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Angelika Poferl, Paul Eisewicht et al. (Hrsg.): Perspektivendifferenz

Rezensiert von Dr. Maik Eimertenbrink, 23.12.2025

Cover Angelika Poferl, Paul Eisewicht et al. (Hrsg.): Perspektivendifferenz ISBN 978-3-910869-15-8

Angelika Poferl, Paul Eisewicht, Ronald Hitzler, Babette Kirchner, Julia Wustmann u.a. (Hrsg.): Perspektivendifferenz. Zur Ethnographie des kommunikativen Handelns. Oldib Verlag (Essen) 2025. 580 Seiten. ISBN 978-3-910869-15-8. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.

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Gegenstand der Untersuchung und Herausgeberschaft

Eine Gruppe von Wissenschaftler*innen, meist Soziolog*innen, auch ein paar Ethnolog*innen sind dabei, befasst sich zentral damit, wie Akteur*innen ihre sozialen Wirklichkeiten im kommunikativen Handeln konstruieren und aushandeln. Die Publikation demonstriert dies anhand weit auseinanderliegender empirischer Bereiche vom Skateboarding über das Beifallklatschen auf Großveranstaltungen bis zu der Interaktion mit Demenzerkrankten und dem Austausch von Forscher*innen und Menschen mit Fluchterfahrung. Aufgezeigt wird, wie (meist) intuitiv ausgehandelte und ungeschriebene Gesetze kommunikativen Handelns unsere vielfältigen Alltagswelten in sich zusammenhalten und zu einer Neubewertung der alltäglichen Interaktion anregen.

Entstehungshintergrund

Die Publikation entsteht als Tagungsband zu den 9. Feldarbeitstagen. Organisiert und ausgerichtet wurden sie vom Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie an der TU Dortmund. Die Publikation gibt die einzelnen Tagungsbeiträge wieder.

Aufbau

Die Publikation ist gegliedert in Methodologie, Unterricht/​Lernen, außeralltägliche Erfahrung, Musik/Tanz/Mode/Medien, Krankheit/​Therapie/​Pflege, Arbeitswelt/​Institution und Migration. Am Ende der Publikation befinden sich, nicht thematisch in die vorher aufgezeigten Felder eingeordnet, der Abendvortrag und die Verleihung des 5. Forschungspreises Ethnographie.

Inhalt

Um die methodische und empirische Vielfalt des Buches abzubilden, werden im Folgenden ausgewählte Beiträge aus verschiedenen Themenbereichen vorgestellt und rezensiert.

Methodologie

Aus den Bereich Methodologie wähle ich den Artikel von Martin Harbusch und Jo Reichertz, überschrieben mit „Travelling Concepts in der Ethnographie“ (S. 147 ff.).

Der Artikel beginnt mit „Menschen haben schon immer ihre Ideen über die Beschaffenheit der Welt, über Formen des richtigen und falschen Lebens, über sich selbst ebenso wie über Andere auch von ihren Vorfahren und Nachbarn bezogen“(S. 147). Reisendes Wissen deutet die Welt nicht nur als „feste, traditionsgeleitete und ortsgebundene, sondern auch als eine in einer andauernden Bewegung begriffene Welt“ (S. 147 f.). Dabei sind es reisende Menschen, die dieses Wissen weitertragen.

Das Autor*innenteam beschreibt den Wert von reisendem Wissen (also von Wissen, welches von reisenden Menschen weitergetragen wird) für die Ethnographie. Sie beschreiben Ethnographie als Expeditionen „in die Fremde“ (S. 152), als „Herumschnüffeln und Aufspüren, als Entdecken des Unbekannten und als Vertraut-Machen des Unvertrauten“ (S. 152). Forschende werden als Suchende inszeniert, als Pioniere und Abenteurer, und „in Anlehnung an die disziplinären ethnologischen Wurzeln – als reisende Figuren“ (S. 152).

Zusammenfassend beleuchten Harbusch und Reichertz mit dem Konzept der „Travelling Concepts“ in der Ethnographie die dynamische Natur von Wissen und betonen die Rolle von reisenden Forschenden als Entdecker und Vermittler des Fremden, aber auch die Rolle der Menschen vor Ort, ohne die entsprechendes Wissen nicht „erschnüffelt“, entdeckt, (zumindest ansatzweise) begriffen und weitervermittelt werden könnte.

