Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Thomas Stieber: Muster migrantischer Arbeit

Rezensiert von Dr. Olga Frik, 28.09.2026

Cover Thomas Stieber: Muster migrantischer Arbeit ISBN 978-3-96488-257-8

Thomas Stieber: Muster migrantischer Arbeit. Von möglichen Sprungbrettern, unmöglichen Bewährungs­proben, neuer Migration und alten Grenzen. Arbeitssoziologische Untersuchungen an einem Großkrankenhaus. VSA-Verlag (Hamburg) 2025. 392 Seiten. ISBN 978-3-96488-257-8. D: 26,80 EUR, A: 27,60 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema und Aktualität

Was geschieht, wenn man den Blick nicht auf die viel beschworene „Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt“ richtet, sondern auf die konkreten Arbeitsprozesse, die betrieblichen Sozialverhältnisse und die subjektiven Erfahrungen der Migrantinnen selbst? Thomas Stieber, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI), legt mit seiner Dissertation „Muster migrantischer Arbeit“ eine empirisch dichte und theoretisch anspruchsvolle Studie vor, die genau diese Perspektive einnimmt. In einer Zeit, in der der Fachkräftemangel in der Pflege beklagt, die „Integration“ Geflüchteter an Erwerbsquoten gemessen und die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte als „Triple Win“ gefeiert wird, ist Stiebers kritische Bestandsaufnahme von besonderer Aktualität. Das Buch zeigt eindrucksvoll, wie hinter den glatten Narrativen von Sprungbrettern und Win-win-Situationen eine komplexe, von Widersprüchen durchzogene soziale Realität liegt.

Allgemeine Charakterisierung des Buches

Stieber verfolgt das Ziel, die systematischen Muster migrantischer Arbeit in einem Großkrankenhaus herauszuarbeiten. Ausgangspunkt ist die doppelte Forschungsfrage: Wie kommen migrantische Arbeitskräfte in den Betrieb (wer, wie und wohin genau)? Und wie gestaltet sich ihre Einbindung in die jeweiligen Arbeitsabläufe und Sozialgefüge?

Das Buch zeichnet sich durch ein methodisch reflektiertes Vorgehen aus, das qualitative Interviews (Beschäftigteninterviews, Expertengespräche, Gruppendiskussionen) mit teilnehmender Beobachtung kombiniert. Stieber entwickelt eine dreigliedrige Heuristik zum Verständnis betrieblicher Vergesellschaftung, die drei analytisch trennscharfe, in der Praxis jedoch miteinander verwobene Dimensionen unterscheidet: Integration (funktional-organisatorische Einbindung in das systemische Ganze), Teilhabe (Nicht-Unterschreitung von Standards in materieller, rechtlicher und sozial-kultureller Hinsicht) und Anerkennung (im Anschluss an Axel Honneth: die moralische Grammatik sozialer Konflikte, die positive Selbstbeziehung).

Besonders hervorzuheben ist die konsequente Verknüpfung von betrieblicher Mikroanalyse mit gesellschaftlichen Makrostrukturen: der Ökonomisierung des Gesundheitswesens, dem DRG-System, der „multiplen Prekarität“ (Peter Birke) vieler Migrantinnen sowie den subtilen Mechanismen des Neo-Rassismus.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung konzentriert sich auf folgende Kernfragen:

