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Stefan Kühl, Petra Strodtholz u.a. (Hrsg.): Handbuch Methoden der Organisationsforschung

Cover Stefan Kühl, Petra Strodtholz, Andreas Taffertshofer (Hrsg.): Handbuch Methoden der Organisationsforschung. Quantitative und qualitative Methoden. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 745 Seiten. ISBN 978-3-531-15827-3. 49,90 EUR.
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Thema

Methodendarstellungen zählen nicht zu den Highlights wissenschaftlicher Literatur, gelten sie doch häufig als spröde, pedantisch, formalistisch und inhaltlich sinnentleert. Dass es auch ganz anders geht, beweist das Herausgebertrio Kühl/Strodtholz/Taffertshofer. Hier wird nicht pedantisch versucht, den Erstsemestern die Möglichkeiten der Empirie durchzudeklinieren, hier wird kein gespreizter Methodenparcourt veranstaltet, der einmal mehr die akademische Elaboriertheit zur Schau stellen soll; hier wird aber auch nicht „Organisationsforschung für Dummies“ betrieben.

Herausgeberin und Herausgeber

Für den Sammelband zeichnen drei Herausgeber verantwortlich:

  1. Stefan Kühl ist der „Promi“ unter den Herausgebern. Als Lehrstuhlinhaber einer Soziologieprofessur in Bielefeld, sozusagen in den großen Schuhen von Niklas Luhmann, ist er per se bekannt, hat aber auch unabhängig davon durch zahlreiche gut lesbare Veröffentlichungen auf sich aufmerksam gemacht, oft mit publikumswirksamen „sprechenden“ Titeln wie „Wenn die Affen den Zoo regieren“.
  2. Petra Strodtholz, Gesundheitssystem- und Evaluationsforscherin, arbeitet als promovierte wissenschaftliche Mitarbeiterin am gleichen Lehrstuhl.
  3. Andreas Taffertshofer, ebenfalls Soziologe, jedoch an der TU Chemnitz als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Innovationsforschung und nachhaltiges Ressourcenmanagement (Moldaschl) ist bekannt durch seine Arbeit zur „funktionalen Analyse“ von Coaching in Organisationen.

Entstehungshintergrund

Ein Handbuch entsteht nicht über Nacht. Es gibt Vorläufer: 2002 bei den „Methoden der Organisationsforschung – Ein Handbuch“ war Petra Strudtholz schon mit dabei, 2005 kam beim „Handbuch der quantitativen Methoden der empirischen Sozialforschung“ Andreas Taffertshofer dazu. Nun liegt nicht nur eine Übersicht zu quantitativen sondern auch zu qualitativen Methoden vor, explizit wiederum als „Methoden der Organisationsforschung“ bezeichnet. Jedem Sozialwissenschaftler ist klar, dass diese weitgehend deckungsgleich sind mit empirischen Forschungsmethoden schlechthin. Die Ausweitung des Methodenrepertoires durch qualitative Methoden hat insbesondere auch die Organisationswissenschaft befruchtet. Oder umgekehrt: Ein weniger eng rationalistisches Verständnis von Organisationen hat den Blick für neue Facetten der Wirklichkeitswahrnehmung geöffnet und den Weg bereitet interpretativ-phänomenologische Aspekte gebührend zu berücksichtigen.

Aufbau

Der Sammelband gliedert sich in zwei etwa gleich große Teile, was in gewisser Weise schon verdeutlicht, dass qualitativen und quantitativen Ansätzen die gleiche Bedeutung, Sinnhaftigkeit und Seriösität zugesprochen wird. 16 Kapitel finden sich im 1.Teil, 16 im zweiten, vorgeschaltet ist ein Überblickskapitel der Herausgeber, in dem die Paradigmen und ihre wechselseitige Befruchtung kenntnisreich thematisiert werden.

Der erste Teil „Qualitative Methoden der Organisationsforschung“ ist in fünf Blöcke gegliedert: Einzelinterviews, gruppenorientierte Methoden, Visualisierungsmethoden, Beobachtungsverfahren und Analyseverfahren. Begründet wird diese Gliederung mit der Notwendigkeit im Forschungsprozess frühzeitig festlegen zu müssen, ob man mit einzelnen Organisationsakteuren oder mit Gruppen (Teams, Abteilungen, ganzen Organsationen) arbeitet, ob man im Sinne der Aktionsforschung den Prozess visualisierend rückkoppelt, ob man langfristig offene Beobachtungen durchführt oder sich primär auf vorliegendes Material stützt.

Die Gliederung des zweiten Teils „Quantitative Methoden der Organisationsforschung“ in sechs Themenblöcke berücksichtigt wieder Vorentscheidungen bei der Wahl der Methode: Führt man etwa eine Befragung durch, will man eine Simulation oder Modellbildung einsetzen, ein Experiment oder Planspiel zur Datenerhebung durchführen, eine eigene Beobachtung konzipieren oder mit vorliegenden Texten arbeiten. Auch die Entscheidung für elaborierte Analysemethoden erfolgt i.d.R. eingangs, weshalb darauf der letzte Themenblock eingeht.

