Margrit Schreier, Nicole Weydmann: Fallauswahl in der qualitativen Forschung
Rezensiert von Prof. Dr. Simone Pfeffer, 09.09.2026
Margrit Schreier, Nicole Weydmann: Fallauswahl in der qualitativen Forschung. Ein Leitfaden für Studium und Methodenpraxis. Verlag Barbara Budrich GmbH ( Opladen, Berlin, Toronto) 2025. 144 Seiten. ISBN 978-3-8252-6521-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 26,90 sFr.
Reihe UTB.
Thema
Das Buch zielt darauf ab, die Fallauswahl in qualitativen Forschungsvorhaben grundlegend und unter verschiedenen Gesichtspunkten zu beleuchten. Forschende sollen befähigt werden, begründete Entscheidungen über eine inhaltlich und zahlenmäßig angemessene Fallauswahl in ihren Forschungsprojekten treffen zu können.
Autor:innen
Prof. Dr. Margrit Schreier ist als Professorin für empirische Forschungsmethoden in den Sozial‑ und Geisteswissenschaften an der Constructor University Bremen tätig.
Prof. Dr. Nicole Weydmann hat eine Professur für Qualitative Methoden an der Hochschule Furtwangen inne.
Entstehungshintergrund
In ihrem Berufsalltag begleiten die Autorinnen bereits langjährig Studierende bei ihren qualitativen Forschungsprojekten. Sie schildern, dass eine der häufigsten Fragen die nach der Fallzahl sei und nehmen diese Erfahrung als Ausgangspunkt für eine systematische Befassung mit dem Thema der Fallauswahl in qualitativen Forschungszusammenhängen.
Aufbau
Nach einem Vorwort und einer Einladung ins Thema werden in Kapitel 1 die Grundlagen zur Fallauswahl in der qualitativen Forschung vermittelt. Kapitel 2 beschreibt Strategien der Fallauswahl, Kapitel 3 beleuchtet die Fallauswahl im Kontext verschiedener qualitativer Ansätze. In Kapitel 4 geht es um die Auswahl von Fällen im Zusammenhang mit verschiedenen Arten von Daten, in Kapitel 5 findet eine Auseinandersetzung mit dem Thema der Verallgemeinerung statt, gefolgt von einem Schlusswort. Nach jedem Kapitel finden sich Hinweise zu weiterführender Literatur.
Inhalt
Im Grundlagenkapitel werden wesentliche Begrifflichkeiten wie Grundgesamtheit, Stichprobe oder Fallauswahl definiert, Formen der Stichprobenziehung sowie grundlegende Gesichtspunkte bezüglich der Fallauswahl erläutert. Dabei kontrastieren die Autorinnen Inhalte und Ziele der qualitativen und quantitativen Forschung, was Gemeinsamkeiten und Unterschiede der unterschiedlichen Forschungsrichtungen insbesondere bezogen auf die Fallauswahl deutlich macht. Anhand der zunächst grundlegend dargestellten Inhalte wird eine erste Antwort auf die zentrale Frage, wie viele Fälle eine Studie umfassen sollte, gegeben. Sie lautet, dass nicht die Zahl der Fälle, sondern die Informationshaltigkeit und Angemessenheit der ausgewählten Fälle relevant in qualitativen Forschungsdesigns ist.
Daran schließen sich vier Kapitel an, die die Auswahlentscheidungen unter verschiedenen Perspektiven umfassend und detailreich analysieren. Unter dem Fokus der verschiedenen Vorgehensweisen bei der Auswahl werden
- die kriterienorientierte Fallauswahl,
- der Qualitative Stichprobenplan,
- das Theoretische Sampling,
- das Schneeballverfahren und
- weitere Auswahlstrategien beschrieben.
Anschließend wird die Fallauswahl jeweils im Kontext verschiedener qualitativer Ansätze wie der Gegenstandsbegründeten Theoriebildung oder der Ethnografie, Phänomenologie, Diskursanalyse usw. detailliert erläutert und an Beispielen und Abbildungen veranschaulicht. Am Anfang steht dabei jeweils eine Einführung zum besprochenen Ansatz, die die grundlegenden Informationen zur Forschungsrichtung vermittelt. Die nächste Perspektive bringt die Fallauswahl in Zusammenhang mit der Art der Daten, die erhoben werden. Auswahlentscheidungen werden in Hinblick auf Interviews, Fokusgruppen, Beobachtungen, verschiedenen Formen von Dokumenten und digitalen Daten untersucht und mit anschaulichen Untersuchungsbeispielen unterlegt. Schließlich wird das Thema der Verallgemeinerung in qualitativen Kontexten besprochen. Die Autorinnen kritisieren die häufig aus dem Zusammenhang gerissene Aussage, dass es hier keine Verallgemeinerung geben würde, und formulieren das Konzept der Übertragbarkeit als Form der Verallgemeinerung qualitativer Forschung in Abgrenzung zu zahlenbezogenen Vorstellungen der Verallgemeinerung in quantitativen Forschungskontexten.
Das Verständnis der differenzierten Ausführungen wird an vielen Stellen durch Beispiele von Auswahlentscheidungen in konkreten Untersuchungen veranschaulicht und durch Kästen, in denen zentrale Inhalte knapp zusammengefasst sind, unterstützt.
Diskussion
„Es kommt darauf an“ (S. 29) ist die Antwort der Autorinnen auf die Frage der Studierenden nach der notwendigen Fallzahl in ihren jeweiligen Projekten. Diese ursprünglich zu dem Buch motivierende Frage kann m.E. nach der Lektüre von den Studierenden selbst fachlich gut begründet beantwortet werden. Ausgehend von der Fallauswahl gelingt es den Autorinnen, relevante Informationen für Entscheidungen im gesamten Forschungsprozess nachvollziehbar zu vermitteln. Das Werk ermöglicht daher ein tieferes Verständnis der Fallauswahl und weiterer forschungsmethodischer Aspekte. Gelegentlich finden sich Wiederholungen und inhaltliche Überschneidungen, die u.a. mit der Struktur (ein gutes Grundlagenkapitel 1 gefolgt von detaillierteren Darstellungen unter unterschiedlichen Perspektiven in den Kapiteln 2, 3 und 4) zusammenhängen. Der Text ist sprachlich gut verständlich und wesentliche Kernaussagen werden in wenigen Sätzen in Kästen formuliert, was ein Überblickslesen mit punktuellen Vertiefungen ermöglicht.
Fazit
Den Autorinnen gelingt es sehr gut, grundlegendes Wissen zur Fallauswahl im qualitativen Forschungsprozess differenziert zu vermitteln und zugleich die wesentlichen Informationen und Kernaussagen auf den Punkt zu bringen. Forschungsmethodisches Handeln wird durch die Beispiele aus der Forschungspraxis anschaulich und durch die Begründungen gut nachvollziehbar. Das Buch kann für Beginnende im Feld der Forschung wesentliche Grundinformationen über Vorgehen und Hintergründe der Fallauswahl im Forschungsprozess bieten und ist damit gut für Studierende geeignet. Durch die vertiefenden Darstellungen, Begründungen und Beispiele kann es auch erfahrene Forschende im Forschungsprozess unterstützen.
Rezension von
Prof. Dr. Simone Pfeffer
Soziologin, Professorin an der Fakultät Sozialwissenschaften der TH Nürnberg
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