Agnes Arnold-Forster: Nostalgie. Geschichte eines gefährlichen Gefühls
Rezensiert von David Kreitz, 25.11.2025
Agnes Arnold-Forster: Nostalgie. Geschichte eines gefährlichen Gefühls. Warum uns die Vergangenheit nie loslässt. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH (Stuttgart) 2025. 320 Seiten. ISBN 978-3-15-011541-1.
Thema und Inhalt
Agnes Arnold-Forster legt mit „Nostalgie. Geschichte eines gefährlichen Gefühls“ eine historische und kulturwissenschaftliche Untersuchung vor, die das Phänomen der Nostalgie von seinen medizinischen Ursprüngen bis zu seiner aktuellen politischen Konjunktur nachzeichnet. Die Autorin zeigt, wie der Begriff „Nostalgie“ im 17. Jahrhundert als Krankheit diagnostiziert und mit Heimweh gleichgesetzt wurde und sich erst später zu einer ambivalenten, kultur- und kollektivgeschichtlichen Größe entwickelte. Arnold-Forster arbeitet dabei explizit heraus, wie Nostalgie als gefährliches Gefühl wirken kann, das sowohl individuelles Leiden als auch reaktionäre gesellschaftliche Tendenzen fördert.
Autor
Agnes Arnold-Forster ist eine britische Historikerin, Forscherin und Schriftstellerin, die sich auf die Geschichte von Medizin, Gesellschaft und Emotionen in Europa, den USA und Kanada vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart spezialisiert hat. Ihre Doktorarbeit wurde 2021 als Buch "The Cancer Problem: Malignancy in Nineteenth-Century Britain" bei Oxford University Press veröffentlicht. Im April 2024 erschien das hier besprochene Werk.
Aufbau und Inhalt
Das Buch gliedert sich in eine Einleitung und zehn Kapitel sowie einen Anmerkungs- und Abbildungsapparat.
Die zehn Kapitel werden hier jeweils kurz vorgestellt:
Kapitel 1: Dienstmädchen und Söldner
- Diese beiden Gruppen sowie Studenten waren die ersten an denen Nostalgie als Krankheit diagnostiziert wurde. Und zwar vom Schweizer Arzt Johannes Hofer im Jahr 1688. Nostalgie wurde daher über Jahrhunderte auch die Schweizer Krankheit genannt.
Kapitel 2: Todesursache Nostalgie
- Nostalgie wurde im 18. und 19. Jhd. für den Tod von versklavten und verschleppten Personen verantwortlich gemacht. Diese Anfälligkeit für tödliche Nostalgie wurde als Beweis der Minderwertigkeit dieser Menschen angesehen. Bei Weißen hingegen galt Nostalgie als patriotische Empfindung.
Kapitel 3: Heimweh
- Entwickelte sich von einer ernstgenommenen Krankheit zu einem Problem, das vor allem Kinder hätten, und einem Gefühl, dass es zu überwinden gelte. Heimweh gehört aber auch zur Erfahrungs- und Gefühlswelt von Geflüchteten.
Kapitel 4: Die Psychologie der Nostalgie
- Gleichzeitig mit der Infantilisierung des Heimwehs wurde die Nostalgie zur regressiven Neurose erklärt, der schlussendlich der Wunsch zur Rückkehr in den Mutterleib zugrunde liegen würde. Diese mangelnde Abnabelung führe dazu, dass sich narzisstische Persönlichkeiten entwickeln, die nur um sich selbst und ihre eigene Entwicklung drehen. Solche Persönlichkeiten waren dann auch nicht in der Lage, sich auf die Veränderungen und Anforderungen einer sich wandelnden Welt einzustellen.
Kapitel 5: Die Nostalgiewelle
- Diese Welle kam in den 1970er Jahren in den USA auf, schwappte schließlich nach Westeuropa und bezog sich sowohl auf Antiquitäten, alte Kinderbücher aus dem 19 Jhd., wie auch die Mode vergangener Zeiten. Durch das Revival der Werke von F. Scott Fitzgerald wurden die „roaring twenities“, die goldenen Zwanziger, en vogue. Aber grundsätzlich konnte (fast) jede historische Epoche zur „guten alten Zeit“ stilisiert werden. Soziologen vermuteten daher, dass diese Nostalgie mehr über die Gegenwart als die jeweiligen Vergangenheiten aussagte.
Kapitel 6: Wie man Gefühle zu Geld macht
- Nostalgie ermöglicht es Geschäfte, Konsumgegenstände, Dienstleistungen mit einer Geschichte, mit Tradition, mit althergebrachten Werten etc. aufzuladen und so die Dinge und Dienstleistungen und Orte besonders zu machen. Man denke nur an Friseurläden im klassischen Barbershop-Stil, ein Phänomen der 2020er Jahre.
