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Sarah Blaffer Hrdy, Thorsten Schmidt (Hrsg.): Mütter und Andere

Rezensiert von Dr. Franziska Sophie Proskawetz, 01.02.2026

Cover Sarah Blaffer Hrdy, Thorsten Schmidt (Hrsg.): Mütter und Andere ISBN 978-3-8379-3429-8

Sarah Blaffer Hrdy, Thorsten Schmidt (Hrsg.): Mütter und Andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2025. 537 Seiten. ISBN 978-3-8379-3429-8. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
Reihe: Sachbuch Psychosozial.

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Thema und Entstehenshintergrund

Was unterscheidet den Menschen von anderen Lebewesen? Was macht ihn so „besonders“? Nach der Anthropologin und Primatologin Sarah Blaffer Hrdy ist es die besondere Form der Kinderaufzucht, die sie als „kooperative Aufzucht“ bezeichnet, die den Menschen auszeichnet und ihn von anderen Lebewesen – darunter auch den Menschenaffen – unterscheidet. Warum aber ist diese „außergewöhnliche“ Form der Aufzucht und die damit verbundene stark ausgeprägte Kooperationsfähigkeit gerade beim Menschen entstanden und nicht bei anderen Primatenarten? Diese zentrale Frage beantwortet Sarah Blaffer Hrdy in ihrer populärwissenschaftlichen Monographie Mütter und Andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat, erschienen 2025 im Psychosozial-Verlag.

Autorin

Sarah Blaffer Hrdy (*1946) ist Anthropologin, Verhaltensforscherin und Primatologin sowie emeritierte Professorin an der University of California. Sie ist insbesondere für ihre bedeutenden Thesen zur Evolutionsbiologie und Soziobiologie bekannt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in neun Kapitel gegliedert, die die Lesenden in die Welt der frühen Hominiden, der Menschenaffen sowie heutiger Jäger- und Sammlergemeinschaften eintauchen lassen. Der Schwerpunkt liegt dabei jeweils auf der Aufzucht des Nachwuchses in diesen Gruppen. Im Folgenden werden die aus meiner Sicht wichtigsten Inhalte der einzelnen Kapitel zusammenfassend dargestellt. Die rund 400 Seiten Fließtext sind mit zahlreichen Bildern und Abbildungen versehen.

Menschenaffen in einem Flugzeug

Die Autorin eröffnet das Buch mit mehreren Gedankenexperimenten. So fragt sie etwa, was geschehen würde, wenn nicht Menschen, sondern Menschenaffen die Passagier:innen eines Flugzeugs wären. Sie schildert ein heilloses und äußerst brutales Durcheinander und stellt diesem Szenario die menschliche Fähigkeit gegenüber, Reflexe wie Wut und Ärger zugunsten von Frieden und gelingendem Miteinander zu unterdrücken. Sarah Blaffer Hrdy arbeitet die evolutionären Vorteile eines solchen sozialen Zusammenlebens heraus: Kooperationsbeziehungen und das damit verbundene Einfühlungsvermögen haben sich im Laufe der Evolution als vorteilhaft für Individuen erwiesen und zählen beim Menschen zu angeborenen Fähigkeiten. Was unterscheidet den Menschen von anderen Lebewesen, insbesondere von den uns so nah verwandten Menschenaffen? Merkmale, die lange Zeit als ausschließlich menschlich galten, entlarvt die Autorin als unzutreffend. Dazu zählen unter anderem der Gebrauch von Werkzeugen, der aufrechte Gang und die Fähigkeit vorauszuplanen, die sich auch bei Menschenaffen beziehungsweise bei Australopithecinen nachweisen lassen. Als zentrales Unterscheidungsmerkmal arbeitet Sarah Blaffer Hrdy hingegen den „ultrasozialen Charakter“ des Menschen heraus, ebenso den „Impuls zum Schenken“ und die ausgeprägte Kooperationsbereitschaft im Vergleich zu anderen Arten. Diese soziale Disposition des Teilens lässt sich weltweit in allen Kulturen beobachten. Exemplarisch verweist die Autorin etwa auf Berichte von Seefahrer wie Kolumbus über ihre Begegnungen mit den Völkern der Neuen Welt. Auch bei weltweit beobachteten Kleinkindern zeigt sich bereits früh eine Bereitschaft zum Teilen. Archäologische Funde belegen zudem, dass Tauschhandel bis zu eine Million Jahre in die Vergangenheit zurückreicht. Schimpansen hingegen fehlt diese Bereitschaft weitgehend; bei Bonobos ist sie zumindest in Ansätzen beobachtbar. Insgesamt tolerieren Menschenaffen jedoch höchstens, wenn Artgenoss:innen sich am selben Fleisch bedienen – von einem echten Teilen kann dabei nicht gesprochen werden.