Eingangs findet sich eine Leseanleitung, was angesichts des Umfangs von 745 Seiten sehr sinnvoll ist, am Ende erfährt man in knapper Form, wo die 38 Autoren jeweils arbeiten. Die Literaturangaben erfolgen sinnvollerweise im unmittelbaren Anschluss an die Stichwortartikel. Leider gibt es kein Stichwortverzeichnis, was bei einem umfangreichen Handbuch auch eine große zusätzliche Herausforderung wäre; doch wird ein Index vom Rezensenten auch deshalb vermisst, weil Grundsatzfragen des Methodenmixes, der Integration in Fallstudien, der Validierung und des Feedbacks in die Organisation in den einzelnen Methodenbeiträgen verstreut behandelt werden. Diese theoretischen Darstellungen ohne ausführliche Lektüre viele Methodenkapitel zu finden, ist kaum möglich.

Inhalte

32 Autorenbeiträge einzeln zu würdigen, sprengt den Rahmen einer Rezension. Einige Bemerkungen zu subjektiv herausgegriffenen Themen müssen genügen. Allen Methodenbeiträgen gemeinsam ist ein fünfstufiger Aufbau:

  1. Einleitend wird die Methode in ihrem historischen oder praktischen Kontext kurz vorgestellt.
  2. Eine Handlungsanweisung zur Datenerhebung soll dem Leser die Anwendung verdeutlichen, was bei aufwändigen Erhebungsverfahren differenziert dargestellt wird.
  3. Dateninterpretation und Feedback folgen – unterschiedlich umfangreich, denn die sogenannten nicht-reaktive Verfahren setzen ja hier erst an.
  4. In je einem Anwendungsbeispiel wird die Vorgehensweise an einer exemplarischen Studie verdeutlicht.
  5. Zusammenfassend geht es dann um Möglichkeiten und Grenzen der jeweiligen Methode.

An einem Beitrag zu der eher ungewöhnlichen Erhebungsmethode „Artefaktanalyse“ von Ulrike Froschauer sei dieser fünfstufige Aufbau kurz skizziert:

  1. Artefakte, also Produkte menschlicher Aktivität (Architektur, Schriftstücke, Kleidung, Maschinen) sind allgegenwärtig. Sie sind gerade in der organisationalen Lebenswelt zentral – und beobachtbar! Artefakte als Materialisierungen von Kommunikationen erlauben zudem einen systemtheoretischen inspirierten Zugriff auf die Wirklichkeitskonstruktionen von Organisationen. Im Artefakt sind Entscheidungsprozesse repräsentiert, deren Logiken erschlossen werden können.
  2. Für eine außenstehende Person ist die Charakteristik der Organisation schwer zu identifizieren, weshalb es ein Kriterium sein kann, Akteure des sozialen Feldes selbst bei der Auswahl des relevanten Artefakts einzubeziehen. Letztlich soll das Artefakt „in das alltägliche organisationale Selbstverständnis eingegangen“ sein und damit eine erst durch Interpretation zu erarbeitende „wichtige Ausdrucks- und Mitteilungsfunktion“ (S.331) haben.
  3. Die Interpretationsarbeit umfasst drei Schlüsselelemente, die gleichzeitig Schritte des Vorgehens darstellen: (1) Die Dekonstruktion des Artefakts durch Abtrennung von seinem Kontext, danach (2) die Integration in einen Sinnhorizont zur Rekontextualisierung, dann (3) der Übersetzungsprozess zur Einbettung in die Organisationsanalyse. Diese Schritte lassen sich nun in ihrem konkreten Vorgehen genauer beschreiben. Als formale Anforderung an die Interpretation gilt daneben die rollendifferenzierte Arbeit im Team.
  4. Als Anwendungsbeispiel zieht Froschauer eine qualitative Begleitstudie zum Thema „Kultureller Wandel“ in einem Unternehmen heran, ein Subprojekt zum Thema Unternehmensentwicklung, bei dem Unternehmensleitlinien in Broschürenform vorlagen, was also materiell, bildlich und textlich untersucht werden konnte. Die alltagskontextuelle Sinneinbettung wird beschrieben, die Artefakt-Entstehung (Konzeption und Herstellung) rekonstruiert, Gebrauch, Funktionen und soziale Bedeutung werden erschlossen. Abschließend wird kursorisch auf die komparative Analyse mit ähnlichen Artefakten im gleichen Unternehmen eingegangen.
  5. Die Möglichkeit, Artefakte als authentische Form des sozialen Gedächtnisses zu nutzen, wird bisher nur sehr selten wahrgenommen. Dieses „Schattendasein“ hat Gründe: Der Aufwand an Interpretationsleistung gelingt nur mit viel Erfahrung und dem Beherrschen elaborierter Interpretationsverfahren.

