Thomas Abel (Hrsg.): Handbuch der Objektbeziehungspsychologie
Rezensiert von Sebastian Kron, 20.03.2026
Thomas Abel (Hrsg.): Handbuch der Objektbeziehungspsychologie.
Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG
(Gießen) 2025.
2., korrigierte Auflage.
364 Seiten.
ISBN 978-3-8379-3458-8.
D: 59,90 EUR,
A: 61,60 EUR.
Reihe: Psychodynamische Therapie.
Thema und Entstehungshintergrund
Die Objektbeziehungstheorie ist eine der modernsten, psychoanalytischen Sichtweisen, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen und Beziehungsgefüge geht. Sie ist im weitesten Sinne aus der Trieblehre Sigmund Freuds hervorgegangen und grenzt sich durch ihre nicht rein biologische Sichtweise von dieser ab. Die moderne Tiefenpsychologie entsprang drei wesentlichen Hauptströmungen:
- der Psychoanalyse Sigmund Freuds
- der Analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs und
- der Individualpsychologie Alfred Adlers
Alle diese Strömungen brachten fundamentale Überlegungen in das heutige, psychodynamische Denken und Handeln ein.
Herausgeber:innen
Thomas Abel ist Psychoanalytiker, Lehranalytiker, Supervisor sowie Therapeut für Transference-Focused-Psychotherapy (TFP) und Psychodynamisch-imaginative Traumatherapie (PITT). Neben der Herausgeberschaft, die selbst Beiträge in dem vorliegenden Sammelband veröffentlicht hat, arbeiteten 21 weitere Autor:innen an dem vorliegenden, wissenschaftlichen Fachbuch mit.
Aufbau
In der zweiten und korrigierten Auflage des vorliegenden Werkes werden 26 verschiedene Denkstile der Objektbeziehungspsychologie umrissen. Die Einleitung wird durch eine theoretisch fundierte Diskussion zum Objektbeziehungsbegriff und der Psychologie zu hiesigem abgedeckt. Den Abschluss des Buches bilden neuere objektbeziehungstheoretische Überlegungen. In den 26 oben genannten Kapiteln werden zumeist biografische Meilensteine der jeweiligen Wissenschaftler:innen, die sich historisch und in einem aktuelleren Rahmen mit der Objektbeziehungspsychologie befassten, umrissen. Anhand dieser biografischen Meilensteine wird der Bogen zu den eigens entworfenen Theorien geschlagen.
Inhalt
Ausgehend von den einleitenden Diskussionen zum Objektbeziehungsbegriff thematisiert das Buch eine Reihe wissenschaftlicher Überlegungen zu dieser psychoanalytisch fundierten Theorie. Dabei werden auch Modelle und Auffassungen diskutiert, deren Wissenschaftler:innen oft in Vergessenheit geraten sind (z.B. Paula Heimann, Horst-Eberhard Richter oder Jessica Benjamin). Außerdem befasst sich das Buch unter anderem mit Überlegungen Alfred Adlers, der nicht zwangsläufig dem objektbeziehungstheoretischen Paradigma zuzuordnen ist, der jedoch den Menschen als soziales Wesen definiert hat. Zentrale Begrifflichkeiten, die im Rahmen des vorliegenden Werkes immer wieder eine große Relevanz einnehmen und die diese Theorien nachhaltig prägen, sind Überlegungen zum Liebe-, Hasskonflikt, zur Familie als wesentliches gruppendynamisches System, zur Identitätsbildung und zum Ansatz der Diskussion über die Objektrepräsentanzen. Im Folgenden werden Theorien und Ansätze aufgegriffen, die ich für elementar für die Objektbeziehungspsychologie halte und die daher auch prädestiniert für das vorliegende Werk darin aufgegriffen wurden:
a.) Liebe, Hass und der zentrale Konflikt zwischen Zuneigung und Ablehnung
b.) Die projektive Identifikation als Ausgangsform, Menschen beeinflussbar zu machen
