Klaus Eidenschink: Die Kunst des Konflikts
Rezensiert von Prof. Dr. Katharina Kriegel-Schmidt, 12.02.2026
Klaus Eidenschink: Die Kunst des Konflikts. Konflikte schüren und beruhigen lernen.
Carl-Auer Verlag GmbH
(Heidelberg) 2025.
208 Seiten.
ISBN 978-3-8497-0502-2.
D: 29,95 EUR,
A: 30,80 EUR.
Reihe: Beratung, Coaching, Supervision.
Thema
Dieses Buch liefert eine umfassende Deutung des Themas „sozialer Konflikt“ und eröffnet, laut Vorwort Fritz Simons, die Chance, „Konflikte so zu regulieren, dass sie sich als Ressource nutzen lassen und ihre Risiken begrenzt werden“ (S. 10).
Die Basis der Überlegungen ist dabei: Konflikte als Motoren sozialer Innovation und Entwicklung zu verstehen.
Während diese Auffassung auf makrosozialer Ebene hierzulande vor allem durch Axel Honneth geprägt ist, richtet sich der Fokus dieses Buches – systemisch orientiert – vor allem auf organisationale Zusammenhänge; zugleich werden Bezüge zu privaten Beziehungen mitgedacht.
Das Buch kann in solche organisationsberaterische Zusammenhänge eingeordnet werden, die auf die produktive Nutzung von Vielfalt und auf Veränderungsprozesse zielen, wie sie etwa bei Otto Scharmer – beziehungsweise im interkulturellen Feld bei Jürgen Bolten – thematisiert werden. Ähnlich wie in diesen Ansätzen wird eine Realität skizziert, die nicht empirisch vorliegt, sondern idealtypisch durch gelingendes Beraterhandeln entstehen könnte. Die dargestellten Vorschläge sind daher weniger als Beschreibung bestehender Praxis zu verstehen, sondern eher als diskursive Entwürfe eines für die Wirklichkeit wünschbaren Handelns.
Damit ist diese Anleitung zum Umgang mit Konflikten – wie andere auch – gleich mit zwei Problemstellungen konfrontiert, die sie bearbeiten muss:
- Ein Hilfs‑ und Interventionsprogramm zu einer schwierigen sozialen Erscheinung muss lanciert werden, für die Aufklärung und Abhilfe nützlich erscheint.
- Die Akteure – oder präziser: die Subjekte selbst, welche sozialen Geschehnissen stets „unterworfen“ sind – müssen befähigt, wenn nicht sogar bearbeitet werden, das Hilfsprogramm und seine neuen Praktiken zu verstehen, zu akzeptieren, einzuüben und zu verinnerlichen.
Dass etablierte Praktiken sich nicht ohne Weiteres verändern lassen, weil die Praktiken Teil von Subjekten selbst sind, muss dazu führen, sich den Subjekten stärker zuzuwenden. Somit fällt der praktische Anteil des Hilfsangebots anteilig kleiner aus als das nötige „Propädeutikum“, ließe sich (etwas ungerecht) formulieren.
Das Buch folgt einem bewährten Schema: Eine „Kunst des Konflikts“, offensichtlich weniger als kreative Praxis, sondern im Sinne von Kunst als „technē“ verstanden (einem Handwerk mit seinen Werkstattroutinen und einem Gewusst Wie) beruht auf einem Gewusst Was, der epistémē: auf einem Wissen über das Objekt, mit dem es die technē des Konflikts zu tun hat.
Folgerichtig ist der Gegenstand des Buches – dem Titel zum Trotz – ganz überwiegend mit begrifflichen Konstruktionen befasst, bevor es sich der „Kunst“ selbst, in einem mit 40 Seiten deutlich kleineren Abschnitt zuwenden kann.
Autor
Klaus Eidenschink ist Freiberufler und als Coach, Organisationsberater, Coachingausbilder sowie Veranstalter von Fortbildungen tätig. Er hat ein Studium der Philosophie und Theologie absolviert. Eidenschink sieht – laut Auskunft seiner Webseite – sein Tätigkeitsfeld vor allem in Beratung und Coaching des Top-Managements von großen Konzernen und mittelständischen Unternehmen in Fragen der Konfliktbewältigung und des Change-Managements.
