Torsten Linke: Einzelfallhilfe in der Sozialen Arbeit
Rezensiert von Prof. a. D. Dr. Irmgard Schroll-Decker, 11.12.2025
Torsten Linke: Einzelfallhilfe in der Sozialen Arbeit.
Nomos Verlagsgesellschaft
(Baden-Baden) 2025.
296 Seiten.
ISBN 978-3-7560-1409-5.
D: 24,00 EUR,
A: 24,70 EUR.
Reihe: Kompendien der Sozialen Arbeit.
Entstehungshintergrund und Thema
Der Band erscheint in der über 20 Bände umfassenden Reihe Kompendien der Sozialen Arbeit des Nomos Verlags und adressiert Professionelle, Studierende und Berufsein- und -umsteiger:innen in der Absicht, schnell umfassende Informationen mit Praxisbezug zu erhalten. Er thematisiert die Einzelfallhilfe als „älteste und bedeutendste Methode der Sozialen Arbeit“ (S. 20), die in den Handlungsfeldern allgegenwärtig und sehr oft eingewoben ist in ein größeres Set an methodischem Handeln. Soziale Einzelfallhilfe wird nicht nur reduziert auf die Interaktionsebene zwischen Professionsvertretenden und Klient:innen, sondern auch in ihrer Relevanz für die institutionelle und gesellschaftliche Ebene betrachtet.
Verfasser
Prof. Dr. Torsten Linke hat die Professur Sozialarbeitswissenschaft mit Schwerpunkt Einzelfallhilfe der Fakultät Architektur und Sozialwissenschaften an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig inne.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist in sieben Kapitel unterteilt. Inhalts-, Abbildungs-, Tabellen- und Abkürzungsverzeichnis sind dem Text vorangestellt. Das Literaturverzeichnis sowie ein Register runden den Band ab.
Einleitung (S. 15–19)
Der Autor sensibilisiert zum einen für die in den Modulhandbüchern der Studiengänge Sozialer Arbeit uneinheitliche Zuordnung der Einzelfallhilfe sowie zum anderen für den unterschiedlichen Gebrauch des Begriffs, was teilweise dazu führen würde, die Einzelfallhilfe nicht explizit zu erkennen. Er verpackt dieses Phänomen in die studentische Frage: „Wo ist die Einzelfallhilfe hin?“ Das Buch liefert Antworten, indem es nach den jeweiligen Erläuterungen in den Kapiteln auch die Bedeutung für die Einzelfallhilfe mit Bezug zu bestimmten Handlungsfeldern zusammenfasst.
Kapitel 2 Zur Einführung: Was ist Einzelfallhilfe? (S. 20–43)
Die Begriffsklärung (2.1) knüpft kurz an die historischen Wurzeln der Einzelfallhilfe an und bezieht sich danach in einer Tabelle auf die Wortteile „sozial“, „Einzel“, „Fall“ und „Hilfe“, wobei jeweils von einer Lexikonerläuterung über Fachlexika hin zur Fachliteratur vorgegangen und schließlich eine Definition entwickelt wird. Der folgende Abschnitt (2.2) ordnet die Einzelfallhilfe anhand von grundsätzlichen Entwicklungsschritten in den Fachdiskurs ein. Einzelfallhilfe wird als Methode in einem integrierten Konzept für das methodische Handeln in der Fallarbeit verankert und anhand eines integrierten Trägerkonzepts beispielhaft dargestellt. Der Autor resümiert seine Klärung in der Zusammenfassung (2.3) mit einer Antwort auf die Frage „Wo ist die Einzelfallhilfe hin?“.
Kapitel 3 Gesellschaftliche Bedeutung, Handlungskontext und Handlungsfelder der Einzelfallhilfe (S. 44–91)
Das Kapitel verdeutlicht, welche sozialen Problemlagen im Gefolge gesellschaftlicher Entwicklungen entstehen können und exemplifiziert anhand mehrerer Handlungsfelder, welche Unterstützungsoptionen Einzelfallhilfe bieten kann. Ausgewählt und jeweils mit Erklärungen und Fakten unterlegt sind die Handlungsfelder Familie, Kinder, Jugendliche (Kinder- und Jugendhilfe) (3.1), Wohnen (Wohnungslosenhilfe) (3.2), Arbeit (Hilfe für Erwerbslose) (3.3), Migration (Migrationsarbeit, Flüchtlingssozialarbeit) (3.4) und sexualisierte Gewalt (Gewaltschutz, Kinderschutz, Interventions- und Präventionsangebote) (3.5). Aufgrund des unterschiedlichen Handlungskontextes unterscheiden sich die Darstellungen in der Vertiefung auf rechtliche Voraussetzungen, historische Angaben, Problematisierungen, Risikoeinschätzungen u.a.m. Die Zusammenfassung (3.6) verdeutlicht die Einbindung des professionellen sozialpädagogischen Handelns in die Einrichtungskonzepte.
