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Lin Adrian: Konflikte verstehen und bearbeiten

Rezensiert von Hanna Wagner, 29.01.2026

Cover Lin Adrian: Konflikte verstehen und bearbeiten ISBN 978-3-8252-6522-9

Lin Adrian: Konflikte verstehen und bearbeiten. Fachübergreifende Grundlagen für Studium und Praxis. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2025. 286 Seiten. ISBN 978-3-8252-6522-9. D: 33,00 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 41,90 sFr.

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Thema

Konflikte stellen jedermann privat und professionell vor große Herausforderungen und Hürden. Das Grundlagenwerk „Konflikte verstehen und bearbeiten“ behandelt die Themen Konflikte und konstruktive Konfliktbearbeitung.

Autorinnen

Lin Adrian ist Juristin und Professorin für Mediation an der Universität Kopenhagen. Sie leitet den Master-Studiengang für Mediation und Konfliktmanagement an der juristischen Fakultät. Adrian hat über 35 Jahre Berufserfahrung als Mediatorin, Lehrerin und Forscherin.

Kirsten Schroeter ist Diplom-Psychologin, Mediatorin und Ausbilderin BM (Bundesverband Mediation) und Supervisorin. Schroeter ist wissenschaftliche Leitung im Master-Studiengang Mediation und Konfliktmanagement an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Ihr Arbeitsschwerpunkt stellt die Konfliktbearbeitung in Organisationen dar.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch wurde zunächst in Dänemark veröffentlicht und dort mit dem Lehrbuchpreis des Verlags Samfundslitteratur ausgezeichnet. Nach Einschätzung der Autorinnen bedarf es im deutschsprachigen Raum weiteren Werken zu den Themen Konflikte und konstruktive Konfliktbearbeitung. Die internationalen Forschungserkenntnisse werden in diesem Buch gebündelt, überarbeitet, erweitert und dem deutschsprachigen Diskurs angepasst.

Aufbau

Das Werk umfasst 286 Seiten und ist in drei große Teile gegliedert:

  • Teil I Konfliktverständnis und Konflikttheorie
  • Teil II Erweitertes Konfliktverständnis
  • Teil III Konfliktbearbeitung

Das einleitende Geleitwort beschreibt die menschlichen Hürden der Konfliktlösung unter dem Deckmantel der Harmoniebedürftigkeit. Sie bietet einen Ausblick auf eine höhere Ordnung der Harmonie mit Hilfe der Kombination aus menschlicher Reife und qualifizierter Professionalität.

Vielfältige Abbildungen und Tabellen werden zur Darstellung und Verdeutlichung der Inhalte genutzt und bieten innerhalb des Leseflusses eine vereinfachte Rezeption des Textes.

Inhalt

Teil I: Konfliktverständnis und Konflikttheorie

Das vorliegende Grundlagenwerk widmet sich dem Verständnis von Konflikten sowie deren theoretischen Grundlagen. Adrian und Schroeter führen systematisch in zentrale Konflikttheorien ein und beleuchten individuelle sowie strategische Verhaltensweisen im Umgang mit Konflikten. Dabei zeigen die Autorinnen auf, wie strategische Abwägungen zur Wahl angemessener Herangehensweisen beitragen können. Ausgangspunkt des Werkes ist ein ambivalentes Konfliktverständnis: Konflikte können sowohl positive Wirkungen entfalten, etwa in Form von Innovation und Entwicklung, als auch Schmerz und Frustration hervorrufen. Häufig besteht eine innere Abwehr gegenüber Konflikten, da Menschen Auseinandersetzungen und mögliche negative Folgen vermeiden möchten. Diese Ambivalenz bildet die zentrale Argumentationslinie des Buches. Konflikte werden als unvermeidliche alltägliche Phänomene beschrieben, deren Wirkung maßgeblich davon abhängt, wie sie wahrgenommen, eingeordnet und bearbeitet werden. Unnötige Konflikte gilt es dabei weiterhin zu vermeiden.

Der Schwerpunkt des Buches liegt auf einer konstruktiven Handhabung von Konflikten, aufgefasst als Prozess des Verstehens und der Bearbeitung. Hierzu werden verschiedene Elemente vorgestellt, die eine zielführende Einordnung und eine reflektierte Positionierung gegenüber Konflikten unterstützen. Die Autorinnen benennen unterschiedliche Spannungsfelder und Konfliktquellen, die Konfliktpotenzial in sich tragen. Sie betrachten die Entwicklung von Konflikten als dynamischen Prozess von Eskalation und Deeskalation.

