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Johannes Kloha, Anja Reinecke-Terner et al.: Schulsozialarbeit entdecken

Rezensiert von Katharina Baur, Mirjana Zipperle, 26.06.2026

Cover Johannes Kloha, Anja Reinecke-Terner et al.: Schulsozialarbeit entdecken ISBN 978-3-17-038456-9

Johannes Kloha, Anja Reinecke-Terner, Kathrin Aghamiri:Schulsozialarbeit entdecken. Ein Lehrbuch für rekonstruktives Praxisverstehen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 221 Seiten. ISBN 978-3-17-038456-9. 29,00 EUR.
Reihe: Grundwissen soziale Arbeit.

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Thema

Das Lehrbuch „Schulsozialarbeit entdecken“ bietet eine grundlegende Einführung in ein in den letzten Jahren enorm gewachsenes Arbeitsfeld. Es gibt zwar bereits Lehrbücher, die in die konzeptionellen Grundlagen und fachlichen Standards sowie Strukturen und die rechtliche Stellung der Schulsozialarbeit einführen. Die Besonderheit des Lehrbuchs von Kloha et al. ist jedoch der Anspruch, gerade diese konzeptionellen Beschreibungen aufzugreifen, sie „systematisch der erfahrbaren und erlebten Praxis gegenüberzustellen und sie vor diesem Hintergrund zu diskutieren“ (S. 7). Es geht den Autor*innen also um das ‚Entdecken‘ des Arbeitsfeldes ausgehend von der Praxis und die darin erkennbaren Brüche und Ambivalenzen. Das Lehrbuch kann somit als eine empirisch fundierte, rekonstruktive Analyse zentraler Aspekte bezeichnet werden. Die Autor*innen versuchen zudem, über die besondere Gestaltung des Lehrbuchs „Lernende dazu anzuregen, sich Aspekte des Handlungsfeldes eigenständig zu erschließen“ (S. 22) und diese als ‚Doing‘ Schulsozialarbeit zu begreifen. Hierzu werden handlungsleitende Theorien und Datenauszüge dargestellt, die mit Erschließungsfragen selbst analysiert und reflektiert und mit Interpretationsangeboten der Autor*innen verglichen werden können.

Autor:in oder Herausgeber:in

Dr. Johannes Kloha ist Professor für Theorien und Handlungslehre an der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm, Dr. Anja Reinecke-Terner ist Professorin für Sozialarbeitswissenschaft mit den Schwerpunkten Kinder‑ und Jugendhilfe sowie Schulsozialarbeit an der Hochschule Hannover und Dr. Kathrin Aghamiri ist Professorin für Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt Soziale Arbeit und Schule an der FH Münster.

Entstehungshintergrund

Basis der dargestellten Erkenntnisse bilden umfassende Forschungsarbeiten (Kap. 1.2), die von den drei Autor*innen in den letzten Jahren durchgeführt wurden. Zentral sind hierbei die Dissertationsstudien der Autor*innen, innerhalb derer mit Hilfe rekonstruktiver Verfahren unterschiedliche Facetten von Schulsozialarbeit untersucht wurden. Alle Autor*innen waren zudem selbst Fachkräfte im Feld der Schulsozialarbeit. Diese Einblicke in die Praxis ermöglichen sie auch den Leser*innen anhand von vielfältigen Beispielen.