Kapitel 7: Die Welt neu erfinden
- Reenactments historischer Schlachten, Mittelaltertreffen, Live-Roellenspiele und interaktive lebendige Geschichtsmuseen, viele Menschen möchten Geschichte erleben, nachspielen und nachempfinden. Von Historiker:innen wird das zumeist als heillos nostalgisch und verklärend abgetan. Fragwürdig sind auch gesellschaftliche Phänomene wie Tradwifes, die Sehnsucht nach vergangenen Geschlechterverhältnissen zeigen und deren Überlegenheit betonen.
Kapitel 8: Politische Nostalgie
- Alte Zustände wiederherzustellen ist das Versprechen nostalgischer Politik bzw. ist sie vornehmliches Kennzeichen ihrer Rhetorik. Donald Trumps wiederkehrende Lieblingsfloskeln „again“ und „bringing back“ geben beredt Zeugnis davon. Nostalgie ist aber nicht nur Kennzeichen oder Zutat rechter Politik, sie ist auch im linken politischen Spektrum weitverbreitet. Als britisches Beispiel führt die Autorin die Diskussionen um den NHS an.
Kapitel 9: Das nostalgische Gehirn
- Verschiedene Gehirnregionen bilden zusammen das sogenannte nostalgische Gehirn, dass immer dann aktiviert wird, wenn man Nostalgie verspürt. MRT-Scans legen nahe, dass emotional positive und persönliche Bilder die jeweiligen Hirnregionen besonders stark ansprechen. DA diese Forschung gezeigt hat, dass Nostalgie positive Effekte haben kann, wird in der Erinnerungstherapie für demenzerkrankte Personen verstärkt mit dem Hervorrufen von nostalgischen Gefühlen gearbeitet.
Kapitel 10: Nostalgie – eine Rehabilitierung
- Nostalgie hat viele Wandlungen durchlaufen, sie wurde von einer Krankheit zu einer Emotion, sie kann unterschieden werden in persönliche Nostalgie als Rückblick auf die eigene Jugend und in historische Nostalgie als Bezugnahme und Verklärung einer nie selbst erfahrenen Vergangenheit. Sie ist eine emotionale Ressource die politisch aktiviert und (aus-)genutzt werden kann: reaktionär wie revolutionär. Und sie kann das Selbstbewusstsein fördern, Einsamkeit lindern, Stress und Angst zurückdrängen und ganz generell zu psychischem Wohlbefinden beitragen.
Diskussion
Im Vergleich zur Arbeit von Barbara Cassin, die in „Nostalgie“ (2021) einen philosophischen Blick auf das Gefühl wirft und seine sprachlichen und metaphorischen Implikationen thematisiert, fokussiert Arnold-Forster stärker auf die gesellschaftspolitischen Auswirkungen und historischen Kontexte. Zygmunt Bauman beschreibt in „Retrotopia“ (2017) die politische Rekonstruktion von Vergangenheiten als Antwort auf gesellschaftliche Unsicherheiten, was sich bei Arnold-Forster als Warnung vor regressiver Nostalgie wiederfindet. Mark Lilla schließlich kritisiert die „nostalgische Regression“ in politischen Bewegungen („Der Glanz der Vergangenheit“, 2018), eine Position, die Arnold-Forster (zwar ohne direkten Bezug) diskutiert und um die bereits genannten medizinisch-psychologische Perspektiven erweitert. Wobei ihr wichtig ist, die positiven Seiten der Nostalgie zu betonen. Das Buch hat einen starken Bezug zu englischsprachigen Quellen und britischen Beispielen, so dass eine gewisse Kenntnis oder Recherchewille bzgl. einiger genannter Institutionen und Geschehnisse zum Verständnis nötig sind.
Das Werk empfiehlt sich für Leser:innen aus den Kultur-, Sozial- und Geschichtswissenschaften sowie für alle, die kritisch über die Macht der Gefühle im gesellschaftlichen Wandel nachdenken wollen.
Fazit
Arnold-Forster gelingt es, Nostalgie als mehrdeutiges, teils gefährliches Gefühl historisch wie aktuell greifbar zu machen. Sie zeigt, wie die emotionale Rückschau auf Vergangenes als Gegenmittel zur Verunsicherung durchaus stabilisierend wirken kann, zugleich aber auch Mechanismen von Ausgrenzung und regressiver Politik befördert. Durch die multiperspektivische Herangehensweise bietet das Buch neue Impulse für die Diskussion um Emotion, Erinnerung und gesellschaftliche (Re-)Formierung.
Rezension von
David Kreitz
M.A., pädagogischer Mitarbeiter für politische Erwachsenenbildung bei der HVHS Mariaspring und freiberuflicher Trainer für wissenschaftliches Schreiben.
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