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Sebastian Ruin, Stefan Meier et al.: Bewegungs- und Sportpädagogik

Rezensiert von Henning van den Brink, 05.06.2026

Cover Sebastian Ruin, Stefan Meier et al.: Bewegungs- und Sportpädagogik ISBN 978-3-8252-6497-0

Sebastian Ruin, Stefan Meier, Esther Pürgstaller:Bewegungs- und Sportpädagogik. Grundriss einer diversitätssensiblen, digitalitätsbewussten und nachhaltigen Fachpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2025. 303 Seiten. ISBN 978-3-8252-6497-0. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 29,50 sFr.

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Thema

„Aufwachsen in öffentlicher Verantwortung“ war der Leitbegriff des elften Kinder‑ und Jugendberichts der Bundesregierung, der 2002 erschien. Vorangetrieben durch zahlreiche gesetzliche Regelungen hält der bereits vor knapp 25 Jahren diagnostizierte Trend weiter an, dass Kinder und Jugendliche immer mehr Zeit in öffentlichen Bildungs-, Erziehungs‑ und Betreuungseinrichtungen verbringen. Durch den damit verbundenen Bedeutungszuwachs für die Sozialisation junger Menschen kann sich insbesondere die Schule nicht mehr vor gesellschaftlichen Transformationsprozessen verschließen und sich auf lehrkraftzentrierte Wissensvermittlung zurückziehen. Zusätzlich werden aus den anderen staatlichen Teilsystemen – wie Gesundheitspolitik, Kriminalpolitik, Sozialpolitik, Familienpolitik oder Arbeitsmarktpolitik – neue Aufgaben an sie herangetragen. Insbesondere Prävention als postmoderne Leitfigur wird zunehmend als (schul)pädagogische Querschnittsaufgabe postuliert. Von dieser Entwicklung sind sämtliche pädagogische Fachdisziplinen betroffen, so auch die Bewegungs‑ und Sportpädagogik.

Mit dem vorgelegten Studienbuch verfolgen Sebastian Ruin, Stefan Meier und Esther Pürgstaller das Ziel, „eine zeitgemäße Bewegungs‑ und Sportpädagogik zu entwerfen, die bildungstheoretisch fundiert ist und sich zugleich praxissensibel aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen widmet.“ (S. 9) Das Autor:innenteam entfaltet das Thema – nach einer Grundlegung und Einführung in die wichtigsten Begriffe und Konzepte der Bewegungs‑ und Sportpädagogik – entlang von Diversität, Digitalität und Nachhaltigkeit als die „zentrale[n] pädagogisch[n] Schlüsselthemen der Gegenwart“ (S. 9). Allen drei Themen ist nämlich gemeinsam, dass sie in nahezu allen pädagogischen Settings an Bedeutung gewonnen haben. Der weiterhin sehr dynamisch verlaufende Entwicklungstrend der Digitalisierung in den Lebens‑ und Lernwelten von Kindern und Jugendlichen gilt sogar als Begründungs‑ und Legitimationsformel für den Ausbau von bewegungs‑ und sportpädagogischen Angeboten und Angebotsformen.

Autor:innen

Sebastian Ruin ist 2020 Professor für Sport- und Bewegungspädagogik an der Universität Graz und leitet das Institut für Bewegungswissenschaften, Sport und Gesundheit.

Stefan Meier ist seit 2024 Inhaber des Lehrstuhls für Sportpädagogik an der Universität Augsburg sowie Leiter des Instituts für Sportwissenschaft und des Sportzentrums.

Esther Pürgstaller ist seit 2021 Juniorprofessorin für Fachdidaktik Sport unter Berücksichtigung der Primarstufe an der Universität Potsdam.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel. Am Ende eines jeden Kapitels der zweiten Gliederungsebene findet man neben abschnittsbezogenen Literaturempfehlungen auch mehrere Reflexionsimpulse, die – ähnlich wie die Kurzzusammenfassungen – vom Fließtext abgesetzt sind.

