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Jodie Hare: Autismus ist keine Krankheit

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 28.11.2025

Cover Jodie Hare: Autismus ist keine Krankheit ISBN 978-3-89771-631-5

Jodie Hare: Autismus ist keine Krankheit. Politik für eine neurodiverse Gesellschaft. Unrast Verlag (Münster) 2025. 200 Seiten. ISBN 978-3-89771-631-5. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.

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Thema

Neurodiversität ist eines der drängendsten politischen Themen unserer Zeit. Während die Zahl der Diagnosen von Autismus, ADHS und anderen Arten von Neurodivergenz steigt, wird immer deutlicher, dass es so etwas wie ein ‚normales‘ Gehirn nicht gibt. Aber die Gesellschaft ist immer noch auf Neuronormativität ausgerichtet, und Autismus wird weiterhin als Krankheit behandelt. Jodie Hare, bei der im Alter von 23 Jahren Autismus diagnostiziert wurde, fordert daher, dass es an der Zeit ist, Definitionen neu zu denken, die sich in diesem Kontext auf krank oder gesund beziehen. Sie fordert die Anerkennung von Vielfalt als Teil der natürlichen Variation und nicht als Abweichung von der Norm und zeigt auf, was eine Welt braucht, in der alle sich wohlfühlen und die jede Form von Diskriminierung bekämpft.

Autorin

Bei Jodie Hare wurde im Alter von 23 Jahren Autismus diagnostiziert. Sie hat am King’s College in London Literatur- und Kulturwissenschaften studiert und schreibt Essays und Blogbeiträge über Sprachen und Übersetzung, Feminismus, Behinderung und Diversität.

Aufbau und Inhalt

Neuodivergenz ist keine Behinderung! Denn viele neurodivergente Menschen, das betont Jodie Hare immer wieder, leben gut integriert in der Gesellschaft. Wobei damit schon eine Frage aufgeworfen wird, auf die die Autorin an vielen Stellen versucht, eine Antwort zu geben: Sind diese Menschen wirklich ‚gut integriert‘ oder vollbringen sie bloß eine unfassbare Anpassungsleistung, weil ihr Lebensumfeld prinzipiell gar nicht so strukturiert ist, wie es sein müsste, damit sie wirklich ‚gut integriert‘ sind. Hare wirft die Frage auf, ob es in einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die auf Leistungen und soziale Angepasstheit setzt, nicht eher einer Form der Unterdrückung ist, dass sich neurodivergente Menschen anpassen (müssen). Das begründet sie zum Beispiel mit einer steigenden Zahl an psychischen Erkrankungen bei neurodivergenten Menschen, die nichts mit der Ausgangsdiagnose zu tun haben. Weiter benennt sie Studien, aus denen hervorgeht, dass neurodivergente Menschen wesentlich stärker von Armut und Jobverlust, Obdachlosigkeit und Drogenmissbrauch betroffen sind, die zu weiteren sozialen Schwierigkeiten, psychischen und körperlichen Erkrankungen sowie einer höheren Bedrohung durch Polizeigewalt führen. Wie bei so vielen anderen Problemen sei auch hier Corona ein Brennglas gewesen, das diese Problematik verschärft habe. Ihr Appell: Neurodivergenz solle nicht nach medizinischen Maßstäben beurteilt werden, was aber nicht bedeuten darf, Behinderungen zu negieren. Behinderung ist „etwas, was durch die Weigerung verursacht wird, sämtliche Mitglieder der Gesellschaft in diese zu integrieren. Behinderung wird nicht als individuelles Versagen gesehen, sondern als komplexe Frage, die durch die soziale Umgebung bestimmt ist. Daher ist es die Aufgabe der Gesellschaft, herauszufinden, wie sie am besten mit Behinderung umgehen und Veränderungen vornehmen kann, die dafür sorgen, dass niemand an der Teilhabe am sozialen Leben gehindert wird“ (S. 29).

Diskussion

Für Menschen außerhalb der Neurodivergenz-Bewegung mag die Verknüpfung zwischen der Debatte über diese Form der Diversität und Kapitalismuskritik auf den ersten Blick befremdlich wirken. Doch gerade diese Perspektive, gepaart mit der Tatsache, dass Jodie Hare selbst eine Autismus-Diagnose hat, eröffnet bei den Leser:innen neue Zugänge zu einem bisweilen kontrovers diskutierten Thema. Und gerade das ist es doch, was ein gutes Buch auszeichnet. Wenn es dann wie hier noch gut lesbar formuliert ist, ist es die perfekte Gelegenheit, Horizonte zu erweitern und neue Perspektiven einzunehmen.  Dies wird sich auf die Orte auswirken, an denen wir lernen, arbeiten und zusammenkommen – und Jodie Hare zeigt, wie diese so verändert werden können, dass sie integrativer und zugänglicher werden.

Fazit

Neue Perspektiven in gut lesbarer Form: Jodie Hare zeigt, wie Lern-, Arbeits- und Lebensorte so verändert werden können, dass sie integrativer und zugänglicher werden.

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 186 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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ISSN 2190-9245