Steffen Elsner, Charlotte Höcker et al. (Hrsg.): Krieg, Aggression und Todestrieb Kritische Theorie
Rezensiert von Joschka Sichelschmidt, 21.09.2026
Steffen Elsner, Charlotte Höcker, Oliver Decker, Christoph Türcke (Hrsg.): Krieg, Aggression und Todestrieb Kritische Theorie. Psychoanalytische Praxis. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2025. 200 Seiten. ISBN 978-3-8379-3451-9. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Psyche und Gesellschaft.
Thema
Der Sammelband basiert auf den Beiträgen der Fachtagung zum Thema Krieg, Aggression und Todestrieb, welche vom 28.-30. Juni in Leipzig stattfand. Die Autor:innen gehen in ihren verschriftlichten Beiträgen der Frage nach, wie Krieg, Aggression und Gewalt aus der Perspektive der Psychoanalyse und der Kritischen Theorie verstanden werden können. Ausgangspunkt bilden die gegenwärtigen Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten – ausgehend von diesen Krisen ist im gesellschaftlichen Diskurs eine Rückkehr zu eher militärischen Denk‑ und Handlungsmustern zu beobachten.
Zentrale theoretische Figuration ist die Debatte um Freuds Konzept des Todestriebes: Ist Aggression anthropologisch begründet und gehört zur menschlichen Spezies oder ist Aggression primär der Ausdruck krisenhafter gesellschaftlicher Verhältnisse.
Die Autor:innen des Sammelbandes verbinden diese klassische psychoanalytische Fragestellung mit aktuellen gesellschaftstheoretischen Analysen und klinischen Erfahrungen. In den unterschiedlichen Beiträgen werden gleichermaßen individuelle und kollektive Destruktivität in den Fokus gerückt und die grundlegenden Bedingungen der Entstehung der Destruktivität sowie Möglichkeiten der Bearbeitung dieser diskutiert.
Aufbau
Der Band dokumentiert eine Tagung der Reihe „Kritische Theorie – Psychoanalytische Praxis“ und umfasst insgesamt elf Hauptbeiträge, die teilweise durch kommentierende Ko-Referate ergänzt werden. Die Themen reichen von Freuds Kulturtheorie und der Diskussion des Todestriebes über Propaganda, Scham, Schuld und Heroismus bis hin zu transgenerationalem Trauma, Gruppenanalyse, Gefängnisforschung sowie autoaggressiven Erkrankungen. Dadurch entsteht ein interdisziplinärer Dialog zwischen Psychoanalyse, Sozialpsychologie, Kulturwissenschaft und Gesellschaftstheorie.
Steffen Elsner, Charlotte Höcker, Oliver Decker und Christoph Türcke führen in der Einleitung in die komplexe Thematik ein und beschreiben mit den ersten Worten die programmatische Anlage des Bandes deutlich: Grundlagentheoretische Beiträge wechseln sich mit klinischen Fallanalysen und gesellschaftspolitischen Anwendungen ab. Diese Verschränkung entspricht dem Anspruch der Herausgeber:innen, psychoanalytische Erkenntnisse nicht auf therapeutische Settings zu beschränken, sondern für die Analyse gesellschaftlicher Konflikte fruchtbar zu machen.
Inhalt
Die Einleitung entwickelt den theoretischen Rahmen des Bandes: Steffen Elsner, Charlotte Höcker, Oliver Decker und Christoph Türcke knüpfen an die aktuellen Kriege in der Ukraine und in Gaza an und beschreiben die Polarisierung öffentlicher Debatten. Eine einfache Erklärung menschlicher Aggression wird differenziert hinterfragt und es wird das Zusammenspiel biologischer, psychischer und gesellschaftlicher Faktoren als Ursache und Wirkungsprinzip hervorgehoben. Dabei wird die bis heute offene Kontroverse um Freuds Todestriebstheorie zum roten Faden des Sammelbandes.
Hervorzuheben ist, dass die Steffen Elsner, Charlotte Höcker, Oliver Decker und Christoph Türcke den die Theorie des Todestriebs weder unkritisch übernehmen noch vorschnell verwerfen. Vielmehr wird dessen theoretischer Status selbst zum Gegenstand der Diskussion.
Dem biologischen Verständnis des Todestriebes wird die Tradition der Kritischen Theorie gegenübergestellt, insbesondere Herbert Marcuses Konzept der repressiven Entsublimierung. Aggression erscheint dadurch nicht allein als anthropologische Konstante, sondern als gesellschaftlich vermittelte Dynamik, die unter Bedingungen von Krieg, sozialer Ungleichheit und autoritären Verhältnissen verstärkt wird.
