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Thomas Hülshoff: Klimakrise – Herausforderungen für die Soziale Arbeit

Rezensiert von Prof. Stefan Müller-Teusler, 25.11.2025

Cover Thomas Hülshoff: Klimakrise – Herausforderungen für die Soziale Arbeit ISBN 978-3-8252-6499-4

Thomas Hülshoff: Klimakrise – Herausforderungen für die Soziale Arbeit. Problemfelder und Handlungsperspektiven bei sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2025. 238 Seiten. ISBN 978-3-8252-6499-4. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 48,70 sFr.

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Der Autor

Thomas Hülshoff, Prof. i.R., Dr. med., war Professor für medizinische Grundlagen der sozialen Arbeit und Heilpädagogik und ist noch Lehrbeauftragter zum Thema Klimakrise und Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Münster.

Aufbau des Buches

Das Buch gliedert sich in insgesamt 3 Teile, wobei der dritte Teil, im Hinblick auf die Ausblicke, Problemfelder und Perspektiven, der umfassendste Teil ist.

Teil 1 beginnt mit den Herausforderungen, das unterteilt ist in 5 verschiedene Abschnitte. Zuerst geht es um die Ursachen und Auswirkungen der Klimakrise, womit Basiswissen zum Klimawandel vermittelt wird. Das startet mit Wetter, geht über Sonneneinstrahlung, Treibhauseffekte, Kipppunkte hin zu planetarer Gesundheit, Hitze und hitzebedingten Schäden und kommt dann schließlich auf die Soziale Arbeit im Kontext der Klimakrise zu sprechen. Dazu gehören auch Fragen des Wachstums, Green Economy, die Bereiche von Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft, Climate Engineering, Rebound Effect, Postwachstumsökonomie etc., um nur mal einige Schlagworte zu nennen, die hier aufgeführt und erläutert sind. Das setzt sich dann fort im Hinblick auf die Soziale Arbeit, insbesondere mit der gesundheitlichen Ungleichheit in der Klimakrise, wo es insbesondere noch einmal um Hitze geht und um mögliche Folgeerkrankungen, die leicht auch chronisch sein können. Dazu werden dann die Zusammenhänge von sozialer Ungleichheit, gesundheitlicher Ungleichheit und Vulnerabilität referiert. Im Hinblick auf die verschiedenen Personengruppen, die diesen Ungerechtigkeiten ausgesetzt sind, geht es auch um die sozioökonomische Ungleichheit in der Klimakrise. Das macht sich fest an Drogenabhängigkeit, Wohnungs- und Obdachlosigkeit sowie soziale Ungleichheit, um dann schließlich abschließend in diesem ersten Abschnitt überzuleiten zu Klimagerechtigkeit und Klimaethik als Themen der Sozialen Arbeit. Dazu formuliert der Autor ethische Grundfragen und geht auf Bildung und Pädagogik ein und natürlich dann insbesondere auf Bildung für nachhaltige Entwicklung und spricht dabei auch insbesondere die Soziale Arbeit an wie aber auch Verantwortungsethik als Haltung.

Im Teil 2, der relativ kurz gehalten ist, geht es um die methodischen Ansätze zur Sozialen Arbeit in der Klimakrise. Und hier greift der Autor auf traditionelle Ansätze zurück wie Beratung, Krisenintervention, Traumapädagogik, Empowerment, Embedding, Gesprächsführung und Psychoedukation, um dann noch mal auf die systemischen Kontexte zu sprechen zu kommen wie Soziale Arbeit mit Familien, systemische Familientherapie, zirkuläres Fragen, systemische Intervention und auch unkonventionelle Interventionen.

