Martin Fleckenstein, Rolf Köster et al.: IRRT-Emotionsregulation
Rezensiert von Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Beushausen, 05.01.2026
Martin Fleckenstein, Rolf Köster, Susanne Leiberg: IRRT-Emotionsregulation. Imagery Rescripting & Reprocessing Therapy bei Verhaltensrückfällen.
Klett-Cotta Verlag
(Stuttgart) 2025.
312 Seiten.
ISBN 978-3-608-89333-5.
D: 30,00 EUR,
A: 30,90 EUR.
Reihe: Leben lernen - 354.
Thema
Eine nützliche Methode für eine erfolgreiche Emotionsregulation bietet für die Autor:innen die Imagery Rescripting & Reprocessing Therapy (IRRT) bei Rückfällen in dysfunktionales Verhalten. Dieses in alle psychotherapeutische Verfahren integrierbare effiziente imaginative Psychotherapieverfahren sei zur Diagnostik, Bearbeitung und Prävention von diversen Problematiken (u.a. bei Sucht, Selbstverletzungen, Essstörungen, Zwangshandlungen, Depressionen, Dissoziationen) entwickelt worden. Grundlage ist eine „sokratische Haltung“ der Therapeut:innen, damit die Betroffenen im IRRT-ER-Prozess eigene Wege finden, sich selbst emotional zu unterstützen, Emotionen wahrzunehmen, zu tolerieren, zu akzeptieren und schließlich zu modifizieren. Ausführlich werden Fallbeispiele vorgestellt. Das Buch erscheint in der Reihe „Leben Lernen“ des Klett-Cotta Verlags.
Autor:innen
Martin Fleckenstein ist Psychologe M.Sc., Eidgen. anerkannter Psychotherapeut in eigener Praxis. Er ist tätig als Co-Leitung in der Beratung u. Therapie (Suchtfachstelle Zürich). Er absolvierte Weiterbildungen u.a. im EMDR. Zudem ist er Co-Autor der Leistungssensiblen Suchttherapie, Referent für Vorträge und Weiterbildungen, IRRT-ER-Trainer und IRRT-Supervisor. Rolf Köster, Dr. med., ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH in eigener Praxis. Er ist zertifizierter Psychotraumatherapeut DeGPT mit Weiterbildungen in EMDR, Prolonged Exposure, Brief Eclectic Psychotherapy of PTSD; IRRT-Trainer und -Supervisor. Susanne Leiberg, Dr. rer. nat., ist ebenfalls Eidgenössisch-anerkannte Psychotherapeutin in eigener Praxis. Sie arbeitet zudem als leitende Psychologin und Forschungsleiterin der Klinik im Hasel AG und absolvierte Weiterbildungen in EMDR und NET.
Aufbau und Inhalt
Das Buch umfasst nach der Einleitung fünf Kapitel, im umfangreichen sechsten Kapitel werden auf ca. 190 Seiten neun Fallbeispiele vorgestellt.
Nach Geleitworten von Matthias Berking, Mervyn Schmucker und Stephanie Santel berichten die Autor:innen im Vorwort über die Entstehung der Methode im Rahmen eines Vortrages 2015 von Rolf Köster, nach dem gemeinsam die Methode weiterentwickelt wurde. Nach einer Danksagung wird in der Einleitung betont, dass es bei allen psychischen Erkrankungen im Therapieprozess unter Belastung, Stress und Überforderung zu Verhaltensrückfällen kommen kann. Unter Verhaltensrückfall verstehen die Autor:innen das Wiederauftreten dysfunktionaler Verhaltensweisen, nachdem diese für eine gewisse Zeit nicht mehr aufgetreten und möglicherweise durch funktionale Verhaltensweisen ersetzt worden sind. Sie führen aus (S. 19): „So wie Pilot:innen Notfall- und Stresssituationen in einem Flugsimulator üben, bräuchten unsere Patient:innen einen »Stresssimulator«, um im Moment der (simulierten) emotionalen Belastung effektive Emotionsregulationsstrategien zu entwickeln und einzuüben.“ Bei diesem Phänomen setze die IRRT-Emotionsregulation (Imagery Rescripting & Reprocessing Therapy) als Emotionsregulationsmethode an. Entstanden sei das Konzept in der Arbeit mit Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen, bei denen die Autor:innen beobachteten, dass die Auseinandersetzung mit Konsumereignissen in einem emotional ruhigen Zustand häufig an der Oberfläche blieb und dass erarbeitete Strategien in realen Belastungssituationen nicht abrufbar waren.
Im zweiten Kapitel „Emotionen und Emotionsregulation bei psychischen Erkrankungen“ erfolgen in fünf Unterkapiteln theoretische Anmerkungen. Ausgeführt wird, dass die Fähigkeit, Emotionen zu regulieren, schon in der Kindheit ausgebildet wird. Hier erfolgt der Übergang von externaler, d.h. von äußeren Bezugspersonen gelenkter Emotionsregulation zu einer internalen, vom Kind selbst initiierten Emotionsregulation. Für die Entwicklung von Emotionsregulationsfähigkeiten spielen somit Bindungsprozesse, die Familie und das soziale Umfeld eine maßgebliche Rolle. Hierbei weisen Kinder von emotional dysregulierten Eltern häufig selbst Defizite in ihrer Emotionsregulation auf oder nutzen ungünstige Strategien der Emotionsregulation. „Dies resultiere aus der Art und Weise, wie emotional dysregulierte Eltern auf die Ärger- und Angstgefühle ihres Kindes reagieren.“ (S. 24) Hierbei führe bestrafendes, zurückweisendes und bagatellisierendes Elternverhalten oftmals zu unsicheren Bindungserfahrungen, die durch Mangel an Nähe und Mitgefühl geprägt sind. In der Folge werden zwischenmenschliche Bindungen mit Unsicherheit und Gefahr assoziiert, die dysfunktionalen Strategien der Eltern im Umgang mit belastenden Emotionen internalisiert und gegen sich selbst gerichtet. Dies bedeutet, dass funktionale Emotionsregulationsstrategien oftmals nur unzureichend zur Verfügung stehen und andere Personen nicht zur Co-Emotionsregulation eingesetzt werden. Der IRRT-Ansatz ermögliche es daher, die Herstellung einer einfühlsamen Nähe zu sich selbst zu entwickeln, auszuhalten und als sicheren, tröstenden und beruhigenden Ort zur Selbstregulation wahrzunehmen.