Die einzelnen Beiträge greifen diese Fragestellung aus unterschiedlichen Perspektiven auf. Historische und theoriegeschichtliche Arbeiten rekonstruieren Freuds Auseinandersetzung mit Krieg, Trauma und Kulturentwicklung. Andere Beiträge untersuchen Propaganda, Schuld, Scham oder Heroismus als psychodynamische Mechanismen kollektiver Gewalt. Ergänzt werden diese Analysen durch klinische Fallvignetten zu transgenerationalen Traumatisierungen, autoaggressiven Erkrankungen und psychotherapeutischen Prozessen. Gruppenanalytische Beiträge erweitern den Blick auf institutionelle Kontexte wie Gefängnisse oder gesellschaftliche Erinnerungsprozesse zwischen Nachkommen von Täter:innen und Opfern des Holocaust.
Die Beiträge des Bandes sind trotz der thematischen Vielfalt inhaltlich über die Leitfrage verbunden, wie individuelle Destruktivität und gesellschaftliche Gewalt miteinander verwoben sind und in Reaktion stehen.
Diskussion
Der Band greift eine hochaktuelle Fragestellung auf und verbindet sie mit einer theoretischen Debatte, die seit Freud et. al. (1919) nichts von ihrer Aktualität verloren hat. Die besondere Stärke liegt in der konsequenten Verbindung von psychoanalytischer Theorie, klinischer Erfahrung und gesellschaftskritischer Reflexion. Anstatt Krieg ausschließlich politikwissenschaftlich oder historisch zu erklären, wird nach den psychischen Voraussetzungen kollektiver Gewalt gefragt, ohne dabei gesellschaftliche Machtverhältnisse aus dem Blick zu verlieren.
Sehr positiv hervorzuheben ist die Offenheit der Beiträge des Sammelbandes gegenüber unterschiedlichen psychoanalytischen Positionen. Die einzelnen Beiträge vertreten keine kohärente Theorie des Todestriebes, sondern machen die theoretische Kontroverse der theoretischen Figuration selbst produktiv. Dadurch kann ein offener wissenschaftlicher Dialog entstehen. Dogmatische Festlegungen werden eher dadurch vermieden und es können sowohl klinische als auch gesellschaftstheoretische Perspektiven in die Argumentationen integriert und den Leser:innen zugänglich macht.
Aber zugleich setzt der Band auch erhebliche Vorkenntnisse voraus. Die Diskussionen um Sigmund Freud (1919), Herbert Marcuse (1965) oder Wilfred R. Bion (1990) werden nicht grundlegend systematisch eingeführt, sondern setzen ein bereits vorhandenes fundiertes theoretisches Wissen voraus. Für Student:innen in frühen Studienphasen oder fachfremde Leser:innen dürfte die Lektüre daher sehr anspruchsvoll sein, da ausgehend von den Beiträgen noch zwingend weitere Primär‑ und Sekundärliteratur zum Verständnis hinzugezogen werden sollte.
Fazit
Insgesamt verspricht der Sammelband einen wichtigen Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion über Krieg, Gewalt und Destruktivität. Besonders für Psychoanalytiker:innen, Sozialpsycholog:innen, Gesellschaftstheoretiker:innen sowie an der Kritischen Theorie interessierte Menschen, bieten die einzelnen Beiträge zahlreiche Anknüpfungspunkte.
Die Stärke des gesamten Bandes, aber auch in den einzelnen Beiträgen der Autor:innen liegt weniger in einfachen Antworten als in der differenzierten Reflexion der Bedingungen, unter denen Aggression entsteht, gesellschaftlich organisiert wird und möglicherweise dann auch bearbeitet werden kann.
Literaturverzeichnis
Bion, W. R. (1990). Lernen durch Erfahrung. Suhrkamp.
Freud, S., Ferenczi, S., Abraham, K., Simmel, E. & Jones, E. (1919). Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Internationaler Psychoanalytischer Verlag.
Marcuse, H. (1965). Triebstruktur und Gesellschaft. Suhrkamp.
Rezension von
Joschka Sichelschmidt
M.A. Erziehungswissenschaften, M.A. Klinische Sozialarbeit, B.A. Sozialpädagogik/Psychologie, klinisch arbeitender Pädagoge in einem intensivpädagogischen Setting
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