Entstehungshintergrund
Hintergründe für die Entstehung des seit 2023 in 4. Auflage erschienenen Buches bilden, neben (angedeuteten) privaten, vor allem die beruflichen Erfahrungen des Autors. Die Betrachtungen sind nicht dem akademischen Kontext zuzuordnen, von dem es allerdings stark inspiriert ist, sondern durch das freiberufliche Milieu der deutschen Coaching‑ und Beratungsszene geprägt: Von den ersten Sätzen an hat es hier einen deutlichen Wiedererkennungswert: Wir finden die in der Szene geläufigen sprachlichen Bilder. Wir finden die typischen milieugebundenen Vorstellungen vom zwischenmenschlichen Zusammensein, das auf der Grundlage eines spezifischen, Ökonomie‑ und Psychologie-nahen Menschbildes basieren. Aus wissenschaftlicher Perspektive fällt der gängige Substanzialismus hinsichtlich theoretischer Begriffe auf, durch den bloße Sehweisen und Perspektiven als tatsächliche und greifbare Realität erscheinen, wobei zuvorderst der Begriff „Konflikt“ selbst zu nennen ist: „Habe ich einen Konflikt oder hat der Konflikt mich?“ (Eidenschink, 2025, S. 14).
Aufbau
Die sechs Kapitel setzen zwei Annahmen voraus:
(1) „dass der Konflikt das ‚Gegebene‘ und Erwartbare ist, wohingegen Konsens, Frieden und Verständigung Zustände sind, die wir Menschen für eine gewisse Zeit, für bestimmte Themen und in einem konkreten sozialen Feld mit viel Achtsamkeit und sozialen Rahmenbedingungen erzeugen können“ (Eidenschink 2025, S. 14).
(2) dass Lebenszufriedenheit und Kooperationsmöglichkeiten der Individuen davon abhängen, in welchem Ausmaß und in welcher Form Menschen ihre Konflikte gestalten (ebd.).
Während die ersten vier Kapitel der Analyse von Konflikten gewidmet sind (Funktion, Eigenleben, Formbildung, Regulationskompetenz), widmet sich das fünfte und das kurze sechste Kapitel dem praktischen Ertrag zum Umgang mit bzw. Verhalten Konflikten (Regulation, Konflikte schüren und beruhigen lernen).
Die vier analytischen Kapitel bringen die Leitkonzepte, die den größeren Raum einnehmen:
Leitunterscheidungen machen deutlich, dass Konflikte weniger durch ihren Gegenstand als durch ihre kommunikativen Modi geprägt sind. Zentral für die Kompetenz-orientierten Ausführungen im zweiten Teil des Buches ist die Vorstellung erlernbarer, trainierbarer Regulationskompetenzen in Konflikten. Selbst‑ und Kommunikationsregulation erscheint dabei als Kunst: „Wie muss man innerlich aufgestellt sein, um sich als Künstler in der Welt der Konflikte zu erweisen oder sich dorthin zu entwickeln? Die Frage lautet: Welche Kompetenzen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass die sachlich beste, die sozial günstigste und die zeitlich ressourcenschonendste Ordnung aus dem Konflikt erwächst?“ (S. 111).
Das „technische“ Kapitel 5 reflektiert die Gestaltungsspielräume solcher konfliktiver Erscheinungen, von denen Eidenschink sagt, sie sollen nicht gelöst, sondern reguliert werden. Eine wichtige Rolle spielen für ihn dabei Transparent zu machende Kosten-Nutzen-Erwägungen von Konflikten, die ein Schrittmacher von Gestaltungen werden. Das sechste Kapitel zieht auf 5 Seiten ein Fazit.
Gerahmt werden die Kapitel von Überlegungen zu einem guten Start und einem guten Abschluss der Lektüre. Eidenschink denkt an die Parallelen von musikalischen Aufführungspraktiken und Konflikten. Auf beiden Seiten sieht der Autor Rezeptions‑ und Resonanzvorgänge, Vorgänge des Dirigierens und Inszenierens.
Den Abschluss des Buches bildet ein Literaturverzeichnis von 9 Seiten systemischer, systemtheoretischer, psychologischer, therapeutischer und beraterischer Literatur.
Inhalt
Inhaltlich geht es im Buch nicht nur darum, Konflikte und andere zu steuern, sondern dies, drittens, auch unabhängig von beruflichen Helfern zu können. Üblicherweise münden Konfliktbücher in die Bearbeitung konfliktiver Erscheinungen durch Professionelle. Hier jedoch interessiert Eidenschink sich für die Möglichkeiten, die jede/jeder selbst hat bzw. für solche Kompetenzen, die sich persönlich und eigeninitiativ erwerben lassen, sodass Konflikte auch außerhalb professioneller Hilfe-Settings wie vor allem dem Coaching und der Mediation, steuerbar werden.
