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Malou Berlin: Was bleibt

Rezensiert von Prof. Dr. Annemarie Jost, 03.12.2025

Cover Malou Berlin: Was bleibt ISBN 978-3-89773-404-3

Malou Berlin: Was bleibt. Jaron Verlag GmbH (Berlin) 2024. 332 Seiten. ISBN 978-3-89773-404-3. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.

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Thema und Zielgruppe

Ich rezensiere hier einen Roman, der tiefe Einblicke in eine besondere Kindheit erlaubt. Es geht um Jason, der mit drei Jahren alleingelassen von seiner jungen alleinerziehenden Mutter aufgefunden und schließlich von einer liebevollen Pflegefamilie aufgenommen wird. Es stellt sich später heraus, dass er FASD hat. Der Roman begleitet seinen Lebensweg bis ins junge Erwachsenenalter. Das Buch gibt Fachkräften und Pflegeeltern wichtige Anregungen zur Reflexion, thematisiert die Herausforderungen von Pflegekindern und klärt zudem auf belletristische Art und Weise die Allgemeinheit über FASD auf.

Autorin

Malou Berlin, Jahrgang 1961, ist eine deutsche Schriftstellerin und Filmemacherin, die verschiedene Auszeichnungen und Nominierungen (u.a. zum Grimmepreis) erhielt und für ihre Arbeit an dem vorliegenden Roman und die dafür notwendigen Recherchen ein Stipendium des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg nutzen konnte. Dieses Stipendium ermöglichte es ihr, sich tiefergehend mit Pflegeeltern und abgebenden Müttern auseinanderzusetzen sowie bei Expert*innen (u.a. Prof. Dr. Ludwig Spohr und FASD Deutschland e.V.) fachliche Unterstützung einzuholen.

Aufbau

Die Abschnitte des Romans schildern die Geschehnisse aus ganz verschiedenen Perspektiven:

  • Der Junge selbst (Jason, später nach Namensänderung Ron) schildert seine Erlebnisse, Gefühle und Gedanken.
  • Die zeitweise selbst im Heim aufgewachsene, von einem gewalttätigen Kindsvater getrennte, überforderte junge Mutter (Doreen Müller) macht ihre Sichtweise deutlich.
  • Der Pflegevater (Alexander Funke), der sich in jungen Jahren hatte sterilisieren lassen und für die Erziehung von Jason seinen Beruf aufgibt, kommt zu Wort.
  • Die Pflegemutter (Sonja Funke), eine Lehrerin, schildert ihre Herausforderungen.
  • Wechselnde Jugendamtsmitarbeiterinnen thematisieren ihre unterschiedlichen Perspektiven auf den „Fall“.

Inhalt

Das Buch beginnt mit einer Episode, bei der Ron unvermittelt seinem besten Freund gegenüber ausrastet und beinahe mit einer Sense zuschlägt, als dieser unbedacht von seinen „richtigen Eltern“ spricht. So werden den Leser*innen sowohl der seelische Konflikt des Pflegekindes als auch die Beeinträchtigung der Impulskontrolle durch FASD gleich zu Beginn deutlich vor Augen geführt.

Danach werden die Geschehnisse chronologisch geschildert: Jason wird dreijährig von einer Jugendamtsmitarbeiterin, die seine junge Mutter intensiv betreut, in der Wohnung aufgefunden: alleingelassen, schreiend und voller Kot in seinem Gitterbett. Die Jugendamtsmitarbeiterin hatte zuvor gedacht: „Wenn es eine meiner jungen Mütter schafft, dann Doreen Müller.“ Danach schildert die junge Mutter ihre Bedrängnisse und Hoffnungen, mit einem neuen Partner ein neues Leben anzufangen. Auch später steht und fällt die Beziehung zu ihrem Sohn mit den Hoffnungen auf eine erneute Liebe. Als die leibliche Mutter später eine eigene neue Familie aufbaut, verschweigt sie den in der Pflegefamilie lebenden Sohn, um das neue Glück nicht zu gefährden.

Danach wird die Perspektive der Pflegeeltern mit unerfülltem Kinderwunsch beleuchtet. Der Pflegevater hatte sich in jungen Jahren aus ideologischen Gründen sterilisieren lassen. Die beiden verlieben sich sofort in den kleinen Jungen. Sie hatten angegeben, dass sie sich von einem behinderten Kind überfordert fühlen würden. Ihnen wird zunächst nichts von einem FASD-Verdacht mitgeteilt. Auch wird ihnen die Hoffnung gemacht, dass der Junge dauerhaft bei ihnen in Pflege bleiben könne, da die Kindesmutter ihn in den drei Monaten der Krisenpflege nur zweimal besucht habe.

