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Irmhild Saake: Die Konstruktion des Alters

Rezensiert von Prof. Dr. habil. Klaus R. Schroeter, 08.03.2007

Cover Irmhild Saake: Die Konstruktion des Alters ISBN 978-3-531-14677-5

Irmhild Saake: Die Konstruktion des Alters. Eine gesellschaftstheoretische Einführung in die Alternsforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 298 Seiten. ISBN 978-3-531-14677-5. 24,90 EUR.
Reihe: Hagener Studientexte zur Soziologie.

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Autorin

Die Autorin Dr. Irmhild Saake ist Akademische Rätin am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Zielgruppe

Die Frage nach der Zielgruppe und Zielstellung des Buches erweist sich als problematisch: Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um ein Einführungsbuch aus der Reihe "Hagener Studientexte zur Soziologie", mit der "eine größere Öffentlichkeit für Themen, Theorien und Perspektiven der Soziologie" interessiert werden soll (S. 2). Das Buch richtet sich nach Angaben des Verlages an Studierende der Soziologe, Erziehungswissenschaft, Pflegewissenschaft und in der Pflegeausbildung.

Entstehungshintergrund

Einer Anmerkung aus dem Vorwort (S. 8) ist zu entnehmen, dass "(d)er vorliegende Text (...) gründlich überarbeitete Theorie-Studien" (eigene Hervorhebung, K.R.S.) der von Saake 1998 veröffentlichten Dissertation ("Theorien über das Alter. Perspektiven einer konstruktivistischen Alternsforschung. Opladen: Westdeutscher Verlag) verwendet und "diese auf der Basis einer kultursoziologischen Argumentation zusammen(führt)." Ein Blick in die alte Studie verrät dann schnell, was Saake als "gründliche Überarbeitung" versteht: ein neues Vorwort (S. 7-8), ein neu eingefügtes erstes Kapitel (S. 9-25), ein neu formuliertes Schlusskapitel (S. 257-272) sowie ein neu eingefügtes Unterkapitel (S. 241-245), dafür wird dann auf zwei kürzere Kapitel aus der Dissertation verzichtet. Dazu wird die Anordnung der Kapitel verändert und die neue Rechtschreibregelung beherzigt. Und schon ergibt das eine neue Monographie.

Die hier unter dem Titel "Die Konstruktion des Alters" angekündigte "gesellschaftstheoretische Einführung in die Alternsforschung" entpuppt sich also als die mit neuem Titel und verändertem Layout neu aufgelegte Dissertation der Autorin. Das freilich wirft zumindest die Frage auf, ob eine wissenschaftliche Qualifikationsarbeit dazu geeignet ist, als soziologisches Lehrbuch verkauft zu werden.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in fünf Kapital (die kursiv in Klammern gesetzten Überschriften verweisen auf die entsprechenden Kapitel der Dissertation aus dem Jahre 1998):

Vorwort

1. Die Unsichtbarkeit des Alters. Eine Kritik der klassischen Alternsforschung

2. Das Alter und seine Funktion

I.   Konzepte der 60er Jahre (Kap. II: Hat Alter einen Sinn? Die Frage nach der Funktion des Alters)

II.   Evolution: Die Entstehung der Altersphase (Kap. VII: Die Altersphase. Warum nach dem Sinn des Alters gefragt wird)

3. Das Alter und seine Definition

I.   Konzepte der 70er Jahre (Kap. III: Wird man alt gemacht? Die Frage nach der Definition des Alters)

II.   Im Inklusionsbereich: Altersbilder (Kap. VIII: Altersbilder. Warum man als alter Mensch angesprochen wird)

4. Das Alter und seine Identität

I.   Konzepte der 80er Jahre (Kap. IV: Wann ist man alt? Die Frage nach der Identität im Alter)

II.   Im Exklusionsbereich: Biographien (Kap. IX: Der Lebensrückblick. Warum man sich alt fühlt)

5. Die Sichtbarkeit des Alters. Alternsforschung als Inklusionsforschung

Literatur

Index

Inhalt

Saake geht der Frage nach, warum das Thema Alter keinen Anschluss an kultursoziologische Forschungsfragen findet, sondern zumeist im sozialpolitischen oder pflegerischen Kontext verhaftet bleibt. Ihr geht es um eine "kultursoziologische Öffnung der Alternsforschung" (S. 8). Was jedoch darunter genauer zu verstehen ist, verliert sich im Nebel systemtheoretischer Zugangsfindungen. Weder der Begriff der "Kultur" noch das Spektrum der Kultursoziologie werden näher expliziert, der kultursoziologische Anspruch wird lediglich damit begründet, dass es keine "aging studies" gäbe, und dass das "Alter von Jungen beschrieben (wird), die unter Alter nur Hilfebedürftigkeit verstehen können." (S. 10)

