Lena Papasabbas: Radikale Zuversicht
Rezensiert von Dipl.-Päd. Ines Polzin, 16.06.2026
Lena Papasabbas:Radikale Zuversicht. Ein Handbuch für Krisenzeiten. The Future:Project AG (Frankfurt am Main) 2025. 104 Seiten. ISBN 978-3-9109-9222-1.
Thema
Was braucht es, um eine ungewisse Zukunft bei vorliegenden allgegenwärtigen Herausforderungen zu gestalten? Zuversicht wird als essentielle Basis beschrieben und beleuchtet.
Autorin
Lena Papasabbas, Master of Arts (M.A.) Kulturanthropolgie, ist Co-Funder, Speaker und Managing Editor bei The Future:Project und war zuvor über neun Jahre Projektmanagerin, Referentin und Redakteurin bei der Zukunftsinstitut GmbH.
Entstehungshintergrund
Fragen nach der Zukunft, ihre Ungewissheit, gerade in der aktuellen Lage, die geprägt von „Omni-Krisen“ ist (M. Horx) sowie Forschungen hinsichtlich potentieller Trends, bilden den Rahmen des vorliegenden Buchs.
Aufbau
Das Buch, Umfang 104 Seiten in einem handlich kleinen Format mit Illustrationen von Julian Horx (Sohn von Matthias Horx), umfasst neun Kapitel, sowie neben einem Literaturverzeichnis auch Informationen zu The Future:Project und dessen Angeboten.
Die neun Säulen der radikalen Zuversicht sind:
- Aufhören zu meckern
- Ehrlich ironisch sein
- „It’s a spectrum, stupid!“
- Vergiss das Neue! Lerne das Bessere lieben.
- Akzeptieren wir, dass Menschen Tiere sind.
- Akzeptieren wir, dass Menschen verrückt sind.
- Der Tyrannei der Resilienz den Rücken kehren
- Die Angst kräftig umarmen – und dann loslassen
- „I’ve seen the future. It’s romantic.“
Inhalt
Papasabbas sieht in einer von Zuversicht bestimmten Haltung die Grundlage für alles, was kommt – und das wir im Hier und Heute noch nicht kennen. Angst als Antagonistin hemmt und verhindert Wachstum. Nur mit Zuversicht werden Potenziale wirksam. Statt in eine Starre zu verfallen, braucht es zuversichtliche kollektive Bilder von Zukunft. Der Zugang zu einer persönlichen individuellen zuversichtlichen Haltung beinhaltet somit unsere eigene Beziehung zur Zukunft. Der Ansatzpunkt liegt bei jeder/m Einzelnen.
Der Epochenwandel „Das Industriezeitalter stirbt, und das nächste Zeitalter ist noch nicht geboren.“ (S. 14) lässt keine Bereiche aus, ist umfassend (politische Krisen, Kriege, Klima, Energiewirtschaft, Lebensentwürfe etc.) und absorbiert Kräfte, ist erschöpfend. Das Alte löst sich auf, bricht weg, Neues ist noch nicht erkennbar. Die Chancen eines Epochenwandels liegen in kulturellen Entwicklungssprüngen: „Die vielversprechendste Theorie, mit der wir auch bei The Future:Project intensiv arbeiten, ist die der Metamoderne.“ (S. 14)
Geistig beweglich zu sein, beinhaltet intellektuelle, intuitive, emotionale und rationale Anteile zu integrieren und das Entweder-oder-Denken zu verabschieden. Dies ist der Hebel zum Umgang mit der beschriebenen Komplexität, die in der (Lebens-)Weltlage herrscht und der die Selbstentwicklung von uns allen zwingend erforderlich macht.
Radikale Zuversicht als „metamoderne Haltung“ (S. 18) ist bildlich gesprochen, das Licht, das die Zukunft als etwas Gestaltbares und Vielversprechens aufscheinen lässt und beinhaltet den „Glaube(n) daran, dass etwas besser werden kann.“ (S. 19)
Eine Kernthese lautet: „Denn die Zukunft gehört nicht den Apokalyptiker:innen, sondern jenen, die ihre Schönheit erkennen.“ (S. 21)
Das Meckern aufzugeben heißt, die Lage und ihre Komplexität zu akzeptieren und sich der eigenen Verantwortung, wie z.B. den eigenen Denkstil, zu übernehmen und nicht alle Verantwortung immer nach außen auf Dritte zu verlagern.
