verhaltenstherapie und war Professor für Klinische Psychologie an der Universität Düsseldorf. Er forscht zu Ess‑ und Schlafstörungen.
Inhalt
Alpträume zählen zu den häufigsten Symptomen, von denen Betroffene nach traumatischen Erfahrungen berichten. Ausgehend von der Frage, wie Träume aus psychologischer Sicht zu verstehen sind und welche Funktion sie erfüllen, werden Alpträume in Kapitel 1 als besondere Form von Träumen dargestellt. Es wird zwischen posttraumatischen Alpträumen und idiopathischen Alpträumen, die nicht Symptom oder Folge einer anderen Störung sind, unterschieden. Ausführlich widmet sich der Autor der Diagnostik von Alpträumen und grenzt sie von anderen Schlafstörungen ab. Unterschiedliche ätiologische Modelle werden vorgestellt. Ihnen allen liegt die Vorstellung zugrunde, dass Träume eine emotionsregulierende Funktion haben, die im Falle eines Alptraums allerdings misslingt.
Im zweiten Kapitel wird zunächst ein Überblick über Traumafolgestörungen gegeben. Schlafstörungen werden als gemeinsames Merkmal von Traumafolgestörungen hervorgehoben. Aufgrund ihrer spezifischen Charakteristik wurde die Trauma-assoziierte Schlafstörung (TAS) als eigenes Störungsbild vorgeschlagen. Noch wird diskutiert, ob diese Form der Parasomnie als eigenständige diagnostische Entität zu verstehen ist oder eher als Kombination von Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) und REM-Schlaf-Verhaltensstörung, die sich dadurch auszeichnet, dass es in der REM-Phase nicht zu einer Hemmung der Willkürmotorik kommt und Alpträume von der schlafenden Person z.B. motorisch ausagiert werden. Hier schließt Pietrowsky die Hypothese an, dass Alpträume und Schlafstörungen, die häufig bereits unmittelbar nach traumatischen Ereignissen auftreten, weniger als Symptome einer Traumatisierung zu begreifen sind, sondern vielmehr als Faktoren, die zur Entstehung einer PTBS beitragen. Aus lerntheoretischer Perspektive beeinträchtigen Schlafstörungen das Extinktionslernen nach traumatischen Ereignissen, d.h., dass die durch das Ereignis erworbene Furchtkonditionierung im Schlaf nicht gelöscht werden kann. Es steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich neue Gedächtnisinhalte bilden, die nicht in die bestehenden Gedächtnisstrukturen integriert werden können und Intrusionen – ein Kernsymptom der PTBS – verursachen. Zudem führt eine Störung des REM-Schlafs dazu, dass die Verarbeitung affektiver Gedächtnisinhalte zu emotional weniger intensiven autobiografischen Erinnerungen verhindert wird. Von Bedeutung ist die Beobachtung, dass sich posttraumatische Alpträume mit zeitlichem Abstand zum traumatischen Auslöser verändern: Unmittelbar danach sind sie in der Regel noch replikativ und bilden mehr oder weniger eine Wiederholung des traumatischen Ereignisses ab. Meist gehen sie im Laufe der Zeit in eine symbolische Form über, was sich als Form der Traumabewältigung einordnen lässt.
Im dritten Kapitel untersucht der Autor die Beziehung zwischen PTBS und posttraumatischen Alpträumen. Von Interesse ist dabei der Befund, dass posttraumatische Alpträume auch ohne eine umschriebene Traumafolgestörung auftreten können. Argumentativ und auf Basis der Studienlage werden drei Annahmen entfaltet: Posttraumatische Alpträume sind mehr als nur Symptom einer PTBS, sie beeinflussen das Störungsbild der PTBS, und sie verändern sich im Verlauf gemeinsam mit der PTBS. Der Wandel von replikativen zu symbolischen Alpträumen bildet dabei den Prozess der Bewältigung der traumatischen Erfahrung ab.
Kapitel 4 beschreibt Sonderformen von Alpträumen. Beim Oneiroid handelt es sich um traumartig veränderte, „welthafte“ Bewusstseinszustände, die von Halluzinationen im Kontext anderer Störungsbilder abzugrenzen sind. Weiters werden luzide Alpträume, bei denen die träumende Person sich des Träumens bewusst ist, hypnagoge/​hypnopompe Zustände zwischen Wachheit und Schlaf, Schlafparalysen und die bereits erwähnte REM-Schlaf-Verhaltensstörung beschrieben.