Saakes Vorhaben zielt auf die "Dekonstruktion von Kommunikationen, in denen 'Alter' als Thema verwendet wird" (S. 24), und so beginnt ihr Buch mit einer "Kritik der klassischen Alternsforschung" (Kap. 1). Und die hat nach Einschätzung der Autorin bislang gründlich versagt, das Alter verständlich zu machen, weil sie vor allem "von Jüngeren durchgeführt" wird, "die den Älteren helfen wollen". (S. 20) Schon hier könnte Widerspruch erhoben werden, zumal zwischenzeitlich auch einige der Alternsforscher/-innen in die Lebensjahre vorgestoßen sind, die den Gegenstandsbereich ihrer Untersuchungen ausmachen.

Nach Einschätzung der Autorin gibt es in der Öffentlichkeit "keine vielfältigen Altersbilder", sondern vor allem einen Diskurs, der um Sozialpolitik und um die Frage nach der humanen Verfassung einer Gesellschaft kreist (S. 11). Nähme man diesen Diskurs ernst, so bedeutet dies nach Saake, dass "Sätze über alte Menschen (...) das Etikett (tragen): Bitte nicht ernstnehmen!" (S. 13)

Nach ihrer grundlegenden These kann "Inklusion qua Alter" nur "als Inklusion qua Hilfebedürftigkeit erfolgen" (S. 14). Deshalb forderten Alternsforscher "für das Alter einen Schonraum mit einer asymmetrischen Sprecherposition, weil es jenseits der Hilfebedürftigkeit keinen gemeinsamen Nenner gibt" (S. 15). Und so seien "Argumentationsschleifen entstanden, in denen immer wieder die negativen Seiten in den Vordergrund gerückt werden, um dann nach Potentialen und Ressourcen eines positiven Alters zu suchen." (S. 20) Saake erklärt die Alternsforschung "als Emanzipationsprogramm" für gescheitert (S. 22), weil die Alternsforschung mit ihrem Theorieprogramm weder sehen könne, "dass es alte Menschen gibt, deren Leben jenseits unterstellter Hilfebedürftigkeiten stattfindet," noch erkennen könne, "dass sie alte Menschen als 'unzurechnungsfähige Kinder' anspricht." (S. 24) Diese Kritik freilich ist nicht so neu: In den 80er-Jahren wurde im Rahmen des politökonomischen Ansatzes der Gerontologie das "aging enterprise"(Estes) heftig kritisiert, was hier zu Lande jedoch eher zaghaft zur Kenntnis genommen wurde.

Saakes Vorschlag besteht nun darin, entweder die Alternsforschung durch Forschungen zum Umgang mit Hilfebedürftigen zu ersetzen oder "aging studies" zu implementieren, in denen alte Menschen als "Zeugen ihrer Lebenssituation" installiert werden (S. 24).

Nach dieser Kritik an der "klassischen Alternsforschung" (S. 9-25) spult die Autorin in den folgenden Kapiteln verschiedene Theorieansätze der soziologischen Alternsforschung ab. Im zweiten Kapitel (Das Alter und seine Funktion) wird zunächst Talcot Parsons mit seinen, wie die Autorin selber formuliert, "vergleichsweise spärlichen Äußerungen zum hohen Alter" (S. 27), ein verhältnismäßig breiter Raum (S. 27-43) zugestanden, den sie mit der theoretischen Grundlegung des strukturfunktionalen Ansatzes legitimiert. Es folgen die Auseinandersetzungen mit Eisenstadts Altersstufenmodell, Schelskys "Paradoxien des Alters", Tartlers Überlegungen zum Alter in der modernen Gesellschaft und Woll-Schumachers Konzept der Desozialisation (S. 27-69). Warum ausgerechnet der in ihrer Dissertation noch eingefügte Abschnitt über Mannheims Generationenansatz in der Neuauflage dem Rotstift zum Opfer fiel, erscheint mir wenig nachvollziehbar, weil gerade der geeignete Anknüpfungspunkte für die von der Autorin angestrebte kultursoziologische Öffnung der Alternsforschung bietet.

