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Harald Welzer: Das Haus der Gefühle

Rezensiert von David Kreitz, 10.11.2025

Cover Harald Welzer: Das Haus der Gefühle ISBN 978-3-10-397691-5

Harald Welzer: Das Haus der Gefühle. Warum Zukunft Herkunft braucht. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2025. 302 Seiten. ISBN 978-3-10-397691-5. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.

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Thema

Eigentlich, so lässt uns Harald Welzer im Nachwort wissen, wollte er ein Buch über „Gute Orte“ schreiben. Allerdings wurde ihm irgendwann klar, dass diese guten Orte auch immer etwas mit unseren „inneren Landschaften“ – unserer Gefühlswelt – zu tun hätten. Darum heißt das vorliegende Buch nun auch „Das Haus der Gefühle“ und nicht „Gute Orte“. Die Titelwahl ist dabei bewusst gewählt und bildet das tragende Element der gesamten Argumentation. Mit Rückgriff auf Gaston Bachelard entwickelt Welzer die Idee eines „ersten Alls“ – jener räumlichen Umgebung, in der Menschen erstmals der Welt begegnen und die ihre spätere Weltwahrnehmung grundlegend formt. Anders als Heideggers Vorstellung eines In-die-Welt-geworfen-Seins beschreibt Welzer einen graduellen Prozess der Welterschließung, der von einem sicheren Ausgangspunkt aus erfolgt.

Autor

Harald Welzer, Jahrgang 1958, ist ein renommierter Sozialpsychologe und Soziologe, der sich in zahlreichen Publikationen mit Erinnerungskultur, gesellschaftlichem Wandel und nachhaltiger Transformation beschäftigt. Als Professor für Transformationsdesign und Gründer der Stiftung FuturZwei verbindet er wissenschaftliche Analysen mit gesellschaftspolitischer Praxis. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Selbst denken“ (2013), „Die smarte Diktatur“ und „Nachruf auf mich selbst“. Seine Schreibweise ist essayistisch, persönlich und zugleich fundiert. Das vorliegende Werk lässt sich eher seinen Überlegungen zu kollektiven Vorstellungen und Zukunftsentwürfen zuordnen als seinen wirtschaftspolitischen Analysen. Es zeigt sich dabei deutlich subjektiver und reflexiver als frühere Publikationen.

Aufbau

Das Buch setzt sich aus knapp über 50 Kurztexten zusammen, die in ihrer Länge zwischen einer Seite und mehr als ein Dutzend Seiten variieren. Dabei sind die Texte mal direkter und mal weniger direkt aufeinander bezogen und persönliche Geschichten wechseln mit essayistischen Betrachtungen, die Wissenschaftliches und Persönliches zusammenbringen. Welzers Darstellungsweise folgt dabei eher assoziativen Mustern als einer stringenten Gedankenführung, was dem Text einerseits Lebendigkeit verleiht, andererseits zu gewissen Unebenheiten führt.

Inhalt

Es würde zu weit führen hier die Inhalte der einzelnen Kurzkapitel wiedergeben zu wollen, weshalb sich der Rezensent auf die wesentlichen Argumentationslinien beschränkt.

Welzer diagnostiziert folgende Ausgangslage:

  • Die Gesellschaftsmitglieder sind durch das, was man gerne Polykrise nennt, diffus verunsichert.
  • Diese Verunsicherung nutzen Rechtspopulisten, indem sie Angst und Wut schüren und Gemeinschaft anbieten. Der Kern dieser Politik ist die Bewirtschaftung von Angst durch simple Gegensetzungen zwischen „Wir“ und „Sie“.
  • In einer Situation der Verunsicherung schreit niemand „Hurra“, wenn man ihm*ihr sozial-ökologischen Wandel als unausweichlich präsentiert.
  • Vor allem hilft es nichts, Menschen mit Diagrammen und Zahlen und Fakten zu konfrontieren, wenn sie Gefühle der Verunsicherung haben. Welzer kritisiert hier scharf die zahlenbasierte Kommunikation klimapolitischer Akteure, die davon ausgehen, wissenschaftliche Evidenz allein könne Menschen mobilisieren. Seine These: Bereitschaft zum Handeln ist primär emotional fundiert und speist sich aus Vertrauen, Resonanzerfahrungen und dem Gefühl der Zugehörigkeit.
  • Diffuse Gefühle, die flottieren, über die man sich keine Rechenschaft ablegt, sind anschlussfähig. Das macht sie gefährlich, denn diejenigen, die Gefühle bewirtschaften, sind die Rechtspopulisten oder die Rechtsextremen.

