Ralph Kortewille, Katrin Boger: Traumasensible Begleitung bei Aggressionen
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 14.01.2026
Ralph Kortewille, Katrin Boger: Traumasensible Begleitung bei Aggressionen. Praxiswissen für die pädagogische und therapeutische Arbeit mit Kindern.
Beltz Verlag
(Weinheim, Basel) 2025.
234 Seiten.
ISBN 978-3-7799-9303-2.
D: 26,00 EUR,
A: 26,90 EUR.
Reihe: Edition Sozial.
Thema
Dieses Buch hat zum Ziel, therapeutischen und pädagogischen Fachkräften dabei zu helfen, die Ursachen und Dynamiken aggressiven Verhaltens bei Kindern mit Traumata zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren. Auf Grundlage von Erkenntnissen aus der Neurokognitionsforschung werden Methoden und Ansätze vermittelt, die sich im Alltag mit traumatisierten Kindern bewährt haben. Ergänzt wird dieser Ansatz durch praxisnahe Methoden, um eine traumasensible und bindungsorientierte Arbeit zu erleichtern. Zudem werden die Unterschiede, aber auch die Gemeinsamkeiten zwischen traumapädagogischem und -therapeutischem Arbeiten beleuchtet.
Autor:in
Ralph Kortewille ist Diplom-Psychologe und seit 2007 im Bereich der ambulanten und stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie tätig. Seit 2021 leitet er die Interdisziplinäre Trauma-Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie Elmshorn. Er ist Therapeut, Supervisor, Autor und Experte für Traumatherapie und Kinderschutz. Katrin Boger ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, approbiert in Verhaltenstherapie und Tiefenpsychologie und seit 2010 niedergelassen in eigener Praxis in Aalen, Traumatherapeutin (DeGPT), EMDR-Therapeutin und -Supervisorin, Begründerin und Trainerin der I.B.T.®-Methode, Enaktive Traumatherapeutin (Nijenhuis). Sie leitet die Traumaambulanz Bereich Kinder und Jugendliche im Ostalbkreis und ist außerdem Supervisorin, Dozentin und Autorin.
Aufbau und Inhalt
Bei der Arbeit mit Menschen und erst recht bei der mit den jungen Menschen, um die es in diesem Buch geht, ist Wissen nicht nur ein Anker für die Fachkräfte, sondern zwingend erforderlich. Deshalb geht es in Teil I: Trauma und Aggression verstehen – theoretische Grundlagen zunächst genau darum. Welches Hintergrundwissen brauchen Fachkräfte? In der gebotenen Kürze stehen zunächst Traumatisierungen im Vordergrund, die vor und während der Geburt und in der frühen Kindheit ausgelöst werden können, bevor die wesentlichen Fakten zum Zusammenhang zwischen Bindungstheorie und Trauma präsentiert werden. Aber was hat das jetzt mit aggressivem Verhalten zu tun? Eine erste Antwort darauf findet sich im letzten Kapitel dieses ersten Teils, in dem es um erste Ansätze geht, aggressive Impulsdurchbrüche zu verstehen. An vielen Fallbeispielen beschrieben wird schnell deutlich, dass es wichtig ist, hinter die Fassade der Wut zu schauen: Ist die Wut ein Schutzmechanismus? Kann vielleicht sogar die (an sich gute) Beziehung zu einer Fachkraft ein Trigger sein? Soll mit dem aggressiven Verhalten Kontrolle wieder hergestellt werden oder indirekt ein tiefes liegendes Ziel erreicht werden? Oder geht es um die Wiederherstellung der eigenen Sicherheit nach (subjektiv empfunden) Kontrollverlust? Erklärungen gibt es viele, die richtige – gemeinsam mit dem jungen Menschen – zu finden, ist ein wahres Glücksspiel, sodass es hierbei zunächst immer nur um Hypothesen geht, die verifiziert oder falsifiziert werden müssen.
Teil II: Methoden für den bindungsorientierten Umgang mit Aggression – Praxis geht im wahrsten Sinne des Wortes dahin, wo es wehtut: Wie lassen sich bei allem Wissen und Verständnis dennoch Grenzen setzen? Wie kann dabei die Sicherheit der intervenierenden Fachkräfte gewährleistet werden? Und vor allem: Wie geht es nach einem eskalierten Konflikt mit einem jungen Menschen weiter? Denn das reflexhafte ‚Der/die muss hier weg‘ in der Jugendhilfe ist subjektiv sicherlich verständlich, verschiebt aber die Verantwortung auf die jungen Menschen und stellt nicht die Frage, ob die Erwachsenen hätten etwas anders machen können, um das Problem gar nicht erst so groß und mächtig werden zu lassen. Hätte es vielleicht – wie beim Kleinkind – Möglichkeiten der Ko-Regulation oder durch eine traumasensible Herangehensweise an die vorliegende Problematik anders funktionieren können? Hierzu gibt es viele praktische Tipps, die an zahlreichen Fallbeispielen verdeutlicht werden.