c.) Die Spaltung von „guten“ und „bösen“ Objekten und der Bezug zu den Objektrepräsentanzen
d.) Das Modell der inneren Objekte und der Bezug zu imaginären Vorstellungen von Objektbeziehungen
e.) Die Bindungstheorie als Ausgangspunkt einer gelingenden Dynamik im Rahmen der Objektbeziehungspsychologie
Der Liebe‑ und Hasskonflikt ist eine zentrale konfliktbehaftete Auseinandersetzung mit der eigenen Welt, mit den individuellen Gefühlen, Sehnsüchten, gleichzeitig aber auch mit der besonderen Dynamik, Liebe und Hass als Elemente zu sehen, die sich in Zugewandtheit, aber auch in der „Loslösung“ und in der Selbstfindung verstehen. Er ist unerlässlich für das Individuum, um zu lernen, eine gute Beziehung zu erfahren, sich jedoch auch von den Bezugspersonen abzulösen und als eigenständiges, individuelles Wesen heranzuwachsen und zu reifen. Seinen Ursprung hat der Liebe‑ und Hasskonflikt im weitesten Sinne in der Dynamik der von Sigmund Freud entwickelten Triebtheorie, wobei das vorliegende Werk Zu‑ und Widerspruch verschiedener Hypothesen gegenüber Sigmund Freuds Verständnis deutlich macht und in individueller Ausprägung auf Begrifflichkeiten von Zuneigung/​Liebe und Autonomie/Ablösung eingeht. Dieser Konflikt beschreibt darüber hinaus den Grundkonflikt, Bindung und Beziehung durch die Emotion Hass/Aggression einzufordern, und scheint sich dabei als eine wesentliche Abgrenzung zu Sigmund Freuds Todestrieb definierbar zu machen.
Ein weiterer Begriff, der im Rahmen unterschiedlicher Theorien immer wieder eine besondere Bewandtnis hat, ist die projektive Identifizierung (zusammengesetzt aus dem Abwehrmechanismus Projektion: der Übertragung von Eigenschaften und Anteilen des Selbst nach außen und der Identifikation: der charakterlichen Übernahme von Eigenschaften). Die projektive Identifizierung geht hauptsächlich auf Melanie Klein zurück und beschreibt die Übertragung eigener Eigenschaften auf eine andere Person, mit dem Ziel, dass sich der:die Gegenüber passend dieser Eigenschaft verhält, sich dieser annimmt und mit dieser identifiziert. Die projektive Identifizierung wird dabei als Instrument verstanden, das Objekt, wenn auch unbewusst, „lenkbar“ zu machen. Sie gehört zu einer komplexeren, wenn nicht zwangsläufig „reiferen“ Form der Schutzmaßnahmen des Ichs, die unbewusst ablaufen, und verfolgt das Ziel, Beziehungen in eine Dynamik zu kehren, die zum Nutzen der eigenen Persönlichkeit ausgelegt werden kann.
Ebenfalls beflügelt das Buch Theorien, die sich mit der Entstehung einer individuellen Sozialisation mit Bezug auf „gute“ und „böse“ Objekte beschäftigen, die eine Verbindung auf die Spaltungstheorie Melanie Kleins und daher zu objektbeziehungstheoretischen Überlegungen herstellen. In der frühen Kindheit definieren junge Wesen aus einer zuvor evolutionär vorgegebenen, instinktiven Intrusion die Welt und andere Wesen als gute Objekte zu sehen. Der entwicklungspsychologisch wichtige Schritt, zwischen guten und bösen Objekten zu unterscheiden, ist notwendig, differenziert, dennoch positiv Beziehungen einzugehen und darüber hinaus die eigene Identität, mitunter aller Emotionen, Affekte und Stimmungslagen weiterzuentwickeln. Das Modell der Objektrepräsentanz zehrt von der Spaltungstheorie und zeigt demnach auf, wie sich das Selbst eine gelungene Objektbeziehung vorstellt und welche Qualität diese Beziehung haben kann.
