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Gudrun Wansing: [...] Menschen mit Behinderung zwischen Inklusion und Exklusion

Cover Gudrun Wansing: Teilhabe an der Gesellschaft. Menschen mit Behinderung zwischen Inklusion und Exklusion. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 233 Seiten. ISBN 978-3-531-14439-9. 24,90 EUR.
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Autorin, Zielsetzung und Zielgruppe

Die Verfasserin - wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Rehabilitationssoziologie der Universität Dortmund – möchte mit ihrer Dissertation die veränderten Aufgaben von Politik und sozialen Dienstleistungen unter dem Paradigma „Teilhabe an der Gesellschaft“ “ darstellen. Nach einer Analyse der Bedingungen von Inklusion und den Risiken von Exklusion am Beispiel der Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen in Deutschland zieht sie Schlussfolgerungen für die künftige Gestaltung von Rehabilitationsleistungen.

Das Buch wendet sich an Studierende der Rehabilitationswissenschaften, RehabilitationswissenschaftlerInnen und soziale Dienstleister im Bereich der Behindertenhilfe.

Aufbau

Das Buch ist gegliedert in die Kapitel

  1. Inklusionsbedingungen der modernen Gesellschaft (u.a. Teilhabe an der funktional differenzierten Gesellschaft)
  2. Exklusionsrisiken der modernen Gesellschaft (Soziale Exklusion; Exklusionsrisiko Behinderung)
  3. Wohlfahrtstaatliche Risikobearbeitung („Der sorgende Staat„; Soziale Dienstleistungen für Menschen mit Behinderungen)

Inhalt

Theoretische Grundlage der Arbeit ist die Luhmannsche Gesellschaftstheorie, die insbesondere unter dem Gesichtspunkt der funktionalen Differenzierung für die Analyse der Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen fruchtbar gemacht wird. Der in der Behindertenarbeit bisher eher normativ und moralisch wertend verstandene Integrationsbegriff wird durch den soziologischen Begriff der „Inklusion“ ersetzt, der wertneutral den Teilhabemodus beschreibt, der in einer funktional differenzierten Gesellschaft anders gesehen werden muss als in traditionellen Strukturen.

Seit dem 16. Jahrhundert ist die hierarchisch geordnete Ständegesellschaft durch eine horizontale Differenzierung in voneinander relativ unabhängigen funktionalen Teilsystemen abgelöst bzw. ergänzt worden. Die hierdurch entstandenen Funktionssysteme Wirtschaft, Politik, Massenmedien, Bildung, Gesundheit etc. halten für die einzelnen Individuen sowohl Leitungs- als auch Publikumsrollen bereit. Vollinklusion ist unter diesen Umständen nicht mehr möglich. Zur modernen Gesellschaft gehört deswegen auch „die Freiheit der Nichtpartizipation“.

Nach einer detaillierten und kenntnisreichen Darstellung der Lebenssituation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen im Deutschland, die allein schon die Lektüre lohnt, setzt sich die Verfasserin mit älteren  und neueren Leitbildern der Behindertenarbeit auseinander. Das vom dänischen Verwaltungsbeamten Bank-Mikkelsen in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte Normalisierungsprinzip (Schaffung „normaler“ Lebensbedingungen für Menschen mit geistiger Behinderung) wird „einer  funktional differenzierten Gesellschaft mit  pluralisierten Lebensstilen und entstandardisierten Lebensverläufen“ (S. 132) nicht mehr gerecht, weil es keine  „Normalität“ mehr gibt, die als Maßstab angelegt werden könnte.

Aber auch die Wende vom „sorgenden“ zum „aktivierenden„“ Staat wird von der Verfasserin nicht uneingeschränkt positiv bewertet: Die zu starke Betonung von Eigenverantwortlichkeit überfordert diejenigen, „die keine Gegenleistung (mehr) erbringen können, weil die gesellschaftlichen Leistungssysteme nicht auf ihre Teilhabe angewiesen sind“ (S. 189). Im „Persönlichen Budget“ (Menschen mit Behinderungen verwalten ihre staatlichen Hilfsleistungen selbst) wird ein geeignetes Steuerungsinstrument gesehen, dass diesen Personenkreis mit den nötigen Ressourcen für eine selbstständige Lebensplanung und -führung ausstattet.

Die Grenzen des Buches liegen in den Grenzen der Luhmann„schen Theorie der funktionalen Differenzierung und in der dichotomen Begrifflichkeit von Inklusion/Exklusion: Die behauptete Unabhängigkeit der ausdifferenzierten gesellschaftlichen Teilsysteme verführt zu der Annahme von Inklusionsmöglichkeiten unabhängig von insgesamt zur Verfügung stehenden materiellen Ressourcen. Die Dichotomie von Inklusion/Exklusion wird den vielfältigen Schattierungen und Begrenzungen von „Teilhabe“ nicht gerecht. Bei prekären Arbeitsverhältnissen z. B. oder anderen – auch staatlichen unterstützten Formen – der „Inklusion“ in die Arbeitswelt bedarf es einer qualitativen Beschreibung und Analyse der realen Lebenssituation der betroffenen Menschen (mit und ohne Behinderungen). Als Vorbild kann hier das Projekt „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ dienen, dass in Bezug auf das veränderte Arbeitsleben in Anlehnung an Bourdieus Studie „Das Elend der Welt“ Lebensgeschichten von 50 an den Rand gedrängten Menschen wiedergibt. [1]

Fazit

Trotz dieser Einschränkung handelt es sich um einen lesenswerten und fundierten Beitrag zur Diskussion um die Weiterentwicklung der sozialen Dienstleistungen für Menschen mit Behinderungen. Die Arbeit ist verständlich geschrieben und eignet sich auch als Lehrbuch für die als Erstadressaten genannten Studierenden der Rehabilitationswissenschaften.


[1] Schultheis, F. & K. Schulz (Hrsg.): Gesellschaft mit begrenzter Haftung. Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag. Konstanz, 2005


Rezensent
Prof. i.R. Manfred Baberg
Hochschule Emden/Leer, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Arbeitsgebiete u.a. Behindertenarbeit und Integrationspädagogik in den Studiengängen Soziale Arbeit/Sozialpädagogik und Integrative Frühpädagogik
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Zitiervorschlag
Manfred Baberg. Rezension vom 13.06.2006 zu: Gudrun Wansing: Teilhabe an der Gesellschaft. Menschen mit Behinderung zwischen Inklusion und Exklusion. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-531-14439-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3392.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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