Diesen älteren Ansätzen aus der soziologischen Alternsforschung folgt dann unter dem Rückgriff auf Studien der sozialanthropologischen und historischen Alternsforschung eine in die Logik der Systemtheorie gepresste Nachzeichnung der Entstehung der Altersphase in segmentären, stratifizierten und funktional differenzierten Gesellschaften (S. 70-118).

Im dritten Kapitel (Das Alter und seine Definition) stellt die Autorin den auf dem "Social competence and breakdown"-Ansatz von Kuypers und Bengtson sowie auf Goffmans Stigma-Theorie aufbauenden Etikettierungsansatz von Hohmeier vor (S. 119-141) und rückt ihn in den Kontext der systemtheoretischen Zentrum/Peripherie-Differenzierung. Im zweiten Teil dieses Kapitels wird dann die Konstruktion der Altersbilder auf den Ebenen der Gesellschaft, Interaktion und Organisation aufgezeigt. Hier zeigt die Autorin, wie Alter in verschiedenen Teilsystemen (Wissenschaft, Medizin, Politik, Wirtschaft, Recht, Kunst, Religion, Familie, Erziehung) kommuniziert und konstruiert wird (S. 148-159). Unter Rückgriff auf die Überlegungen von Gubrium und Hirschauer zeigt sie sodann, wie das Alter interaktiv wahrgenommen und signifiziert wird (S. 159-168). Abschließend versucht sie anhand ihrer eigenen empirischen Untersuchungen zu verdeutlichen, wie in den Organisationen des Altenheims und der Sozialstation über das Alter entschieden wird (S. 168-193), bevor ein Exkurs über das "Alter des Körpers" (S. 193-196) das drittel Kapitel abschließt.

Kapitel vier (Das Alter und seine Identität) nimmt die Konzepte der 80er-Jahre in den Blick. Im Rekurs auf die Studien von Kohli, Lehr und Thomae wird der Fokus auf den individuellen Lebensverlauf, auf den Ruhestand, die personale Identität im Alter und auf die biographische Verarbeitung des Alterns gerichtet (S. 197-227). Sodann wird die biographische Identität im Anschluss an Nassehis systemtheoretische Überlegungen zur Biographie als selbstreflexive Selektion zur Sinnproduktion gefasst (S. 228-256). Dabei ist schon erstaunlich, dass in diesem auf die Identität fokussierten Kapitel auf die Darstellung der identitätstheoretischen Ansätze der Kontinuitätstheorie (Atchley) und vor allem auf die auf der Folie der Meadschen Identitätstheorie basierenden Mask-of-Ageing-Konzepte (Featherstone, Hepworth; Biggs) verzichtet wird.

Im Schlusskapitel zur "Sichtbarkeit des Alters. Alternsforschung als Inklusionsforschung" (S. 257-272) stellt Saake dann fest, dass "der kleinste gemeinsame Nenner der großen Gruppe alter Menschen die Problematik eines fehlenden gemeinsamen Sinnhorizonts ist." (S. 263) Die Erkenntnis, dass es nicht mehr ein Altersbild, sondern plurale Altersbilder gibt (S. 265), klingt wenig spektakulär und ist zwischenzeitlich wohl stärker verbreitet als die Autorin annimmt. Und auch die systemtheoretische Lesart, dass Altersbilder "als Resultat selbstreferentieller Zusammenhänge in Funktionssystemen, Organisationen und Interaktionen (entstehen) und (...) sich nicht generalisieren (lassen)" (S. 265), klingt nicht nach einer erkenntnistheoretischen Revolution. Dass Alter(n) und Alter(n)sbilder immer auch soziale Konstruktionen sind, dürfte in der Alternsforschung kaum bestritten werden. Insofern ist Saakes an die Alternsforscher gerichteter Appell, nicht nach dem richtigen Bild des Alters zu suchen, sondern sich dafür zu "interessieren, unter welchen Bedingungen welche Altersbilder entstehen" (S. 268), durchaus richtig, nur eben nicht neu.

Kommentar

Saakes Buch "Die Konstruktion des Alters" ist als Lehrbuch in der Reihe "Hagener Studientexte zur Soziologie" erschienen. Gleichsam handelt es sich hierbei jedoch auch um die neu aufgelegte und mit zwei neuen Kapiteln versehene Dissertation der Autorin (s.o.). Das lädt zu zwei Kommentaren zu ein und demselben Buch ein: einmal zur Dissertation, und einmal zum Lehrbuch.