Weshalb wir und nicht sie?

Die Autorin führt aus, dass Eigenschaften wie Empathie und Einfühlungsvermögen evolutionär älter sind als sprachliche Fähigkeiten und folglich bereits vor dem Entstehen von Sprache beim Menschen und seinen Vorfahr:innen vorhanden gewesen sein müssen. Sehr frühe soziale Beziehungen entwickelten sich bereits zwischen Säugetiermüttern und ihren Nachkommen. Ohne diesen intensiven Beziehungsaufbau wäre das Überleben des Nachwuchses nicht möglich gewesen. In der Konsequenz sind Weibchen im Tierreich beziehungsweise Frauen und Mädchen besonders gut darin, soziale Beziehungen aufzubauen. Sarah Blaffer Hrdy greift in diesem Zusammenhang auch Erkenntnisse aus der Forschung zu sogenannten Spiegelneuronen auf, die für Empathie- und Nachahmungsverhalten zentral sind und es Menschen sowie höher entwickelten Lebewesen ermöglichen, „innerlich nachzuerleben, was ein anderes Individuum tut“ (S. 75). So imitieren menschliche Babys bereits im Alter von weniger als zwölf Stunden Gesten. Unterstützt wird dies beim Menschen durch das Auge, das Emotionen und Blickrichtungen differenzierter anzeigen kann als die Augen anderer Tiere. „Die neuronalen Grundlagen für die Erfassung des Blickverhaltens sind in den Gehirnen der meisten Wirbeltiere vorhanden, sie sind jedoch beim Menschen besonders gut entwickelt“ (S. 86). Vor diesem Hintergrund stellt sich die zentrale Frage, warum sich solche prosozialen Impulse – etwa Blickkontakt, Gestik und Mimik – beim Menschen in besonderem Maße entwickelt haben, während sie bei vielen anderen Lebewesen nur schwach ausgeprägt sind oder, wie bei Menschenaffenkindern, lediglich in der frühen Lebensphase auftreten.