Der dritte Teil ist dann der umfangreichste Teil dieses Buches, umfasst etwa 120 Seiten und beginnt mit der Suffizienz kultureller Transformation. Dabei geht der Autor sehr stark noch mal auf die Grundfragen des Klimawandels ein und setzt das in Beziehung mit der Maslowschen Bedürfnispyramide. Er kommt auf das Esterlin-Paradox zu sprechen, geht auf Lebensstil, auf Klimagerechtigkeit und auf Transformation ein. Dann kommt er auf Themen der Sozialen Arbeit wie Gemeinwesenarbeit, Überschuldung, Schuldnerberatung zu sprechen, wie auch eher allgemeinere gesellschaftliche Themen wie Zeit, reflexive Kompetenz, Gender, Gendergenerationengerechtigkeit und dass die Hitzevulnerabilität bei Männern und Frauen unterschiedlich verteilt ist. Wieder enger im Themenkomplex der Sozialen Arbeit führt er häusliche Gewalt, Kindeswohlgefährdung, an, aber auch Vulnerabilität bei Schwangerschaft und Geburt. Im Hinblick auf die Soziale Arbeit leitet er dann über zu klimasensibler Gemeinwesenarbeit, die hier dann noch mal ausführlicher dargestellt und erläutert wird, hin zu Maßnahmen, die gemacht werden können im Kontext von Gemeinwesenarbeit. Ein besonderer Schwerpunkt ist dann das Kapitel Klimabildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung, was natürlich auch ein großes Thema für die Sozialpädagogik beziehungsweise die Soziale Arbeit ist. Das bezieht der Autor auf verschiedene Altersgruppen in der Bildung wie Vorschule, Grundschule, Schulsozialarbeit, auf weiterführende Schulen, aber auch auf die Hochschulen und Erwachsenenbildung und integriert hier auch die Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit, wie beispielsweise die Jugendarbeit. Das Ganze verbindet er sehr richtig mit sprachsensibler und teilhabeorientierter Klimabildung, was dazugehört, um auch Menschen mit unterschiedlichen intellektuellen Ressourcen zu erreichen. Im Hinblick auf ein Praxisfeld stellt er eine ökologisch orientierte Erlebnispädagogik vor, die dann ganz konkret bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen insbesondere hier Erfahrungen ermöglicht und eine Sensibilität weckt, die sehr nachhaltig sein kann und sich dann ausdrückt als ein ganzheitliches Bildungskonzept. Schließlich geht es dann auch um die Ansätze zur Überwindung von Erkenntnis- und Handlungsbarrieren. Das ist ein wesentliches Thema, damit das Scheitern nicht zu anhaltender Frustration führt. Da geht es sowohl um die erkenntnistheoretischen Grundlagen wie auch um Gedankenexperimente, komplexe Systeme, Manipulationen, Greenwashing – all diese Momente, denen man sich im Alltag derzeit sowieso schon ausgesetzt sieht und natürlich für die Soziale Arbeit eine große Relevanz haben. Schließlich -im Hinblick auf die Soziale Arbeit als eine praxisorientierte Disziplin- geht es um die Lebensweltorientierung und die Etablierung von Ökoroutinen in dieser, sodass es gar kein Sonderthema bleibt, sondern als eine entsprechende Haltung, als eine Selbstverständlichkeit entwickelt wird, mit der man dann dem Thema Klimawandel auch begegnen und persönlich dazu beitragen kann, dass sich die Klimakrise nicht noch verschärft. In diesem Zusammenhang geht es dann auch noch um Verteilungskonflikte, Klimaflucht und Migration, was nicht nur ein Thema der Sozialen Arbeit ist, sondern auch im Hinblick auf die Konstitution von Gesellschaft eine große Rolle spielt. Das Buch endet dann mit der Frage, wie man sich sozialpolitisch auch engagieren kann und sollte und auch, welche Rolle Soziale Arbeit in diesem politischen Prozess einnehmen muss.

Diskussion

Das Buch ist ein Abriss der gegenwärtigen Erkenntnisse zu Klimawandel und den sich daraus ableitenden Folgerungen. Es gelingt dem Autor gut, alle wesentlichen Aspekte aufzugreifen und zu thematisieren, ohne zu viele Studien heranzuziehen und damit die Thematik zu überfrachten. Die sich ableitenden Folgen für die durch die Soziale Arbeit begleiteten Menschen sind plausibel und an jeder Stelle nachvollziehbar, wobei es auch nicht um hypothetische Konstrukte geht, sondern um Zustände, die heute leider schon traurige Realität erreicht haben.