Aufbau

Das Lehrbuch ist in zehn Kapiteln sehr übersichtlich und gut strukturiert aufgebaut und verbindet in jedem Kapitel theoretische Grundlegungen und Perspektiven des Fachdiskurses mit exemplarischen empirischen Einblicken in die Praxis und den dabei erforderlichen Aushandlungen. Zunächst wird die eigenständige Perspektive des Lehrbuchs bestimmt und methodologisch eingeordnet (Kap. 1). Anschließend zeichnet das Werk die Geschichte des Handlungsfeldes nach (Kap. 2). Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den institutionellen Rahmenbedingungen, insbesondere auf Trägerschaft, schulischer Einbindung, räumlichen Bedingungen und den daraus entstehenden Spannungen (Kap. 3). Darauf bezugnehmend wird Schulsozialarbeit mit der Denkfigur einer „Zwischenbühne“ beschrieben (Kap. 4). Es folgt ein Kapitel zur interprofessionellen Kooperation innerhalb der Schule (Kap. 5), um dann das konkrete Tun mit Verweis auf Methoden, den Prozess der Fallarbeit sowie die Arbeit mit Gruppen zu beschreiben (Kap. 6). Danach behandelt das Buch zentrale aktuelle Themen wie Inklusion, Migration, Kinderrechte und Partizipation (Kap. 7) sowie die Frage nach Wirkungen der Schulsozialarbeit (Kap. 8). Abgeschlossen wird das Werk durch Anregungen zur Weiterarbeit, die forschendes Lernen und eine forschende Haltung empfehlen (Kap. 9), bevor ein Ausblick (Kap. 10) die Perspektiven des Lehrbuchs resümiert und auf zwei ausgewählte Entwicklungskontexte des Handlungsfeldes verweist.

Inhalt

Der prägende Zugang des Buches ist die Perspektive des ‚Doing‘ Schulsozialarbeit. Dieser wird genutzt, um immer wieder die Facetten der Herstellung von Schulsozialarbeit in den relevanten Themenfeldern ins Zentrum zu rücken. Dies ermöglicht aus einer interaktionistischen Perspektive einen Blick auf die Konstitution von Praxis und gleichzeitig das Beschreiben konkreter Praxen aus einer rekonstruktiven Perspektive empirischer Daten. Dieser Zugang wird in Kapitel 1 dargelegt. Herzstück des Lehrbuchs sind in unseren Augen die Kapitel 3 bis 6, in welchen die Autor*innen sich auf die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeiten beziehen. Die Autor*innen analysieren entlang der institutionellen Rahmenbedingungen in Kapitel 3 im Hinblick auf die Trägerschaft, die schulische Einbindung, die räumlichen Bedingungen und die daraus entstehenden Spannungen, die besondere Positionierung der Schulsozialarbeit als sozialpädagogisches Angebot am Ort Schule. Diese bildet einen speziellen Rahmen für das ‚Doing‘ der Fachkräfte, welches in den nachfolgenden Kapiteln erläutert wird. Mithilfe der Denkfigur der ‚Schulsozialarbeit als Zwischenbühne‘ (Kap. 4) wird professionelles Handeln von Schulsozialarbeitenden zwischen Unterricht und Entlastungssituationen, zwischen Aufträgen der Schule und Bedarfen von jungen Menschen und zwischen institutionellen Anforderungen und dem Anspruch auf fachlicher Selbstbestimmung beschrieben. Diese Positionierung „im ‚Zwischen‘ unterschiedlicher Aufträge“ (S. 84) wird jedoch nicht nur hinsichtlich des Agierens von Schulsozialarbeitenden betrachtet, sondern auch im nachfolgenden Kapitel 5 zur ‚innerschulischen interprofessionellen Kooperation‘ weitergedacht. Im Fokus stehen hier zunächst der Begriff der Kooperation und die Begründungen für die Relevanz kooperativer Beziehungen im Arbeitsfeld Schulsozialarbeit. Dabei betonen Kloha et al. jedoch auch die „ambivalente[n] Position“ (S. 91) im interprofessionellen Gefüge: „Jenseits formalisierter Kooperationsvereinbarungen zeigt sich, dass interprofessionelle Kooperation in der Schulsozialarbeit in hohem Maß von situativen und lokalen Aushandlungen zwischen den Akteuren geprägt ist.“ (S. 97). Somit bleibt auch hier die zentrale Perspektive auf Kooperationsbeziehungen von Schulsozialarbeitenden die eines „doing cooperation“ (S. 97). Wie diese Aushandlungsperspektive in konkreten Praxen der Schulsozialarbeitenden deutlich wird, zeigt sich letztlich in den Ausführungen von Fallarbeit und Gruppenarbeit als Handlungsformen in Kapitel 6. Einführend werden hierbei „handlungsmethodische[n] Grundlagen der Schulsozialarbeit“ (S. 99) dargelegt, die einen kurzen Einblick in den Diskurs bieten sollen, um dann jedoch eng entlang empirischer Beispiele die situativen Interaktionen zwischen den Akteur*innen an der Schule und deren Einfluss auf die zentralen Handlungsformen der Schulsozialarbeit aufzubereiten.

