Lilli Gast: Libido und Narzissmus
Rezensiert von Sebastian Kron, 02.02.2026
Lilli Gast: Libido und Narzissmus. Vom Verlust des Sexuellen im psychoanalytischen Diskurs. Eine Spurensicherung.
Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG
(Gießen) 2025.
450 Seiten.
ISBN 978-3-8379-3455-7.
D: 55,90 EUR,
A: 57,50 EUR.
Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
Thema
Der Titel des vorliegenden Buches „Libido und Narzissmus. Vom Verlust des Sexuellen im psychoanalytischen Diskurs“ lässt verlauten, worum es in der vorliegenden Literatur geht. Sie schlägt eine Brücke zwischen den Theorien der Vergangenheit und der Gegenwart, zeigt den Zusammenhang zwischen Sigmund Freuds Libidotheorie und der Theorie des Narzissmus auf und diskutiert die ersten Distanzierungen von dieser mit Einfluss der Freudschen Schüler Carl Gustav Jung und Alfred Adler. Dabei scheint das Werk zweierlei Diskurse aufzugreifen, die sich zum einen in der Kombination zwischen der Libido- und der Narzissmustheorie verorten lassen, sich gleichzeitig aber auch mit der Geschichte der „Entsexualisierung“ der tiefenpsychologischen Denkschule befassen.
Autor:in oder Herausgeber:in
Profin, Drin phil. habil., Dipl.-Psych. Lilli Gast war Präsidentin und Professorin an der Internationalen Psychoanalytischen Universität Berlin (IPU) und ist nun Seniorprofessorin für Theoretische Psychoanalyse und psychoanalytische Subjekt- und Kulturtheorie an der IPU. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen die psychoanalytische (Erkenntnis-)Theorie und Metapsychologie, die Ideen- und Theoriegeschichte der Psychoanalyse, die Subjekt-, Geschlechter- und Kulturtheorie sowie die Verbindung der Psychoanalyse zur philosophischen Anthropologie.
Entstehungshintergrund
Noch heute wird die Psychoanalyse oftmals als Theorie umschrieben, welche eine sehr typische Verbindung zur Sexualität und zu den triebtheoretischen Konzepten herzustellen vermag. Faktisch hat sich jedoch diese Denkschule in den vergangenen Jahren weiterentwickelt. Die Triebtheorie ist dabei sicher eine der fundamentalsten Überlegungen, jedoch zeigen sich deutlich erkennbare Distanzierungen in den unterschiedlichen Hypothesen und Theorien.
Aufbau und Inhalt
Gliedernd in fünf große Kapitel zeigt sich das Buch wie folgt:
- Geschichte und Entwicklung der Narzissmusfigur Freuds. Die Anfänge. Das Original
- Erste Rezeptionen des Freudschen Narzissmuskonzepts am Vorabend der Emigration der psychoanalytischen Gemeinschaft. Das Phänomen der perspektivischen Verzeichnung
- Die begriffslogischen Metamorphosen des Narzissmuskonzepts im amerikanischen und britischen Exil und seine Bedeutung für die Entwicklung der postfreudianischen psychoanalytischen Metatheorie. Die zweite paradigmatische Krise der Freudschen Metapsychologie
- Die Universalisierung des Narzissmus in der Psychologie des Selbst als Höhepunkt der Entsexualisierung des psychoanalytischen Diskurses. Narzissmus zwischen Individuation und Selbstwerdung
- Narzissmus zwischen Vergangenheit und Zukunft. Rückschau und Ausblick
Inhalt
Der Begriff des Narzissmus trat erstmals in den Theorien der Sexualwissenschaften im 19. Jahrhundert auf. Sigmund Freud griff dieses Konzept im Rahmen seiner Überlegungen einer triebtheoretischen Ich-Entwicklung auf und schrieb in Schreibers Analyse der Libido eine bedeutende Rolle bei der Entstehung des Narzissmus bei. Dies geschah im Anschluss an Freuds Bruch zu seinem Schüler Alfred Adler, der im Rahmen seiner Überlegungen das Konzept des Minderwertigkeitsgedankens thematisierte, sowie an Carl Gustav Jungs Auffassungen einer schrittweisen Entsexualisierung der Psychoanalyse, was Freud selbst deutlich missfiel.
Das Buch diskutiert im Zuge dessen vertieft die Freudschen Schriften zum Narzissmus und kombiniert deren Bedeutung in der Rolle der Ich- und Objektlibido. Ferner führt Freud die ichpsychologischen Konkretisierungen mit der Entwicklung des Kindes überein und erkannte eine primäre, „gesunde“ narzisstische Entwicklung des Kindes sowie jene, die einer pathologischen Wirkung zuteil wird. Dies geschah unter Berücksichtigung der Freudschen Auffassung zur Paranoia und zur Hysterie und zeigte gleichermaßen einen Bezug zur inneren und äußeren Struktur des Ichs im Rahmen der psychosexuellen Entwicklung.