Kapitel 4 Theoretische Grundlagen für professionelles Handeln in der Einzelfallhilfe
Zum Einstieg verschafft der Autor einen Überblick über berufsethische und menschenrechtliche Grundlagen einzelfallhelfenden Sozialen Handelns (4.1). Insbesondere geht er auf die Diskussion im internationalen, deutschen, österreichischen und schweizerischen Berufsverband ein, benennt die internationalen Dokumente mit Relevanz zum Schutz der Menschenrechte sowie das Spannungsfeld bzw. die Dilemmata von Menschenrechten und Sozialer Arbeit, wie sie u.a. von Staub-Bernasconi herausgearbeitet wurden und erörtert die Bedeutung der Berufsethik in ausgewählten Phasen der Fallarbeit. Im Anschluss klärt er den Begriff „soziale Probleme“ (4.2) und führt in eine Unterteilung (z.B. Ausstattung, Austausch, Macht) ein. Der Intersektionalität als mögliche Erklärungsfolie für soziale Ungleichheit (4.3) ist der nächste Abschnitt gewidmet, indem zunächst Entstehung und Entwicklung in Deutschland skizziert werden und danach eine „intersektionale Orientierung in Einrichtungen und der Fallarbeit“ (S. 139) aufgezeigt wird. Wegen der immensen Relevanz der Beziehungsgestaltung (4.4) als Basis für die Einzelfallhilfe werden die biografischen Vorbedingungen auf Seiten der Klientel und der Einzelfallhelfenden thematisiert. Traumasensibles Arbeiten (4.5) kann nach Ansicht des Autors in allen Handlungsfeldern der Einzelfallhilfe tangiert sein und erfordert ebenso die Aufmerksamkeit der Professionellen. In der Zusammenfassung (4.6) veranschaulicht Linke die o.g. Aspekte an einem ausgewählten Beispielfall und charakterisiert die Fallarbeit als „integrativ, inklusiv, intersektional“ (S. 161).
Kapitel 5 Verfahren und Phasen in der Einzelfallhilfe (S. 165–198)
Der Verfasser führt in die konkrete Fallarbeit ein (5.1) und stellt das klassische Vier-Phasen-Modell, bestehend aus Anamnese, Diagnose, Intervention und Evaluation vor. Im Anschluss erklärt er Anlass, Verständnis, Zuständigkeit und Auftragsklärung sowie die Komplexität von Fällen. Es folgen eine detaillierte Beschreibung der drei Verfahren der Einzelfallhilfe: Die multiperspektivische Fallarbeit (5.2) mit ihrer Unterteilung in „Fall von“, „Fall für“ und „Fall mit“ inklusive der Verdeutlichung an einem Beispiel, die kooperative Prozessgestaltung (KPG) (5.3) demonstriert am Ablaufplan des kooperativen Arbeitsprozesses und das Sozialarbeiterische Case Management (5.4) mit Phasen und internen Spezifizierungen. Abschließend (5.5) fasst Linke die wesentlichen Aussagen zusammen und präsentiert ein Phasenmodell mit Techniken.
Kapitel 6 Formen, Techniken und Instrumente in der Einzelfallhilfe (S. 199–261)
Das Kapitel umfasst die detaillierte Vorstellung, Beschreibung und Anwendung von in den Phasen vorhandenen Formen wie der Fallaufnahme (6.1), des Erstkontakts und Erstgesprächs (6.2), des Umgangs mit Widerständen (6.3) inklusive der jeweils zu treffenden Überlegungen, Funktionen und Zielen. Dem Hausbesuch als aufsuchende Form der Einzelfallhilfe (6.4) ist ein eigener Abschnitt gewidmet, weil er bei der Kindeswohlgefährdung eine immense Bedeutung hat und insgesamt besondere Anforderungen an das Nähe-Distanz-Verhältnis stellt. Die Kunst der informativen und nicht-wertenden Fallbeschreibung (6.5) als Bestandteil einer Fallakte wird wie ebenso die systemischen Fragen (6.6) in einem weiteren Unterpunkt behandelt. Das Kapitel Analyse und Einschätzung (6.7) unterteilt sich in die Themen Aufträge erfragen, Problem-, Ressourcen- und Stärkenanalyse, Fall- sowie Risiko- und Gefährdungseinschätzung, die anhand von vorliegenden Modellen und Vorgehensweisen erläutert werden. Zeitstrahl (6.8), Genogrammarbeit (6.9) und Netzwerk/VIP-Karte (6.10) werden eingebettet in die Zielsetzung als Verfahrensweisen für die Fallarbeit dargestellt. Da in der Einzelfallhilfe auf Seiten der Professionellen wie auch bei und mit den Klient:innen Ziele zu formulieren sind (6.11), werden die Anforderungen eingehend erläutert. Die kollegiale Fallberatung (6.12) sowie die Fallevaluation und Reflexion (6.13) werden als indirekt fallbezogene methodische Elemente besprochen.
