Anne Grohn, Doris Klappenbach-Lentz: Mit Humor und Eleganz
Rezensiert von Wolfgang Witte, 24.07.2026
Anne Grohn, Doris Klappenbach-Lentz: Mit Humor und Eleganz. Supervision und Coaching in Organisationen und Institutionen 2., überarbeitete Auflage. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2025. 288 Seiten. ISBN 978-3-7495-0702-3. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.
Thema
Das vorliegende Buch richtet sich insbesondere an Studierende und Teilnehmende in Ausbildungen für Supervision und Coaching, darüber hinaus an Fachkolleg:innen und an weitere Interessierte, Mitarbeitende und Leitungskräfte. Besonderes Augenmerk richten die Autorinnen auf Supervision im Kontext der Evangelischen Kirche. Gegenüber der ersten Fassung von 2007 wurden Beratung betreffende Veränderungen wie die zunehmende Digitalisierung und die Bedeutung von Coaching berücksichtigt.
Autor:innen
Anne Grohn und Doris Klapenbach-Lentz sind bzw. waren als Professorinnen für Beratung und Psychologie an der Evangelischen Hochschule Berlin tätig. Darüber hinaus arbeiten sie als Coaches und Mediatorinnen in freier Praxis.
Entstehungshintergrund
„Mit Humor & Eleganz“ versteht sich im Wesentlichen als ein Lehrbuch für Beratung, das im Kontext der Beratungs‑ und Ausbildungstätigkeit der Autorinnen entstanden ist. Die Autorinnen möchten „einen Überblick über moderne Formen der Beratung“ geben und richten sich gleichermaßen an Studierende, Teilnehmende an Ausbildungen für Supervision und Fachkolleg:innen. Als Zielgruppe heben sie diejenigen hervor, die der Evangelischen Kirche oder ihren Organisationen wie der Diakonie verbunden sind.
Aufbau
Das Lehrbuch gliedert sich in fünf Kapitel. Hinzu kommen Anmerkungen, Literatur‑ und Tabellenverzeichnis. Die detailliert untergliederten Kapitel tragen folgende Überschriften:
- Reden oder auch nicht reden kann doch jeder – vom Sinn professioneller Beratung im Beruf“
- Supervision und Coaching
- Organisation und Institution
- Mit Humor und Eleganz: Supervision und Coaching in Institutionen
- Berufliche Beratung in Institutionen
Inhalt
Das erste Kapitel widmet sich anthropologischen Grundlagen professioneller Beratung und bietet einen Überblick zu beratender und helfender Kommunikation, der sowohl Definitionen als auch Abgrenzungen in Bezug auf Supervision, Coaching, Psychotherapie, Organisationsberatung und Fazilitation enthält. Dem Kontext der Tätigkeit der Autorinnen entsprechend wurden auch „Spirituelle Rituale und Magie“ und „Seelsorge“ als Beratungsformate aufgenommen.
Das 2. Kapitel „Supervision und Coaching“ bietet einen Überblick zu zentralen Ansätzen und Methoden wie Auftragsklärung, Rollenverständnis der Beratenden, Ressourcenorientierung, Teamsupervision, Arbeiten mit dem Genogramm, zirkuläres Fragen, die systemische Bedeutung von Rängen und Hierarchien, mediative Kommunikation als Möglichkeit zur Konfliktbearbeitung, Zielentwicklung und Zielerreichung dargelegt, wobei einzelne Abschnitte zur Veranschaulichung mit Fallvignetten illustriert sind. Die vorgestellten Methoden sind verschiedenen Beratungsanlässen wie „Lebensgeschichte“, „System“ oder „Konflikt“ zugeordnet. Die Autorinnen folgen einem „Schulen übergreifenden“ Ansatz auf systematisch-konstruktivistischer Basis. Die Bedeutung des in den Buchtitel aufgenommenen Begriffs „Humor“ sehen sie mit Bezug auf P.I. Berger in seiner „transzendenten Qualität“ (S. 45) mit der Möglichkeit zu einer distanzierenden Selbstreflexion. Als Wert systemischer Beratung wird die Chance gesehen, Themen, Symptome und Konflikte in ihrer kontextualen, d.h. biografischen und lebensweltlichen Bedingtheit zu verstehen. Hierfür knüpfen Grohn und Klappenbach-Lentz u.a. an Gruppendynamik nach Tuckman (78) und die Arbeit mit dem „inneren Team“ nach Schulz v. Thun (86 f.) an. Für die Bearbeitung von Konflikten im Rahmen von Supervision und Coaching wird „mediative Kommunikation“ vorgeschlagen. Als weiteren Beratungsanlass befassen sich die Autorinnen mit „Ziel: Zielentwicklung und Zielerreichung“. Im Sinne eines lösungsorientierten Ansatzes sollen Ziele, nicht „Defizite“, im Mittelpunkt der Beratung stehen.