Um den Einzelnen dazu zu Autonomie im Konflikt und mit oder gegen Andere zu befähigen, sei laut Eidenschink einerseits Vorwissen, zum anderen Analyse nötig, die sich von gängigen Vorstellungen über Konflikte auch durch Ihre Komplexität unterscheidet:
Für sein Unterstützungsangebot entwickelt Eidenschink in den ersten Drei Viertel seines Buches Begrifflichkeiten. Zentral sind hier die Leitunterscheidungen, die durch Grafiken und Tabelle (z.B. 160) dargestellt werden. Diese Leitunterscheidungen lenken den Blick darauf, Konflikte weniger durch ihren Gegenstand geprägt aufzufassen, sondern durch kommunikative Modi.
Professionelle Konfliktarbeit zielt in diesem Zusammenhang im Anschluss darauf ab, solche Modi zu erkennen, zu reflektieren und dann zunächst in der Schwebe zu halten, um sie gezielt zu regulieren: Der Leser soll den Konflikt nicht vermeiden. Er soll gemäß Eidenschink lernen zu überlegen: Will ich den Konflikt „schüren“ oder „lösen“?
Eidenschink entwickelt seine Überlegungen auf der Grundlage der Systemtheorie von Niklas Luhmann: Konflikte sind nicht als „isolierte“ Probleme zu verstehen, die sich durch einfache Lösungen ‚aufheben‘ lassen.
Werden sie hingegen als ‚Systeme‘ verstanden, die durch wechselseitige Bezugnahmen der Beteiligten entstehen, stabilisiert und am Laufen gehalten werden, dann können wir uns vor diesem Hintergrund nach Eigenlogik, Dynamik und den bekannten Kohäsionskräften von streitigen Auseinandersetzungen umschauen.
Um die Vorgänge zu erfassen, präsentiert Eidenschink ein „System“ von Differenzierungen, die zunächst einfach Beobachtungsangebote (Zugänge) darstellen. Die Konfliktparteien mit ihren wiederkehrenden Verhaltensweisen werden mit Hilfe von neun „Leitunterscheidungen“ angeschaut – und kategorisiert. Später erfolgt dann eine den Kategorien entsprechende Behandlung.
Die Leitunterscheidungen machen jeweils auf Modi des Verhaltens aufmerksam. Wer „im Konflikt“ ist, verhält sich dementsprechend immer in einem der konfliktiven Modi. In einem Modus, der mit Eidenschink „verabsolutierend“, „generalisierend“ und „personenzentrierend“ bezeichnet werden kann, dann wird es gefährlich. Dann nimmt die Stabilität zu und die Eskalationsanfälligkeit des Systems steigt.
Aus der Systemtheorie nimmt Eidenschink dann drei Dimensionen – die Sach-, Zeit‑ und Sozialdimension – denen sich Konfliktdynamiken zuordnen lassen bzw. in denen sich Konflikte bewegen (S. 50–51).
Professionelle Konfliktarbeit zielt in diesem Verständnis nicht primär auf die Vermeidung oder „Lösung“ von Konflikten, sondern auf deren reflektierte Regulation, das heißt auf die bewusste Gestaltung der konfliktiven Kommunikationsdynamik.
Eidenschink stellt somit vor allem ein Beobachtungsinstrumentarium zur Verfügung. Wenn er von Konflikten spricht, meint er Nein-Kommunikation. Konflikte sind hier Zustimmungs‑ und Kooperations-Verweigerungen.
Solche Situationen werden in drei Dimensionen beobachtet, die ihrerseits in je drei Modi eingeteilt werden: Dort wo über Inhalte gestritten wird, bzw. „wenn inhaltliche Standpunkte abgelehnt werden“ (Eidenschink, 2025, S. 50) sind wir eingeladen, die Sachdimension einer Auseinandersetzung zu betrachten. Dort, wo „die Ablehnung nicht auf die Meinungen über einen Sachverhalt, sondern auf die Art und Weise, wie sie mitgeteilt werden oder wie ihr widersprochen wird“ (ebd.), sich bezieht, dann geht es um die Sozialdimension. Soll hingegen beobachtet werden, ob die Verneinung sich auf die Gegenwart, oder stattdessen auf Zukunft oder Vergangenheit bezieht, dann geht es um die Zeitdimension.