Als Dissertation ist die Schrift insofern interessant, weil hier in einem systemtheoretischen Ansatz gezeigt wird, wie sich der problematisierende Zugang zum Thema "Alter" in der funktional differenzierten Gesellschaft vor allem der "Auffälligkeit dieser Personengruppe durch die demographische Transition und dem eher vormodernen Interesse an einer Funktionalisierung dieser Gruppe (verdankt)" und unter dem Zukunftsaspekt behandelt wird. Der Autorin erscheint eine Instrumentalisierung der Lebensphase Alter in modernen Gesellschaften für gesamtgesellschaftliche Zwecke nicht mehr möglich, weil sich die Bedeutung des Alters nicht mehr im Vergleich mit anderen Lebensgruppen entschlüsseln lässt. Vielmehr wird das Alter über die Inklusionsmöglichkeiten der sozialen Systeme spezialisiert, insofern in ihnen "'altersspezifische' Zugriffe" entstehen, die das Phänomen Alter neu konstruieren. Einer solchen Lesart folgend erscheint das Alter als eine sinnhafte Selektion resp. als eine "sinnhafte Ressource" und der Alternsdiskurs (als Kommunikation über das Alter) als ein Bestreben, das individuelle Altern mit Sinnangeboten zu versehen. In einer funktional differenzierten Gesellschaft wird das Alter auf den verschiedenen Systemebenen (Interaktions-, Organisations- und Gesellschaftsebene) jeweils systemlogisch in entsprechende Kommunikationszusammenhänge gesetzt. D.h., dass in einer modernen Gesellschaft, in der es keine allgemein gültigen Sinnangebote mehr gibt, zwar auf allen gesellschaftlichen Ebenen Vorstellungen vom Alter (Alterssemantiken) existieren, diese aber auf Grund der unterschiedlichen Beobachterperspektiven nicht mehr miteinander verglichen werden können. Damit verliert zwar die Kategorie Alter an Kontur, behält aber ihre Anschlussfähigkeit an andere Themengebiete. Denn es geht nicht mehr um die Frage, was Alter ist oder wie gealtert wird, sondern darum, wie Alter kommuniziert wird. Insofern müsste der Titel des Buches nicht "Die Konstruktion des Alters", sondern die "De-Konstruktion des Alters" lauten.

Was wir auch immer unter Alter, Altern, Altsein oder Altwerden verstehen, ist in irgendeiner Form sozial konstruiert und ein durch und durch soziales Produkt. Vorstellungen über Alter und Altsein gibt es zu Haufe - vermeintlich richtige oder falsche, alltägliche, wissenschaftliche, wissenschaftlich veralltäglichte usw. Und dementsprechend mangelt es auch nicht an Kommentaren, Berichten und Forschungen zu diesen und über diese Vorstellungen. Und in einer endlosen Schleife werden diese Forschungen, Berichte und Kommentare von der Wissenschaft neu beforscht und - medial gefiltert - im Alltag neu interpretiert. So entsteht nicht nur eine ständige Anschlussfähigkeit an den Alternsdiskurs, es werden auch stets neue Altersbilder konturiert, die nun ihrerseits nicht nur Abbildungen alltäglicher, medial inszenierter oder wissenschaftlicher Altersvorstellungen sind, sondern gleichsam Wirklichkeit erzeugen, weil sie als angenommene oder abgelehnte Deutungsmuster in die alltägliche Praxis greifen.

Aus der philosophischen Anthropologie (Plessner, Cassirer) wissen wir schon seit längerer Zeit, dass der Mensch seine Umwelt stets vermittelt wahrnimmt und dass Beobachtungs- und Wahrnehmungsprozesse selber auch immer Formungsprozesse sind. Und so heißt das eben auch, dass das Alter immer erst durch den Beobachter seine Form erhält. Das heißt aber auch, dass ein wie auch immer gefasster Begriff (nicht nur der des Alters oder der Altersbilder) stets mehr bedeutet als das, was er zu sein scheint.