Weshalb ein Dorf notwendig ist

In diesem Kapitel beschäftigt sich Sarah Blaffer Hrdy mit unterschiedlichen Formen der Jungenfürsorge und Jungenaufzucht bei wildlebenden Menschenaffen sowie bei Menschen, die heute noch in Jäger- und Sammlergemeinschaften leben. Wo liegen die Unterschiede in diesen Formen der Aufzucht, und lassen sich daraus Hypothesen ableiten, die zur Beantwortung der zentralen Fragestellung des Buches beitragen? Die Autorin vertritt die These, dass die Bereitschaft zu teilen und empathisch zu sein weit früher in der Menschheitsgeschichte entstanden ist als etwa die Entwicklung der Sprache. Um zu überleben, mussten Individuen mentale Zustände anderer bereits vor der Ausbildung sprachlicher Fähigkeiten entschlüsseln und „lesen“ können. Aufzuchtbedingungen, bei denen die Versorgung des Nachwuchses nicht allein von der Mutter, sondern von mehreren Betreuungspersonen übernommen wurde, trugen dazu bei, dass Kinder früh lernen mussten, unterschiedliche Emotionen und Zustände in Gesichtern zu erkennen. Daraus ergaben sich evolutionäre Vorteile: „Individuen, die den mentalen Zustand von anderen etwas besser interpretieren und emotional mit ihnen in Kontakt treten konnten, mussten im Hier und Jetzt höhere Überlebens- und Fortpflanzungschancen haben als ihre Gruppengenossen“ (S. 99). Die Beziehung zwischen Mütter und ihrem Nachwuchs ist bei allen Säugetieren intensiv, bei Primaten jedoch in besonderem Maße. Bei Menschenaffen wird die Jungenfürsorge ausschließlich von den Mütter übernommen; sie legen ihren Nachwuchs nie ab und agieren äußerst beschützend. Menschliche Mütter hingegen überlassen ihre Kinder zeitweise auch anderen Personen, sogenannten „Allomüttern“, und zeigen damit ein größeres Vertrauen in ihre Artgenoss:innen. Ein weiterer Unterschied betrifft den Umgang mit krankem, fehlgebildetem oder sehr schwachem Nachwuchs: Während Menschenaffen ihren Nachwuchs auch unter diesen Bedingungen kaum aufgeben, wurde in Jäger- und Sammlergemeinschaften entsprechender Nachwuchs eher früh aufgegeben. Sarah Blaffer Hrdy betont zudem, wie „kostspielig“ menschlicher Nachwuchs ist: „Bei einer ganzen Reihe von Tierarten bringen Mütter kostspielige Junge zur Welt, aber keines ist so kostspielig wie ein menschliches Kleinkind. Kein anderes Tier, nicht einmal andere Menschenaffenarten (die sich ebenfalls langsam entwickeln), braucht außerdem solange bis zur Geschlechtsreife“ (S. 146). Eine Großfamilie trägt daher in besonderer Weise zur Entwicklung dieses kostspieligen menschlichen Nachwuchses bei. Nicht nur Müttern geht es besser, wenn sie soziale Unterstützung erfahren; diese wirkt sich auch positiv auf den Nachwuchs aus. Besonders förderlich ist es, wenn ältere Töchter und/oder die Großmutter in die Erziehung eingebunden sind. Ältere Frauen haben somit eine zentrale Bedeutung in Jäger- und Sammlergesellschaften. „Ihre Entdeckung veranlasste andere Anthropolog:innen dazu, die evolutionäre Bedeutung von Frauen jenseits des gebärfähigen Alters zu bedenken“ (S. 151). Zudem besteht ein positiver Zusammenhang zwischen alloelterlicher Unterstützung und der mütterlichen Fortpflanzung. Sarah Blaffer Hrdy schließt das Kapitel mit der pointierten Aussage, dass es ohne Alloeltern niemals eine menschliche Spezies gegeben hätte.

Neuere Entwicklungen

Wie aber wirkt sich die Aufzucht durch mehrere Betreuungspersonen auf Kinder aus? Was ist die optimale familiäre Struktur für die Erziehung eines Kindes, und auf welche Weise können Kinder Bindungen zu mehreren Personen entwickeln? Die Unterstützung durch Alloeltern fungiert als zusätzliche Absicherung für Mütter, die sich nie sicher sein können, ob der Vater eines Kindes sich an der Erziehung beteiligt. Sie wirkt sich jedoch auch sehr positiv auf den Nachwuchs aus und trägt im späteren Leben zu einer höheren Resilienz bei. Indem menschliche Babys ab etwa dem siebten Lebensmonat in die sogenannte „Brabbelphase“ eintreten, sind sie in der Lage, Kontakt zu Betreuungspersonen herzustellen und aufrechtzuerhalten – insbesondere dann, wenn sie abgelegt werden. Dies ist bei Primatenarten, bei denen die Mütter dauerhaft Körperkontakt zu ihren Jungen halten, nicht der Fall. Sarah Blaffer Hrdy vertritt die These, „dass im Fall der Homininen das Brabbeln wie auch die Babysprache deshalb entstanden sind, weil Babys und ihre Betreuer (Mütter oder Allomütter) Kontakt halten mussten, während die Babys von anderen gehalten wurden“ (S. 174).