In diese Dimensionen werden je drei Modi eingeschrieben gedacht.
- Der Aufmerksamkeitsmodus beschreibt, wie Konfliktbeteiligte ihre Wahrnehmung organisieren. Während eine spezifische und differenzierte Wahrnehmung einzelne Situationen oder Aspekte in den Blick nimmt, ist der folgenreiche generalisierende Modus durch pauschale Zuschreibungen gekennzeichnet, etwa durch Formulierungen wie „immer“, „nie“ oder „alle“. Solche Verallgemeinerungen tragen dazu bei, Konflikte zu verhärten und langfristig zu stabilisieren, wohingegen Differenzierung konfliktöffnend wirkt.
- Der Bewertungsmodus beschreibt, wie Konfliktparteien Sachverhalte beurteilen. Bewertungen können relativierend und vorläufig formuliert werden oder – wiederum folgenreich – verabsolutierend und moralisch aufgeladen sein. Letzteres führt häufig dazu, dass die eigene Position als objektiv richtig oder moralisch überlegen dargestellt wird, was die Eskalation des Konflikts begünstigt und Verständigung erschwert.
- Ein weiterer Modus betrifft den Beschreibungsmodus, also die Art und Weise, wie Realität im Konflikt dargestellt wird. In eskalierten Konflikten dominiert häufig eine eindimensionale Beschreibung, in der eine bestimmte Sichtweise zur alleinigen Wahrheit erklärt wird und alternative Perspektiven ausgeblendet werden. Demgegenüber ermöglicht eine mehrperspektivische Beschreibung eine Öffnung des Konflikts und schafft Raum für unterschiedliche Deutungen.
Damit ist die Sachdimension komplett. Es folgt die Sozialdimension:
- Der Kontaktmodus bezieht sich auf die Form der Beziehungsgestaltung zwischen den Konfliktbeteiligten. Während eine dialogische und zugewandte Kontaktform auch bei inhaltlicher Gegnerschaft Lern‑ und Entwicklungspotenziale eröffnet, führt eine feindselige oder abwertende Interaktionsweise häufig zu weiterer Eskalation. Nicht der Konflikt als solcher, sondern die Art des Kontakts entscheidet somit maßgeblich über dessen destruktive oder produktive Wirkung.
- Der Reaktionsmodus bezieht sich auf die Möglichkeiten, die Eidenschink in systemtheoretischer Perspektive erblickt. Einerseits besteht die naheliegende Möglichkeit immer nur Nein zu sagen. Er sieht aber auch die Möglichkeit, offen für Ja oder Nein zu sein. Im Reaktionsmodus verhalten sich die Beteiligten klar verneinend oder wählend zwischen Ja und Nein.
- Im Aktionsmodus wird das Verhältnis der Beteiligten zur Reziprozität der Kommunikation betrachtet. Hier wird beobachtet, ob Gegenseitigkeit im Sinne von Offenheit vorgesehen ist (offen für die Perspektive des Anderen, für Einfühlung, für Fragen) oder ob es den Beteiligten um endlose Variierung der gleichen Aussagen geht, die dann vorzugsweise im langen Monolog dargeboten werden.
Mit der Zeitdimension wird das Bild abgerundet:
- Im Erklärungsmodus geht es um die Beschreibung von Schuldzuschreibung, Kausalitätsannahmen, Notwendigkeitsbehauptungen oder – im für Eidenschink produktiveren Fall – die Bemühungen um dialogische Erwägungen von Vorgängen, Wirkungen und um das Testen von Hypothesen zum Verlauf. Es ließe sich auch sagen: In diesem produktiveren Fall geht es um ernsthafte Reflexionen des Streits und seiner Dynamik.
- Im Zielmodus wird von Eigenschink die Frage danach gestellt, ob die Beteiligten offen für den Ausgang des Streits als Wettkampf sind, ob sich die Beteiligten sich nur sich selbst als Sieger vorstellen können oder auch den anderen. Hierher gehört auch die Bereitschaft zum Einsatz von Gewalt.
- Schließlich beschreibt der Machtmodus, wie Einfluss im Konflikt ausgeübt wird. Einflussnehmende und verhandelnde Formen der Machtausübung lassen Raum für Kooperation und Aushandlung und für Optionen. Oder aber „Drohungen bestimmen das Gespräch“ (Eidenschink, 2025, S. 161), Zwang wird ausgeübt – und auf die negativen Konsequenzen für den Anderen werden hingewiesen.