Böse Ironie und Zynismus als Erscheinungen der Moderne und Postmoderne sollten im nächsten Schritt durch Selbstironie/Meta-Ironie (Metamoderne, Gen Z) abgelöst werden, da sie uns wieder mehr mit der Umwelt verbindet, wohingegen die beiden erst genannten Ausdrucksformen uns voneinander und der Welt trennen. Hass, böse Ironie, Sarkasmus, Zynismus, Selbstironie werden von den Generationen unterschiedlich stark präferiert.
Unvereinbare Positionen in der Gesellschaft scheinen sich zu manifestieren, das Entweder-oder führt zu kraftabsorbierenden Dynamiken, die geprägt sich von kämpferischer Auseinandersetzung (z.B. Thema Gendersprache, Manosphere etc.). Das Aufweichen solchen Schwarz-Weiß-Denkens setzt eine Fluidität frei, die es ermöglicht in Spektren zu denken. „Vergiss das Neue! Lerne das Bessere zu lieben.“ (S. 45) Die Zukunft neu denken, heißt auch, sie nicht mit Technologie und Neuem gleichzusetzen. Vielmehr vollzieht sich vieles in Zyklen (altes taucht wieder auf, manchmal in einem neuen Gewand), sodass „Die Welt … funktioniert nicht dadurch, dass wir ständig neue Dinge erfinden, sondern zu einem großen Teil durch Erhalt, Wartung, Pflege und die Integration langsamer Verbesserungen.“ (S. 50)
Resilienz als reine individuelle Selbstoptimierung negiert sowohl die Krisen und Herausforderungen, die zum Menschsein dazugehören, als auch zu unterscheiden, wo es strukturelle Mängel sind, die nicht auf der individuellen Ebene zu beheben sind. Vom Ich zum Wir: An die Stelle von stetiger Optimierung des Selbst, sollte die Verbundenheit mit Mitmenschen treten und die Frage Beantwortung finden: „Was brauchen wir?“ (S. 77)
Diskussion
Die Kapitel sind in sich geschlossen und anregend aufbereitet (Layout, Illustrationen, Zitate), bieten ein kurzweiliges Lesevergnügen. Vieles wird angerissen und verständlich mit dem Konzept der Meta-Moderne verknüpft. Aktuelle Beispiel des Zeitgeschehens werden integriert und sind gut anschlussfähig. Das Buch bietet Leser.innen, die einen Einstieg finden möchten zu Fragen der Zukunftsgestaltung Inspiration und auch praktische Hinweise, sich in den eigenen (Denk)Gewohnheiten zu hinterfragen. Das kritische Hinterfragen eines Resilienz-Begriffs, der auf Selbstoptimierung begrenzt ist und seit einiger Zeit inflationär Raum greift, ist sehr zu begrüßen. Schließlich geht es dabei, je nach zur Anwendung kommendem Ansatz, gerade auch darum, eben nicht alles auf der individuellen Ebene zu bearbeiten, sondern genau dies zu unterscheiden.
Resilienz ist ebenfalls nicht mit „positivem Denken“ zu verwechseln. Vielmehr geht es ja gerade darum, genau dies unterscheiden zu lernen. Papasabbas beschreibt den Kern der Zuversicht als Glaube, dass etwas besser werden kann. Nicht zwangsläufig muss. Der Umgang mit dieser Ungewissheit ist letztendlich die große Herausforderung – für Individuen, Gesellschaften, Länder… Die Radikale Zuversicht als eine Tür zu begreifen, die jede.r öffnen kann, ist eine Option.
Fazit
Radikale Zuversicht ist eine Option des Denkens und Handelns, die auf dem Glauben fusst, dass etwas besser werden kann. Eine dystopische Sicht auf die Welt und das dazu gehörige Mind set kreieren Starre und versperren den Weg, die Zukunft zu gestalten. Aktuelle Phänomene des Zeitgeschehens werden hinterfragt und hinsichtlich ihrer Tauglichkeit zum Umgang mit einer ungewissen Zukunft in Frage gestellt.
Rezension von
Dipl.-Päd. Ines Polzin
Resilienzcoach und –Trainerin (zert. nach den Standards des Resilienzzentrums Osnabrück), zert. Mediatorin
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