Eine zentrale Bedeutung für die konstruktive Konfliktbearbeitung kommt den Schlüsselkonzepten der Positionen, Interessen und Bedürfnisse zu. Diese sind auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt. Positionen beschreiben die sichtbaren Forderungen der Konfliktparteien, Interessen die dahinterliegenden Beweggründe, und Bedürfnisse die grundlegenden, allgemein nachvollziehbaren menschlichen Anliegen. Während Positionen häufig im Widerspruch zueinander stehen, eröffnen Interessen und Bedürfnisse Ansatzpunkte für ein vertieftes Verständnis und alternative Lösungswege.

Aus diesen theoretischen Grundlagen leiten die Autorinnen Konsequenzen für den praktischen Umgang mit Konflikten ab. Sie zeigen, dass Konfliktanalysen eine zentrale Voraussetzung dafür sind, Eskalationsdynamiken zu verstehen und angemessene Interventionen überhaupt erst entwickeln zu können. Das Buch vermittelt damit Perspektiven und Handlungsansätze, die Fachkräften ermöglichen, Konflikte reflektiert einzuordnen, tragfähige Lösungen zu entwickeln und Konfliktprozesse aktiv zu gestalten.

Teil II: Erweitertes Konfliktverständnis

Dieser Teil des Buches erweitert die konflikttheoretische Perspektive um Ansätze aus benachbarten Disziplinen, die für das Verständnis und die Konfliktbearbeitung von zentraler Bedeutung sind. Die Autorinnen machen deutlich, dass Konflikte nicht allein aus konflikttheoretischer Sicht erklärbar sind, sondern maßgeblich durch kommunikative, emotionale, kognitive sowie macht- und gerechtigkeitsbezogene Faktoren geprägt werden.

Kommunikation wird als zentrales Gestaltungs- und Bewältigungsinstrument von Konflikten herausgearbeitet. Sie beeinflusst sowohl die Entstehung als auch den Verlauf von Konflikten und eröffnet zugleich Möglichkeiten der Deeskalation. Ergänzend wird die Rolle von Gefühlen beleuchtet, wobei Emotionen und ihr Zusammenspiel als wesentliche Treiber von Konfliktdynamiken verstanden werden. Kognitive Verzerrungen und Voreingenommenheit können als irrationale Mechanismen die Wahrnehmung und Bewertung von Konfliktsituationen beeinflussen und zu Verhärtungen führen. Durch die Auseinandersetzung mit diesen kognitiven Fallen wird ein vertieftes Verständnis für eskalierende Konfliktverläufe ermöglicht.

Abschließend werden unterschiedliche Perspektiven auf Gerechtigkeit und Macht vorgestellt. Die Autorinnen zeigen auf, dass Machtverhältnisse und individuelle wie kollektive Gerechtigkeitsvorstellungen in Konfliktsituationen stets präsent sind und den Handlungsspielraum der Beteiligten maßgeblich beeinflussen. Diese Aspekte werden als zentrale Rahmenbedingungen verstanden, die für eine fundierte Analyse und eine konstruktive Bearbeitung von Konflikten berücksichtigt werden müssen.

Teil III: Konfliktbearbeitung

In diesem Abschnitt stellen die Autorinnen unterschiedliche Formen der Konfliktbearbeitung vor und ordnen diese in ein breites Spektrum professioneller Interventionsmöglichkeiten ein. Dabei wird deutlich, dass Konfliktbearbeitung als strukturierter, methodisch fundierter Prozess verstanden wird, der je nach Kontext, Eskalationsgrad und den beteiligten Personen unterschiedliche Vorgehensweisen erfordert.

Die Konfliktberatung wird als gesprächsbasierte Form der Unterstützung beschrieben, bei der eine fachlich qualifizierte Person die Beteiligten in einem reflektierten Vorgehen begleitet. Auf Grundlage verschiedener, vor allem in den USA und in Deutschland entwickelter Beratungsansätze skizzieren die Autorinnen ein eigenes Modell der Konfliktberatung, das Einflüsse aus der Mediations-, Lern- und Dialogtheorie aufnimmt und in fünf Schritten systematisch entfaltet wird. Ziel ist es, die Konfliktparteien zu einer erweiterten Selbstreflexion und zu eigenverantwortlichen Lösungsansätzen zu befähigen.