Für die Autor:innen liegt bei der Entwicklung und Chronifizierung vieler psychischer Erkrankungen das Problem vor, in der unterschiedlichen Vermeidung schwieriger Emotionen unangenehme Emotionen unter der Wahrnehmungsschwelle zu halten und als irrelevant zu bewerten. Diese Abwehrmechanismen wie z.B. Verleugnung und Abspaltung erfolgen meist unbewusst, um das psychische Gleichgewicht zu schützen. Somit kommt den Therapeut:innen auch die Rolle externaler Regulationspartner:innen zu, um dann später die Regulation in die Hände der Betroffenen zu geben. In dieser Therapieform wird ein Simulationsraum geschaffen, der auf einer inneren Bühne ermöglicht, Emotionsregulation und einen unterstützenden Umgang mit sich selbst im Zustand großer emotionaler Anspannung und physiologischer Erregung einzuüben. Für die Aktivierung der Emotionen wird ein imaginativer Zugang zur belastenden Erinnerung genutzt, bei dem durch die Begegnung zwischen heutigem und damaligem Ich ein Zugang zu sich selbst entsteht (S. 28). Im Weiteren geben die Autor:innen einen fundierten Literaturüberblick über unterschiedliche psychotherapeutische Ansätze und Studien zur Emotionsregulation und speziell bei Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung.
Im dritten kurzen Kapitel „Modelle der Emotionsregulation und IRRT-ER“ wird ein weiteres Modell vorgestellt, um dann im vierten Kapitel das Konzept der IRRT und dessen Geschichte zusammenzufassen. Das IRRT wurde ursprünglich in den neunziger Jahren zur Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen bei erwachsenen Opfern kindlicher Gewalt entwickelt und später in der Behandlung bei einer anhaltenden Trauer, einer Inneren-Kind-Arbeit und bei psychosomatischen Störungen eingesetzt. Im Anschluss werden in diesem Kapitel Grundprinzipien und die therapeutische Haltung fokussiert und ein Überblick über den konkreten Ablauf einer klassischen dreiphasigen IRRT-Sitzung vermittelt. Diese sind in der Phase 1 das Wiedererleben, in der Phase 2 Täter:innenkonfrontation und -entmachtung und in der dritten Phase die Begegnung und die Auseinandersetzung mit dem heutigen Ich – Kind bzw. dem damaligen Ich. Dem schließt sich eine Nachbesprechung an.
Im fünften Kapitel erfolgt eine detailliertere Beschreibung des konkreten Ablaufs einer IRRT-ER-Sitzung mit beispielhaften Fragen, der Benennung von möglichen Schwierigkeiten und abschließend der Benennung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen IRRT-ER und anderen IRRT-Ansätzen. Äußerst umfangreich werden im sechsten Kapitel neun Fallbeispiele vorgestellt. Im Anhang folgen eine Übersicht mit Merkkarten, Informationen über IRRT-ER-Weiterbildungen, das umfangreiche Literaturverzeichnis mit ca. 190 Quellenangaben und Angaben über die Autor:innen
Diskussion
Systematisch und kenntnisreich geben die Autor:innen einen fundierten theoretischen Überblick und praktische Hinweise. Fundiert werden verschiedenste therapeutische Zugänge und Konzepte integriert. Der IRRT-ER-Prozess kann so auch als Training emotionaler Kompetenzen verstanden werden. Dabei zentriert sich dieses Konzept auf frühe Erinnerungen mit einem Wiedererleben und einer Täter:innenkonfrontation und -entmachtung. Sehr umfangreich und m.E. für die Leser:innen „ermüdend“ werden auf ca. 170 Seiten Fallbeispiele vorgestellt.
Andere Formen der Emotionsregulierung, zum Beispiel beim Umgang mit Suchtdruck oder Stress, werden nicht thematisiert. Auch klassische Übungen zur Emotionsregulierung werden nicht vorgestellt. Daher ist das IRRT-Konzept bezogen auf das umfangeiche Thema der Emotionsregulierung ein sehr eingeschränktes Konzept, da m.E. auch in der Therapie weitere Unterstützungs- und Stabilisierungstechniken vermittelt werden sollten.
Interessent:innen, die mit diesem spezifischen Programm der Emotionsregulierung arbeiten wollen, erhalten in diesem Buch umfangreich theoretische Informationen und Hinweise für die praktische Umsetzung dieser Methode.
Fazit
Leser:innen, die explizit die vorgestellte Methode in der Therapie nutzen möchten, erhalten mit diesem Buch eine umfangreiche theoretische fundierte Darstellung und viele praktische Hinweise für den Einsatz dieser Methode.
Rezension von
Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Beushausen
studierte Soziale Arbeit und Erziehungswissenschaft und absolvierte Ausbildungen als Familientherapeut und Traumatherapeut und arbeitet ab 2021 als Studiendekan im Masterstudiengang „Psychosoziale Beratung in Sozialer Arbeit“ an der DIPLOMA Hochschule
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