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Agathe Israel (Hrsg.): Abstinenz als Zugang zum inneren Erleben

Rezensiert von Prof. Dr. Klaudia Winkler, 02.04.2026

Cover Agathe Israel (Hrsg.): Abstinenz als Zugang zum inneren Erleben ISBN 978-3-8379-3390-1

Agathe Israel (Hrsg.): Abstinenz als Zugang zum inneren Erleben. Jahrbuch für teilnehmende Säuglings- und Kleinkindbeobachtung 2025. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2025. 173 Seiten. ISBN 978-3-8379-3390-1. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
Reihe: Jahrbuch für teilnehmende Säuglings- und Kleinkindbeobachtung.

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Thema

Eine teilnehmende Beobachtung von Säuglingen (nach Esther Bick) muss zu Beginn der Ausbildung zur:zum Analytischen Kinder‑ und Jugendlichen Psychotherapeut:in am „Institut für Analytische Kinder‑ und Jugendlichen Psychotherapie – Esther Bick – (IaKJP)“ durchgeführt werden. Sie zielt darauf ab, angehenden Psychotherapeut:innen tiefgreifende Einblicke in die psychische Entwicklung des Babys und die sich entwickelnden Eltern-Kind-Dynamiken zu vermitteln. Der vorliegende 5. Band (2025) ist dem therapeutischen Prinzip Abstinenz gewidmet.

Herausgeber:in

Dr. med. Agathe Israel ist Fachärztin für psychotherapeutische Medizin, Psychiatrie/​Neurologie und Kinder‑ und Jugendpsychiatrie, Psychoanalytikerin für Erwachsene, Kinder und Jugendliche (VAKJP), Lehranalytikerin (DGPT) und Supervisorin sowie Dozentin am Institut für analytische Kinder‑ und Jugendlichen-Psychotherapie – Esther Bick in Berlin. Autorinnen: Die weiteren Beiträge im Jahrbuch stammen von: Gertrud Diem-Wille, Jeanne Magagna, Hale Usak und Lisa Wolff.

Entstehungshintergrund

Das seit 2021 jährlich erscheinende Jahrbuch für teilnehmende Säuglings‑ und Kleinkindbeobachtung greift jeweils unterschiedliche Aspekte der Säuglings‑ und Kleinkindbeobachtung nach Esther Bick auf. Während im ersten Band des Jahrbuchs die Rolle der Ausbildungskandidat:innen als beobachtendes und beobachtetes Objekt im Mittelpunkt stand, konzentrieren sich die Beiträge in Band 2 „Wie eine Säuglingsbeobachtung beginnt“ (2022) auf bewusste und unbewusste Motive von Eltern, die einer teilnehmenden Beobachtung ihres Kindes während der ersten beiden Lebensjahre durch eine:n Ausbildungskandidat:in zustimmen. Im dritten Band (2023) „Vom phantasmischen Kind zum realen Baby“ liegt der Fokus auf den Spuren, die Pränatalzeit und Geburtsverlauf in den ersten beiden Lebensjahren hinterlassen. Im 4. Band geht es um die Beobachtungssituation an sich: „Beobachten lernen – ein kreativer Prozess“. In dem der Rezension zugrunde liegenden 5. Band konzentrieren sich die Beiträge auf das in der psychoanalytischen Behandlung geltende Verständnis von Abstinenz.

Inhalt

Abstinenz, ein wesentliches Element psychodynamisch-psychotherapeutischen Handelns, wird in den Beiträgen des vorliegenden 5. Bandes des Jahrbuchs für Säuglings‑ und Kleinkindbeobachtung daraufhin untersucht, wie diese im Rahmen von Säuglingsbeobachtungen umgesetzt werden kann. Einleitend skizziert die Herausgeberin Agathe Israel die Herkunft des Abstinenzbegriffs in der Freud’schen Psychoanalyse, verortet den Abstinenzbegriff in der Psychoanalyse der Gegenwart und zeigt auf, welche Bedeutung Abstinenz im Kontext der Säuglingsbeobachtung zukommt. Abstinenz als innere Haltung, die auf eigene Ziele und Absichten verzichtet, sich von der inneren Welt der Patient:innen berühren lässt, ermöglicht es den Ausbildungskandidat:innen, sich als beobachtendes und beobachtetes Objekt wahrzunehmen und frühe emotionale Kommunikationsformen und Affekte im triadischen System der Familie zu reflektieren. Um während der Säuglingsbeobachtungen umgesetzt zu werden, ist jedoch aus Sicht der Autorin eine Anpassung des Abstinenzbegriffs und damit der Abstinenzforderung nötig: Abstinenz muss hier als interpersonales Interaktionsgeschehen im Hier und Jetzt (S. 13) begriffen werden.

