Fabrizio Didonna: Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie bei Zwangsstörungen
Rezensiert von Dr. Alexander Tewes, 12.08.2026
Fabrizio Didonna: Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie bei Zwangsstörungen. Das Behandlungsmanual. Schattauer (Stuttgart) 2025. 560 Seiten. ISBN 978-3-608-40200-1. D: 58,00 EUR, A: 59,70 EUR.
Thema
Zwangsstörungen gehören zu den Störungsbildern, die besonders gut erforscht sind. Die von den Leitlinien empfohlene Methode der Wahl ist die sogenannte Exposition mit Reaktionsverhinderung, eine Technik aus der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT). Der international renommierte Fachautor Fabrizio Didonna verweist in seinem Manual einerseits auf diese Methode, erweitert sie jedoch im Sinne von Therapieformen der sogenannten „Dritten Welle der Verhaltenstherapie“ um Elemente der achtsamkeitsbasierten Therapie. Warum tut er dies? Laut Klappentext bestehen Zwangsstörungen nicht nur aus sichtbaren Ritualen, sondern wurzeln oft in hartnäckigen Gedanken‑ und Gefühlsschleifen. Die Idee des Buches sei, einen ganzheitlichen und zugänglichen Ansatz zu bieten, „der über die bloße Symptombekämpfung hinausgeht und Betroffenen hilft, einen neuen Umgang mit ihren Gedanken und Emotionen zu entwickeln“. Die vorgestellte Methode kombiniert kognitive Verhaltenstherapie mit buddhistischer Psychologie und mitgefühlsbasierten Übungen. Sie eigne sich für alle Erscheinungsformen der Zwangsstörung – ob es sich um sichtbare Zwänge wie wiederholtes Kontrollieren oder übermäßiges Waschen handelt oder um verborgene Zwänge, wie belastende Gedanken und mentale Grübelschleifen. Das Programm wurde für den Einsatz in Einzel‑ und Gruppentherapie konzipiert.
Autor
Dr. Fabrizio Didonna ist Professor am Institut für Lebenslanges Lernen der Universität von Barcelona, Spanien, und Gastprofessor an der Shanghai Jiao Tong Universität in China. Er ist klinischer Psychologe, Lehrer und Ausbilder an mehreren Postgraduiertenschulen für kognitive Verhaltenstherapie in Italien. Fabrizio Didonna ist Gründer und Präsident des Italienischen Instituts für Achtsamkeit und Wissenschaftlicher Direktor des vom Institut gesponserten Masterstudiengangs in achtsamkeitsbasierter Therapie. Er ist Koordinator der Abteilung für Zwangsstörungen (OCD) an der Privatklinik Villa Margherita in Vicenza, Italien, und Leiter des „MBCT for OCD Center“ in Vicenza. Als langjähriger Meditationspraktiker und ‑lehrer ist er ein erfahrener Ausbilder von Achtsamkeitsgruppen und hat mehr als 2.000 Teilnehmende in stationären und ambulanten Einrichtungen geschult. Er war einer der ersten Therapeut:innen, der Achtsamkeitstraining mit stationären Patient:innen mit schweren Störungen durchführte. Fabrizio Didonna hat wissenschaftliche Arbeiten vorgelegt, hält international Workshops und Vorträge und hat zahlreiche Artikel, Kapitel und Bücher veröffentlicht, darunter das Clinical Handbook of Mindfulness.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist in zwei Teile gegliedert: Einen Theorieteil und das eigentliche Manual, nach dem die Therapie in 11 Sitzungen durchgeführt werden kann. Im Anhang finden sich Empfehlungen für Schulungen und Supervisionsangebote, diverse Literaturverweise und eine Liste von Audioaufnahmen, die gemeinsam mit den Arbeitsblättern online zur Verfügung gestellt werden.
Einleitung
Dem gesamten Buch ist eine umfassende Einleitung vorangestellt. In dieser beschreibt der Autor seinen eignen Weg hin zur vorgestellten Methode, einer Kombination aus MBCT (Mindfulness Based Cognitive Therapy nach Zindel Williams & Teasdale, 2001) und der gängigen Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT). Der theoretische Rahmen sei so gewählt, dass versucht werde, „vier Bereiche der wissenschaftlichen Forschung im Kontext psychischer Gesundheit zusammenzuführen“ (S. 20): KVT, Evolutionspsychologie, Neurobiologie und buddhistische Psychologie. Neben den Elementen der MBCT werden auch Anregungen von MBSR (Kabat-Zinn, 2011), der Akzeptanz‑ und Commitmenttherapie (ACT) nach Hayes (1999) und der Compassion Focused Therapy nach Gilbert (2013) genutzt.