Ein weiterer wichtiger Baustein, gelingende Objektbeziehungen aufzubauen, ist das Modell der inneren Objekte. Dieses beschreibt phantasienahe Vorstellungen einer Objektbeziehung, greift somit Auffassungen und Wünsche auf, die Einfluss auf spätere Objektbeziehungen haben können. Diese Überlegungen waren Ausgangspunkt für Luise Reddemann, die detailliert die Bedeutung imaginärer, innerer Anteile zentralisiert betrachtet und sich damit anlehnend an Sándor Ferenczis „Identifikation mit dem Aggressor“ aus der Traumatherapie ein Konstrukt erarbeitet, bei dem internalisierte Ich-Anteile als innere Repräsentanz eine Rolle spielen.
Ein weiterer, wichtiger Aspekt, den ich für die Objektbeziehungstheorie als eine Hypothese der Beziehung des Selbst zu einem dynamischen Anderen als wichtig erachte und der auch in dem vorliegenden Werk umschrieben wird, ist die Bindungstheorie. Diese geht auf John Bowlby und Mary Ainsworth zurück. Mary Ainsworth entwickelte auf Basis des von John Bowlby definierten Bindungsbegriffs das Konzept der mütterlichen Feinfühligkeit, welches bei genauem Betrachten als wesentliches Element der Entstehung von Bindung und Beziehung für eine gelingende Entstehung objektbeziehungstheoretischer Ansätze definiert werden kann. Es schildert die Bedeutung der prompten Reaktion der Mutter auf diffizile Gefühlslagen des Kindes in Kombination mit einer bedingungslosen Zugewandtheit.
Nachdem nun der Versuch unternommen wurde, zentrale Modelle der Objektbeziehungstheorie definierbar zu machen, möchte ich kurz Themenschwerpunkte benennen, die weiterhin in dem vorliegenden Werk elementar gesehen werden:
a.) Die Objektbeziehungstheorie und die Einordnung in den therapeutischen Diskurs (bezugnehmend auf Margaret Mahler, Otto F. Kernberg, u.a.)
b.) Die (konflikthafte) Identitätsbildung nach Erik Erikson im Diskurs mit der Objektbeziehungstheorie (beschreibt die konflikthafte Auseinandersetzung im Rahmen der entwicklungspsychologischen Identitätsbildung)
c.) Die Bedeutung der Objektbeziehungstheorie bei der Entstehung einer narzisstischen Disposition (v.a. bei Heinz Kohut)
d.) Der rationale Einfluss durch Stephen Mitchell (ist der Versuch der „Rationalisierung“ biologischer Überlegungen in der Objektbeziehungstheorie)
Diskussion
Mittlerweile lassen sich viele psychische Beeinträchtigungen mithilfe der Objektbeziehungspsychologie beschreiben. Otto F. Kernberg ist auf psychoanalytischer Ebene beispielsweise einer der Forschenden, die sich aktiv mit Persönlichkeitsstörungen im Kontext des objektbeziehungstheoretischen Paradigmas auseinandergesetzt haben. Neben Rainer Sachse, der sich jedoch eher kognitiv verhaltenstherapeutisch der Klärungsorientierten Psychotherapie annahm, gilt Otto F. Kernberg als wesentlicher Pionier der tiefenpsychologischen Behandlung schwerer Persönlichkeitsstörungen. Seine Überlegungen zehrten fundamental von objektbeziehungstheoretischen Auffassungen zur Ätiologie und Behandlung dieser psychischen Beeinträchtigungen. Die Soziale Arbeit, als wesentlicher Baustein, Menschen als soziale Wesen wahrnehmbar zu machen, kann von dem vorliegenden Werk insofern profitieren, als dass sie fundamentale Überlegungen interdisziplinär aus hiesigen theoretischen Grundlagen ableitet.
Fazit
Durch das vorliegende Buch wird ein Fundus an wertvollen Informationen zur Objektbeziehungstheorie in einen Diskurs gebracht. Der inhaltliche Teil dieser Rezension und Buchbesprechung soll einen groben Überblick über die Kernelemente dieser psychoanalytisch fundierten Denkrichtung geben. Er wird jedoch nicht die komplexen und bedeutsamen Publikationen des vorliegenden Buches gerecht werden, da das Werk an sich in seiner Komplexität und dennoch kompakten Erörterung objektbeziehungstheoretischer Parameter besticht und daher lesenswert ist.
Rezension von
Sebastian Kron
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