Die zentrale These des Buches lautet: Zukunft ist ohne Herkunft nicht denkbar. Gemeint ist damit nicht Herkunft im engen, nationalistischen Sinne, sondern eine seelische, emotionale Verwurzelung – die Gewissheit, irgendwo beheimatet zu sein. Ohne diese Beheimatung fehlt Menschen die Zuversicht, sich auf Neues einzulassen. Wer nie sichere Bindung erfahren hat, wer kein inneres Archiv an erlebter Geborgenheit besitzt, ist „veränderungsavers“ – hält krampfhaft am Bekannten fest und reagiert auf Wandel mit Angst, Abwehr oder Wut. Das ist der psychologische Nährboden, auf dem auch Retropolitik gut gedeiht.

Also was tun?

  • Die Bewirtschaftung von Gefühlen sollte man nicht den Rechtspopulisten überlassen. Die Gesellschaft verfügt über „unfassbare Ressourcen“ – Gefühle von Vertrauen, Zutrauen, Solidarität, Liebe, Freundlichkeit, Zusammenseinwollen.
  • Es ist als Ressource zu betrachten, dass die meisten (Lokal-)Wähler immer noch demokratische Parteien wählen – das ist politisch von hoher Bedeutung.
  • Die politische und mediale Kommunikation macht einen Fehler: Sie guckt nicht auf die Ressourcen, sondern immer auf das Defizit und den Klamauk. Das erzeugt eine Atmosphäre, als sei der Kampf schon verloren, dabei hat er noch gar nicht richtig angefangen. Die digitale Kommentiererei solle man lassen – wir müssen zurück in die analoge Sphäre.
  • Es gibt schon sehr viel Positives im Hier und Jetzt. Ein Wenn-erst-das-und-das-erreicht-ist-Progressivismus ist der Zufriedenheit abträglich, es braucht Gegenwartsutopien. Welzer illustriert dies am Beispiel einer Trauerfeier für eine verstorbene Freundin, Lara, die an ME/CFS litt und sich das Leben nahm. In der spontanen Solidarität der Trauernden erkannte er eine zentrale Einsicht: Utopisches ist nicht erst in der Zukunft zu finden, sondern manifestiert sich bereits in gegenwärtigen Momenten gelebter Gemeinschaft. Es geht also darum, dass bereits Funktionierende wahrzunehmen, statt permanent auf ein zukünftiges Ideal zu verweisen.
  • Zukunftsorientierte Zuversicht und soziale Geborgenheit in der Gegenwart benötigen verlässliche Bindungen als festen Grund – erst von dort aus kann Wandel stattfinden. Den theoretischen Hintergrund dazu findet Welzer in der Bindungstheorie John Bowlbys, in Hartmut Rosas Resonanztheorie und in den dritten Orten (Kneipen u.ä.) zwischen Arbeit und Privatem. Die Verbindung von Bindungsforschung und gesellschaftlicher Transformationsfähigkeit erweist sich dabei als schlüssige theoretische Erweiterung seiner Überlegungen.
  • Besonders wichtig sind ihm „Wohnzimmer der Gesellschaft“, Orte des Aufeinandertreffens, des Miteinanders, die ohne Konsumzwang oder andere feste Funktionen sind, sondern einfach ein Sich-treffen-können, die Begegnung, ermöglichen. Fast alle Räume, in die Menschen einfach so gehen können, insbesondere auch junge Menschen, sind heute kommerzialisierte Räume. Dabei ist die Idee extrem einfach: Wir können diese Orte sofort schaffen – jede*r kennt jemanden, der irgendeinen sinnlosen Ort hat. Diese analogen Räume werden gebraucht, damit man sich ohne Anlass vergemeinschaften kann und sich gegenseitig in dem zutreffenden Gefühl bestätigen kann, dass man zu derselben Welt gehört.

Welzer betont zudem die Dringlichkeit der Lage: Die manifeste Gefahr, die auf unsere freiheitliche Ordnung einwirkt, ist tatsächlich so groß, dass sie seinen biographischen Erfahrungsraum überschreitet. Wir können nicht mehr davon ausgehen, dass alles gut gehen wird. Hinzu kommt die Problematik der Vereinsamung: Soziale Netzwerke führen, insbesondere bei jungen Menschen, zu katastrophalen Folgen – depressive Erkrankungen und Vereinsamungsgefühle nehmen seit Einführung des Smartphones radikal zu. Wer einsam ist, hat ein starkes Bedürfnis, Anschluss zu finden, und das bewirtschaften Trump, AfD und andere europäische Rechtspopulisten gezielt. Die eigentliche Verführungskraft des Populismus ist, dass er Gemeinschaft anbietet.