In den Beiträgen im Jahrbuch zeigen die Autorinnen unterschiedliche Perspektiven im Umgang mit Abstinenz in der teilnehmenden Säuglingsbeobachtung auf. Lisa Wolff (Analytische Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapeutin, Supervisorin, Dozentin am Institut für analytische Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapie Esther Bick in Berlin) arbeitet die Chancen, die Abstinenz – i. S. von bewusster Zurückhaltung, Nicht-Eingreifen, Offenlassen – im Rahmen der Säuglingsbeobachtung bewirken kann, heraus. Besondere Erfahrungen werden durch diese abstinente Haltung möglich, Denk‑ und Fühlräume werden geschaffen. Gerade weil auf konventionelle Verhaltensweisen beim Besuch der Beobachtungsfamilien verzichtet wird, kann Raum für Erfahrungen und Übergangsphänomene geschaffen werden. Die innere abstinente Haltung ermöglicht einerseits das Aufkommen unbewusster Inhalte bei den Beobachtenden, bietet aber gleichzeitig einen inneren Bezugspunkt, der vor dem Überflutetwerden schützt und für das Verstehen zentral ist. Lisa Wolff veranschaulicht anhand eigener Beobachtungen, wie herausfordernd es sein kann, den Anspruch äußerer und innerer Abstinenz während der Säuglingsbeobachtung aufrechtzuerhalten.

Wie diese Haltung nicht nur während der Beobachtung, sondern auch im Rahmen der Diskussion in der Supervisionsgruppe eingenommen werden kann, stellt Jeanne Magagna (an der Tavistock Clinic als Kinder-, Erwachsenen‑ und Familientherapeutin ausgebildet, mit langjähriger Erfahrung in Lehre und Therapie) in den Mittelpunkt ihres Beitrags „Die Orchestrierung von Abstinenz oder eine einfühlsam verstehende Säuglingsbeobachtungsgruppe aufbauen“. Um die intuitiven Übertragungen und Gegenübertragungserfahrungen in der Gruppe für ein tieferes Verständnis des Beobachtenden zu nutzen, ist die durchgängig emotional abgestimmte psychoanalytische Haltung der Leitung erforderlich. Die Forderung nach Abstinenz gilt auch für die Arbeit mit der Gruppe. Der:die Leiter:in verzichtet auf direkte Anweisungen, verzichtet auf Bewertungen, Interpretation, Projektion. Seine:ihre vordringlichste Aufgabe besteht darin, Raum zu schaffen, in dem Denken stattfinden kann. Diese explizit aufnehmende Funktion der Seminarleitung ermöglicht es den Beobachtenden, ihre Verletzlichkeit zu zeigen, gemeinsam mit der Gruppe die Bedeutung der Beobachtung zu erkennen. Wie gehen Beobachter:innen mit der Abstinenzforderung um, wenn sich während der Beobachtung herausstellen sollte, dass die Entwicklung des Babys durch eine pathologische Familiendynamik beeinträchtigt wird? Wäre es ethisch vertretbar, weiterhin die äußere Abstinenz aufrechtzuerhalten? Die Haltung der Autorin ist eindeutig: Es besteht die ethische Verpflichtung, das Wohl des Kindes zu schützen. Weiterhin teilnehmend zu beobachten und lediglich die emotionalen Erfahrungen des Babys und der Familienmitglieder mitfühlend zu verstehen, kann in solchen Situationen nicht weitergeführt werden (S. 68). Der Wechsel von der teilnehmenden Beobachtung zur therapeutisch-teilnehmenden Beobachtung muss aus ethischen Gründen ernsthaft in Erwägung gezogen werden. Therapeut:innen sind angesichts solcher – für den Säugling belastenden Situationen – gefordert, subtil einzugreifen, aber gleichzeitig die reflektierte, nicht aufdringliche Haltung beizubehalten.

Abstinente Haltung der teilnehmenden Säuglingsbeobachtung kann auch dazu beitragen, frühe Geschwisterbeziehungen zu verstehen. Agathe Israel (Psychoanalytikerin für Erwachsene, Kinder und Jugendliche (VAKJP), Lehranalytikerin (DGPT) und Supervisorin sowie Dozentin am Institut für analytische Kinder‑ und Jugendlichen-Psychotherapie – Esther Bick in Berlin) führt in ihrem Beitrag aus und verdeutlicht anhand von exemplarischen Beobachtungsschilderungen, wie die Methode der teilnehmenden Säuglingsbeobachtung Einblicke in die Beziehung zwischen dem Baby und älteren Geschwistern erlaubt. Beobachter:innen sind in Familien mit Geschwisterkindern oft besonders gefordert, ihre abstinente Haltung angemessen aufrechtzuerhalten – sie werden von Geschwisterkindern angesprochen, in Spielhandlungen einbezogen, an Beobachtungen gehindert. Hier schlägt die Autorin vor, sich darauf zu besinnen, dass Abstinenz eine innere Tätigkeit darstellt, die in der konkreten Situation möglicherweise nicht immer ausgeübt werden kann. Entscheidend ist es, die Gründe für das momentane Unvermögen zur Abstinenz zu reflektieren.

