Kerstin Zabel-Strzyz: Sucht – Trauer – Trauma
Rezensiert von Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Beushausen, 24.11.2025
Kerstin Zabel-Strzyz: Sucht – Trauer – Trauma. Praxisbuch für Beratung, Therapie und Begleitung. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2025. 208 Seiten. ISBN 978-3-608-89330-4. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
Thema
Die Autorin will einen neuen Blick auf die Zusammenhänge von Sucht, Trauer und Trauma richten und verdeutlichen, wie Verlusterfahrungen oft zu Ohnmacht, Hilflosigkeit und Schuldgefühlen führen können. Dabei suchen viele Betroffene im Suchtmittelkonsum einen Ausweg.
Autorin
Kerstin Zabel-Strzyz ist Dipl.-Sozialpädagogin und Systemische Therapeutin. Sie arbeitete lange Jahre in einer Suchtberatungsstelle in Brandenburg und ist aktuell als Therapeutin in einem Wohnprojekt für psychisch erkrankte Frauen und zudem als Supervisorin tätig.
Aufbau
Das Buch gliedert sich in elf Kapitel mit einem anschließenden kleinen Schlusskapitel, dem Literaturverzeichnis und einem kleinen Anhang zum Weiterlesen und Weiterhören.
Inhalt
Einleitend beschreibt die Autorin einen typischen ersten Kontakt mit Menschen in der Suchtkrankenhilfe, um bereits zu Beginn auf die unterstützende Bedeutung von Fragen seitens der Beraterinnen/​Therapeutinnen hinzuweisen. Zusammengefasst werden das Thema des Buchs, die Verbindung der Suchthilfe mit der Trauerbegleitung und der Traumatherapie. Diese Tätigkeit beinhaltet die Arbeit mit den Angehörigen, die die Autorin als „Zugehörige“ (S. 16) bezeichnet. Die Einleitung schließt mit einem Dank.
Kerstin Zabel-Strzyz thematisiert im ersten Kapitel einen ersten Kontakt mit der Suchtberatung. Praxisnah wird die Kontaktaufnahme, die Klärung der Anliegen bzw. der Aufträge am Fallbeispiel geschildert. Allerdings stellt sie diesem Kapitel das folgende missverständliche Zitat von Gunter Schmidt (2002, S. 149) voran: „Ich kenne keine Alkoholiker. Ich kenne nur Leute, die ihre Suchkompetenz einsetzen, um ihre Sehnsüchte zu befriedigen und einem Missverständnis unterliegen.“ Leider wird dieses Zitat nicht in einem passenden Kontext diskutiert. Im Weiteren beschäftigt sich die Autorin mit den „inneren Begleitern“ der Klientinnen, hier insbesondere mit der Scham der Klientinnen, die die Beratungsstelle aufsuchen. Anschließend wird vorgestellt, wie erste Vereinbarungen getroffen werden.
Im zweiten Kapitel lautet das Thema: „Was ist eigentlich Sucht?“. Hier referiert die Autorin eine allgemeine Definition, ohne dies fachlich zu untermauern. Anschließend wird ein Teilemodell (nach Klaus Mücke 2007) mit den Anteilen Loyalität, Autonomie und dem bewussten Ich vorgestellt. Auch hier wird nicht näher darauf eingegangen, dass es weitere Möglichkeiten der Arbeit mit der Teilearbeit geben könnte. Im nächsten Unterkapitel wird durch die Darstellung eines fiktiven Gesprächs mit einem Klienten erörtert, wie alkoholische Mengenangaben dokumentiert und analysiert werden können.
Im dritten Kapitel wird das Problem einer Beendigung des Alkoholkonsums im Kontext von inneren Ambivalenzen fokussiert. Vorgestellt werden Möglichkeiten der Analyse von Vor- und Nachteilen einer Konsumveränderung. Abschließend beschäftigt sich Kerstin Zabel-Strzyz mit dem sogenannten Suchtdruck.
Effektive Interventionen und Strategien für die Beratung und Therapie werden im vierten Kapitel unter dem Titel „Muss ich Ihnen meine ganze Lebensgeschichte erzählen?“ vorgestellt. Empfohlen wird, den Fokus auf Erfolge, Ressourcen und Fähigkeiten zu legen und auf das Wozu statt auf ein Warum. Zudem sollte das Ziel sein, jeweils individuelle Möglichkeiten für die Betroffenen zu finden, im Mittelpunkt der Gespräche (Gegenwart und Zukunft) stehen. In diesem Konzept erfolgt keine Analyse der Lebensgeschichte.
Im fünften Kapitel mit dem Titel „Wie werde ich die Trauer schnell wieder los?“ – „Die Trauer als Lösungsweg begreifen“ geht es um den Umgang mit Verlust. Bezug genommen wird auf das Modell der fünf Phasen der Trauer nach Elisabeth Kübler Ross (2018) und auf das Trauermodell von Chris Paul (2018), um die Aspekte Überleben, Wirklichkeit, Gefühle, sich anpassen, verbunden bleiben und einordnen näher zu erläutern.