In modernen Gesellschaften werden die kulturellen Formen des Alterns immer differenzierter und komplexer, die Umwelten werden immer undurchsichtiger, zumal sie für jeden Einzelnen unterschiedlich sind, was dann auch heißt, dass sie einem Beobachter als Umwelten anderer Formen gar nicht zugänglich sind. Und jeder der "von der Umwelt eines anderen spricht, konstruiert, er beschreibt also nicht eine tatsächliche Umwelt des anderen, sondern das, was er selbst beobachtet" (Voss). Radikal formuliert wäre auch davon zu sprechen, dass ein Beobachter seine Umwelt beobachtet, ohne wirklich zu begreifen, was er beobachtet. Er mag seine Umwelt erahnen und diese Ahnung mit Begriffen und Symbolen belegen. Doch bereits im Moment der begrifflich-symbolischen Bearbeitung des Beobachteten wechselt das Beobachtete seine Form. Das dynamische Geschehen gerinnt zur vergegenständlichten Form. Es wird nicht das Ganze, sondern allenfalls die Summe seiner Teile wahrgenommen und weiter bearbeitet. Es bleiben "blinde Flecken", die dann nur aus einer Beobachtung höherer Ordnung erkennbar sind, aber auch die Beobachtung der Beobachtung hinterlässt ihre eigenen "blinden Flecken". Und so entsteht ein wissenschaftlicher Diskurs, in dem wissenschaftliche Beobachter über ihre wissenschaftlichen Beobachtungen kommunizieren und dabei gleichsam ein wissenschaftliches Artefakt konstruieren, das für die Beteiligten durchaus real erscheint. Doch diese "künstliche Realität" ist eine reduzierte Realität mit "blinden Flecken", geschaffen aus der verengten Perspektive eigener Beobachtungen. Das Beobachtete wird durch Erfahrungsakte - also empirisch - und Begriffsbildungen - also symbolisch - geformt und von anderen Formen abgegrenzt. Das Ergebnis ist dann der wissenschaftlich vermittelte Eindruck von Formen mit real existierender Konstanz - so auch beim Altern.

Einschätzung

Ganz abgesehen davon, wie man dazu stehen mag, ein Buch unter verändertem Titel ein zweites Mal auf den Markt zu werfen, ohne hinreichend deutlich gemacht zu haben, dass es sich hierbei um geringfügig modifizierte und weniger um "gründlich überarbeitete Theorie-Studien" (wie uns die Autorin zu verkaufen versucht, Anm. 1, S. 8) des alten Buches handelt, bleibt es ein keckes Unterfangen, eine Dissertation als einführendes Lehrbuch zu Markte zu tragen. Eine systemtheoretische Doktorarbeit mit spezifischer Fragestellung und z.T. weit reichender Theorieexegese eignet sich kaum für diese Zwecke. Die für eine wissenschaftliche Qualifikationsarbeit erforderlichen Nachweise und Herleitungen wirken in einer Einführung dann doch eher als verzichtbarer Ballast. Zudem beschränkt sich die im Untertitel versprochene "gesellschaftstheoretische Einführung in die Alternsforschung" auf die spezifische Sichtweise der Systemtheorie. Ein theoriegeleitetes Lehrbuch sollte schon etwas über diese Engführung hinausgehen und auch andere Theorieofferten in den Blick nehmen. Insofern haben wir es hier nicht mit einer gesellschaftstheoretischen Einführung in die Alternsforschung, sondern mit einer systemtheoretischen Studie zur Dekonstruktion von Alterssemantiken zu tun. Ein solcher ehrlich klingender Untertitel lockt jedoch weniger die avisierte Leserschaft von Studierenden der Soziologie, Erziehungswissenschaft, Pflegewissenschaft und in der Pflegeausbildung an.