Auf der Suche nach der »wahren« Pleistozän-Familie

Zu Beginn des Kapitels weist die Autorin darauf hin, dass stereotype Museumsdarstellungen frühmenschlicher Familien oft nicht der Realität entsprechen. Sie vermitteln häufig den Eindruck, dass der Nachwuchs ausschließlich von der Mutter aufgezogen wurde und Frauen und Männer in Paarbeziehungen, also in Kleinfamilien, zusammenlebten. Aus indigenen Kulturen wissen wir jedoch, dass Frauen sich oft zus ätzlich mit den Brüdern ihrer Männer oder mit weiteren Männer zusammentun – etwas, das akzeptiert und teils sogar gewünscht ist. Dadurch haben Kinder mehrere potenzielle „Väter“ bzw. mehrere Männer das Gefühl, Vater zu sein, und werden zu potenziellen Helfer. Sich als Frau ausschließlich auf einen Mann zu verlassen, war ein zu hohes Risiko. Sarah Blaffer Hrdy spricht in diesem Zusammenhang auch von der stark schwankenden Fürsorgebereitschaft von Männer – von sehr fürsorglichen bis hin zu völlig gleichgültigen Väter. Sie fragt: „Wie ist es möglich, dass sich einige Männer zärtlich um Kinder kümmern, die vielleicht nicht einmal ihre eigenen sind, während andere Väter, die ihrer Vaterschaft sicher sind, überhaupt nicht für ihre Kinder sorgen?“ (S. 225). Laut Sarah Blaffer Hrdy werden Männer generell fürsorglicher, wenn sie in der Nähe schwangerer Frauen oder von Frauen mit kleinen Kindern sind, da dies den Prolaktinspiegel steigen und den Testosteronspiegel sinken lässt. Außerdem steigt die Fürsorgebereitschaft, je mehr Erfahrung Männer in der Kinderbetreuung sammeln.

Lernen Sie die Alloeltern kennen

Die Autorin zeigt zunächst Beispiele alloelterlicher Fürsorge im Tierreich, bevor sie auf den Menschen eingeht. Bei sogenannten „eusozialen“ Tierarten, wie etwa Termiten, „stellen Alloeltern das Überleben der Gruppe oder des Volks über ihre individuellen Interessen“ (S. 255). Dabei müssen Alloeltern nicht zwangsläufig eng mit den genetischen Eltern verwandt sein. Zwar spielt Verwandtschaft bei der Entstehung alloelterlicher Fürsorglichkeit eine Rolle, reicht jedoch nicht aus, „um alle beobachteten Fälle alloelterlicher Fürsorge zu klären“ (S. 262). Vielmehr ist der Nutzen für das einzelne Individuum entscheidend: „Viele Alloeltern helfen, weil ihnen bessere Optionen fehlen, weil sie Bestrafung zu vermeiden suchen oder, schlimmer noch, weil sie befürchten, aus der Gruppe ausgestoßen zu werden“ (S. 270). Ein ähnlicher sozialer Druck, helfen zu müssen, ist auch in heutigen Jäger- und Sammlergemeinschaften beobachtet worden.

Babys als »sensorische Fallen«

Sarah Blaffer Hrdy berichtet von einer Löwin in Kenia, die insgesamt fünf Antilopenjunge „adoptierte“, und von einer Leopardin, die sich um ein Pavianjunges kümmerte, nachdem sie dessen Mutter getötet hatte. Sie erzählt auch von Hühnern und Hunden, die kleine Kätzchen in ihre Obhut nahmen, und erklärt dies so: „Im gesamten Tierreich – und erst recht bei Spezies, die völlig hilflose Neugeborene hervorbringen, welche (wie Primatenbabys) viel mütterliche Fürsorge brauchen – senden Jungtiere starke Signale aus, die dafür empfängliche Tiere in den Bann ziehen. Säuglinge und Kleinkinder können unabhängig davon, ob sie mit ihnen verwandt sind oder nicht, starke sensorische Fallen sein“ (S. 291). Die Farbe „rosa“ wird oft mit Neugeborenen assoziiert, und Sarah Blaffer Hrdy stellt die These auf, dass dies die Vorliebe von Frauen und Mädchen für diese Farbe erklären könnte. Auch Plazenten fungieren im Tierreich als „sensorische Fallen“ und werden von Mütter, Alloeltern und anderen Artgenoss:innen verzehrt – in Jäger- und Sammlergesellschaften ist dies jedoch nicht der Fall.