Diskussion

Man könnte Welzer essayistische Oberflächlichkeit vorwerfen und seine persönlichen Geschichten und positiven Beispiele als zu wenig, zu klein, zu spezifisch abtun. Kritisch anzumerken ist, dass die Grundidee der Gegenwartsutopie wiederholt in verschiedenen Variationen aufgegriffen wird. Die wichtige Mahnung, die Gegenwart nicht zu übergehen, büßt durch die vielfältige Wiederaufnahme auf unterschiedlichen Ebenen etwas an Prägnanz ein. Manche Passagen liefern dabei eher atmosphärische Verdichtung als konzeptionellen Erkenntnisgewinn.

Zudem könnte man kritisieren, dass Welzer in seiner Auseinandersetzung mit klimapolitischer Kommunikation ein zu vereinfachtes Bild zeichnet. Auch unter Klimaaktivist*innen wächst seit Jahren das Bewusstsein für narrative Strategien, emotionale Ansprache und kulturelle Resonanz. Die Kritik trifft daher weniger aktuelle Entwicklungen als frühere Debatten. Zudem ließe sich einwenden, dass komplexe Forschungsbereiche wie Affekt- oder Transformationsforschung stellenweise stark komprimiert dargestellt werden. Andererseits erlaubt gerade diese Verdichtung einem breiten Publikum den Zugang zu Themen, die sonst in akademischen Nischen verharren würden. Die große Stärke des Buches liegt in der Verknüpfung von psychologischen Einsichten mit gesellschaftspolitischen Analysen.

Sein anekdotisches und mit Beispielen aufgeladenes Erzählen ist spätestens seit dem Werk „Selbst Denken“ (2013) Welzers Konzept: Das, was schon gut ist, das Unterstützenswerte, das direkt Machbare, das gute Beispiel aufzuzeigen, um Mut zu machen für kleine Schritte. Das ist auch die Aussage in „Das Haus der Gefühle": Es ist schon vieles da, man muss im Gegenwärtigen das Gute suchen und verstärken und mit auch Wenigem lässt sich viel erreichen. Orte des Austauschs, die gegen Einsamkeit und gegen Abschluss in die eigene Bubble helfen, können (fast) überall entstehen. Dass diese Begegnungsräume wichtig sind für ein Miteinander – und auch im Kampf gegen Einsamkeit und soziale Isolation – zeigt auch Rainald Manthe (2025), der von Infrastrukturen des Demokratischen spricht.

Die große Stärke des Buches liegt zum einen in ebendiesem anekdotenreichen und verständlichen Stil, der die Lektüre angenehm persönlich macht und die Trockenheit vieler Sachbücher vermeidet – wobei die Zusammenhänge der kurzen Kapitel ein ums andere Mal verschwimmen. Inhaltlich spricht es alle Leser*innen an, die sich für gesellschaftliche Veränderungen und zeitdiagnostische Analysen interessieren. Zum anderen liegt die Stärke im Begriff der Gegenwartsutopie. Harald Welzer macht deutlich, dass schon im Jetzt vieles möglich ist, dass das Gute, die positive Veränderung, nicht erst in einem schönen Morgen wartet, sondern dass das Gelingende bereits gegenwärtig ist. Darauf zielt auch sein Hinweis auf gute Orte und benötigte „Wohnzimmer der Gesellschaft“ ab – es gibt schon gute Orte und es gibt zahlreiche Möglichkeiten „Wohnzimmer“ einzurichten.

So dunkel also teilweise die politische Analyse Welzers sein mag, sein Buch zeichnet sich dadurch aus, dass es für Lichtblicke sorgt und Mut machen will. Es ist kein Handbuch für Aktivisten und auch kein Fachbuch für Wissenschaftler, sondern ein Essay für eine gebildete Öffentlichkeit, die bereit ist, gesellschaftliche Fragen durch die Linse persönlicher Erfahrung und psychologischer Einsichten zu betrachten.

Fazit

Harald Welzer gelingt mit "Das Haus der Gefühle" ein ansprechendes, lesenswertes Mutmachbuch für alle, die Gesellschaft positiv verändern wollen. Der Autor zeigt, wie kleine Schritte in die richtige Richtung und die Freude an gelungener Gegenwart viel bewirken könn(t)en.

Rezension von
David Kreitz
M.A., pädagogischer Mitarbeiter für politische Erwachsenenbildung bei der HVHS Mariaspring und freiberuflicher Trainer für wissenschaftliches Schreiben.
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Es gibt 35 Rezensionen von David Kreitz.

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ISSN 2190-9245