Das 3. Kapitel „Organisation und Institution“ befasst sich mit dem Kontext der Supervisionen und Coachings. Die Autorinnen unterscheiden „Organisation als funktionale Struktur der Zweckerfüllung“ von „Institution als sinnproduzierende soziale Einrichtung“. Sie referieren verschiedene analytische Zugänge zum Verständnis von Organisationen, u.a. Perspektiven der Betriebswirtschaft. Dabei werden die sozialen Dynamiken verschiedener Aufbauorganisationen und Ablauforganisationen im wirtschaftlichen Bereich vorgestellt. Es folgt die Reflexion von Organisation und Institution aus der Sicht von Kulturanthropologie, um die Frage zu klären, „wieso der Mensch überhaupt zur Bewältigung seiner Existenz Formen der Vergesellschaftung kreiert“. Dafür wird Bezug genommen auf Arnold Gehlen, Christian Wulf sowie Heintel und Götz. Im Anschluss referieren die Autorinnen Zugänge der (Organisations-) Soziologie, um zu klären, „welche Formen der Organisation zu welcher Art Realität führen.“ Dies geschieht mit der Beschreibung der Analyseebenen von Organisationskulturen nach Edgar Schein, die es erlaubt, Grundannahmen und Glaubenssätze (Belief-System) in Organisationen transparent und der Reflexion bzw. der Veränderung zugänglich zu machen.
„Mit Humor und Eleganz: Supervision und Coaching in Institutionen“ lautet der Titel des vierten Teils des Buches. Grohn/​Klappenbach-Lentz benennen als ihre Motivation für das vorliegende Buch „ein gemeinsames Interesse an der Veränderung der Institutionskultur in Richtung zu mehr Professionalität und Lebensfreude“, das sich aus Erfahrungen mit unterschiedlichen Rollen und Funktionen innerhalb der Evangelischen Kirche speist (S. 157). Sie befassen sich mit den institutionellen Bedingungen der Evangelischen Kirche und der Diakonie sowie den psychosozialen Auswirkungen auf die dort tätigen Personen. Im Zentrum stehen Strukturen und systemisch bedingte Konflikte auf der Gemeindeebene. Anhand zahlreicher Beispiele wird verdeutlicht, wie Institution und Organisation hier zusammenwirken bzw. welche Besonderheiten, auch Konflikte, sich hieraus ergeben. Während die Institution die ethischen und moralischen Werte des Protestantismus, d.h. den „Kulturkern“ (S. 157) verkörpert, geht es bei der Organisation um zweckrationale Durchführung, u.a. der Finanzierung und Verwaltung der Kirche auf Gemeinde-, Kirchenkreis‑ und Landeskirchenebene. Beides ist vor Ort vielfach miteinander verschränkt und für die dort Tätigen nicht leicht voneinander zu trennen. Dies wird deutlich, wenn die Autorinnen das „System“ Evangelische Kirche in einer „kleinen Institutionskunde aus organisatorischer Sicht“ beschreiben. Die Evangelische Theologie fußt auf der Gleichheit der Gläubigen, zitiert wird Luthers Formulierung vom „Priestertum aller Gläubigen“ (S. 183). Im Unterschied zur katholischen Theologie sind evangelische Pfarrerinnen daher nicht die alleinigen Vermittler zu Gott. Auf Gemeindeebene werden relevante Entscheidungen im gewählten ehrenamtlichen Gemeindekirchenrat, an dem Pfarrerinnen gleichrangig teilnehmen, getroffen. Dieses auf Einvernehmen, auf Harmonie zielende Miteinander von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen birgt Konfliktpotenzial, das die Autorinnen anschaulich beschreiben. Zu den besonderen Herausforderungen gehört, dass die Leitung von Bildungs‑ und Sozialeinrichtungen