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Udo Wilken, Reinhold Popp (Hrsg.): Freizeit-kulturelle Bildung im Lebenslauf

Rezensiert von Prof. Simone Gretler Heusser, 04.06.2026

Cover Udo Wilken, Reinhold Popp (Hrsg.): Freizeit-kulturelle Bildung im Lebenslauf ISBN 978-3-17-044835-3

Udo Wilken, Reinhold Popp (Hrsg.): Freizeit-kulturelle Bildung im Lebenslauf. Gestaltung und Förderung von der Kindheit bis ins Alter. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 238 Seiten. ISBN 978-3-17-044835-3. 36,00 EUR.

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Thema

Der Sammelband widmet sich der Bedeutung freizeitbezogener und kultureller Bildungsprozesse über die gesamte Lebensspanne hinweg. Im Zentrum steht die Frage, wie kulturelle Teilhabe und informelle Bildung ausserhalb formaler Institutionen zur Persönlichkeitsentwicklung und sozialen Integration beitragen können.

Autor:innen und Herausgeber

Die Herausgeber Udo Wilken und Reinhold Popp versammeln Beiträge aus Wissenschaft und Praxis. Die Autor:innen stammen überwiegend aus den Bereichen Erziehungswissenschaft, Soziale Arbeit und Kulturpädagogik und bringen unterschiedliche Perspektiven auf lebensbegleitende Bildungsprozesse ein.

Aufbau

Im ersten Teil führen die Herausgeber Udo Wilken und Reinhold Popp ihre Vorstellung von Lebens-Kultur anhand von Ausführungen zur Bedeutung von kulturellen Tätigkeiten in der Freizeit sowie der Verbindung mit Bildung in Zukunftsdiskursen aus. Ergänzt wird dieser erste, einführende Teil von einem Beitrag der Psychotherapeutin Marlene Heichinger, welche unter dem Titel „Freizeit als Lebensaufgabe“ die Entwicklung von Freizeitaktivitäten historisch unter die Lupe nimmt und Themen wir Überforderung, Beschleunigung (des Lebens) oder Langweile im Überangebot verbindet. Nach dieser einführenden theoretischen Rahmung werden im zweiten Teil Bildungsprozesse in Kindheit und Jugend, im Erwachsenenalter sowie im höheren Lebensalter behandelt. Ergänzt wird dies durch praxisorientierte Fallbeispiele im dritten und letzten Teil, wo drei Beiträge exemplarisch Einblicke in aktuelle freizeit-kulturelle Entwicklungen geben.

Inhalt

Mit Wilken und Popp zeichnen zwei im Feld der Erziehungswissenschaft und Innovationsforschung etablierte Herausgeber verantwortlich, die eine interdisziplinäre Autor:innenschaft versammeln. Die Beiträge speisen sich aus unterschiedlichen disziplinären Kontexten – insbesondere Pädagogik, Soziale Arbeit und Kulturwissenschaft –, was dem Band eine perspektivische Breite verleiht, zugleich aber auch impliziert, dass zuweilen unterschiedliche Konzepte nebeneinanderstehen.

Der Band folgt einer lebenslaufbezogenen Gliederung, die sich als roter Faden durch die Beiträge zieht, zumindest im zweiten Teil. Elmar Drieschner, Erziehungswissenschaftler an der PH Ludwigsburg, setzt sich mit Bildung als selbstbestimmter Freizeitgestaltung für Kinder auseinander. Michael Pries, ebenfalls Erziehungswissenschaftler und selbstständiger Berater, denkt über zukunftsfähige Lernwelten und neue Bildungsorte im Jugendalter nach. Ulrich Reinhardt und Ayaan Güls von der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg versammeln „Fakten zum Freizeitverhalten“. Sie unterscheiden dabei bei den Freizeitbeschäftigungen die Kategorien medial, regenerativ, sozial und aktiv und befragten die erwachsene Bevölkerung nach ihren liebsten Freizeitbeschäftigungen. Die Rangliste war „Internet nutzen“ (97 %), „eigenen Gedanken nachgehen“ (72 %), „Nichtstun, Faulenzen, Chillen“ (63 %), „Ausschlafen“ (59 %) und „Sport treiben“ (50 %).

In sich ganz unterschiedlich, aber zusammen sehr bereichernd, präsentieren sich die drei Beiträge aus dem dritten Teil: F. Hartmut Paffrath stellt das Konzept der Erlebnispädagogik vor, grenzt es von Freizeitaktivitäten wie Paintball (wo Mitspieler:innen mit Farbe „markiert“ respektive besiegt werden) ab, welche zwar Bewegung und auch Gemeinschaftserlebnis, aber keinen pädagogischen Wert aufweisen, und führt dann beispielsweise die interaktiven Angebote in Museen auf. Gunter A. Pilz widmet sich in seinem Beitrag dem Freizeit-Phänomen Fussball respektive Fussball-Fans und denkt raumsoziologisch über Möglichkeitsräume für den Diskurs mit „Ultras“ nach; ebenso untersucht er die Entwicklung des Bezugs zum lokalen Fussballclub (männlicher) Jugendlicher in den vergangenen Jahrzehnten. Susanne Keuchel schliesslich erkennt in ihrem Beitrag zu aktuellen Trends und Transformationsprozessen auch im Bereich der freizeitkulturellen Bildung eine Entwicklung zu personalisierten, aufsuchenden und massgeschneiderten Angeboten, wie sie in der Sozialen Arbeit allgemein zu beobachten sind. Das Problem ist der Auftrag – wer hat den Auftrag, Menschen Teilhabe an Lebens-Kultur-Gestaltung, um das Konzept der Herausgeber nochmals aufzugreifen, zu ermöglichen?