Unterricht/​Lernen

Aus dem Bereich Unterricht/​Lernen wähle ich den Artikel „Ethnografische Beforschung von Bewegungslernen am Beispiel Skateboarding“. Hier fällt auf, dass Bewegungslernen im Vordergrund steht und das Skateboarding lediglich als Beispiel dient, um Bewegungslernen zu erklären. Es könnten auch Schwimmen, Reiten, Turnen und Gymnastik als Beispiele genommen werden. Es sollen nur wenige Sätze zitiert werden, um einen Eindruck der Schreibweise von Benjamin Büscher in diesem Artikel zu vermitteln: „Das Skateboarding stellt eine genuin informell organisierte Bewegungskultur dar, ohne explizite Zugangsregularien und formale Mitgliedschaften, weshalb die quantitative Einordnung und empirische Beforschung nach wie vor eingeschränkt ist“ (S. 216).

Oder an anderer Stelle: „Die ursprüngliche Lernmodalität des Skateboardings (wird) (…) als informelles Lernen (…), welches weitgehend selbstgesteuert, intuitiv, spontan und ergebnisoffen ist und mit einem erhöhten Aufwand sowie Verletzungen verbunden ist (begriffen)“ (S. 217).

Die Ausführungen von Büscher sind faktisch korrekt. Dennoch fehlt dem Artikel der Funke, der die Essenz des Skateboardens – mehr als nur Bewegung und informelle Organisation – erfasst.

Im Gegensatz dazu beweist Frederike Brand ein anderes Gespür für eine Materie, wenn sie den Tango als „symbolische und transzendentale Wirkung (…) in der Umarmung von Fremden“ beschreibt (S. 294). Die Worte klingen im Ohr des Lesenden nach. Sie schmecken nach Tango.

Nun lässt sich Skateboarding und Tango tanzen möglicherweise nicht vergleichen, dennoch wäre ein Eintauchen in die Skateboardszene interessant gewesen. Ein Funke ist in dem Text zum Skateboardfahren, jedenfalls beim Rezipienten, nicht übergesprungen.

Allerdings darf man den Fokus nicht vergessen: Büschers Ziel ist es, Lernen und Bewegungslernen zu untersuchen. Die zu verstehende Lebenswelt sind Lernende und Lehrende, Schüler*innen und Lehrer*innen und nicht die fiktive Skateboard-Punk-Ästhetik eines Larry Clark (Kids, Wassup Rockers) oder die melancholische Teenager-Stimmung aus Gus Van Sants Film „Paranoid Park“.

Der Artikel von Büscher erfüllt seine primäre wissenschaftliche Aufgabe, nämlich die Untersuchung von Lernprozessen mittels eines ethnografischen Zugangs. Somit wird die Lernszene als Forschungsgegenstand präzise beleuchtet. Das als Beispiel gewählte Skateboarden liefert eine empirische Grundlage, tritt jedoch hinter der Analyse der pädagogischen Mechanismen zurück.

Krankheit/​Therapie/​Pflege

Unter der Zwischenüberschrift Krankheit/​Therapie/​Pflege sind fünf Kapitel versammelt. Es geht um Kommunikation an den Grenzen (S. 383 ff.), Alltagswürde (S. 395 ff.) und Freizeit (S. 408 ff.) mit Demenz, Aphasie (S. 420 ff.) und Schlafapnoe (S. 433 ff.).

Der Artikel „Alltagswürde. Differierende Würdekonstruktion im Alltag von Personen mit Demenz“ (S. 30 ff.) ist von Lisa Schäfer verfasst. Schäfer beschreibt an Demenz erkrankte Personen als Menschen, die in ihrer eigenen Welt leben. Diese eigene Welt ist „logisch, nachvollziehbar und sinnhaft (und folgt) rekonstruierbaren Strukturen“ (S. 396). Die Schwierigkeit besteht darin, diese für die erkrankten Personen logischen Strukturen nach außen hin so zu vermitteln, „dass sie vom Umfeld verstanden werden“ (S. 396).

Der Artikel „Die kommunikative Erschließung der Lebenswelt eines Aphasikers“ (S. 420) wirft ein besonderes Licht auf eine Krankheit und den Umgang damit. Einer der beiden Autoren nennt sich selbst Aphasiker. Er hat früher soziologische Bücher geschrieben, die er nun, nach einem Schlaganfall, selbst nicht mehr versteht: „Mein Zukunftstraum war, als Seniorprofessor weiterzuarbeiten. Aber jetzt bin ich Aphasiker (…). Ich fühle mich nicht mehr auf gleicher Augenhöhe mit den anderen akademischen Kolleginnen und Kollegen, weil ich selbst meine früheren Publikationen nicht mehr richtig verstehe. Deshalb kämpfe ich mit meinem Gehirn die ganze Zeit (…)“ (S. 424).