häufig in die Hände von Pfarrerinnen gelegt werden, obwohl ihnen die hierfür spezifischen Qualifikationen fehlen (vgl. S. 167). Die Institutionskultur ist von einer protestantischen Arbeitsethik geprägt, die den Unterschied zwischen „profaner Alltagsarbeit“ und „heiligen religiösen Akten“ auflöst. Arbeit wird zum Dienst am Nächsten, quasi zum Gottesdienst. Dies birgt für die dort Tätigen das Risiko der Überforderung und fördert die Neigung, jede Tätigkeit als Arbeit zu definieren, worunter die Effektivität leiden kann. Für die Ehrenamtlichen stellt sich im Verhältnis zu den Hauptamtlichen die Frage nach Wertschätzung und Anerkennung. Das Kränkungspotenzial ist erheblich. Die Autorinnen sprechen von einem „Museum der Verletzungen“ (S. 195). Die Gleichheit aller Gläubigen in Glaubensfragen führt darüber hinaus zu einer großen Vielfalt an diesbezüglichen Auffassungen und Orientierungen. Die vielfältige Diversität erfordert „gegebenenfalls den Abschied von einer Harmonieillusion“ (S. 199), um Lähmung, „verschluckten Aggressionen bei verordneter Freundlichkeit“, dem „heiligen Grinsen“ (S. 219) entgegenzuwirken. Ein weiterer Themenschwerpunkt sind Lebensgeschichten im Kontext der Institution (S. 201 ff.). Hier geht es um das veränderte Selbstverständnis des Pfarramtes, das traditionell keinen Unterschied zwischen beruflicher und privater Rolle kennt (S. 202), hin zu einer Trennung beider Bereiche. Dies kann zu beträchtlichen Irritationen, u.a. in der Gemeinde, führen. Während im traditionellen Pfarrhaus die Pfarrersfrau dem Mann den nötigen Freiraum schaffte, gelingt dies für Alleinstehende nur schlecht und kann zu Überforderung und Verarmung im privaten Bereich führen. Ebenfalls werden Über-Identifikation mit der Institution und Helfersyndrom als riskante Haltungen beschrieben. Zudem wirken sich persönliche Dispositionen und Situationen der Lebenswelt der Tätigen aus, wie die Autorinnen anhand von Beispielen zeigen. Im Zusammenhang mit einer „Idealisierung der Institution Kirche und ihrer Mitarbeitenden“ weisen Grohn/​Klappenbach-Lentz auf die irrige Annahme hin, dass „Kirche wie eine rationale Organisation“, d.h. wie ein Wirtschaftsunternehmen oder eine öffentliche Verwaltung funktioniere (S. 215), weil sie stets auch durch den erwähnten „Kulturkern“ geprägt ist. Für die Übernahme von Leitungsaufgaben im komplexen System der Evangelischen Kirche wird für die entsprechenden Leitungspersonen, insbesondere Theolog:innen, Qualifikation durch Aus‑ und Weiterbildung angeregt. Besondere Herausforderungen ergeben sich aus Veränderungen durch die Zusammenlegung von Gemeinden infolge der verringerten Zahl der Kirchenmitglieder, insbesondere, wenn es sich hierbei um unterschiedliche Kulturen, auch unterschiedliche gesellschaftspolitische Orientierungen handelt. In diesem Zusammenhang erwähnen die Autorinnen die Zusammenlegung von Landeskirchen infolge der Vereinigung ab 1990.
Für die Lösung des Spannungsverhältnisses zwischen Institution und Organisation empfehlen Grohn/​Klappenbach-Lentz in Kapitel 5 „Berufliche Beratung in Institutionen“. Den möglichen Beitrag von Supervision und Coaching fassen sie in einem Zielbild zusammen: „Es ist möglich, dass es Menschen in Institutionen gelingt, gemeinsame Werte und Ziele zu formulieren und diese auch in konkreten Teilschritten umzusetzen.“ (S. 251).