Um all das umsetzen zu können, sind nicht nur Wissen und Methodenkompetenz erforderlich, sondern auch die Fähigkeit, ein gutes Auge auf sich selbst zu haben, wie in Teil III: Reflexion, Selbstfürsorge und Kooperation – was Fachkräfte brauchen deutlich wird. Hier steht zunächst im Fokus, welche Voraussetzungen eine Fachkraft überhaupt braucht, um bindungsorientiert handeln zu können. Genannt werden hier zum Beispiel Kompetenzen im Umgang mit existenziellen Emotionen wie Panik, Wut aber auch Lebensmüdigkeit, die uns in diesem Kontext begegnen können. Wer Angst hat, von den Themen du Emotionen der jungen Menschen förmlich verschlungen zu werden, der kann in der Regel nicht der sichere Anker sein, den diese Kinder und Jugendlichen brauchen. Innere Gelassenheit und kognitive Flexibilität können hier ein weiterer Baustein sein, damit umgehen zu können – oder auch die Entwicklung besonderer sprachlicher Fähigkeiten (die im Übrigen im Buch selbst an vielen Stellen deutlich zu erkennen sind). Denn die Ausdrucksweise der Fachkräfte kann ein entscheidender Faktor sein, dass die jungen Menschen sich verstanden fühlen und gar nicht erst in den Kampf gehen müssen im besten Fall. Was aber ebenso wichtig ist wie die direkte Arbeit mit den Menschen ist die Arbeit mit uns selbst, um emotionale Erschöpfung zu vermeiden. Denn der (berufliche) Wunsch, helfen zu wollen, kann ein großes Risiko darstellen, wenn wir uns der eigenen Trigger, Belastungsfaktoren und blinden Flecken nicht bewusst sind. Und dafür bedarf es neben dem Reinhören in uns selbst den Austausch mit Kolleg*innen aber auch Supervision.
Diskussion
Nicht immer gelingt es, therapeutischen und pädagogischen Fachkräften so richtig mit der guten Zusammenarbeit. Woran das liegt, ist an dieser Stelle nicht von Bedeutung. Dabei haben sie doch das gleiche Ziel in der Arbeit mit traumatisierten jungen Menschen: Sie möchten ihnen helfen. Dabei gerät etwas aus dem Blick, was Prof. Dr. Menno Baumann in seinem Vorwort deutlich betont und das im weiteren Verlauf immer wieder Thema ist: Kinder als Opfer können auch für Fachkräfte – wenn Täteranteile zu präsent werden – durchaus gefährlich werden. Eine Tatsache, die im hier beschriebenen Arbeitsfeld immer wieder ausgeblendet wird: Kinder und Jugendliche sind in erster Linie Opfer, können aber trotzdem verdammt gefährlich sein! Dieser Punkt ist exemplarisch für das Buch: Es vermittelt nicht nur eine sehr gut präsentierte Menge an Wissen, sondern vor allem Haltung. Die ist auf jeder Seite spürbar und bildet so etwas wie eine Handlungsmaxime: „[K]ein Kind ist ohne Grund aggressiv“ (S. 191). Trotzdem ist es so, dass in der Jugendhilfe die Arbeit mit aggressiven Minderjährigen durchaus nicht für jede Fachkraft etwas ist.
Wenn eigene Vorerfahrungen und Einstellungen die Oberhand gewinnen, kann es schnell zu Abwehrreaktionen kommen – und auch hier beziehen Kortewille und Böger ganz klar Position: „Auch Kinder mit aggressivem und/oder destruktivem Verhalten sind in allererster Linie Minderjährige und haben ein Anrecht auf unseren Schutz“ (S. 57). Es ist beeindruckend und quasi in jeder Zeile spürbar, dass hier Menschen ein Buch schreiben, die das auch wirklich meinen, die Wort für Wort hinter dem stehen, was sie schreiben, ohne Risiken, Herausforderungen und mitunter auch Gefahren auszublenden. Daneben imponiert sowohl in den Fallbeispielen als auch in den eigenen Texten eine Sprache, die vor allem in der Sozialen Arbeit nicht häufig anzutreffen ist: klar und auf den Punkt gebracht. Beispielhaft sei hier eine Stelle genannt, wo es darum geht, wenn Helfer*innen das Helfen um ihrer Selbst und nicht um des jungen Menschen willen ausleben: „Wer das Gegenüber unbewusst klein und hilflos halten will, damit es (…) weiter gerettet werden muss, sollte lieber Straßenhunde adoptieren“ (S. 187). Wohl seltener hat jemand in einem Buch für Fachkräfte den Nagel so sehr auf den Kopf getroffen, denn das, was Kortewille und Böger hier aufgreifen und klar benennen, ist durchaus Realität in der Jugendhilfe, wird aber selten so klar angesprochen. Wer pädagogisch verbrämte Sprache braucht, um ein Buch gut zu finden, dem sei daher abgeraten von diesem Titel. Für diejenigen, die aber Sprache und Haltung gepaart mit viel Wissen mögen, denen sei diese Neuerscheinung von der ersten bis zur letzten Seite ans Herz gelegt – ein durch und durch beeindruckendes Buch! Gut, dass es in dieser Form endlich jemand geschrieben hat.
Fazit
Ganz viel Haltung und Wissen. Ein Buch, das sich von der ersten bis zur letzten Seite lohnt und eine klare Botschaft sendet: Nur wer versteht, kann am Ende Veränderung bewirken.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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