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Sylvia Agu: The International Legal Protection of Children

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 21.01.2026

Cover Sylvia Agu: The International Legal Protection of Children ISBN 978-3-031-78085-1

Sylvia Agu: The International Legal Protection of Children in Street Situations. Springer (Berlin) 2025. ISBN 978-3-031-78085-1.

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Thema

In ihrer Dissertationsschrift präsentiert Sylvia Agu eine rechtsdogmatische und völkerrechtliche Analyse des internationalen Schutzes von Minderjährigen, die ihren Lebens- und Sozialisationsort auf der Straße haben. Ausgangspunkt der Arbeit ist die kritische Auseinandersetzung mit der Terminologie und Kategorisierung dieser jungen Menschen, deren in der Regel sehr individuelle Situation es enorm schwierig macht, ihre Lebensrealitäten juristisch einheitlich zu erfassen, und deshalb sehr ausdifferenzierte Ansätze erforderlich sind, um für den Schutz dieser Kinder und Jugendlichen zu sorgen.

Autorin

Dr. Sylvia Agu ist Juristin mit wissenschaftlicher Expertise und auch Praktikerin, dabei vor allem mit Fokus auf Internationalem Recht und Kinderrechte. Die vorliegende Dissertationsschrift ist die Grundlage ihrer Promotion im Völkerrecht, die sie im Frühjahr 2024 an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel erlangte. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Kinder in Straßensituationen, internationale Rechtsinstrumente, Schutz vulnerabler Kinder.

Aufbau und Inhalt

Den Auftakt des Buches bildet eine präzise begriffliche Einordnung der Begrifflichkeit children in street situations, der bewusst eine Abkehr von defizitorientierten und stigmatisierenden Zuschreibungen vollzieht. So entsteht zum einen eine wichtige Grundlage für das Verständnis der weiteren Ausführungen, zum anderen wird auch deutlich, dass der Fokus der Betrachtung auf einer menschenrechtlichen Perspektive jener jungen Menschen liegt.

Inhaltlich steht in der Folge die UN-Kinderrechtskonvention im Zentrum der Untersuchung. Agu analysiert deren zentrale Prinzipien systematisch und arbeitet überzeugend heraus, dass Kinder in Straßensituationen in besonderem Maße von multiplen und strukturellen Rechtsverletzungen betroffen sind. Hervorzuheben ist insbesondere die differenzierte Darstellung der Wechselwirkungen zwischen dem Kindeswohlprinzip, dem Diskriminierungsverbot und dem Recht auf Partizipation. Die Autorin macht deutlich, dass ein fragmentarischer Zugriff auf einzelne Normen dem Schutzbedarf dieser Kinder nicht gerecht wird. Sie analysiert die strukturellen Prinzipien der Konvention nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel, um deren konkrete Bedeutung für Kinder in Straßensituationen herauszuarbeiten. Dabei zeigt Agu auf, dass diese Kinder regelmäßig systematischen Verletzungen zentraler Kinderrechte ausgesetzt sind, insbesondere im Hinblick auf Schutz vor Gewalt, Zugang zu grundlegenden sozialen Leistungen und effektive rechtliche Partizipation. In der Folge steht die Analyse der Auslegungspraxis internationaler Überwachungsorgane, insbesondere des UN-Ausschusses für die Rechte des Kindes, im Fokus des Buches. So arbeitet die Juristin heraus, dass die Ausarbeitungen des Ausschusses zwar durchaus normativ zu betrachten sind, aber eben keine formell verbindliche rechtliche Wirkung entfalten. Deren Durchsetzung – wie man im Übrigen auch am Beispiel Deutschland sieht – ist nur begrenzt möglich und ist stark davon abhängig, welche Bedeutung die jeweiligen Staaten der Thematik überhaupt beimessen. Vereinfacht formuliert: Ohne den staatlichen Willen zur Kooperation ist die Arbeit des UN-Ausschusses nicht viel wert. Der Fokus liegt dementsprechend in der Folge auf der strukturellen Kluft zwischen normativer Anerkennung und praktischer Umsetzung internationaler Kinderrechte. Sylvia Agu identifiziert sozioökonomische Ungleichheit, staatliche Repressionspraktiken und institutionelle Fragmentierung als zentrale Umsetzungshemmnisse. Rein rechtliche Schutzmechanismen ohne flankierende sozialpolitische Maßnahmen werden deutlich als unzureichend benannt und können im Extremfall sogar zur weiteren Marginalisierung der betroffenen Kinder und Jugendlichen beitragen. Entsprechend fällt das Fazit des Buches aus: Das bestehende internationale Recht ist zwar grundsätzlich geeignet, den Schutz von jungen Menschen mit Lebensmittelpunkt auf der Straße zu gewährleisten. Wie effektiv das jedoch ist, hängt maßgeblich von einer kontextsensiblen, interdisziplinären und konsequent kinderrechtsbasierten Implementierung ab.

Diskussion

Sylvia Agu legt mit ihrer juristischen Dissertation einen Finger in eine Wunde, weil deutlich wird, dass im internationalen Recht der Schutz von jungen Menschen, deren Lebensmittelpunkt auf der Straße ist, häufig nur eine untergeordnete Rolle spielt. Das gelingt ausführlich, klar strukturiert und auf hohem Niveau. Was aus sozialarbeiterischer Sicht fehlt, ist ein Praxisbezug, was aber dem geschuldet ist, dass es eine juristische Dissertation ist. Diese haben grundsätzlich ein sehr hohes Abstraktionsniveau. Empirische Studien wären eine Möglichkeit gewesen, die Darstellung zu untermauern. Trotzdem gelingt eine beeindruckend umfassende Erfassung des geltenden internationalen Rechts inklusive der Benennung von Grenzen des Regelbaren aufgrund der hoch individualisierten Lebenssituationen.

Fazit

Eine anspruchsvolle, aber unheimlich wichtige Arbeit: Dieses Buch gibt einer oft vernachlässigten Gruppe junger Menschen eine Plattform, die zum einen höchst vulnerabel ist, zum anderen im internationalen Recht häufig aber nur ganz am Rande vorkommt.

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 208 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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ISSN 2190-9245