Folgende sonstigen qualitativen Methoden werden behandelt: Experteninterview, narratives Interview, Beobachtungsinterview, Gruppendiskussion, Rollenspiel, Großgruppenverfahren, Open Space, visualisierte Diskussionsführung, Organisationskarten, Lebenslinien, teilnehmende Beobachtung, Videoanalyse, objektive Hermeneutik, Konversationsanalyse und photobasierte Verfahren. Im zweiten, qualitiativen Teil wird das methodische Vorgehen anhand der Phasen der Datenerhebung und Dateninterpretation erläutert, also anhand der Methoden: schriftliche Befragung, internetbasierter Befragung, Organizational Survey, Dephi-Befragung und Repertory Grid. Es folgen die Computersimulation und die Modellbildung, das Experiment, das Planspiel sowie Beobachtungsverfahren (strukturierte Beobachtung, Beobachtung mit SYMLOG), die Inhaltsanalyse von Printmedien sowie ambitioniertere Analysemethoden wie Mehrebenen-, Netzwerk-, Zähldaten- und Ereignisanalyse.

Diskussion

Jedem Sozialwissenschaftler, der die ersten Einführungen in die Paradigmenwelt hinter sich gelassen hat, ist ein Disput im Grundverständnis forschender Herangehensweise an die Wirklichkeit geläufig: die oft auf die Dichotomie zwischen quantitativen und qualitativen Herangehensweisen zugespitzte Vorentscheidung des Sozialforschers, wie er oder sie vorgehen will. Jahrzehntelange Grabenkämpfe um die richtige Form haben ihren Niederschlag in der Literatur gefunden – verständlicherweise, sind es doch immer auch Positionskämpfe um Reputation und Forschungsgelder. Erfreulich ist nun, dass die Herausgeber in dieser Auseinandersetzung nicht mehr gefangen sind, sondern sich souverän auf eine Metaebene stellen. Das beinhaltet auch zuzulassen, dass mancher Autor seine Sicht des jeweilig anderen Forschungsparadigmas dramatisierend ausschmückt: „Der Ashram der quantitativen Sozialforschung, die Séancen der Inferenzstatistik werden dem Zweifel entzogen, indem sie den kühlen Anstrich subjektivitätsfreier Labortechniken erhalten,“ so Moldaschl beispielsweise.

Wer wie Kühl, Strodtholz und Taffertshofer jedoch derart ausführlich auch auf qualitative Methoden eingeht, den wird man schwerlich in die Schublade der reinen Quantifizierer stecken können.

Einen kleinen Vorwurf muss man den Herausgebern allerdings machen: Sie weisen nicht explizit darauf hin, dass die meisten Beiträge schon vor Jahren in den oben genannten Werken erschienen sind. Zwar wurde manches aktualisiert, doch würden Leser, die von einem vollständig neu erarbeiteten Werk ausgehen, sehr enttäuscht werden.

Fazit

Die Herausgeber formulieren als Ziel ihres Handbuchs, „Wissenschaftlern und Studierenden, aber auch Organisationsberatern, Managern und Betriebsräten den Zugriff auf ein breites Spektrum an Methoden der Organisationsforschung zu ermöglichen“ (S.10). Dieses Ziel wird erreicht, denn die Komplexität der Darstellung ist groß genug, um Trivialitäten zu vermeiden, jedoch nicht zu groß, um sich in der Elfenturmspezialisierung zu verlieren. Vor allem zeigt das breite Spektrum, dass es viele Möglichkeiten gibt, organisationales Leben und Wirken zu beforschen. Jeder Student, der zunächst in seiner Abschlussarbeit die 0815-Form einer schriftlichen Befragung plant, kann mit dem Handbuch in Form von 30 potentiellen alternativen Methoden konfrontiert werden. Ob der weitere Anspruch, „den Leser in die Lage zu versetzen, die beschriebenen Methoden gezielt (…) zu nutzen und mit ihnen zu arbeiten“ (ebd.), wirklich eingelöst werden kann, muss trotzdem bezweifelt werden. Ein Handbuchbeitrag reicht einfach nicht, selbstständig forschend tätig zu werden. Aber als Einstieg ist jeder der 32 Beiträge hervorragend geeignet.

Ein sehr gelungenes Handbuch mit hoher praktischer Verwertbarkeit in der Lehre. Der Einsatz in (Haupt-)Seminaren ist unter professioneller Anleitung sicher höchst effektiv. Empfehlenswert ist daneben die Verwendung als Begleitlektüre, denn viele der Beiträge sind kurzweilig geschrieben und öffnen nicht nur den Methodenblick, sondern geben auch Einblick in Forschungsstudien, von denen man zuvor nicht unbedingt gehört hat. So weckt die Lektüre den Wunsch nach neuen vielfältigen Forschungsaktivitäten – was will man mehr.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Hahne
Professor für Verhaltenswissenschaften
Wismar International Graduation Services WINGS
Homepage www.antonhahne.de
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Zitiervorschlag
Anton Hahne. Rezension vom 08.02.2010 zu: Stefan Kühl, Petra Strodtholz, Andreas Taffertshofer (Hrsg.): Handbuch Methoden der Organisationsforschung. Quantitative und qualitative Methoden. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-15827-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3386.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


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