Gertrud Diem-Wille (Univ.-Prof. i. R., Psychoanalytikerin und Lehranalytikerin der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung) hält die Säuglingsbeobachtung für hervorragend geeignet, um das Spannungsverhältnis von Abstinenz und Containment im therapeutischen Prozess zu gestalten und produktiv nutzen zu lernen. Beobachter:innen lernen, sich vom Geschehen während der teilnehmenden Säuglingsbeobachtung emotional berühren zu lassen, nicht aktiv einzugreifen, alles aufzunehmen, emotional zu verarbeiten und dann mit Hilfe von Sprache auszudrücken.

Inhaltlich etwas anders ausgerichtet ist der letzte Beitrag im Jahrbuch. Hale Usak (Psychoanalytikerin in freier Praxis in Innsbruck/Österreich) zeigt die Rezeption psychoanalytischer Ansätze in der Türkei auf, sie beschreibt den langwierigen und aufwendigen Prozess, das Tavistock-Modell in der Türkei einzuführen und die psychoanalytisch teilnehmende Kleinkind‑ und Säuglingsbeobachtung in einer stark traditionsgeleiteten Kultur zu institutionalisieren.

Diskussion

Rezensiert wird Band 5 des Jahrbuchs für teilnehmende Säuglings‑ und Kleinkindbeobachtung nach Esther Bick, eine Aufsatzsammlung, die jeweils unterschiedliche Aspekte der Arbeit am Institut für analytische Kinder‑ und Jugendlichen Psychotherapie – Esther Bick, Berlin, in den Mittelpunkt stellt. Die von Esther Bick (Kinderanalytikerin, 1902–1983) entwickelte teilnehmende Säuglings‑ und Kleinkindbeobachtung stellt einen wichtigen Bestandteil der Ausbildung zum:zur analytischen Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapeut:in dar. Abstinenz zählt zu den zentralen Prinzipien psychoanalytisch-therapeutischen Handelns. Auch im Rahmen der teilnehmenden Säuglings‑ und Kleinkindbeobachtung ist sie daher von besonderer Bedeutung: Sie soll den Beobachtenden den Zugang zum eigenen inneren Erleben ermöglichen, muss aber auch in der konkreten Beobachtungssituation, die in realen Familien in deren häuslichem Umfeld stattfindet, umgesetzt werden. Die Beiträge des Bandes widmen sich daher der Frage, wie die Forderung nach innerer und äußerer Abstinenz umgesetzt werden kann, wenn Familien deutliche Belastungen oder psychopathologische Muster zeigen, wenn Geschwisterkinder die Beobachtungssituation beeinflussen und wie die abstinente Haltung in einfühlend verstehenden Säuglingsbeobachtungsgruppen für Ausbildungskandidat:innen erreicht werden kann. Eine Stärke der Beiträge liegt zweifelsohne darin, dass die Autorinnen Einblick in konkrete Beobachtungssituationen, deren Reflektionen sowie die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen ermöglichen. Für Leser:innen, die selbst keine Säuglingsbeobachtungen nach Esther Bick durchführen und dies auch nicht planen, ist der Erkenntnisgewinn möglicherweise begrenzt. Die eigentliche Zielgruppe – bereits aktive oder künftige Ausbildungskandidat:innen – sowie in diesem Bereich Lehrende können zweifellos wertvolle Einsichten und praktische Anregungen aus den Beiträgen erhalten.

Fazit

Im fünften Band des Jahrbuchs für teilnehmende Säuglings‑ und Kleinkindbeobachtung steht die Frage nach der Bedeutung und der praktischen Umsetzung von Abstinenz als Zugang zum inneren Erleben im Zentrum. Das Jahrbuch richtet sich vorrangig an aktive oder zukünftige Ausbildungskandidat:innen, die sich im Rahmen einer psychodynamischen Weiterbildung zur Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapeut:in mit der Methode der Säuglingsbeobachtung nach Bick befassen sowie deren Dozent:innen. Da die theoretischen Hintergründe des psychodynamischen Ansatzes sowie die methodischen Grundlagen nicht systematisch entfaltet werden, dürfte der Erkenntnisgewinn für Leser:innen außerhalb dieses spezifischen Ausbildungs‑ und Arbeitskontextes begrenzter ausfallen.

Rezension von
Prof. Dr. Klaudia Winkler
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg, Fakultät für Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften, Lehrgebiete Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie
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Es gibt 25 Rezensionen von Klaudia Winkler.

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ISSN 2190-9245