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David Graeber: Die ultimative heimliche Wahrheit der Welt

Rezensiert von Dr. Franziska Sophie Proskawetz, 27.03.2026

Cover David Graeber: Die ultimative heimliche Wahrheit der Welt ISBN 978-3-608-96605-3

David Graeber: Die ultimative heimliche Wahrheit der Welt. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2025. 397 Seiten. ISBN 978-3-608-96605-3. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.

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Thema und Entstehenshintergrund

Nach seinem unerwarteten Tod mit 59 Jahren im Jahr 2020 hinterließ der international anerkannte linke Kulturanthropologe und Bestsellerautor David Graeber (geb. 1961) ein Archiv unveröffentlichter Texte und Essays. 18 dieser Texte sind im Buch „Die ultimative heimliche Wahrheit der Welt …“ zusammengestellt worden. Thematisch beschäftigen sich die kurzen Essays mit Aspekten wie Ungleichheit, Kapitalismus, Wirtschaftswissenschaften, Anarchie und Hierarchien. Das Buch ist 2025 bei Klett-Cotta erschienen.

Autor

David Graeber (1961–2020) war Professor für Anthropologie an der London School of Economics. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der sozialen Spaltung der Gesellschaft Madagaskars und führte dort intensive Feldforschungen durch. Er war sozialer und politischer Aktivist und vertrat anarchistische Positionen. Zu seinen Weltbestsellern gehören u.a. „Schulden – Die ersten 5000 Jahre“, „Bullshit Jobs“ und „Anfänge“.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beinhaltet 18 Texte aus Graebers Vermächtnis, einige davon in Interviewform, mit unterschiedlichen Längen. Sie alle nehmen die Leser:innen mit in die Gedankenwelt Graebers. Im Folgenden werde ich drei Essays, die mich beim Lesen besonders angesprochen und teils zum Nachdenken angeregt haben, zusammenfassend darstellen.

Zum Phänomen der Bullshit Job – Eine Wutrede über die Arbeit

Obwohl Anfang des 20. Jahrhunderts prophezeit wurde, dass sich die Technik im Laufe des Jahrhunderts so weit entwickeln werde, dass nur noch 15 Stunden pro Woche gearbeitet werden müsse, ist diese Vorhersage trotz erheblichen technischen Fortschritts nicht eingetroffen. Dies führt Graeber auf das Vorhandensein sogenannter „Bullshit Jobs“ zurück.

Unter „Bullshit Jobs“ versteht er Tätigkeiten, die „effektiv sinnlos“ (S. 53) sind, nicht unbedingt notwendig und auch von denjenigen, die sie ausüben, oft als sinnlos empfunden werden. „Es ist, als würde jemand, nur damit wir alle weiterarbeiten, nutzlose Tätigkeiten erfinden“ (S. 55). Als Beispiele nennt Graeber unter anderem Hundesalons oder 24/7-Pizzalieferdienste – Berufe, die im Grunde aus dem Zeitmangel anderer heraus entstanden seien (hier ließe sich m.E. allerdings kritisch einwenden, dass eher eine zunehmende Spezialisierung im Vordergrund steht).

Graeber schätzt, dass Menschen, obwohl sie häufig einer 40-Stunden-Woche nachgehen, effektiv nur etwa 15 Stunden in der Woche für ihre eigentliche Tätigkeit aufwenden. Den Rest der Zeit verbringen sie mit Aufgaben, die nur indirekt oder gar nichts mit dem Kern ihrer Arbeit zu tun haben, etwa mit Online-Shopping oder Motivationsseminaren.

Den Grund für das Vorhandensein dieser „Bullshit Jobs“ sieht Graeber nicht in ökonomischen, sondern in moralischen und politischen Ursachen. Er schildert Beispiele von Menschen, die ihre Arbeit als vollkommen sinnlos und bedeutungslos erleben, und formuliert zugespitzt: „In unserer Gesellschaft scheint es die Regel zu sein, dass man umso weniger für eine Arbeit bezahlt, je mehr sie anderen Menschen nützt“ (S. 58). Als Beispiele nennt er Krankenschwestern, Müllmänner und Mechaniker – „Echte produktive Arbeiter werden hemmungslos ausgepresst und ausgebeutet“ (S. 59). Eine Ausnahme sieht er bei Ärzten.

Hass ist zum politischen Tabu geworden

Graeber stellt das Gefühl des Hasses als ein mittlerweile gesellschaftlich tabuisiertes Gefühl dar, das im politischen Kontext heute vor allem mit Rechtsextremismus in Verbindung gebracht wird. Während Ablehnung als legitim gilt, werden Hassreden (insbesondere von Politiker:innen) nicht akzeptiert.

Tatsächlich hat das Gefühl des Hasses historisch erst in jüngerer Zeit einen starken Bedeutungswandel erfahren. In der Vergangenheit – etwa in der Antike – wurde Hass als normales Gefühl betrachtet und galt teilweise sogar als Tugend, gewissermaßen als Bestandteil des sozialen Lebens. Im Mittelalter beispielsweise war nach Thomas von Aquin der Hass auf Gott dem Unglauben sogar vorzuziehen, „weil er auf seine ganz eigene Art eine Form der intensiven Auseinandersetzung mit dem Göttlichen sei“ (S. 130). Irgendwann im Lauf der Geschichte änderte sich dies, und es entstand ein Unbehagen gegenüber des Gefühls.