Diskussion

Zentrale Begriffe – insbesondere „kulturelle Bildung“, „Freizeitbildung“ und „informelles Lernen“ – werden diskutiert, allerdings nicht immer trennscharf voneinander abgegrenzt. Die Ausführungen bleiben teilweise auf einer programmatischen Ebene und reproduzieren bekannte bildungstheoretische Bezugspunkte, ohne diese konsequent weiterzuentwickeln oder zu hinterfragen. Die Abschnitte zu Kindheit und Jugend betonen die Bedeutung ästhetischer Erfahrungsräume und non-formaler Lernsettings. Hier wird überzeugend herausgearbeitet, dass kulturelle Aktivitäten identitätsbildend wirken können. Gleichwohl bleibt die empirische Fundierung dieser Annahmen in einigen Beiträgen selektiv und ein noch kritischerer Blick auch auf Zugangsbarrieren hätte die Perspektive erweitern können. Im Erwachsenenalter verschiebt sich der Fokus auf Fragen der Vereinbarkeit von kultureller Teilhabe mit Erwerbsarbeit und familialen Verpflichtungen. Besonders relevant sind hier Überlegungen zur sozialen Ungleichheit im Zugang zu kulturellen Ressourcen, die jedoch eher deskriptiv als analytisch vertieft behandelt werden. Der Beitrag zum höheren Lebensalter greift aktuelle Diskurse um aktives Altern und Lebensqualität auf. Er unterstreicht die Bedeutung kultureller Praxis für soziale Integration und subjektives Wohlbefinden, bewegt sich dabei jedoch in einem normativen Rahmen, der die strukturellen Begrenzungen solcher Teilhabe, beispielsweise aus Gründen der Armut, nicht einbezieht.

Am meisten überzeugt die umfassende Perspektive auf Bildung in der Freizeit als lebenslanger und lebensweltlich eingebetteter Prozess. Die konsequente Abkehr von einer engen Fokussierung auf formale Bildungsinstitutionen und ‑gelegenheiten ist begrüssenswert und entspricht aktuellen bildungstheoretischen Diskursen. Ebenso die Auseinandersetzung mit dem Freizeitbereich.

Gleichzeitig offenbart der Sammelband eine nicht unerhebliche „bildungsbürgerliche Anlage“: Kulturelle Bildung wird implizit häufig entlang klassischer Hochkulturformate (Theater, Museum, Kunst) gedacht, während alltagskulturelle Praktiken oder populärkulturelle Ausdrucksformen vergleichsweise randständig bleiben. Diese Engführung führt zu einer normativen Aufladung des Bildungsbegriffs, die soziale Exklusionsmechanismen eher reproduziert als kritisch hinterfragt.

Zudem zeigt sich ein Spannungsverhältnis zwischen normativen Zielsetzungen und empirischer Absicherung. Durch das Buch weht ein impliziter Bildungsoptimismus, ohne dass die Wirksamkeit freizeit-kultureller Bildungsangebote systematisch belegt würden und vor allem, ohne, dass die Zugänglichkeit und Erreichbarkeit der Angebote an sich stark thematisiert würden. Hier wäre eine stärkere Anbindung an empirische Ungleichheitsforschung wünschenswert gewesen.

Positiv hervorzuheben ist der Praxisbezug des Bandes. Gerade für Fachkräfte in der Sozialen Arbeit oder kulturellen Vermittlung bietet das Buch konkrete Anregungen. Gleichzeitig wird aber deutlich, dass strukturelle Barrieren – etwa soziale Ungleichheit oder fehlender Zugang zu kulturellen Angeboten – noch stärker hätten problematisiert werden können. Das unterliegende Gesellschaftsbild bleibt stark der bürgerlichen Gesellschaft verhaftet, mit ihren Familien‑ und Rollenmodellen, ihrer Arbeitsteilung, ihren Vorstellungen von Freizeit und Arbeit, von zivilgesellschaftlichem Engagement und Einbindung in die Gesellschaft. Dabei wäre die beschriebene Bildungsarbeit gerade für Menschen in gesellschaftlich prekarisierten Lebenslagen wert‑ und sinnvoll: der Uber-Fahrer, die papierlose Geflüchtete, die altgewordene migrantisierte Arbeiterin… Ihre potenziell mögliche gesellschaftliche Teilhabe über den Bereich der informellen Bildungsarbeit bleibt ausgeblendet.

Wer eine einheitliche Theorie oder stringente Argumentationslinie erwartet, wird weniger fündig. Wer hingegen unterschiedliche Perspektiven und praxisnahe Einblicke sucht, erhält eine lohnenswerte und anregende Lektüre.

Fazit

„Freizeit-kulturelle Bildung im Lebenslauf“ ist ein bunter (im besten Sinne), abwechslungsreicher und vielseitiger Sammelband, der einen fundierten Überblick über die kulturelle Bildung in der Freizeit bietet, ein Feld der Bildungsarbeit, welches oft aussen vor bleibt. Er eignet sich besonders für Studierende, Fachpersonen und Interessierte aus den Bereichen Soziale Arbeit, Pädagogik und Kulturarbeit.

Rezension von
Prof. Simone Gretler Heusser
Sozialwissenschafterin, Coaching Praktikerin, Dozentin, Hochschule Luzern
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Es gibt 49 Rezensionen von Simone Gretler Heusser.

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ISSN 2190-9245