Diskussion
„Mit Humor und Eleganz. Supervision und Coaching als Beratungsangebote in Organisationen und Institutionen“ bietet eine lesenswerte Analyse der Evangelischen Kirche im Spannungsfeld zwischen der von Werten und einem spezifischen Kulturkern getragenen Institution einerseits und der notwendigen Organisation kirchlicher Arbeit auf Gemeinde‑ und Kirchenkreisebene andererseits. Es enthält dazu viele anschauliche Schilderungen. Die Autorinnen empfehlen für die diversen Konfliktfelder und die ihrer Meinung nach erforderlichen Klärungen Supervision und Coaching als hilfreiche Beratungsformate. Dies ist grundsätzlich überzeugend und wird von Mitarbeitenden in Kirche und Diakonie sicherlich begrüßt. Zu empfehlen wäre, die Beispiele solcher Konflikte durch Beispiele gelungener Beratungsarbeit zu ergänzen. All dies betrifft den 4. Teil des Buches, der ohne Weiteres ein eigenes Buch darstellen könnte.
Während der vierte Teil offenbar mit Herzblut geschrieben wurde, unterscheiden sich davon die davorliegenden Kapitel. Im Überblick werden Grundlagen und Konzepte von Supervision und Coaching dargestellt, was teilweise zu verallgemeinernden und verkürzten Ausführungen führt. Die Autorinnen folgen einem „Schulen übergreifenden Ansatz“ auf systemisch-konstruktivistischer Grundlage, wobei die Bedeutung einzelner Beratungskonzepte kaum diskutiert wird. Selbst wenn der Streit verschiedener Schulen antiquiert sein sollte, wäre eine vertieftere Darstellung und Diskussion von Ansätzen und Methoden der Supervision und des Coachings wünschenswert. Fragwürdig erscheint, dass bei der Erörterung der anthropologischen Grundlagen viele Formulierungen eine Dualität von Mensch und Institution nahelegen. Einer systemischen Sicht würde es eher entsprechen, davon auszugehen, dass Menschen von vornherein Systeme sind und als solche ebenfalls Elemente von sozialen Systemen sind. Ziel systemischer Beratung wäre dann, ein Bewusstsein über die systemische Eingebundenheit und Möglichkeiten des Handelns hierin zu entfalten. Sinnvoll wäre ebenfalls ein Bezug zur Resonanztheorie, um zu erklären, wie sowohl formelle Strukturen als auch Werte und Kultur die sozialen Beziehungen und die psychische Konstitution der teilhabenden Personen prägen. Dies könnte gerade in Beratungen im Kontext der Evangelischen Kirche helfen. Eine Leerstelle sieht der Rezensent weiter in der fehlenden Erörterung der zunehmenden gesellschaftlichen Vielfalt infolge von Migration, obwohl dies in den Gemeinden, erst recht in der Diakonie, eine Rolle spielen dürfte. Zurecht weisen die Autorinnen auf die „transzendente Qualität“ von Humor nach P.I. Berger hin. Mit Blick auf den Titel des vorliegenden Buches hatte der Rezensent erwartet, zu diesem Aspekt von Supervision zu erfahren, ggf. mit Bezug auf die „Provokative Therapie“ nach Farrelly u.a. oder auch die Arbeiten von v. Schlippe. Die Erwartung eines mit Humor und Eleganz geschriebenen Buches zu Beratungsthemen hat sich für den Rezensenten ebenfalls nicht erfüllt.
Fazit
„Mit Humor und Eleganz. Supervision und Coaching als Beratungsangebote in Organisationen und Institutionen“ ist für Menschen empfehlenswert, die der diagnostizierten oft bedrückenden Sprachlosigkeit im Rahmen der Evangelischen Kirche mit Supervision und Coaching begegnen möchten. Es schafft Verständnis für die Besonderheiten dieses Arbeitsfeldes und für Forderungen nach Professionalisierung, weiter enthält das Buch einen Überblick zu Grundlagen, Konzepten und Methoden von Supervision und Coaching, der andere Lehrbücher ergänzen kann. Anders als aufgrund des Titels zu vermuten wäre, spielen Humor und Eleganz im Buch selbst kaum eine Rolle.
Rezension von
Wolfgang Witte
Pädagoge M.A., Supervisor und Coach (DGSv/SG)
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