Karsten Weber: Künstliche Intelligenz und Kränkung
Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 15.05.2026
Karsten Weber: Künstliche Intelligenz und Kränkung. Der Verlust menschlicher Besonderheit.
Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG
(Gießen) 2025.
160 Seiten.
ISBN 978-3-8379-3393-2.
D: 19,90 EUR,
A: 20,50 EUR.
Reihe: Gegenwartsfragen.
Thema
Die Sorge, was KI für das Selbstbewusstsein der Menschen bedeutet.
Autor
Karsten Weber ist Professor für Technikfolgen durch KI-gestützte Mobilität an der Fakultät für Informatik und Mathematik der OTH Regensburg. Wissenschaftlich beschäftigt er sich mit den Auswirkungen der modernen Informations‑ und Kommunikationstechnologie im Gesundheitswesen und im Energie‑ und Mobilitätsbereich.
Entstehungshintergrund
KI entdeckt die Physik menschlichen Verhaltens und Ideen und stellt sie zunehmend infrage, was Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein und Selbstverständnis des Menschen hat.
Aufbau
Nach einer Einleitung folgen die Kapitel
- KI in der öffentlichen Wahrnehmung
- Eine Geschichte der Enttäuschung
- Fakt oder Fiktion: KI in den Medien
- Der (Alb-)Traum vom technischen Gegenüber
- Verlust, Kränkung oder die Einsicht in die Nichtbesonderheit
- Schluss
- (Nicht nur) Editorische Anmerkungen
Inhalt
Eine (lange) Einleitung. (21 Seiten) Mit KI verbinden sich Hoffnungen und Ängste, doch das war bei allen technischen Fortschritten so. Kränkungen werden jedoch erst nach einer langen Zeit spürbar sein, da es im Kern um Menschheitsfragen geht und um Verlust von Tradition, Normen und Werten, wenn das Selbstbild des homo sapiens auf dem Spiel steht. KI entdeckt die ‚Physik menschlichen Verhaltens‘ und macht Metaphysik obsolet. Auch können Ausbeutung und soziale Ungleichheit zunehmen.
(K)Eine Definition: KI in der öffentlichen Wahrnehmung. (16 Seiten) Ist KI gefährlich durch die Tendenz zur Machtübernahme, und gefährlicher als Nuklearwaffen? Es gibt keine klare und einheitliche Definition. Die Unübersichtlichkeit der Technologien und ihre Komplexität entzieht sich populären Darstellungen, sodass eine Demokratie sich in eine Experto‑ oder Technokratie verwandeln oder eine unreflektierte Nutzung Schaden anrichten könnte. Das Handeln einzelner Personen kann eine große Rolle spielen, eine Chance und eine Gefahr.
Eine Geschichte der Enttäuschung. (26 Seiten) Die Ursprünge der KI-Entwicklung lassen sich bis in die Zeit der ersten schriftlichen menschlichen Erzeugnisse verfolgen. Schon die Entwicklung von Automaten zeigte, dass Bewusstsein und Denken technisch replizierbar ist (technische Spielereien). Das änderte sich qualitativ mit der Entwicklung der Computer und Expertensysteme (durch Symbolverarbeitung, die bislang der menschlichen Intelligenz vorbehalten war). Sind menschliches und maschinelles Lernen gleich oder führt das zu Fehlwahrnehmungen? Verändert KI unsere Sicht auf die Welt? Im unternehmerischen und wissenschaftlichen Feld hatte KI zunächst ein Nischendasein. Künstliche neuronale Netze befördern inzwischen Komplexität. Solche leistungsfähigen KI-Systeme können jedoch nur noch von finanziell leistungsfähigen Organisationen genutzt werden (Monopole), was gesellschaftliche Auswirkungen sowie Verluste und Kränkungen zur Folge hat. Bleiben bürgerliche Rechte und Freiheiten auf der Strecke?
Fakt oder Fiktion: KI in den Medien. (26 Seiten) Fiktionen erkennen zu können, setzt ein verlässliches Wissen voraus. Auch angesichts der Medien, insbesondere der Filme, kann nicht von einem ‚Spiegel der Realität‘ ausgegangen werden. Der Transhumanismus sieht Technologien wie Computer, Cyborgs und Genmanipulation als Mittel der Erlösung von menschlichen Schwächen und Defiziten; aber KI könnte auch Wünsche befriedigen, die zur Entfremdung von menschlichen Beziehungen führen. Die Gefahr verschwörerischer Tendenzen ist gegeben; deshalb sind Transparenz und Wissen wichtig. Im Gesundheitswesen könnte sich aber auch zeigen, dass der Gebrauch von KI nicht notwendig mit Verlust und Kränkung verbunden ist.