Teil I: Theorie und Konzept
Was ist eine Zwangsstörung?
Das erste Kapitel ist mit 53 Seiten auch das umfassendste des Buches. Hier werden die epidemiologischen, phänomenologischen, neurobiologischen und klinischen Aspekte der Zwangsstörung erläutert. Die kognitiven Prozesse und Verzerrungen, die für dieses Störungsbild charakteristisch sind, werden herausgearbeitet und die wichtigsten ätiopathogenetischen Theorien skizziert.
Eine achtsamkeitsbasierte Herangehensweise an Zwangsstörungen
Nach Ansicht des Autors können Zwangsstörungen „als schwerer Zustand der Un-Achtsamkeit angesehen werden“ (S. 24). In diesem Kapitel wird erläutert, wie Achtsamkeitspraxis zwanghafte kognitive Mechanismen und Verzerrungen schrittweise abschwächen und zudem neurobiologische Auswirkungen haben kann. Zudem wird skizziert, wie etablierte kognitiv-verhaltenstherapeutische Interventionen mit Achtsamkeitspraxis kombiniert werden können.
Das MBCT-Programm für Zwangsstörungen: Kerngedanke, Struktur und Grundprinzipien
Hier werden die Grundprinzipien, die dem gesamten Manual zugrunde liegen, beschrieben. Dabei handelt es sich um grundlegende Themen, Inhalte und Ziele der folgenden 11 Therapieeinheiten, Struktur und Format sowie erforderliche Qualifikation der Anwendenden. Die Zielgruppe wird konkretisiert und es wird darauf eingegangen, wie Familienangehörige zwangserkrankter Menschen in die Behandlung integriert werden können.
Vorbereitung auf die Durchführung von MBCT bei Zwangsstörungen und Assessment der Teilnehmer:innen
Der erste Teil des Buches wird durch ein Kapitel abgeschlossen, in dem beschrieben wird, wie die Therapie umgesetzt werden sollte. Konkret erfolgt eine Beschreibung von Gruppengröße (bei Gruppentherapie), Materialien für Kursleitung und Teilnehmende, die Durchführung eines Vorabinterviews mit Erfassung der individuellen Probleme, Klärung der Indikation und Unterscheidung von Einzel‑ und Gruppentherapie.
Teil II: Das MBCT-Programm für Zwangsstörungen
Der zweite Teil des Buches umfasst dann in insgesamt 11 Kapiteln die entsprechenden Sitzungen des Programms. Diese gliedern sich wie folgt:
Sitzung 1: Verstehen, was Achtsamkeit ist
Sitzung 2: Zwangsstörungen verstehen und wie Achtsamkeit bei der Bewältigung helfen kann.
Sitzung 3: Hilfe für Angehörige und Partner bei der Unterstützung von Patient:innen mit Zwangsstörungen
Sitzung 4: Das eigene Misstrauen verstehen und echtes Vertrauen entwickeln
Sitzung 5: Über die Sinne Vertrauen entwickeln
Sitzung 6: Eine gesunde Beziehung zu den eigenen Gedanken aufbauen
Sitzung 7: Entwicklung von Akzeptanz als maßgeblicher Schritt zur Veränderung
Sitzung 8: Achtsames Handeln und achtsame Exposition
Sitzung 9: Entwicklung von Selbstmitgefühl und Selbstvergebung
Sitzung 10: Lernen, Risiken einzugehen
Sitzung 11: Dem Leben vertrauensvoll begegnen und Hindernisse effektiv überwinden.