Zunächst wird in der Einführung die Zielsetzung des Buches umrissen. Ein wesentliches Anliegen der Autor:innen ist es, eine „praxissensible Konkretisierung“ bei der „Synthese von bewegungs‑ und sportpädagogischen Diskussionssträngen in der pädagogischen Praxis“ zu leisten (S. 10). Die Autor:innen leiten dies aus der empirischen Beobachtung ab, dass Sportlehrer:innen häufig der Persönlichkeitsförderung, wie sie bei bewegungspädagogischen Ansätzen im Vordergrund steht, zu wenig Aufmerksamkeit schenken. Während man sich in der Bewegungspädagogik an subjektiven Zugängen und individuellen Perspektiven orientiert, sind sportpädagogische Zugänge mit gesellschaftlichen Erwartungen durchtränkt (S. 112). Entsprechend werden die hier als relevant markierten Kategorien Körper, Leistung, Bewegung und Erfahrung sehr unterschiedlich gewichtet. Aber gerade in diesen Spannungsfeldern zwischen bewegungs‑ und sportpädagogischen Zugängen sehen die Autor:innen große Bildungspotenziale, die es freizulegen und zu nutzen gilt.

Das begriffliche und konzeptionelle Fundament für die weiteren Ausführungen legen die Autor:innen in Kapitel 2, das mit rund 100 Seiten den größten Raum des Buches einnimmt. Neben der Differenzierung zwischen Bildung und Erziehung einerseits sowie bewegungs‑ und sportpädagogischen Zugängen andererseits werden hier die vier Hauptkategorien – Körper, Bewegung, Leistung und Körper – definitorisch vermessen. Entlang dieser Hauptkategorien wiederum werden anschließend die drei Schlüsselthemen Diversität, Digitalität und Nachhaltigkeit jeweils nacheinander aufgeblättert.

Diversität und die Frage nach gleichberechtigten Teilhabechancen stehen in Kapitel 3 im Mittelpunkt. Dabei wird auch der fachpädagogische Auftrag in den Blick genommen, wie durch eine diversitätssensible Unterrichtspraxis der Lernerfolg aller Teilnehmenden in heterogenen Lerngruppen sichergestellt werden kann (S. 13). Das impliziert den vierfachen Anspruch, nicht nur – auf der Reflexionsebene – Differenzsetzungen und die eigene Verstrickung in Machtstrukturen zu erkennen, sondern auch – auf der Handlungsebene – diese Machtstrukturen aufzubrechen und Teilhabe zu gewährleisten (S. 139).

Digitalität stellt die Sport‑ und Bewegungspädagogik vor die Herausforderung, auf die veränderten Lebenswelten junger Menschen und gesellschaftlichen Transformationsprozesse zu reagieren (Kapitel 4). Den bisherigen pädagogischen Zugängen zu diesem Themenkomplex ist gemeinsam, dass Kinder und Jugendliche dazu befähigt werden sollen, „digitale Inhalte kritisch zu hinterfragen – insbesondere im Hinblick auf Körperbilder, Gesundheitsideale, Leistungsnormen und Teilhabe“ (S. 187). Denn die Gefahr einer „Entfremdung von der eigenen Körperlichkeit“ und die Gefahr einer „funktionalen Engführung leiblich fundierter Ausdrucksmöglichkeiten“ hin zu einer „strategischen Selbstdarstellung“ steigen durch die zunehmende Digitalisierung des Alltags, in der Bewegung zunehmend quantifizierenden, objektivierenden und optimierenden Imperativen und Maßstäben unterworfen wird (S. 199).

In Kapitel 5 wird anknüpfend an eine kurze Vorstellung des Konzepts von Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) kritisch hinterfragt, inwieweit Sport‑ und Bewegungspädagogik selbst darin verstrickt ist, Teil eines Kommerzialisierungstrends zu sein, der sich eben nicht mit Nachhaltigkeitsdimensionen in Deckung bringen lässt – wie am Beispiel von Sporttourismus, Großveranstaltungen im Profisport und Sportartikelindustrie aufgezeigt wird (S. 229–231). Weiterhin sehen die Autor:innen – wie auch schon bei vorstrukturierten digitalen Bewegungsformaten (S. 206) – eine Gefahr darin, dass transformative Bildungsprozesse, also solche Bildungsprozesse, die (erst) durch Irritation und Scheitern in Gang gesetzt werden, unterbunden werden, wenn keine erfahrungsorientierte Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit stattfindet (S. 255).