  • Wie kommen migrantische Arbeitskräfte in den Betrieb – d.h. wer, wie und wohin genau? Und wie gestaltet sich ihre Einbindung in die jeweiligen Arbeitsabläufe und Sozialgefüge?
  • Welche systematischen Muster migrantischer Arbeit lassen sich in einem Großkrankenhaus identifizieren – jenseits von Zufall oder individuellen Besonderheiten?
  • In welchem Verhältnis stehen betriebliche Mikropolitiken und politisch-rechtliche Regulierungen (Arbeitserlaubnis, Aufenthaltsrecht, Anwerbeprogramme) zueinander – und wie wirken sie bei der Rekrutierung und Einbindung migrantischer Beschäftigter zusammen?
  • Lässt sich die viel beschworene „Integration durch Arbeit“ unter den Bedingungen von Ökonomisierung, Arbeitsverdichtung und Zwei-Klassen-Belegschaften tatsächlich realisieren – oder verstärkt sie bestehende Ungleichheiten?
  • Was bedeuten die Kategorien „Integration“, „Teilhabe“ und „Anerkennung“ für die Analyse betrieblicher Vergesellschaftung – und wie können sie in einer dreigliedrigen Heuristik fruchtbar gemacht werden?
  • Wie wirken Prozesse der Rassifizierung und des Neo-Rassismus („Kulturprobleme“, Ethnisierung von Alltagskonflikten) in scheinbar „neutralen“ betrieblichen Auswahl‑ und Arbeitsorganisationsmechanismen?
  • Warum sind die meisten migrantischen Beschäftigten in den ausgegründeten Tochterbetrieben (Reinigung, Wäscherei, Küche) anzutreffen – und welche Rolle spielen dabei informelle Qualifikationsanforderungen, soziale Ähnlichkeit und „multiple Prekarität“?
  • Handelt es sich bei der Beschäftigung in den Tochterbetrieben um ein „Sprungbrett“ in qualifiziertere Tätigkeiten – oder eher um eine berufsbiografische Sackgasse und eine Form der „gespenstischen Gegenständlichkeit“?
  • Welche Rolle spielen die Rekrutierungswege (gezielte Anwerbung im Ausland vs. individuelles Bewerben) für die spätere betriebliche Vergesellschaftung – und welche Folgen hat die enge Koppelung von Arbeits‑ und Aufenthaltsrecht?
  • Lässt sich das viel gepriesene „Triple-Win“-Modell der Pflegefachkräfte-Anwerbung (Gewinn für Herkunftsland, Zielland und migrierende Fachkraft) empirisch halten – oder muss von einer „Triple-lose-Rekrutierung“ gesprochen werden?
  • Welche Rolle spielen die demografische Entwicklung, die Digitalisierung und die Corona-Pandemie für die Zukunft migrantischer Arbeit im Krankenhaus – und wie sind sie mit der grundlegenden Ökonomisierungsdynamik verschränkt?
  • Wie kann eine kritische Arbeitssoziologie die subjektiven Dimensionen von Arbeitsleid, Anerkennungskämpfen und „positiver Selbstbeziehung“ (im Sinne Axel Honneths) ernst nehmen, ohne in bloße Individualisierung oder Moralisierung abzugleiten?
  • Welche gesellschaftspolitischen Schlussfolgerungen ergeben sich aus der Studie – und wie ließe sich eine emanzipatorische Transformationsperspektive („Gute Arbeit für alle“) jenseits von Diversity-Rhetorik und partialen sozialpädagogischen Maßnahmen denken?

Autor

Thomas Stieber (geb. 1982) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am SOFI Göttingen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Arbeitssoziologie, der Themenkomplex Arbeit und Migration, prekäre Arbeits‑ und Lebensverhältnisse sowie der Wandel der Arbeitswelt. Die vorliegende Studie entstand im Rahmen des SOFI-Projekts „Refugees@work“.

Aufbau und Inhalte

Das Buch gliedert sich in sechs Hauptkapitel sowie ein umfangreiches Literaturverzeichnis.

Kapitel I «Arbeit und Migration – ein Vexierbild als Forschungsgegenstand (Einleitung)» führt in das „Vexierbild“ von Arbeit und Migration ein. Stieber kritisiert die mediale und wissenschaftliche „Taschenlampen-Beleuchtung“, die bestimmte Aspekte grell ausleuchtet, während andere im Dunkeln bleiben. Er plädiert für einen ganzheitlichen Blick und stellt seine dreigliedrige Heuristik vor.

Kapitel II «Prekäre Arbeit und soziale Schließung im ökonomisierten Krankenhaus (Verortung im Forschungsstand)» ist dreiteilig angelegt: Es behandelt erstens die Geschichte der (Arbeits-)Migration nach Deutschland, Theorien der Segmentation und Rassifizierung; zweitens die gesellschaftstheoretischen Anknüpfungspunkte zu Integration, Teilhabe und Anerkennung; drittens die polit-ökonomischen Rahmenbedingungen des ökonomisierten Krankenhauses mit Fokus auf das DRG-System, den Pflegenotstand und die „Jedermanns-Arbeit“ in Reinigung und Küche.

Kapitel III «Reflexive Erkundungen (Empirisches Sample und methodisches Vorgehen)» skizziert das Sample (Fallstudie einer Uniklinik mit ca. 8.000 Beschäftigten) und den Methodenmix aus teilnehmender Beobachtung, Beobachtungsinterviews und verschiedenen Interviewformen.

Kapitel IV «Rekrutierte Pflegefachkräfte, Geflüchtete als Azubis und sehr viele Beschäftigte mit Migrationsgeschichte in abgewerteter Jedermanns-Arbeit (empirische Erhebung)» ist das Herzstück. Es werden drei Fälle migrantischer Arbeit ausführlich dargestellt: (1) Die Rekrutierung philippinischer Pflegefachkräfte – eine „Gastarbeit reloaded?“ mit ernüchternden Befunden zur Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität. (2) Geflüchtete als Auszubildende in medizinisch-technischen Berufen (MTA) und in der Pflege – hier zeigt sich eine extrem ressourcenstarke Gruppe, deren Erfolgsgeschichten keineswegs verallgemeinerbar sind. (3) Migrantische Beschäftigte in den ausgegründeten Tochterbetrieben (Reinigung, Wäscherei, Küche) – das „Gros der migrantischen Beschäftigten“, das gewissermaßen unsichtbar wird, während gleichzeitig gespenstische Kulturproblem-Narrative zirkulieren.