Im fünften Kapitel wird die verhaltenstherapeutische Behandlung von posttraumatischen Alpträumen erläutert. Der Autor nimmt hier besonders Bezug auf die Imagery Rehearsal Therapie, ein von einer Arbeitsgruppe um Barry Krakow in Albuquerque entwickeltes manualisiertes Verfahren, in dem posttraumatische Alpträume in mehreren Schritten im Rahmen von acht Sitzungen behandelt werden. Entspannungstechniken, Imaginationsübungen und Psychoedukation in Hinblick auf Schlafhygiene sind Teil des Prozesses. Die einzelnen Schritte bzw. Sitzungen werden ausführlich erklärt und anhand eines Fallbeispiels veranschaulicht.
Im abschließenden sechsten Kapitel werden Wirksamkeitsstudien zur Behandlung von Alpträumen im Allgemeinen und zu posttraumatischen Alpträumen im Speziellen präsentiert, in denen sich vor allem die Imagery Rehearsal Therapie sowie eine Modifikation davon, das Exposure, Relaxation & Rescripting Treatment (ERRT), als effektive Behandlungsmethoden erweisen.
Diskussion
„Der Traum ist der Wächter des Schlafes, nicht sein Störer“, wusste bereits Sigmund Freud. Dem Traum wird also die Funktion zugeschrieben, den Prozess des Schlafens zu schützen. Viele unserer Träume vergessen wir nach dem Aufwachen, manche bleiben uns länger im Sinn oder beschäftigen uns nachhaltig. Die Arbeit mit und das Deuten von Träumen hat in vielen psychotherapeutischen Schulen eine lange Tradition. Doch Träume können uns nicht nur helfen, über uns selbst nachzudenken, sie können auch äußerst belastend sein – und als Alpträume hüten sie den Schlaf nicht, sondern stören ihn. Alpträume und die daraus resultierenden Schlafstörungen können für Betroffene quälend sein, vor allem, wenn sie mit traumatischen Erfahrungen in Zusammenhang stehen. Das intrusive Wiedererleben des Traumas und die Ohnmacht, Alpträumen unkontrolliert ausgeliefert zu sein, prägen die Erfahrung Betroffener und können es schwer machen, sich in den Schlaf „fallen zu lassen“, wie es in der englischen Redewendung „to fall asleep“ zum Ausdruck kommt.
Selten findet man so kompakte und umfassende Informationen zur Arbeit mit Alpträumen wie in diesem Buch. Sachlich gibt der Autor einen profunden Überblick über das Thema mit wertvollen (differential-)diagnostischen Anregungen. Gerade diese sachliche Darstellung ist es, die der therapeutischen Beschäftigung mit Alpträumen ein wenig den Schrecken nimmt.
Alpträume sind behandelbar, das ist eine der Hauptbotschaften des Autors. Der vorgestellte verhaltenstherapeutische Ansatz bietet einen interessanten Zugang, bleibt für Psychotherapeut:innen anderer Schulen möglicherweise aber etwas fremd. Auch die Vorstellung, Alpträume in Folge traumatischer Erfahrungen isoliert mit einem Therapiemanual in acht Sitzungen zu behandeln, wie es die Imagery Rehearsal Therapie vorsieht, mag für viele Therapeut:innen irritierend sein, die den Anspruch haben, die Folgen psychischer Traumata bei ihren Patient:innen integrativ und umfassend zu behandeln. Dennoch ist zu berücksichtigen, dass es Betroffene gibt, die eine Entlastung ihrer Symptome wünschen, ohne sich auf einen längeren therapeutischen Prozess einlassen zu wollen. Auch an Einsatzkräfte nach Natur‑ und Unfallkatastrophen oder anderen Großschadensereignissen ist zu denken. Sie entwickeln nach Einsätzen häufig Symptome einer Traumafolgestörung wie etwa Alpträume und profitieren von kurzen und effizienten Behandlungsansätzen, wenn längere therapeutische Behandlungen nicht möglich oder nicht erwünscht sind.
Die Expertise des Autors beeindruckt, seine langjährige Beschäftigung mit der Schlafforschung ist beim Lesen des Buchs deutlich spürbar.
Fazit
Das Buch gibt einen umfassenden und kompakten Überblick über posttraumatische Alpträume. Besonders aufschlussreich ist die Erörterung der Frage, ob Alpträume in diesem Kontext als Symptom einer Traumafolgestörung zu sehen sind oder in einem funktionellen Zusammenhang mit der Entstehung einer solchen stehen. Der vorgestellte Ansatz der Imagery Rehearsal Therapie wird vor allem für Verhaltenstherapeut:innen von Interesse sein.
Rezension von
Mag.a Barbara Neudecker
MA, Psychotherapeutin (IP) und psychoanalytisch-pädagogische Erziehungsberaterin, Leiterin der Fachstelle für Prozessbegleitung für Kinder und Jugendliche in Wien, Lehrbeauftragte an den Universitäten Wien und Innsbruck, eigene Praxis
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