Grundsätzlich sei die Umsetzung in dieser Form Ergebnis einer jahrzehntelangen praktischen Erfahrung in der Umsetzung von MBCT und KVT in diesem Kontext. Die Grundidee sei von dem Konzept der MBCT bei Depressionen abgeleitet und für Zwangsstörungen angepasst worden. Es sei für Patient:innen konzipiert worden, die sich in einer akuten Phase der Erkrankung befinden und daher eine intensivierte Behandlung benötigen. Daher sei sie auf 11 dreistündige Sitzungen konzipiert, aufgeteilt worden (mit einzelnen Abweichungen je nach Thema). Der Autor nennt folgende Schlüsselelemente des Trainings:
- Verständnis entwickeln
- Normalisieren zwanghafter Erfahrungen
- Entwicklung von Vertrauen und Selbstvalidierung
- Kognitive Intervention
- Intensives Training von Achtsamkeit und Selbstmitgefühl
- Achtsame Exposition
- Austausch (in der Gruppe)
Diskussion
Ich habe selten ein Manual gelesen, bei dem sich der Autor so intensiv und detailliert mit dem Störungsbild auseinandergesetzt hat. Es wird an jeder Stelle deutlich, dass Fabrizio Didonna die Zwangsstörung weit über die reine Symptomebene (i.S. von Zwangsgedanken und ‑handlungen) hinaus durchdrungen hat. Vor allem im einleitenden Kapitel entwickelt er ein umfassendes biopsychosoziales Erklärungsmodell des Störungsbildes, das seinesgleichen sucht. Hierbei fokussiert sich der Autor durchaus nachvollziehbar auf die zugrundeliegenden kognitiven Prozesse – mit einem herausgehobenen Fokus auf die Achtsamkeit. Er beschreibt an vielen Stellen die Zwangsstörung als schwerwiegenden „Mangel an Fähigkeiten zur Achtsamkeit“ (S. 136), dem es zu begegnen gelte. Dies erscheint nach der Lektüre des Buches durchaus auch plausibel. In diesem Sinne liefert der Autor umfassende Erklärungsmodelle im Theorieteil und eine Fülle an praktischen Übungen im eigentlichen Manual, die in der Therapie sowohl im Einzel‑ als auch Gruppensetting gewinnbringend eingesetzt werden können. Hierbei bleibt jedoch anzumerken, dass sowohl das organisatorische Konzept vor allem den ambulanten Rahmen im deutschen Versorgungssystem ein wenig sprengen dürfte: So ist in der Regel vorgesehen, eine Gruppentherapie mit wöchentlichen Terminen à 100 Minuten zu absolvieren. Die Inhalte lassen sich sicherlich an derartige Bedingungen anpassen, allerdings verweist der Autor darauf, dass es sich in der Praxis bewährt habe, die intensiven dreistündigen Termine aufrechtzuerhalten. Die Umsetzung der Therapie für das Einzelsetting wird zwar kurz skizziert, es wird jedoch auch darauf hingewiesen, dass das Programm „hauptsächlich für die Anwendung in Gruppen entwickelt und getestet“ worden sei (S. 158).
Was dem Buch tatsächlich fehlt, ist eine Darstellung der aktuellen Evidenzlage. Der Autor verweist zwar an vielen Stellen auf die begleitende Forschung, ohne diese jedoch gesondert darzustellen. Dies wäre zumindest im Rahmen der Anhänge wünschenswert gewesen. Folglich kann man sich lediglich auf die aktuell gültige S3-Leitlinie der Fachgesellschaft beziehen (AWMF, 2022). Nach dieser gilt die klassische KVT immer noch als Methode der Wahl. Für Therapiekonzepte wie das hier vorgestellte, die um Elemente achtsamkeitsbasierter Verfahren erweitert wurden, gilt der Empfehlungsgrad 0 (Kann-Bestimmung) im Sinne einer offenen Empfehlung ohne hinreichende wissenschaftliche Wirknachweise. Sie sollten lediglich zum Einsatz kommen, falls Patient:innen zuvor nicht ausreichend auf eine klassische KVT angesprochen haben oder von chronischen, verdeckten Zwangsgedanken (mentalen Grübelschleifen) betroffen sind.
Fazit
Bei dem Buch „Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie bei Zwangsstörungen“ handelt es sich wahrscheinlich um eines der umfassendsten Therapiemanuale, das bislang zu diesem Störungsbild veröffentlicht wurde und das sich durch seine hohe fachliche Qualität sowie die spürbare Expertise und Leidenschaft des Autors auszeichnet. Kritisch anzumerken ist jedoch, dass die dem Konzept zugrundeliegende Evidenzlage nicht gesondert dargestellt wird, sodass weiterhin davon auszugehen ist, dass eine klassisch orientierte (kognitiv-) verhaltenstherapeutische Behandlung der Zwangsstörung zunächst Mittel der Wahl bleibt. Das hier vorgestellte Konzept könnte jedoch insbesondere im Falle sogenannter „behandlungsresistenter“ Zwangsstörungen eine wertvolle Ergänzung darstellen.
Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Instituts- und Ausbildungsleiter LAKIJU-VT (Lüneburger Ausbildungsinstitut für Kinder- und Jugendlichen-Verhaltenstherapie), Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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