Schließlich wird in Kapitel 6 der Frage nachgegangen, wie eine diversitätssensible digitalitätsbewusste und nachhaltige Bewegungs‑ und Sportpädagogik aussehen könnte. Dabei gehen die Autor:innen vor allem auf die Spannungen im Bildungsverständnis ein. In Bezug auf Diversität verweisen sie auf das Spannungsfeld, „individuelle Körpererfahrungen ernst zu nehmen, ohne kulturelle Praxisformen zu entkontextualisieren oder zu exotisieren“; in Bezug auf Nachhaltigkeit machen sie auf die Herausforderung aufmerksam, „sich als leibliches Subjekt in einem größeren ökologischen und sozialen Gefüge zu verorten“; in Bezug auf Digitalität stellen sie heraus, dass zum einen der Umgang mit neuen digitalen Technologien die Vermittlung von Medienkompetenz und die Schaffung von Reflexionsräumen erforderlich macht, zum anderen die in digitalen Leistungssystemen eingelagerten Normen zu einer Entwertung subjektiver Leistungserfahrungen beitragen (S. 260 f.).

Diskussion

Zwar verfolgt das Autor:innenteam eine integrative Perspektive, die bestrebt ist, schulische wie außerschulische Kontexte zu erfassen, aber die Mehrzahl der Ausführungen bleiben im schulischen Kontext verhaftet, was sicherlich auch der fachlichen Verortung der Autor:innen geschuldet ist. Somit werden bewegungs‑ und sportpädagogische Zugänge außerhalb der Schule – wie etwa im Vereinssport, in der Kinder‑ und Jugendarbeit oder im Breitensport – weitestgehend ausgeklammert. Zumindest hätten die Autor:innen einige Verbindungslinien zu außerschulischen Settings, in denen die hier als relevant markierten Kategorien Leistung, Körper und Bewegung und Erfahrung ebenfalls sehr unterschiedlich priorisiert werden, stärker aufzeichnen können. Das gilt sowohl für die Beispiele aus und für die Praxis als auch für die didaktischen Konzepte und theoretischen Bezüge. So wird zwar an mehreren Stellen die Habitustheorie von Pierre Bourdieu als Erklärungsansatz herangezogen, wie sich die milieuspezifischen Einstellungen und Verhaltensweisen in Bezug auf Sport und Bewegung entwickeln. Aber auch das aus der Sozialen Arbeit stammende Konzept der Lebensweltorientierung hätte man beispielsweise als theoretisches Modell für die adressaten:innengerechte Konzipierung und Umsetzung von Sport‑ und Bewegungsangeboten für junge (und ältere) Menschen heranziehen können.

Das Ziel, „Reflexionsanlässe zu schaffen, die Leser:innen dazu anregen sollen, die eigene pädagogische Praxis im Licht dieser dynamischen Gegenwartsthemen immer wieder neu zu durchdenken“ (S. 15), wird mühelos erreicht. Dies geschieht nicht nur durch die gesondert hervorgehobenen „Reflexionsimpulse“ am Ende vieler Kapitel, sondern auch durch das gezielte Hinterfragen von geläufigen Narrativen in der öffentlichen Diskussion ebenso wie von nicht offen gelegten Annahmen von pädagogischen Konzepten (z.B. bezüglich Bildung für Nachhaltige Entwicklung, S. 221). Allerdings hätte man sich an manchen Stellen eine stärkere empirische Verankerung der Argumentation gewünscht. Gerade bei pädagogischen Handlungsfeldern wie BNE, die – wie die Autor:innen selbst zutreffend zu Beginn feststellen – „normativ hoch aufgeladen“ sind (S. 14), ist es Aufgabe der Wissenschaft, empirisch belastbare Erkenntnisse und Befunde zur Verfügung zu stellen – als Grundvoraussetzung für eine evidenzbasierte Praxis.

Fazit

Die Autor:innen haben mit ihrem Buch den Grundriss einer diversitätssensibel, digitalitätsbewusst und nachhaltig angelegten Bewegungs‑ und Sportpädagogik gezeichnet, den es zukünftig mit didaktischen Elementen und empirischen Erkenntnissen weiter zu füllen gilt. Wer sich einen Überblick über aktuelle bewegungs‑ und sportpädagogische Ansätze, Konzepte und Diskurse verschaffen möchte, ist mit diesem Studienbuch gut bedient. Allerdings sollte man sich als Leser:in auf einen starken Zuschnitt der Ausführungen auf den schulischen Sportunterricht einstellen, sodass der Mehrwert für außerschulische Handlungsfelder begrenzt ist.

Rezension von
Henning van den Brink
Professor für Soziale Arbeit an der IU - Internationale Hochschule
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Es gibt 8 Rezensionen von Henning van den Brink.

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ISSN 2190-9245