Kapitel V «Triple-lose-Rekrutierung, multiple Problemlagen und Zwei-Klassen-Belegschaften (Erkenntnisse und Forschungsdesiderate)» reflektiert die Ergebnisse entlang der dreigliedrigen Heuristik. Stieber diagnostiziert eine „Triple-lose-Rekrutierung“ (statt Triple Win), multiple Problemlagen und Zwei-Klassen-Belegschaften. Besonders eindrucksvoll ist die Analyse der „gespenstischen Gegenständlichkeit“: Wie hinter dem Rücken der Akteure ein dialektischer Zusammenhang von Schein und Sein entsteht, der die Abdrängung von Migrant*innen in die unattraktivsten Bereiche reproduziert.

Kapitel VI «Gute Arbeit für alle – für alle am besten! (Resümee und Ausblick)» endet mit gesellschaftspolitischen Schlussfolgerungen: Gute Arbeit für alle ist die beste Integrationspolitik.

Zielgruppen

Die Publikation richtet sich primär an ein wissenschaftliches Fachpublikum aus der Arbeitssoziologie, Migrationsforschung, Gesundheitswissenschaften und der kritischen Sozialforschung. Besonders Studierende und Forschende, die sich mit betrieblichen Fallstudien, der Ökonomisierung des Gesundheitswesens, prekärer Beschäftigung oder der Schnittstelle von Migration und Arbeit beschäftigen, finden hier eine fundierte und empirisch gehaltvolle Lektüre.

Darüber hinaus ist der Band für gewerkschaftliche Aktive, Betriebsräte und Personalverantwortliche in Krankenhäusern sowie für politische Bildnerinnen und Migrantinnenselbstorganisationen geeignet, die sich eine kritische, nicht affirmativ-euphemistische Auseinandersetzung mit den Realitäten migrantischer Arbeit wünschen.

Aufgrund der anspruchsvollen theoretischen Rahmung (u.a. Bezüge zu Bourdieu, Honneth, Burawoy) und der Detailtiefe der empirischen Analyse setzt das Buch jedoch soziologische Grundkenntnisse voraus; es ist weniger für eine erste Einführung in das Thema geeignet, sondern richtet sich an fortgeschrittene Leserinnen.

Diskussion

Der große Verdienst von Stiebers Buch liegt in seiner doppelten Leistung: Erstens bietet es eine seltene empirische Tiefe – die teilnehmenden Beobachtungen auf den Stationen, in der Reinigung und in der Wäscherei machen die Anforderungen und Belastungen der jeweiligen Arbeit auf eine Weise erfahrbar, die reine Interviews nicht leisten können. Zweitens gelingt es dem Autor, diese dichten Beschreibungen theoretisch zu rahmen, ohne sie zu überfrachten.

Besonders hervorzuheben ist die kritische Dekonstruktion des Sprungbrett-Narrativs. Stieber zeigt überzeugend, dass die Arbeit in den Tochterbetrieben für die meisten Migrant*innen keine Aufstiegschance, sondern eher eine „Rutschbahn und berufsbiografische Falle“ darstellt. Die viel beschworene „Integration durch Arbeit“ erweist sich unter Bedingungen von Zwei-Klassen-Belegschaften, mangelnder Wertschätzung und systematischer Qualifikationsabwertung als irreführender Euphemismus.

Die Analyse der philippinischen Pflegekräfte ist ein weiteres Glanzstück. Stieber arbeitet die strukturelle Zwangslage heraus: Die Geflüchteten aus den Philippinen sind weder wirklich freiwillig hier (ökonomischer Druck, familiäre Verpflichtungen) noch haben sie reale Exit-Optionen. Die euphemistischen Antworten der Befragungen („gut“, „alles super“) deutet er als sozial erwünschtes Antwortverhalten und als Durchhalteparole – eine sensible und zugleich kritische Interpretation.

Kritisch anzumerken ist, dass die Studie als Momentaufnahme angelegt ist. Wie sich die Verhältnisse nach der Verrentung der Babyboomer-Generation oder unter dem Einfluss der fortschreitenden Digitalisierung entwickeln, bleibt offen. Auch die Stimmen derjenigen Migrantinnen, die den Betrieben bereits wieder den Rücken gekehrt haben, kommen nicht vor – hier wäre eine Längsschnittstudie wünschenswert.

Fazit

„Muster migrantischer Arbeit“ ist eine herausragende arbeitssoziologische Betriebsfallstudie. Thomas Stieber gelingt es, die verborgenen Mechanismen der Rekrutierung, Segmentation und Abwertung migrantischer Arbeit sichtbar zu machen – jenseits der üblichen Integrationsrhetorik. Das Buch ist eine unverzichtbare Lektüre für alle, die verstehen wollen, wie Migration und Arbeit unter den Bedingungen des ökonomisierten Krankenhauses tatsächlich zusammenhängen.

Rezension von
Dr. Olga Frik
Omsker Staatliche Universität für Agrarwissenschaften (benannt nach P.A. Stolypin), Omsk, Russische Föderation. Ehemalige Lehrbeauftragte und Gastwissenschaftlerin an der Leibniz-Universität Hannover
Mailformular

Es gibt 50 Rezensionen von Olga Frik.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245