Die verschiedenen Jugendamtsmitarbeiterinnen nehmen ganz unterschiedliche Positionen gegenüber der Pflegefamilie ein: Manche versuchen, den Kontakt zur Herkunftsfamilie mit dem Ziel einer späteren Rückführung zu stärken, auch wenn die Pflegeeltern immer wieder von starken Gefühlsreaktionen des Jungen angesichts der Wechselhaftigkeit der Kontakte berichten. Die Reaktionen der Pflegeeltern werden von außen sehr unterschiedlich gedeutet – mal als mangelnde Wertschätzung der leiblichen Mutter gegenüber, mal als überfürsorglich, mal als liebevoll zugewandt.

Großen Raum nimmt im Buch die Auseinandersetzung mit den durch FASD entstandenen Einschränkungen ein: Jason, später Ron, leidet unter Infektanfälligkeit, ist zappelig und kann seine Impulse schwer kontrollieren, kommt in der Schule insbesondere in Mathematik nicht zurecht, wird von Mitschülern gehänselt, braucht wesentlich mehr Anleitung und Aufsicht, erhält später keine Lehrstelle … Zugleich ist er ein guter Fußballspieler und sieht gut aus. Die Pflegeeltern bleiben liebevoll zugewandt, obwohl sie sich streckenweise deutlich überfordert fühlen. Auch der langsam entstehende Kontakt des Pflegekindes zur Verwandtschaft der Pflegeeltern wird mit all seinen Ambivalenzen geschildert.

Im zweiten Teil des Buches macht sich der heranwachsende Ron zunehmend mehr Gedanken um seine Herkunftsfamilie, was darin gipfelt, dass er 18-jährig abrupt die Pflegefamilie verlässt, um seinen leiblichen Vater, der wegen Gewalttätigkeit im Gefängnis saß, ausfindig zu machen. Zunächst ist er sehr angetan von den Gemeinsamkeiten, zumal der Vater ihm deutlich macht, dass „Blut dicker als Wasser“ sei und dass er vermute, die Pflegeeltern hätten ihn nur des Geldes wegen aufgenommen. Als Ron dann einen gewalttätigen Übergriff des Pflegevaters dessen Freundin gegenüber miterleben muss, werden vage Erinnerungen aus der frühen Kindheit wach.

Als 18-Jähriger muss er zudem erleben, dass seine leibliche Mutter ihn verleugnet, um ihre neue Familie nicht zu gefährden. Trotzdem fällt es dem Jungen schwer, sich wieder den Pflegeeltern zuzuwenden, die immer noch – tieftraurig über den Kontaktabbruch – hoffen, weiter in Beziehung bleiben zu können. Das Ende bleibt offen. Ron sucht angesichts der Enttäuschungen über seine Herkunftsfamilie zunächst Hilfe beim Bruder der Pflegemutter.

Diskussion

Das lesenswerte Buch ist spannend geschrieben, und die Autorin hat sich tiefschürfend sowohl mit FASD als auch mit den Ambivalenzen von Pflegekindern, Pflegeeltern und leiblichen Eltern auseinandergesetzt. Es kann Pflegeeltern und Fachkräfte dabei unterstützen, eigene Haltungen und Ambivalenzen zu thematisieren und zu reflektieren. Darüber hinaus kann es gut dazu beitragen, die Beeinträchtigungen durch FASD in der allgemeinen Bevölkerung bekannter zu machen.

Fazit

Der Roman schildert eindrucksvoll ganz unterschiedliche Perspektiven auf einen charmanten Jungen mit FASD, der im vierten Lebensjahr zu einer Pflegefamilie zieht. Ein Kind mit besonderen Herausforderungen, eine überforderte alleinerziehende, mit häuslicher Gewalt konfrontierte Mutter, liebevolle und idealistische Pflegeeltern und ganz unterschiedliche Sozialarbeiterinnen erzählen die Geschichte über einen Zeitraum von 15 Jahren.

Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
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Es gibt 150 Rezensionen von Annemarie Jost.

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ISSN 2190-9245