Verhandlungen werden als soziale Interaktionen zur Einigung zwischen Konfliktparteien verstanden. Die Autorinnen greifen hierzu zentrale Erkenntnisse aus der Verhandlungsforschung auf und beschreiben typische Phasen und Dynamiken von Verhandlungsprozessen. Dabei wird auch auf veränderte Rahmenbedingungen eingegangen, etwa auf digitale Formate und den zunehmenden Einsatz technischer Unterstützung bis hin zu Anwendungen künstlicher Intelligenz.

Die Mediation wird als strukturiertes Verfahren der Konfliktbearbeitung dargestellt, dessen zentrale Prinzipien Eigenverantwortung der Parteien, Freiwilligkeit, Vertraulichkeit sowie die Neutralität und Allparteilichkeit der Mediator:innen sind. Das interessenorientierte Mediationsmodell mit seinen fünf Phasen wird als bewährter Ansatz vorgestellt, der darauf abzielt, hinter den Positionen liegende Interessen sichtbar zu machen und tragfähige Vereinbarungen zu ermöglichen.

Für Konflikte, die nicht im direkten Aushandlungsprozess bearbeitet werden, werden zudem Entscheidungsverfahren durch Dritte beschrieben. Gerichte, Schiedsgerichte und öffentliche Verwaltung werden als institutionelle Rahmen dargestellt, in denen Konflikte nach festgelegten Verfahrensregeln und unter spezifischen rechtlichen Bedingungen entschieden werden.

Abschließend bieten die Autorinnen zu allen drei Teilen des Buches weiterführende Literaturempfehlungen an, die eine vertiefende Auseinandersetzung mit den jeweiligen Themen ermöglichen.

Diskussion

„Konflikte verstehen und bearbeiten“ überzeugt als fundiertes und zugleich praxisnahes Grundlagenwerk, das den aktuellen internationalen Forschungsstand zur Konflikttheorie und Konfliktbearbeitung systematisch für den deutschsprachigen Raum aufbereitet und erweitert. Eine besondere Stärke des Werkes liegt in der gelungenen Verbindung von theoretischer Tiefe und Praxisbezug. Die dargestellten Modelle, Konzepte und Annahmen werden kontinuierlich auf konkrete Handlungsfelder der Konfliktbearbeitung bezogen und sind damit für Praktiker:innen ebenso anschlussfähig wie auch für Studierende. Unterstützt wird dies durch eine sehr gute visuelle Aufbereitung. Tabellen und Abbildungen sind übersichtlich gestaltet, sinnvoll in den Text integriert und erleichtern das Verständnis komplexer theoretischer Zusammenhänge sowie die Orientierung innerhalb der Kapitel deutlich. Die Vielzahl an theoretischen Zugängen wird nicht isoliert präsentiert, sondern in Beziehung zueinander gesetzt. Dadurch entsteht ein differenziertes Verständnis, welches individuelle, organisationale und gesellschaftliche Ebenen berücksichtigt.

Adrian und Schroeter stellen Konflikte nicht als Hemmnis, sondern als unvermeidlichen und potenziell entwicklungsfördernden Bestandteil menschlichen Zusammenlebens dar, welcher Wachstums- und Verbesserungspotenziale bietet. Diese Perspektive zieht sich stringent durch alle drei Teile des Buches.

Kritisch anzumerken ist, dass das hier vorliegende Werk auf ein zusammenfassendes Fazit sowie auf einen abschließenden Ausblick verzichtet.

Mit seinem fundierten und praxisnahen Ansatz leistet „Konflikte verstehen und bearbeiten“ einen wichtigen Beitrag zur Professionalisierung konstruktiver Konfliktbearbeitung und bietet insbesondere für Fachkräfte, Lehrende und Studierende einschlägiger Disziplinen einen hohen Mehrwert.

Fazit

"Konflikte verstehen und bearbeiten" ist ein inhaltlich dichtes, theoretisch fundiertes und zugleich praxisnahes Grundlagenwerk, das einen wichtigen Beitrag zur empirischen und professionellen Auseinandersetzung mit Konflikten im deutschsprachigen Raum leistet. Es überzeugt durch seine systematische Struktur, den hohen Praxisbezug sowie die gelungene visuelle Aufbereitung und eignet sich besonders für Studium, Lehre und professionelle Anwendung in konfliktbezogenen Arbeitsfeldern.

Rezension von
Hanna Wagner
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Es gibt 1 Rezension von Hanna Wagner.

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ISSN 2190-9245