Udo Sierck: Frech und frei
Rezensiert von Prof. Dr. Carsten Rensinghoff, 05.12.2025
Udo Sierck: Frech und frei. 50 Jahre Kämpfe der Behindertenbewegung. Assoziation A (Berlin) 2025. 152 Seiten. ISBN 978-3-86241-514-4. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.
Thema
Udo Sierck berichtet vom Widerstand der sich seit den 1970er Jahren entwickelnden Selbstbestimmt-Leben-Bewegung, die sich über unterschiedliche Aktionen von Behinderungserfahrenen Gehör verschafft hat und verschafft.
Autor
Udo Sierck ist behinderungserfahren, Diplombibliothekar. Dozent und Autor. Seit Ende der 1970er Jahre ist er „ein Protagonist der emanzipatorisch-politischen Behindertenbewegung“ (S. 2).
Entstehungshintergrund
Dieser Jubiläumsband „erzählt vom Widerstand einer sich entwickelnden Selbstbestimmt-Leben-Bewegung seit Mitte der 1970er Jahre“ (S. 8). Im Mittelpunkt steht „die permanente Auseinandersetzung mit gängigen Normen, Werten und Körperidealen, häufig verbunden mit Hinweisen auf die Spuren nationalsozialistischer Vergangenheit“ (ebd.).
Inhalt und Aufbau
Udo Sierck betrachtet die unterschiedlichen Kämpfe der emanzipatorischen Krüppel- und Behindertenbewegung. „Als Initialzündung kann das Jahr 1974 gesehen werden, als der Rollstuhl fahrende Sozialarbeiter Gusti Steiner Emanzipationsbestrebungen mit der Notwendigkeit eines neuen Selbstbewusstseins verband und behauptete: Behindert sein ist schön“ (S. 10). In dieser Anfangszeit akzeptierte die professionelle Behindertenhilfe die Selbstvertretung durch die von einer Behinderung Betroffenen nicht. Gegen diese professionelle Vereinnahmung der Behindertenhilfe veranstalteten die Behinderungserfahrenen Protestaktionen, über die sich die Behindertenbewegung politisierte.
Die Aufbruchstimmung begann in einer Zeit, in der das Anstaltswesen Hochkonjunktur hatte. Mit Bezug auf die biografischen Aufzeichnungen Fredi Saals, handelte es sich bei Anstalten um soziale Entsorgungsparks, einer kollektiven Bewahrungsform unliebsamer Zeitgenossen.
In dieser Zeit gründeten sich Organisationen, wie der Club 68 oder die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL) in Deutschland, die sich gegen die Machtstrukturen im Fürsorgewesen richtete und für die Selbstbestimmung von Behinderungserfahrenen einsetzt.
In den 1980ern wurden Demos gegen diskriminierende Gerichtsurteile organisiert und veranstaltet. So demonstrierten ca. 5000 behinderte und nichtbehinderte Menschen in Frankfurt gegen ein Urteil des Landgerichts, welches „die Anwesenheit von behinderten Personen in einem großen Hotel […] für eine deutsche Touristin die Forderung nach Schadensersatz rechtfertige“ (S. 31).
1981 haben die Vereinten Nationen das internationale Jahr der Behinderten ausgerufen. In der Konsequenz sollte dieses Jahr auf die Situation behinderter Menschen aufmerksam machen. Gegen dieses Gedenkjahr richtete sich das Krüppel-Tribunal und Aktionen zum „Jahr der Behinderten“. Eine – für den Täter allerdings strafrechtlich folgenlos gebliebene – Aktion war der Schlag mit der Krücke des behinderungserfahrenen Franz Christoph gegen das Schienbein des damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens, während der Eröffnungsveranstaltung der Rehabilitationsmesse in Düsseldorf.
„(Krüppel-)Frauen contra Entwürdigung und Missbrauch“ wandte sich u.a. gegen die Geschlechtslosigkeit, die behinderten Frauen zugeschrieben wird. Festgestellt wird, dass behinderte Frauen öfter sexuelle Gewalt erfahren als das bei nichtbehinderten Frauen der Fall ist.
Die Kürzungen zur Nutzung des Sonderfahrdienstes in Bremen, löste 1980 Proteste aus, von denen Udo Sierck in „Bus, Bahn und kein Ende“ berichtet. Eine Protestaktion war der Hungerstreik der Krüppel im Parlamentsgebäude. Auch Proteste in Hamburg und Berlin werden angeführt.
Auf dem zweiten Gesundheitstag in Hamburg wurde – im Kapitel „Gesundheitstage – Selbstbewusstsein und Protest“ - 1981 u.a. der Abbau der Hierarchien im Krankenhaus, die Förderung der Selbsthilfeinitiativen und die Akzeptanz alternativer Heilmethoden eingefordert. „Mit dem Hamburger Gesundheitstag begann auch […] die Aufarbeitung der Ermordung von Bewohnern der Alsterdorfer Anstalten“ (S. 59).
Gegen die Lebensunwertdebatte, die durch den Arzt Julius Hackethal im Rahmen des 4. Gesundheitstages 1987 in Kassel angestoßen wurde, richteten sich die Aktionen der Behindertenbewegung bei dieser Veranstaltung.