Im sechsten Kapitel stellt die Autorin Zusammenhänge von Sucht und Trauer vor. Thematisiert wird u.a. der Umgang mit Ohnmacht und die Bedeutung von Übergangsphasen. Abschließend werden Trauerrituale vorgeschlagen.
Im siebten Kapitel wird das Thema Umgang mit Schuld fokussiert. Hierzu gehören die Themen Ohnmacht und Bindung über den Tod hinaus und wie mit Schuld Zusammenhänge konstruiert werden können, sodass letztlich Schuldvorwürfe zu einem Lebensmuster werden.
Im achten Kapitel wird das Thema „Sucht und Trauma – wie Frauen mit Hilfe des Konsums überleben“ thematisiert. Einführend weist die Autorin darauf hin, dass bei suchtkranken Frauen frühe traumatische Erlebnisse häufig auftreten und dieses Thema daher einen eigenen Raum bekommen sollte. (Zusammenhänge von Sucht und Trauma bei Männern werden nicht erläutert.) Auch in diesem Kapitel werden keine vertiefenden theoretischen Zusammenhänge zwischen einer Sucht und dem Trauma hergestellt. Betont wird die Bedeutung eines traumasensiblen Arbeitens in der Suchthilfe in einem geschützten Raum, da für Frauen Gewalterfahrungen immer noch schambesetzt sind. Aufgezeigt wird im Anschluss, wie der Beratungsraum zu einem sicheren Ort werden kann, um dann klassische Übungen zur Reduzierung innerer Anspannungen vorzustellen. Anschließend wird kurz auf das Thema der Suizidalität eingegangen und der Hinweis angeschlossen, dass es wichtig sei, Klientinnen in der Beratung neue Beziehungserfahrungen anzubieten.
Im Kapitel neun steht die Arbeit mit den sogenannten Zugehörigen im Fokus. Der Begriff einer Co-Abhängigkeit wird benannt, aber nicht diskutiert, und das sogenannte Trauma-Dreieck eingeführt. Im Weiteren wird darauf eingegangen, wie Berater*innen damit umgehen können, wenn sie vermuten, dass ihr Gegenüber süchtig ist. (Deutlich wird nicht, wieso diese Problematik in diesem Kapitel thematisiert wird.) Anschließend wird noch kurz auf die Bedeutung von Gewalt in den Beziehungen eingegangen und Hinweise vermittelt, wie Kinder und Jugendliche von suchtkranken Eltern Schuldgefühle reduzieren können.
Im zehnten Kapitel fasst Kerstin Zabel-Strzyz klassische systemische Fragetechniken zusammen, mit denen sie gute Erfahrungen gemacht hat.
Im letzten elften Kapitel geht die Autorin auf ein „schönes Scheitern“ ein, um abschließend anekdotisch kurz von einigen Fällen zu berichten.
Das Buch schließt mit einigen Anmerkungen, dem Literaturverzeichnis mit nur 32 Quellen und im Anhang Hinweisen zum Weiterlesen und Weiterhören.
Das Download-Material beinhaltet nur zwei einseitige Arbeitsbögen.
Diskussion
Für ein erstes Verständnis vermittelt Kerstin Zabel-Strzyz wichtige Aspekte in der Beratung suchtkranker Menschen bzw. von Personen mit einem besonderen Alkoholkonsum. Sie vermittelt mit praktischen Fallbeispielen eine lebensnahe Darstellung der Gesprächsinhalte. Die Erörterung der Themen erfolgt mit einem systemischen Schwerpunkt praxisnah, jedoch eher „oberflächlich“. Diese Perspektive auf die Sucht wird nicht explizit benannt und zudem verkürzt dargestellt, andere suchtspezifische Ansätze werden nicht benannt. Auch die Ausführungen zu den Themen Trauer und Trauma sind eher allgemein, auf aktuelle Fachdiskurse wird nicht eingegangen. Insgesamt werden nur sehr wenige Quellen genutzt.
Die Leser*innen sollten somit keinen tiefergehenden fachlichen Diskurs erwarten. Die Autorin diskutiert in ihrem „Praxisbuch für Beratung, Therapie und Begleitung“ nicht deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Dieses Verhältnis wird nicht problematisiert. Zudem wird auf mögliche Herausforderungen, Risiken und Nebenwirkungen der Beratung/​Therapie nicht eingegangen.
Fazit
Den Leserinnen wird eine angenehm zu lesende praxisnahe Darstellung der Arbeitsweise der Autorin geboten. Berufsanfängerinnen erhalten hilfreiche Anregungen. Allerdings werden die Themen und Zusammenhänge von Sucht, Trauer und Trauma theoretisch nicht fundiert unter der Berücksichtigung umfassender Perspektiven dargestellt. Die angekündigten theoretischen Zusammenhänge werden wenig vermittelt und erst recht nicht kritisch diskutiert.
Rezension von
Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Beushausen
studierte Soziale Arbeit und Erziehungswissenschaft und absolvierte Ausbildungen als Familientherapeut und Traumatherapeut und arbeitet ab 2021 als Studiendekan im Masterstudiengang „Psychosoziale Beratung in Sozialer Arbeit“ an der DIPLOMA Hochschule
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