Migration

Die Artikel über Migration behandeln u.a. die (Un-)Möglichkeiten ethnografischen Forschens im Kontext unsicherer aufenthaltsrechtlicher Situationen (S. 489 ff.) und die unterschiedlichen Perspektiven bei der Artikulation von Leiderfahrungen in Begegnungen mit geflüchteten Menschen (S. 514). Laura Schlachzig reflektiert dabei in ihrem Artikel (S. 489 ff.) die Forscher*innenrolle und skizziert strukturelle Ungleichheiten und Machtverhältnisse im Kontext von Flucht- und Migrationsforschung. Monique Kaulertz geht, ein paar Seiten später (S. 514 ff.) u.a. der Frage nach, wie eine Tasse an syrische Gefängnisse erinnern kann.

Diskussion

„Durch Zufall geriet ich an einige reiche Homosexuelle aus der internationalen Schwulenclique, die ständig um die Welt reist und sich in Schwulenbars von New York bis Kairo gegenseitig die Barhocker anwärmt. Ich entdecke eine Lebensweise, die mir neu war, ein Vokabular, Anspielungen, ein ganzes Symbolsystem, wie die Soziologen sagen. Doch die meisten dieser Leute waren Armleuchter, und meine anfängliche Faszination flaute sehr schnell wieder ab.“ (Burroughs 1953, deutsche Übersetzung S. 20)

William S. Burroughs war ein US-amerikanischer Dichter der Beatgeneration. Er war und ist nicht für soziologische Abhandlungen bekannt, dennoch scheint er sich in der Sprache der Soziologie auszukennen.

Er schreibt von einem typischen Vokabular, von Anspielungen und einem Symbolsystem, mit denen sich diese „internationale Schwulenclique“ verständigt. Die Clique besteht aus Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen (italienisch, spanisch, englisch etc.), sich aber dennoch verstehen, Symbole lesen können, Anspielungen richtig deuten, die richtigen und wichtigen Vokabeln sprechen und verstehen können. Sie handeln kommunikativ und werden so in ihrer Lebenswelt, von den Lebenswelt-Mitbewohner verstanden.

Alle Artikel in dem zu rezensierenden Buch handeln von „Szenen“ und den jeweiligen typischen kommunikativen Handlungsweisen. Wie handle ich typischerweise als Skater*in oder Tangotänzer*in kommunikativ so, dass andere der gleichen Szene mich verstehen? Was bedeutet kommunikatives Handeln für Menschen mit Fluchterfahrung und was für Forschende und was passiert, wenn beide aufeinandertreffen?

Die Grenzen meiner Ausdrucksfähigkeit sind die Grenzen meiner Welt. Wie verstehen mich Menschen, die außerhalb einer gemeinsamen Lebenswelt leben, und müssen sie mich überhaupt verstehen? Sich diese Frage zu stellen und weiterzudenken, schafft dieses Buch.

Die Haltung von Pipi Langstrumpf, „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“, ist mir als subjektive Konstruktion von Wirklichkeit beim Lesen der Texte ein ständiger Begleiter. Möglicherweise wirkt sie hier falsch platziert, aber ich hatte dieses Zitat beim Lesen oft im Ohr.

Fazit

Die Beiträge demonstrieren, wie intuitiv ausgehandelte, oft nonverbale oder szenetypische kommunikative Gesetze die unterschiedlichen Alltagswelten zusammenhalten und die soziale Verbundenheit der Akteur*innen sichern.

Die Publikation lädt Forschende und Leser*innen dazu ein, die Grenzen des eigenen Ausdrucks und Verstehens kritisch zu hinterfragen und eigenes kommunikatives Handeln stetig weiterzudenken.

Literatur

Burroughs, W. S. (1978): Junkie. Auf der Suche nach Yage. Naked Luch. Nova Express. Sammelband herausgegeben und übersetzt von Carl Weissner. Frankfurt am Main: Zweitausendeins.

Die einzelnen Essays sind im Original zwischen 1953 und 1964 als amerikanische Originalausgaben erschienen.

Rezension von
Dr. Maik Eimertenbrink
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
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Es gibt 6 Rezensionen von Maik Eimertenbrink.

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ISSN 2190-9245