Die Darstellungen zur Geschichte der Schulsozialarbeit, zu den zentralen Themen des Handlungsfeldes sowie zu den Spuren der Schulsozialarbeit vervollständigen das Lehrbuch um wichtige Aspekte und sind wichtige Kontextfaktoren eines ‚Doing‘ Schulsozialarbeit.

Diskussion

Das Lehrbuch verfolgt „das Ziel, anhand der Diskussion von exemplarischen empirischen Datenmaterialien einen Einblick in die Komplexität des Handlungsfeldes Schulsozialarbeit zu ermöglichen, der über die Auseinandersetzung mit konzeptionell programmatischen Überlegungen hinausgeht“ (S. 204).

  • Diese Absicht gelingt den Autor*innen über die vielfältigen empirischen Einblicke in das ‚Doing‘ der Schulsozialarbeit sehr gut. Die komplexen Zusammenhänge, in denen sich Fachkräfte positionieren (müssen), werden entlang von verschiedenen Perspektiven aufgezeigt und es werden über Fallbeispiele und Fragen Reflexions‑ sowie Interpretationsprozesse bei den Leser*innen angeregt.
  • Der Zugang, ausgehend von der realisierten Praxis und weniger von normativen Soll-Bestimmungen in das Arbeitsfeld einzuführen, birgt auf den ersten Blick die Gefahr, die in den letzten Jahrzehnten über den intensiven fachlichen Diskurs herausgearbeiteten und auch erkämpften Standards in den Hintergrund zu rücken. Im vorliegenden Werk bleibt diese Befürchtung jedoch unbegründet, da die Autor*innen umfassend und akribisch sowohl auf den aktuellen Fachdiskurs als auch auf die vorliegenden Forschungsergebnisse Bezug nehmen und ihre Erkenntnisse hierzu immer wieder in Bezug setzen. Damit kann das Buch als aktueller Stand des Wissens über Schulsozialarbeit bezeichnet werden, sowohl hinsichtlich der Einblicke, wie Schulsozialarbeit ist, als auch hinsichtlich der Frage, wie sie sein soll.
  • Die methodisch-didaktische Aufbereitung und die diversen Zugänge des Lehrbuchs laden dazu ein, nicht nur eine von den Autor*innen interpretierte Lesart von Schulsozialarbeit kennenzulernen, sondern das Arbeitsfeld eigenständig zu entdecken. Es entsteht eine bemerkenswerte Offenheit, Schulsozialarbeit als heterogenes Feld sehr passend zu erkunden, ohne einer Beliebigkeit Raum zu geben.
  • Das Buch erscheint deshalb für mehrere Zielgruppen sehr lesenswert: Für Studierende, die sich mit dem Arbeitsfeld Schulsozialarbeit z.B. im Rahmen eines eigenen Praktikums vertieft auseinandersetzen möchten; für Praktiker*innen, die vielfältige Hinweise zur Weiterentwicklung bekommen; für Lehrende, die mit dem Lehrbuch einen Fundus an Lehrmaterial erhalten; und nicht zuletzt auch für Forschende in diesem Feld, die umfassende Einblicke in den ‚state of the art‘ des rekonstruktiven Zugangs erhalten.

Fazit

Das sehr gelungene Lehrbuch zeigt mit dem Fokus auf das ‚Doing‘ der Schulsozialarbeit eine in der Reihe der bisherigen Lehrbücher neue Perspektive auf. Es bietet für verschiedenste Zielgruppen diverse Möglichkeiten, Schulsozialarbeit in ihren Aushandlungsräumen, ‑möglichkeiten und ‑notwendigkeiten zu entdecken.

Rezension von
Katharina Baur
Promovendin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen
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Mirjana Zipperle
akademische Oberrätin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen
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Es gibt 1 Rezension von Katharina Baur.
Es gibt 1 Rezension von Mirjana Zipperle.

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ISSN 2190-9245