Diskussion
Indem Eidenschink sich von dem in der Regel abstrakten Gestus deutscher Konfliktbücher entfernt (Glasl, 2022) und Leser:innen persönlich anspricht, entsteht eine eher ungewohnte intime Atomsphäre. Da Eidenschink sich persönlich an solche Leser:innen wendet, die in Konfliktdingen eventuell unter einem „Hulk“-Syndrom leiden (Eidenschink, 2025, S. 112), das zweifellos mit Scham und Reue einhergeht, erscheint das sicher angemessen: Wer sich in unser Konfliktverhalten einmischt, stellt Nähe her und die muss irgendwie plausibel werden. Hulk wird gleichsam auf den Schoß genommen; alle seine Unarten werden zunächst einmal akzeptiert und er wird schonend gefragt: „Muss ich aggressiv sein?“ (ebd.).
Diesem einzelnen vom Coach angesprochenen Akteur, eröffnet Eidenschink Möglichkeiten zu mehr Wirksamkeit, Selbstständigkeit. „Der Konflikt“ macht heteronom. Daraus folgt die Stärkung von Autonomie. Doch nun – und auch das ist besonders – will der Autor nicht nur unterstützen, autonom gegenüber „dem Konflikt“ zu werden, d.h. ihn zu greifen, zu „haben“ und ihn zu steuern. Vielmehr geht die Hilfe zu mehr Selbstständigkeit weiter: Der Leser/die Leserin wird angewiesen, auch den Anderen, mit dem er in Dissens oder Streit ist, gleich mitsteuern zu lernen.
Konkrete Einzelne in diesem intimen Setting zu ermächtigen, ihre Hulk-Trance zu verlassen, kann dann für Eidenschink bedeuten, auf Konflikte mäßigend oder klärend Einfluss zu nehmen, sie zu befrieden – oder aber auch sie zu befeuern, wenn sich daraus ein Vorteil ziehen lässt.
Eidenschink gründet seinen Beitrag auf der Systemtheorie. Vergleichbare Überlegungen zur Systemik von Konflikten und den entsprechenden (daraus abgeleiteten) Handlungsmöglichkeiten sind in älteren systemtheoretisch orientierten Untersuchungen angestellt worden. Am bekanntesten in Deutschland ist hier vielleicht der wissenschaftliche Betrag Heinz Messmers (2003) und die in Frankreich viel gelesenen Dominique Picard und Edmond Marc (2024). Dort wird auch vergleichbare Kritik an der Vorstellung, Konflikte ließen sich lösen, formuliert. Erkenntnisse ergeben sich in der ent-individualisierenden systemischen Perspektive hinsichtlich bestehender Antagonismen.
Eidenschink wartet in seinem eher der wissenschaftlich informierten Beratungsliteratur zuzuordnendem Buch mit einer ganzen Reihe – in der Praxis sicher nützlichen – Konstruktionen auf, die von ihm noch einmal ineinander verschachtelt wurden. Wenn es ihm dabei auch darum gegangen sein sollte, dass Probleme, die sonst im Alltag einfach wirken, in ihrer Verwickeltheit sichtbar werden, dann wird nun deutlich, dass auch die einfachsten Ausprägungen von Konflikten auf vergleichsweise komplexe Vorgänge zurückgehen und sich nicht spontan begreifen lassen.
Wenn mit der Möglichkeit, Unterscheidungen zu konstruieren, die Handlungsfähigkeit verbessert werden kann – selbst wenn diese Konstruktionen vor allem den Optimismus von Coaches, Mediatoren oder Konfliktberatern steigert – dann muss das willkommen sein.
Beim Lesen verwundert (mich), dass Klaus Eidenschink gelegentlich zu vergessen scheint, dass seine Konstruktionen nicht Wirklichkeit sind. Der wichtigste theoretische Gewährsmann sagt selbst: „Es gibt Systeme“ (Luhmann, 1984, S. 16): Konflikte ‚ernähren sich‘, ‚finden etwas gut‘, ‚beobachten uns‘ usw.