Ein Vergleich zur Situation von Behinderten in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR zeigt in den „Sonderwelten und eine Landkommune in der DDR“ Parallelen: Hier und dort waren Wohnungen fast ausschließlich über Stufen und Treppen erreichbar. Bei ebenerdig gelegenen Wohnungen waren die Türen für Rollstuhlnutzende zu eng. In der alten BRD und in der DDR war die Ausschließung von Behinderten die Regel. „Eine Ausnahme bildete die Landkommune Hartroda“ (S. 66). Der rollstuhlfahrende Matthias Vernaldi gründete 1978 mit nichtbehinderten Freunden eine Landkommune in Hartroda. Hier war ein freies und selbstbestimmtes Leben möglich.
Ausgrenzung von Behinderten wird durch Heime und Anstalten durchgeführt. Hier leben die Betroffenen isoliert. In Heimen werden ca. 100000 Kinder misshandelt, wie aus der Presse zitiert wird. „‘Knapp 100.000 Frauen und Männer sollen nach 1949 in Einrichtungen der Behindertenhilfe oder Psychiatrie Leid erfahren haben‘“ (S. 70 f.). Über diese Zustände wird in „Heime & Gewalt – Hausbesetzung und Flugblätter im Bundestag“ berichtet.
In „Bioethik, Tötungsphantasien und Widerstand“ wird sich auf die Veröffentlichung Die Wohl-Täter-Mafi von Nati Radtke und Udo Sierck bezogen, die sich kritisch mit der humangenetischen Beratung auseinandersetzt. Diskutiert werden in diesem Kapitel die praktische Ethik Peter Singers und die Argumente von Hans Hennig Atrott, dem seinerzeitigen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben.
Behinderte zählen, aufgrund ihrer oft äußerlich erkennbaren Merkmale oder Bewegungen, nicht zu den Schönheitsidealen. Behinderte Körper taugen mitunter zur Befriedigung der Sensationslust. In „Schönheitswahn, Fitnessboom und besondere Körper“ wird der Behindertenporno angesprochen, bei dem Behinderte ihr Innerstes entblößen. Behinderte werden ausgesondert, weil sie an die eigene Verletzbarkeit und Sterblichkeit erinnern. Und so wird die persönliche Integrität bedroht.
Im Kapitel „Raster der Wahrnehmung und der Pannwitzblick“ wird auf eben diesen Pannwitzblick verwiesen, der ein zentrales filmisches Dokument der bundesdeutschen Behindertenbewegung ist.
„Diskriminierungsverbot und Behindertenrechtskonvention“ sind Errungenschaften aus den vergangenen 30 Jahren. Es handelt sich um Artikel 3 Absatz 3 Satz 2 Grundgesetz, nach dem seit 1994 niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf und es handelt sich um die UN-Behindertenrechtskonvention, die seit 2009 in der Bundesrepublik Deutschland rechtskräftig ist.
Die Behindertenbewegung hat sich von Beginn an mit dem Nationalsozialismus und die in dieser Zeit an Behinderten begangenen Verbrechen befasst. Diese Zeit wirkt bis in die Gegenwart hinein, denn erst „am 29. Januar 2025 (!) konnte sich der Bundestag mit einem Beschluss dazu durchringen, die etwa 300.000 zwangssterilisierten und fast 400.000 im Rahmen der ‚Euthanasie‘-Aktionen ermordeten Menschen als Verfolgte des NS-Regimes anzuerkennen und Forschungen über ihr Schicksal zu intensivieren“ (S. 115). In „Rechtsextremismus, autoritäre Normalität und Gegenwehr“ thematisiert Sierck rechtsextreme Attacken. So wurden im Juni 1992 in Halle fünf schwerbehinderte Kinder, beim Warten auf den Bus, Opfer eines brutalen Überfalls. Zehn – teilweise schwarz gekleidete – Jugendliche haben sie angegriffen. Für besonders erschreckend hält der Autor die Tatsache, dass weder der Busfahrer noch andere Fahrgäste den Kindern zu Hilfe kamen, als sie von den Tätern im Bus weiter verprügelt wurden.
Für die Zukunft fordert Udo Sierck in „Und jetzt?“ mehr Sichtbarkeit der Behindertenbewegten, z.B. auf der Pride Parade – behindert und verrückt feiern, die seit 2013 jährlich in Berlin veranstaltet wird oder, analog zur Letzten Generation, bei den Last Disabilities.
Diskussion
Es ist ruhig geworden in der Behindertenbewegung. Vereinzelt flackern hier und dort kleine Aktionen auf, die sich um den 5. Mai, dem europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung oder dem 3. Dezember, dem internationalen Tag der Menschen mit Behinderung, tummeln. Deutschlandweit sichtbare Aktionen, wie die Straßenbahnblockade von Gusti Steiner vom 18. Mai 1974 (https://zeitzeugen-projekt.de/index.php/glossar/163-strassenbahnblockade-frankfurt) [Download: 01.12.2025] oder Franz Christophs Schlag mit der Krücke gegen das Schienbein des Bundespräsidenten, gehören wohl der Vergangenheit an. Gegenwärtig werden derartige Handlungen wohl als Straftaten eingestuft.
Fazit
Es ist wichtig sich an die Anfänge der Behindertenbewegung zu erinnern. Es ist wichtig Udo Siercks Ausführungen als Grundlage für Weiteres zu nutzen. Und so ist Udo Siercks Ausführungen eine zahlreiche Leserinnen- und Leserschaft zu wünschen, um die progressive Behindertenbewegung nicht zum Stillstand zu bringen.
Rezension von
Prof. Dr. Carsten Rensinghoff
Hochschullehrer für Heilpädagogik und Inklusive Pädagogik an der DIPLOMA Hochschule
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