Bernd Greiner: Weißglut
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 30.09.2025
Bernd Greiner: Weißglut. Die inneren Kriege der USA. Eine Geschichte von 1900 bis heute. Verlag C.H. Beck (München) 2025. 464 Seiten. ISBN 978-3-406-83628-2. 32,00 EUR.
Macht macht Macht
Macht von Einzelnen und Ideologien über Individuen und Gemeinschaften gründet auf der Ohnmacht, Angst und Resignation von Menschen. Weil Macht gemacht wird, und weil Macht positive und negative Wirkungen hat, bedarf es des synonymen und antonymen Nachdenkens über das Phänomen. Es sind die menschenwürdigen und -rechtlichen Grundlagen, die dort, wo Macht diktatorisch und manipulativ angewandt wird, zum Widerstand herausfordern (siehe dazu auch: Daron Acemoglu, u.a., Macht und Fortschritt. Unser tausendjähriges Ringen um Technologie und Wohlstand, 2023, www.socialnet.de/rezensionen/31363.php).
Entstehungshintergrund und Autor
„Make American Hate Again“. Es sind die gesellschaftspolitischen Entwicklungen in den USA, die die Demokraten zu der bangen Frage veranlassen: „Was ist bloß mit den USA los?“. Wie kann der Trumpismus entstehen? Wie kann durch Lügen, Denunzieren und Dämonisieren eine Spaltung des Landes erfolgen? Ist die Politik des „MAGA-Movement“ (nur) eine zeitweilige Verirrung, oder finden sich darin Wurzeln von historischen und populistischen Entwicklungen? Der Berliner Historiker und Politikwissenschaftler Bernd Greiner erzählt die Geschichte der USA mit Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten hundert Jahre. Es ist das Erstarken der extremen Mitte, die als „selbsternannte Hüter des Gemeinwohls…, die im Namen der Demokratie anderen die demokratische Teilhabe streitig machen“, und für die Toleranz ein Non-Wort ist. Die innerstaatlichen, ideologischen und weltanschaulichen Auseinandersetzungen werden durch Ego- und Ethnozentristen befeuert, die Andere – Einwanderer, Liberale, Schwarze, Sozialhilfeempfänger, Linke… – hassen und bekämpfen. Mit der analytisch und realistisch treffenden Titelung der Studie – „Weißglut“ – verdeutlicht der Autor die Ursachen dieser kakofonen Entwicklung.
Aufbau und Inhalt
Die über Jahrzehnte hinweg sich vollziehenden, innenpolitischen, ideologischen Auseinandersetzungen in den USA zwischen Individual- und Gemeinschaftsrecht, zwischen „Ich“ und „Wir“, wurden im internationalen und interkulturellen Diskurs eher bewertet mit den Parolen „vom Tellerwäscher zum Millionär“ und nicht mit den verheerenden Auswirkungen, dass „jeder Mensch eine Waffe tragen darf“. Es sind Einstellungen, dass der Andere (erst einmal) mein Feind und nicht mein Freund ist. Es sind die Auffassungen, dass ein „Immer-Mehr“ nur denen zustehe, die kapitalistisch denken und handeln. Gegen diejenigen, die Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität fordern, ist es gerechtfertigt, staatliche Macht einzusetzen. Denn die Macht der Mächtigen ist gottgewollt! „Wer Erfolg haben will, muss wissen, wen er hasst“. Tee Party, MAGA-Bewegung und zahlreiche, interessenorientierte Zusammenschlüsse bewirken, dass in der gesamtgesellschaftlichen Diskussion demokratische und freiheitliche Errungenschaften, wie z.B. der Civil Rights Act, der Voting Rights Act und der Green New Deal, kaum positive Wirkungen erzeugen; vielmehr werden die Vertreter und Befürworter als „white niggers“ denunziert: „Weißglut“. Es gilt zu erinnern, dass der Trump-Slogan „Make American great again“ bereits im 19. Jahrhundert benutzt wurde. Er wird von Trump und seinen Anhängern eher umgedeutet in: „Make America White Again“ – Whites First“. Der Kampf um Begriffe ist in den USA zu einem Kulturkampf, und zu einem Verlust des politischen Urteilsvermögens in der öffentlichen, gesellschaftlichen Auseinandersetzung geworden.
Bei der Studie „Weißglut“ geht Greiner historisch argumentativ vor. Er beginnt mit „Wege in das ‚Amerikanische Jahrhundert‘“, setzt sich auseinander mit den Situationen „Zwischen den Weltkriegen“, thematisiert mit „Brückenzeit“ die Entstehung des Feindbildes „New Dealer“ in der Zeit des „McCarthysmus“, analysiert den Diskurs im „Kalten Krieg“, und zeigt auf, dass die Erwartungshaltungen und Zielsetzungen der sich immer radikaler entwickelnden „republikanischen Mitte“ sich immer mehr als Schimäre für die Bevölkeruerweisenist. Zwischen dem „Economy, stupid“ und dem „NOT…“, entwickelte sich die Bastion der „weißen Arbeiterklasse“. Die fundamentalistischen, religiösen, evangelikalen Entwicklungen werden wirksam mit dem alljährlich wiederkehrenden „March of Life“, der Massenbewegung „Christian Voice“. Der „freie Markt“, jeder Kontrolle und Risiken entledigt, kann wachsen. Konzepte wie die der Ökonomin und Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom (1933 – 2012; Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php) sind Feind- und Nonsensbilder für die (alten und neuen, Trump‘schen) neoliberalen Anhänger der Tea Party. In deren Echokammer verschwinden Widerstandsbewegungen wie z.B. „Occupy Wall Street“ (siehe David Graeber <+> Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13337.php) und „Black Lives Matters“.
Diskussion
Wo bleiben die „Graswurzelbewegungen“, die gegen mafioses, ego-, ethnozentristisches, diktatorisches und populistisches Denken und Handeln HIER und DORT und HEUTE angehen? Die Studie liefert zahlreiche Beispiele und Belege, wie „Weißglut“ entsteht und wirkt. Sie zeigt auf, wie Demagogie und Hetze Menschen manipulieren und antidemokratische Entwicklungen sich vollziehen: „Tea Party – Taxed Enough Already“. Das Einwanderungsland USA gebiert mit Gewaltausbrüchen unmenschliche Situationen und Morde, wie sie der Ku-Klux-Klan verübt und wie sie Trump verteidigt: „Ich bin euer Krieger. Ich bin eure Gerechtigkeit“. Der selbstverständliche Waffenbesitz ist Mittel und Instrument der BeRECHTigten.
Fazit
Es ist kein Trost, dass „Präsidenten kommen und gehen“; denn was bleibt, sind „Extremisten aus der Mitte der Gesellschaft, die auf eigene Rechnung wirtschaften und immerzu eine politische Währung in Umlauf halten: Weißglut“. Greiner liefert keine Rezepte gegen die unerträgliche, menschenunwürdige Situation in den USA. Seine Analyse jedoch lässt erkennen, dass Donald Trump und seine Politik in die Irre führen. Dafür aber, lebte er in den USA, würde er massive Schimpfe und Repressalien bekommen.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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