Kapitel 7 Ausblick (S. 262–268)
Der Autor erachtet den Band als Beweis für die Existenz der Einzelfallhilfe als „methodisch ausdifferenziertes Angebot“ (S. 262) in verschiedenen Handlungsfeldern und damit als Antwort auf die eingangs aufgeworfene Frage „Wo ist die Einzelfallhilfe hin?“. Mit Blick auf ihre zukünftige Entwicklung befasst sich Linke mit zwei Szenarien, die Konfliktlinien enthalten zwischen dem, was sie auf Basis der gesellschaftlichen Gegebenheiten am Einzelfall leisten und bewirken kann und wo ihr Grenzen gesetzt sind. Zum einen thematisiert er die fortbestehende Notwendigkeit von Einzelfallhilfe (inklusive virulenter Felder wie etwa Gewalt- und Kinderschutz) in dem Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle. Zum anderen beschäftigt er sich mit den digitalen Optionen in der Einzelfallhilfe, insbesondere auch der Künstlichen Intelligenz und deren Chancen und Risiken.
Diskussion
Die soziale Einzelfallhilfe ist ein Eckpfeiler methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit, sie ist fest im Sozialrecht verankert und schlägt sich in manchen Handlungsfeldern in steigenden Zahlen an gewährten Hilfen nieder, was u.a. auch Fragen zur Wirksamkeit aufwirft. Die mit Bezug zur Sozialform als klassische Methode Sozialer Arbeit bezeichnete Einzelfallhilfe ist so allgegenwärtig und selbstverständlich, dass sie im Fachdiskurs nicht ausreichend hervorgehoben oder bedacht zu werden scheint – ein Eindruck, den der Verfasser dem Buch als Anlass für seine Entstehung einer Studentin in den Mund legt. In der Tat scheint sie in den Curricula der verschiedenen Studiengänge manchmal zu wenig exponiert zu sein, was u.a. damit zusammenhängen mag, dass die Studienbereiche stärker in ihrer Interdependenz konzipiert sind (wie u.a. von der DGSA empfohlen). Insofern leistet der vorliegende Band einen wichtigen Beitrag, um das oft als selbstverständlich Implizierte sehr facettenreich sichtbar zu machen, und damit den Eindruck zu verhindern, dass es die eine Soziale Einzelfallhilfe gäbe. Neben der historischen Verortung werden insbesondere die ethischen Grundlagen sowie die auf gesellschaftliche Gegebenheiten (z.B. Ungleichheit, Gewalt u.a.m.) basierenden Problemlagen, die soziale Hilfestellungen verursachen, in das Zentrum der Betrachtung und des Lernprozesses gerückt. Auf diese Weise werden trotz der Fokussierung auf die Hilfe benötigende oder berechtigte Person und die helfende Arbeitsbeziehung die Schnittflächen zum Eingebundensein in das Umfeld und Systeme sowie das diesbezügliche methodische Handeln herausgearbeitet und die Lesenden zur methodenintegrierenden Reflexion angeregt. Die Relevanz der Einzelfallhilfe wird damit in ihrer Bedeutung nicht geschmälert, sondern wird – aufgrund der Anforderungen, die an Soziale Arbeit gestellt werden – gestärkt, insbesondere bereits im Vermittlungs- und Aneignungsprozess, den das Buch adressiert.
Der als Lehrbuch konzipierte Band enthält zahlreiche mit Piktogrammen versehene Instrumente, die eine strukturierende Funktion übernehmen, aber auch dem Lehr- und Lernprozess dienlich sind: Es gibt Zusammenfassungen zu Beginn der Kapitel, Definitionen, Fallbeispiele, Arbeitsaufgaben und Reflexionen. Der Veranschaulichung und Erklärung dienen ferner zahlreiche Abbildungen und Tabellen. Am Ende von (Unter-)Kapiteln sind (Reflexions-)Fragen und Literatur (auch weiterführende) platziert. Die didaktischen Einschübe inklusive der Fallschilderungen sind jeweils optisch (Schriftbild, Einrückung, Linien) vom übrigen Text abgesetzt und ergeben einen sehr lesefreundlichen Eindruck.
Fazit
Das vorliegende Lehrbuch entfaltet die Bedeutung der Einzelfallhilfe mit ihren vielfachen Facetten ohne den Bezug zum weiteren methodischen Handeln zu verlieren. Es ist für Studium und Lehre mit sehr konkreten und z.T. durchgängigen Fallvignetten und Aufgabenstellungen bestückt und je nach Verortung der Einzelfallarbeit in den Modulen sehr gut einsetzbar.
Rezension von
Prof. a. D. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
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