Sowohl die Disziplin wie auch die betroffenen Menschen hat der Autor im Blick und kann auch überzeugend aufzeigen, dass die Soziale Arbeit schon verschiedene Ansätze und Instrumente hat, sich dieser Herausforderung zu stellen. Damit darf es aber keine Selbstzufriedenheit geben, sondern darin enthalten ist die Aufforderung, diese Ansätze auch weiterzuentwickeln und vor allen Dingen Menschen dafür zu sensibilisieren, dass sie sich in ihrem Verhalten entsprechend orientieren.

Zwei Dinge lassen sich kritisch anmerken: zum einen geht der Autor nur sehr bedingt auf die Organisationen der Sozialen Arbeit ein. Diese haben als Institutionen wie auch als Funktion (Arbeitgeber, gesellschaftliche Kraft etc.) auch eine wesentliche Rolle in der Klimakrise. Das kann dem geschuldet sein, dass sich das Buch im Wesentlichen auf Klimakrise beschränkt und damit Fragen von Emissionen und Energie mehr im Vordergrund stünden, was aber nicht alleine eine substantielle Aufgabe der Sozialen Arbeit ist, sondern insbesondere bei den Kommunen als überwiegenden Finanziers Sozialer Arbeit thematisiert werden muss. Das leitet zum zweiten Punkt über: die Klimakrise ist ohne den Kontext von Nachhaltigkeit nicht zu diskutieren, sondern muss darin eingebettet sein. Da ist das Buch nicht eindeutig, denn natürlich wird Nachhaltigkeit angesprochen und auch verschiedene Aspekte davon, aber die 17 Ziele nachhaltiger Entwicklung werden nur implizit (vereinzelt) angesprochen, nicht aber in ihrer Gesamtheit. Das tut dem Buch insgesamt keinen Abbruch, passt aber nicht so ganz mit der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) zusammen. So könnte man auch fragen, warum das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2021 oder des Europäischen Gerichtshofs von 2024 nicht angeführt ist, was wiederum mit dem Verweis auf den Schwerpunkt des Buches, nämlich Klimakrise, nur bedingte Relevanz hat, denn die Urteile mit ihrer Reichweite greifen wesentlich weiter.

Das Buch ist als Arbeitsbuch für Studierende aufgebaut und das ist toll gemacht. Zentrale Begrifflichkeiten werden herausgestellt und erklärt, Diskussionsfragen sind am Ende eines jeden Kapitels vorhanden und online gibt es Multiple-Choice-Fragen für den eigenen Lernfortschritt. Für Lehrende und Unterrichtende (z.B. an Fachschulen) ist das Buch aber ebenfalls sehr gut geeignet, wird hier doch sehr plausibel und nachvollziehbar die Zusammenhänge zwischen Klimakrise und Lebensbedingungen und Auswirkungen auf die Lebensumstände der Menschen hergestellt.

Das Buch bietet einen guten Überblick über den Zusammenhang zwischen Klimakrise und daraus resultierenden Aufgaben und Notwendigkeiten der Sozialen Arbeit. Wer eine umfassende Darstellung von Nachhaltigkeit in ihrer Reichweite erwartet, wird hier nicht fündig.

Fazit

Das Buch ist für Studierende wie Lehrende und Unterrichtende gleichermaßen geeignet, die hier ein gutes Kompendium erhalten, wie Klimakrise und Soziale Arbeit längst miteinander verbunden sind, wie Soziale Arbeit konstruktiv zur Bewältigung der Auswirkungen beitragen und auch (einigermaßen) präventiv wirken kann. Gleichzeitig wird aufgezeigt, wie sich dieses auf das Selbstverständnis Sozialer Arbeit auswirkt, was wiederum einmal mehr die Notwendigkeit einer eigenen (beruflichen) Haltung zu dem Thema erforderlich macht, um Menschen auch zu Nachhaltigkeit zu befähigen.

Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
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Es gibt 101 Rezensionen von Stefan Müller-Teusler.

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ISSN 2190-9245