Das kann nun leicht (vermute ich) dazu führen, bestimmte wirkliche – im Unterschied zu Eidenschinks Konstruktionen – also „reale“ Sachverhalte nicht mehr zu sehen sind: Vor allem z.B., dass die Rede von Konflikten stets eine kulturelle Praxis ist, durch die ein Angebot, wie das von Eidenschink, überhaupt Anklang findet. Der Konflikt entsteht immer im Auge des Betrachters. Phänomen und Konstrukt lassen sich schwer trennen. Kultur (= Wissen) leitet unsere Interessen.
Kulturwissenschaftliche Beiträge zeigen und belegen immer wieder eindrucksvoll, dass die Auffassung und Rede von Konflikten nicht universell, sondern kontingent, an einen historischen Ort und eine bestimmte Zeit gebunden sind. Im Alltag haben die Zugänge nur dort Sinn, wo sich Menschen, die sich uneinig sind, auf eine bestimmte Art und Weise des Umgangs einlassen wollen. Jedes Angebot muss sich anschlussfähig an eine soziale Praxis erweisen. Sie hat da Sinn, wo sich die an einer verbalen oder körperlichen Auseinandersetzung Beteiligten vorstellen können, dass die Auseinandersetzung „geklärt“ werden soll. Konflikte in der hier präsentierten, dominanten Lesart „existieren“ insofern nicht einmal in unserer Gesellschaft in allen Milieus (Schmidt 2024, 2026). Es ist somit immer eine Frage der Deutung eines Phänomens. Diese Unsicherheit beim Etikettieren eines Vorgangs oder einer Situation kann instruktiv sein: Konfliktoptimismus ist ein Phänomen, das (erst) im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts erscheint und an der Schwelle zum 21. Jahrhunderts in den rechtsstaatlich organisierten Demokratien mit einer sehr produktiven Vorstellung, nach der viele Menschen handeln, einhergeht. Zu dieser Vorstellung – dem Imaginär oder auch der Utopie der Kommunikation – gehört ein kulturelles Routinewissen. Dieses umfasst Transparenz, Steuerungskompetenz und Evaluationskompetenz.
Es ist nicht lange her, da hat die Systemtheorie Konflikte grundsätzlich als Anpassungsstörungen verstanden (siehe Parsons bei Coser). Und auch Luhmann (gestorben 1998) konstruiert Konflikte nicht so, dass einvernehmliche Bearbeitungen möglich sind. Zu Luhmanns Zeiten behandelte und pathologisierte man Konflikte als Anpassungsproblem und unterschied unberechtigte von berechtigten Konflikten (Coser, 2009). Wir reden hier von einer Zeit, die die Gegenwart noch gar nicht kannte.
Im Zusammenhang mit Eidenschinks Beitrag bieten sich daher die Systemtheorie ergänzende, oder besser noch: herausfordernde und kontrastierende Theoriezugänge für das Verstehen von Konflikten an (z.B. Adrian & Schroeter, 2025; https://www.socialnet.de/rezensionen/33391.php).
Fazit
Mithilfe der von Eidenschink vorgenommenen Leitunterscheidungen zur Konfliktanalyse und entwickelten Idee einer Regulationskompetenz besteht eine gute Chance, etwas aus Konflikten für sich und andere zu machen./p>
Literatur
Adrian, L., & Schroeter, K. (2025). Konflikte verstehen und bearbeiten: Fachübergreifende Grundlagen für Studium und Praxis. UTB.
Coser, L. A. (2009). Theorie sozialer Konflikte. VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Glasl, F. (2022). Selbsthilfe in Konflikten: Konzepte – Übungen – praktische Methoden. Verlag Freies Geistesleben.
Luhmann, N. (1984). Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Suhrkamp-
Messmer, H. (2003). Konflikt und Konfliktepisode. Prozesse, Strukturen und Funktionen einer sozialen Form. In: Zeitschrift für Soziologie; ZfS, Jg. 32, Heft 2 (2003), S. 98–122.
Picard, D. & Marc, E. (2024). Les conflits relationnels. Que-Sais-Je? PUF.
Schmidt, K. (2024). Verstehen, zu zweit zu leben. Eine subjekttheoretische Untersuchung zum Paar. Velbrück Wissenschaft.
Schmidt, K. (2026). Im Konflikt verbunden – Intimität und singularisierte Paare. In: Straub, J. (Hg.). Affekte und Emotionen in sozialen Konflikten. Psychosozial-Verlag.
Rezension von
Prof. Dr. Katharina Kriegel-Schmidt
Professorin für Soziale Arbeit & Sozialpädagogik an der Europäischen Fernhochschule Hamburg
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