Heute unterliegt Hass weitgehend einem Tabu – mit Ausnahme eines leidenschaftlichen Hasses auf Dinge, die man selbst nicht mag, die andere jedoch schätzen: Ananas auf der Pizza, Oliven oder Boybands. Zulässig erscheint es auch, „diejenigen zu hassen, die durch Gesetzesverstöße Schmerz und Leid verursachen“ (S. 133), etwa Kriminelle, wobei diese Form des Hasses selten ausdrücklich als solche benannt wird.

Graeber hält es für förderlich, dem Gefühl des Hasses gesellschaftlich wieder mehr Raum zu geben – beispielsweise dem Hass auf Ungerechtigkeit –, um dadurch positive gesellschaftliche Kräfte zu mobilisieren. „Den Hass vollkommen aus der Politik auszuschließen, das bedeutet, ihr Struktur und Kraft zu nehmen, den Hauptmotor des gesellschaftlichen Wandels stillzulegen, sie letztlich auf eine eintönige Ebene des hoffnungslosen Zynismus zu reduzieren“ (S. 134).

Mir war nicht klar, wie weit verbreitet Vergewaltigung war. Dann fiel der Groschen.

Graeber beginnt mit der Verhaftung Dominique Strauss-Kahns im Jahr 2011 wegen eines sexuellen Übergriffs auf ein Zimmermädchen. Dieser Eklat löste eine Welle von Anzeigen durch Hotelpersonal aus. Graeber äußert sein Erstaunen darüber, dass ihm erst durch diese Anzeigewelle bewusst geworden sei, wie alltäglich sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung sind. Er beschreibt die nahezu ausweglose Situation, in der sich die Betroffenen befinden, und geht auch auf die Folgen sexueller Übergriffe für die Opfer ein.

Anschließend wird Graeber sehr persönlich und erzählt von seiner Mutter, die ohne Englischkenntnisse im Alter von zehn Jahren in die USA migrierte und so viele Klassen übersprang, dass sie bereits mit 16 ein Studium aufnahm. Dieses musste sie jedoch später wieder aufgeben, um in Zeiten der Weltwirtschaftskrise Geld zu verdienen und ihre Familie zu unterstützen. Sie nähte Büstenhalter in einer Textilfabrik. Als Schauspielerin in einer Gewerkschaftstheatergruppe übernahm sie eine Hauptrolle und war durch den Erfolg des Stücks zeitweise erfolgreich; sie verkehrte mit zahlreichen prominenten Persönlichkeiten. Später kehrte sie zu ihrem früheren Leben zurück, heiratete einen Seemann, bekam zwei Söhne und widmete sich dem Familienleben.

Auf die Frage, weshalb sie ihre Schauspielkarriere nicht fortgesetzt habe, antwortete sie ihrem Sohn: „Manche von uns waren bereit, mit Produzenten zu schlafen. Ich war’s nicht“ (S. 194). Graeber spekuliert, wie sich diese Erfahrungen auf das Selbstwertgefühl seiner Mutter ausgewirkt haben müssen: „So wie alle in der Hotelbranche tätigen maßgeblichen Personen im Gleichschritt vorgehen und ihre Zimmermädchen wissen lassen, dass sie es nicht wert sind, vor Vergewaltiger:innen geschützt zu werden, tat sich auch das gesamte persönliche Umfeld meiner Mutter zusammen und erklärte ihr, sie habe keinen Grund zur Klage, wenn ihr jemand sage, sie verdiene es nicht, weiterhin auf der Bühne zu stehen – ungeachtet ihrer bisherigen Leistungen –, wenn sie nicht bereit sei, sich privat außerdem als Teilzeit-Sexarbeiterin zu betätigen“ (S. 195).

Abschließend geht Graeber auf die Konsequenzen ein, die diese Erlebnisse für die Beziehung zwischen ihm und seiner Mutter hatten. Er beschreibt sie teilweise als depressiv verstimmt und ihm gegenüber sehr ambivalent und führt dies darauf zurück, dass sie ein Leben führte, das sie nicht vollständig freiwillig wählen konnte.

Diskussion

Viele Leser:innen Graebers beklagen seinen frühen Tod – nicht zuletzt, weil sie gern weitere seiner unkonventionellen Gedanken kennengelernt hätten. Dem schließe ich mich an. Graebers Texte stellen gesellschaftliche Normen auf den Kopf und hinterfragen Selbstverständlichkeiten. Gerade in den drei vorgestellten Essays wird diese Perspektive besonders deutlich, was ich als sehr bereichernd empfinde. Im Essay zu den „Bullshit Jobs“ teile ich Graebers Position jedoch nur teilweise. Tätigkeiten wie die Arbeit im Hundesalon oder im 24/7-Pizzalieferdienst sind meines Erachtens nicht ausschließlich Ausdruck sinnloser Beschäftigung, sondern auch Ergebnis gesellschaftlicher Differenzierung und Spezialisierung. Zudem sind Graebers Texte gut lesbar und auch für eine breitere Zielgruppe verständlich.

Fazit

Graebers Essays stellen gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten infrage und irritieren. Auch wenn nicht alle seiner Zuspitzungen überzeugen, regen sie dazu an, über Arbeit, Moral und (politische) Emotionen grundlegend nachzudenken. Die Mischung aus Provokation, Analyse und persönlicher Perspektive macht die Lektüre gewinnbringend.

Rezension von
Dr. Franziska Sophie Proskawetz
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Es gibt 20 Rezensionen von Franziska Sophie Proskawetz.

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ISSN 2190-9245