Im Weiteren wagt das Werk einen Exkurs und einen Abgleich zwischen Freuds und Sándor Ferenczis Theorien. Unter Berücksichtigung des Freudschen primären Narzissmus entwickelte Ferenczi ein dynamisches Gebilde und drei weitere postnatale Stufen der Ich-Entwicklung. Er sieht in der Entwicklung der Ich-Strukturen ebenfalls einen Wunsch der Wiederherstellung der paradiesischen Strukturen der Entwicklung im Mutterleib. Dieses Konzept zeigt eine wenngleich phantasienahe Auseinandersetzung zwischen dem Lust- und Realitätsprinzip, welches dem jungen Wesen erstmals den Drang einer dynamischen Ich-Entwicklung verleiht, die unter den Einflüssen der individuellen Struktur des Liebes- und Libidoempfindens akzentuiert wird.
Auf dieser Ebene entwickelte Ferenczi unter Berücksichtigung der Trieblehre Freuds ein Konzept, bei dem die Kontextualisierung der primären Liebe in Bezug auf die Libidoentwicklung gestört ist und sich die tiefe innere Sehnsucht nach Liebe auf die eigene Persönlichkeitsstruktur überträgt. Deutlich wird eine Konkretisierung der Freudschen Theorien und eine schrittweise Loslösung von der ausschließlichen sexuellen Dynamik in Kombination mit ersten traumatisch fundierten Bezügen zu Freuds Überlegungen des Narzissmus.
Fortfolgend geht das Buch auf nordamerikanische, psychoanalytische Diskurse ein, die sich weiter von einer Sexualisierung der Psychoanalyse distanzierten und der Freudschen Libidotheorie einen anderen Hintergrund zuschrieben. So gewannen ich-psychologische Ansätze unter anderem durch das Wirken von Heinz Hartmann und den Überlegungen der neo-freudianischen Schule Karen Horneys und Erich Fromms an Bedeutung. Die ich-psychologische Theorie sieht das Ich als eine in ihre Umwelt eingebetteten Instanz, die sich stetig in einer Differenzierung zwischen äußerer Realität und innerer Struktur befindet.
Hierbei diskutiert die Autorin das Realitäts- und Lustprinzip als eine dynamische, zusammenhängende Position zwischen dem Es und dem Ich und zitiert in diesem Zusammenhang Theorien Freuds und Hartmanns im Vergleich. Auf die Hypothesen des Narzissmus angewandt schließen ich- und objektlibidinöse innerpsychische Strukturen einen Zusammenhang, in dem objektlibidinösen Strukturen triebtheoretische Kräfte konfliktbehaftet „entzogen“ werden und es im Zuge dessen zu einer Libidobesetzung der ichlibidinösen Struktur kommt. Die neo-freudianische Schule um Fromm und Horney bezieht sich zumeist auf äußere Faktoren der Ich- und Selbstwahrnehmung in einem Kontext gesellschaftlicher Parameter.
Aus dem Raum Großbritannien nahmen anschließend Arbeiten zur Objektbeziehungstheorie Einfluss auf den Narzissmusbegriff. Melanie Klein unterschied zwischen äußeren und inneren Objekten und prägte phantasienahe Vorstellungen, die die Psychoanalyse maßgeblich beeinflussten. Durch die Verinnerlichung „guter“ Objekte baut das junge Wesen einen inneren Schutz gegenüber destruktiven Anteilen auf. Narzisstische Züge entstehen nach Klein, wenn der Konflikt zwischen libidinösen und destruktiven Triebanteilen das Subjekt zwingt, sich eine eigene imaginäre Objektbeziehung aufzubauen und an dieser festzuhalten.
In einem weiteren Kapitel werden die Theorien Michael Balints sowie Ronald Fairbairns diskutiert. Abschließend widmet sich das Buch der Selbstpsychologie Heinz Kohuts, der zwischen gesundem und pathologischem Narzissmus unterscheidet und das Selbst als zentrale psychische Instanz versteht. Die Modelle der Vergangenheit und Gegenwart werden zusammengeführt und ein Ausblick auf zukünftige narzissmustheoretische Konzeptionen unternommen.
Diskussion
Modelle des Narzissmus haben sich im Zuge der Zeit weiterentwickelt. Vielfach wird der Begriff als Synonym eines brillanten Selbstbildes und übermäßiger Selbstliebe verwendet. Tatsächlich zeigen Diskussionen, dass häufig ein fragiles Selbstwertgefühl zugrunde liegt, welches durch äußere Anerkennung stabilisiert werden soll. Ein gesunder Narzissmus ermöglicht es, eigene Fähigkeiten wie auch Grenzen realistisch wahrzunehmen.
Fazit
Ein in sich plausibles Buch thematisiert das psychoanalytische Denken im Bereich der Konzeptionen des Narzissmus. Ein gewisses Maß an Vorwissen ist erforderlich, um sich auf das dennoch interessante und detailreiche Werk von knapp 400 Seiten einzulassen.
Rezension von
Sebastian Kron
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