Der (Alb-)Traum vom Technischen Gegenüber. (11 Seiten) Die Abgrenzung zwischen Menschen‑ und Tierwelt ist unzureichend. Moralische Rechte und Pflichten können nicht am Menschsein, sondern am Personsein – und wenn sich die Unterschiede verwischen, vielleicht auch bei Tieren und Maschinen – festgemacht werden. Annehmlichkeiten der KI werden begrüßt, Verlust und Kränkung wecken Misstrauen. Eugenik, Sozialdarwinismus und Rassismus während der NS-Zeit und Cyborgs begründen Zweifel an einer technischen und genetischen Verbesserung des Menschen. Auch kann übermäßiges Vertrauen in die Technologie mit Skepsis und Ablehnung gegenüber der Demokratie verknüpft sein.
Verlust, Kränkung oder die Einsicht in die Nichtbesonderheit. (16 Seiten) Menschen besetzen wie alle anderen Spezies nur eine bestimmte ökologische Nische. Sie haben Erkenntnisse, aber es gibt auch Grenzen der Erkenntnis, die oft nicht nur mit religiösen Glaubenssystemen (z.B. Ideologien) gefüllt werden. Zwischenstände einer aktuellen Technik sind das Ergebnis einer langen, nicht zu Ende gekommenen Entwicklung. Das gilt auch für gesellschaftliche, politische oder umweltrelevante Veränderungen. Der ‚Turing Test‘ (Alan M. Turing 1950) beinhaltet die Zuschreibung, dass eine Maschine intelligent ist, wenn sie denkt wie ein Mensch. Eine Weiterentwicklung der Menschheit ist nur kollektiv als Langzeitprojekt möglich, wenn der Schritt zur Selbstmodifikation und Verschmelzung mit der Technologie gegangen wird.
Schluss (4 Seiten) Verluste und Kränkungen treffen Menschen weltweit unterschiedlich, aber ihre politischen, sozialen, gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungen treffen Menschen auf der ganzen Welt. Reale Verletzungen durch KI-Systeme wie Bias (Verzerrung von Trainingsdaten bei Lernprozessen und Diskriminierung) wurden nicht behandelt. Sprachübersetzungssysteme können z.B. Geschlechterstereotype reproduzieren und Handlungsoptionen verstellen. Wer wissen will, kann jedoch wissen. Wissen ist Macht, deshalb ist eine Gefahr mit KI ein unregulierter Zugriff auf Wissen.
(Nicht nur) Editorische Anmerkungen (3 Seiten) Danksagung (3 Seiten) Literatur (9 Seiten)
Diskussion
Weber beschreibt ausgehend von der Gegenwart mit Blick auf die Zukunft sowohl Hoffnungen als auch Enttäuschungen in Bezug auf die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen durch KI. Diese Technik kann sowohl konstruktiv und kreativ zum Wohl der Menschheit angewendet werden, als auch destruktiv missbraucht werden. Man darf sie also nicht unkontrolliert Menschen überlassen, die sie egoistisch und zum Schaden anderer einsetzen. Wie auch bei anderen technischen Erneuerungen (z.B. mit der Erfindung der Maschinen) ist beides möglich und muss deshalb sozial und politisch kontrolliert werden. Diese Technik kann auch für totale Überwachungssysteme benutzt werden, die Wahlen und politische Entscheidungen beeinflussen, zu Missbrauch von Daten (wie bereits jetzt Musk), Größenphantasien beflügeln und neue Klassengegensätze schaffen. Weber beschreibt ausführlich und eindringlich die Möglichkeiten und Gefahren. Deshalb wäre es gut, wenn dieses Buch viele Leser:innen fänden, die sich verantwortungsvoll mit der zukünftigen Entwicklung, insbesondere auch im Hinblick auf ihre Kinder und Enkel, beschäftigen. KI ist zum Missbrauch geeignet. Bereits jetzt ist nicht mehr kontrollierbar, welche persönlichen Daten im Netz verbreitet und für kommerzielle Zwecke benutzt werden. Diese Unsicherheit schafft ein paranoides gesellschaftliches Klima, wenn das Vertrauen in wirksame Kontrollen schwindet. Es geht also nicht nur, wie der Titel des Buches verheißt, um Kränkungen, sondern auch um realistische Gefahren durch die Missachtung demokratischer Werte (Schutz der Privatsphäre) und das Fehlen einer wirksamen Kontrolle (Missbrauch von Daten). Inwieweit KI jedoch tatsächlich menschliche Kreativität, Spontaneität und Spiritualität ersetzen kann, wird sich erst in Zukunft erweisen.
Fazit
Dieses relativ schmale Buch (147 Seiten) ist informativ, wenn auch nicht immer leicht lesbar geschrieben, und gibt mit dem ausführlichen Literaturverzeichnis auch Hinweise zu weiteren Informationen.
Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Psychoanalytikerin
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