Großmütter unter anderen

Warum holen sich Menschenaffenmütter keine Hilfe bei der Aufzucht ihres Nachwuchses? Potenzielle Allomütter gäbe es, wie Sarah Blaffer Hrdy in den vorangegangenen Kapiteln erläutert hat. Affenmütter haben jedoch nur wenig Vertrauen in ihre Umwelt und geben ihren Nachwuchs deshalb nicht ab. Infantizide durch Männchen und teils durch nichtverwandte Weibchen sind die Haupttodesursache von Jungtieren bei Gorillas und Schimpansen. Selbst älteren Geschwistern überlassen Affenmütter ihren Nachwuchs nicht. Warum tun Menschen dies anders? Sarah Blaffer Hrdy sieht den Ursprung in matrilokalen und/oder bilokalen Lebensweisen früher Homininen – also einer Lebensweise, bei der Weibchen ihre Herkunftsgruppe entweder nicht verließen, um Nachwuchs zu zeugen, oder zum Zeitpunkt der Geburt wieder in ihre Herkunftsgruppe zurückkehrten, um den Nachwuchs großzuziehen. In diesen Gruppen wurden sie oft von ihren eigenen Mütter unterstützt, die bereits unfruchtbar waren, sich aber in der Kinderfürsorge auskannten. Patrilokale Residenzmuster betrachtet Sarah Blaffer Hrdy hingegen eher als eine jüngere Anpassung an die Lebensverhältnisse nach dem Pleistozän.

Kindheit und die Abstammung des Menschen

Im abschließenden Kapitel wirft Sarah Blaffer Hrdy einen Blick auf die jüngere Vergangenheit und Gegenwart der Menschheitsgeschichte. Ein sesshafter Lebensstil führte zu patriarchalen Ideologien, die den Stellenwert von Frauen in der Gesellschaft minderten. Die Autorin kritisiert, dass in der heutigen Zeit das Gefühl emotionaler Sicherheit bei Kindern durch veränderte Lebensstile und das Fehlen von Allomüttern oft nicht mehr gegeben ist. Am Ende des Buches gibt sie einen Ausblick darauf, wie sich der Homo sapiens sapiens evolutionär weiterentwickeln könnte.

Diskussion

Das Buch lässt sich sehr gut lesen und ist auch für fachfremde, aber wissenschaftlich interessierte Leser:innen gut verständlich. Die These der kooperativen Aufzucht, die den Menschen geprägt und zu dem gemacht hat, was er heute ist, erscheint schlüssig und gut nachvollziehbar. Ich habe das Buch während eines Krankenhausaufenthalts nach einer Operation gelesen und dabei das Geschehen im Krankenhaus mit anderen Augen wahrgenommen. Das völlige Vertrauen von Patient:innen in andere Menschen – die Kontrolle, die während einer Vollnarkose freiwillig abgegeben wird – fällt schwer, ist aber nicht unmöglich. Es wird deutlich, wie stark Menschen auf Fürsorge, Aufmerksamkeit und Unterstützung angewiesen sind, und wie diese grundlegenden sozialen Fähigkeiten bereits tief in unserer Evolution verwurzelt sind. Das Buch hat mir geholfen, die Bedeutung von Vertrauen, Empathie und Kooperation im Alltag neu zu reflektieren und die alltäglichen Interaktionen im Krankenhaus – von Pflegenden, Ärzt:innen und Mitpatient:innen – bewusster wahrzunehmen.

Fazit

Sarah Blaffer Hrdy zeigt, dass die kooperative Aufzucht von Kindern das zentrale Merkmal ist, das den Menschen von anderen Primaten unterscheidet und seine außergewöhnliche Kooperationsfähigkeit erklärt. Sie verbindet biologische, ethnologische und historische Befunde und macht deutlich, wie Alloeltern, Großmütter und soziale Netzwerke die Entwicklung des menschlichen Nachwuchses und so des Menschen insgesamt ermöglichten. Das Buch verdeutlicht, dass Vertrauen, Empathie und Teilen tief in unserer Evolution verwurzelt sind und bis heute unser soziales Leben prägen. Insgesamt bietet es einen eindrucksvollen Einblick in die Grundlagen menschlicher Sozialität und deren Bedeutung für die Gegenwart.

Rezension von
Dr. Franziska Sophie Proskawetz
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Es gibt 17 Rezensionen von Franziska Sophie Proskawetz.

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ISSN 2190-9245