Seit dem Erscheinen von Saakes Dissertation sind zwischenzeitlich fast zehn Jahre vergangen, die Alternsforschung ist seitdem nicht zum Erliegen gekommen. Das wird von Saake zwar nicht behauptet, doch man könnte diesen Eindruck leicht gewinnen, weil so gut wie keine neuere Literatur eingearbeitet wurde. Der sich ebenfalls in der bereits angesprochenen Fußnote findende Hinweis darauf, dass die sozialpolitischen Studien zur "Lebenslage Alter" nicht berücksichtigt wurden, weil sie sich nach Einschätzung der Autorin nicht mit der Frage nach dem gesellschaftlichen Kontext von Altersthematisierungen auseinandersetzen, ist keine überzeugende Argumentation für die Nichtberücksichtigung neuerer Überlegungen. Allein im deutschsprachigen Raum sind in der mittlerweile 13 Bände umfassenden wissenschaftlichen Reihe "Alter(n) und Gesellschaft" im VS-Verlag für Sozialwissenschaften verschiedene Beiträge erschienen, die in den "gesellschaftlichen Kontext von Alternsthematisierungen" zu stellen sind. (Interessanterweise wird daraus nur ein Beitrag im Literaturverzeichnis ausgewiesen, nämlich der, in dem Saake selber das Wort ergreift). Ganz unabhängig davon sind - und das nicht erst seit dem Erscheinen von Saakes Dissertation im Jahre 1998 - verschiedene Theorieofferten angeboten worden (u.a. politisch-ökonomischer Ansatz, diverse Ansätze aus der sog. Kritischen Gerontologie, Gerotranszendenz, feministische Ansätze, tauschtheoretische Ansätze, Altersstratifikationsansatz, Lebensstil- und Lebensführungsansätze, Globalisierungsansatz, diskursanalytischer Ansatz, Mask-of-Ageing-Ansatz, Ageless-Self-Ansatz usw.), die - wie auch immer man die einzelnen Ansätze bewerten mag - in einer "gesellschaftstheoretische(n) Einführung in die Alternsforschung" nicht ignoriert werden dürfen. Insofern ist es schon verwunderlich, dass - ob nun in einer wissenschaftlichen Qualifikationsarbeit oder in einem Lehrbuch über "Die Konstruktion des Alters" - so grundlegende Werke wie z.B. Greens "Gerontology and the Construction of Old Age" (1993) oder Hazans "Old Age: Constructions and Deconstructions" (1994) gar nicht zur Kenntnis genommen wurden. Auch den von Biggs u.a. herausgegebenen Band "The Need for Theory: Critical Approaches to Social Gerontology" (2003) sucht man bei Saake vergebens.

Ärgerlich genug, dass einige zentrale Theorieansätze vollkommen unberücksichtigt bleiben, völlig unerklärt bleibt jedoch, dass auch jene Studien, die sich explizit mit der von der Autorin gewählten Fragestellung der (De-)Konstruktion von Altersdiskursen beschäftigen, entweder gar nicht (neben den o.g. u.a. Featherstone/Hepworth: "Images of Aging", 1995; Filipp/Mayer: "Bilder des Alters", 1999) berücksichtigt oder nur in einer nachträglichen Flickschusterei (u.a. Göckenjan: "Das Alter würdigen: Altersbilder und Bedeutungswandel des Alters", 2000; Katz: "Disciplining Old Age: The Formation of Gerontological Knowledge", 1996) in Form eins namedropping aufgegriffen wurden. Es ist befremdlich, dass eine Studie, die den Anspruch erhebt, die alternstheoretischen Beiträge "auf der Basis einer kultursoziologischen Argumentation" zusammenzuführen (S. 8), nicht nur a) eine höchst selektive Theorieauswahl vornimmt, sondern auch b) die zumal für den eigenen gewählten Ansatz zentralen konstruktivistischen und diskursanalytischen Studien nicht bzw. nur höchst oberflächlich zur Kenntnis nimmt und c) die Arbeiten zur Kulturellen Gerontologie (u.a. Gilleard/Higgs: "Cultures of Ageing", 2000; Anderson: "Cultural Gerontology", 2002; Katz: "Cultural Aging", 2005) einfach ignoriert.

Fazit

Als "gesellschaftstheoretische Einführung in die Alternsforschung" ist das vorliegende Buch kaum geeignet, weil es aus der spezifischen Fragestellung und im Duktus einer (systemtheoretisch angelegten) Dissertation verfasst ist und zudem neuere und zentrale Theorieangebote schlicht ignoriert.

In Abänderung des Titels eines Aufsatzes von Saake, in dem sie einige zentrale Gedanken ihrer Dissertation unter der Überschrift "Wenig Neues vom Alter" zusammentrug, mag man dieses Werk dann auch ketzerisch unter der Formel "Wenig Neues von Saake" zusammenfassen.

Rezension von
Prof. Dr. habil. Klaus R. Schroeter
Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) Hochschule für Soziale Arbeit, Institut Integration und Partizipation Professur für Altern und Soziale Arbeit
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Es gibt 12 Rezensionen von Klaus R. Schroeter.

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Zitiervorschlag
Klaus R. Schroeter. Rezension vom 08.03.2007 zu: Irmhild Saake: Die Konstruktion des Alters. Eine gesellschaftstheoretische Einführung in die Alternsforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. ISBN 978-3-531-14677-5. Reihe: Hagener Studientexte zur Soziologie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3387.php, Datum des Zugriffs 20.03.2023.


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