Steve Stiehler, Janosch Schobin et al. (Hrsg.): Einsamkeit heute
Rezensiert von Dr. Franziska Sophie Proskawetz, 18.03.2026
Steve Stiehler, Janosch Schobin, Manuel Stadtmann (Hrsg.): Einsamkeit heute. Individuelles Schicksal oder gesellschaftliches Versagen? Campus Verlag (Frankfurt) 2025. 317 Seiten. ISBN 978-3-593-51918-0.
Thema und Entstehenshintergrund
Die hohen Einsamkeitsquoten in Wohlstandsgesellschaften wurden lange übersehen, werden inzwischen jedoch zunehmend auch politisch wahrgenommen und bearbeitet. Denn Einsamkeit betrifft nicht nur immer mehr junge Menschen, sondern stellt auch ein enormes gesundheitliches Risiko dar und beeinträchtigt die gesellschaftliche Teilhabe der Betroffenen. Der Sammelband beleuchtet zentrale Aspekte von Einsamkeit, darunter unterschiedliche fachliche Perspektiven, unterschiedliche Lebenslagen sowie Ansätze zur Intervention. Hervorgegangen ist er aus einer gleichnamigen Ringvorlesung der Ostschweizer Fachhochschule in St. Gallen und erschien 2025 im Campus Verlag der Verlagsgruppe Beltz.
Autor*innen
Steve Stiehler, Prof. Dr., Herausgeber des Sammelbands, leitet den Themenschwerpunkt »Öffentliches Leben und Teilhabe« am Institut für Soziale Arbeit und Räume (IFSAR) der OST – Ostschweizer Fachhochschule St. Gallen.
Janosch Schobin, PD Dr., Herausgeber des Sammelbands, ist Privatdozent an der Universität Kassel und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kompetenznetz Einsamkeit des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V., Frankfurt a. M.
Manuel Stadtmann, Prof. Dr., Herausgeber des Sammelbands, leitet das Kompetenzzentrum für psychische Gesundheit an der OST – Ostschweizer Fachhochschule St. Gallen und arbeitet klinisch in der integrierten Psychiatrie Winterthur.
Markus Witte, Prof. Dr., ist Inhaber des Lehrstuhls für Literaturgeschichte und Theologie des Alten Testaments an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Susanne Loke, Dr., ist Lehrbeauftragte an der Evangelischen Hochschule Bochum und leitet ein Präventionsprojekt in Pflegeeinrichtungen.
Sabine Millius leitet eine betriebsübergreifende Fachgruppe Palliative Care und ist Fachexpertin in den Bereichen Palliative Care und Einsamkeit im Alter, am Institut Neumünster, Zollikerberg.
Eliane Pfister Lipp, Dr. ist Geschäftsführerin des Instituts Neumünster, Zollikerberg.
Aufbau und Inhalt
Der Sammelband gliedert sich in drei thematische Teile mit jeweils vier bis sechs Aufsätzen. Der erste Teil widmet sich dem „Grundverständnis von Einsamkeit“, der zweite behandelt „Einsamkeit und Lebenslagen“ und der dritte stellt „Ansätze zur Intervention bei Einsamkeit“ vor. Im Folgenden wird aus jedem Teil jeweils ein Aufsatz zusammenfassend dargestellt.
Von der Einsamkeit des Menschen und der Gemeinschaft mit Gott – Aspekte der Bibel von Markus Witte
Markus Witte arbeitet Einsamkeit als ein überzeitliches Phänomen heraus, das den Menschen von Anbeginn begleitet. Er geht der Frage nach, wie in biblischen Texten – insbesondere im Alten Testament – über Einsamkeit nachgedacht wird und welche geistigen Vorstellungen damit verbunden sind.
In der Schöpfungsgeschichte wird die grundlegende Anlage des Menschen zur Gemeinschaft formuliert. Dazu zählen die Gemeinschaft mit Gott, mit der Tierwelt und mit anderen Menschen – nicht jedoch ein isoliertes Dasein. So heißt es: „Und [Gott] schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde“ (Gen 1,27–28). In Gen 2,18 wird dies ergänzt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.“ Der Mensch erscheint damit als ein Wesen, das auf Gemeinschaft hin geschaffen ist. Diese ist nach Witte geprägt durch gegenseitige Zugehörigkeit, Unterstützung sowie ein einander entsprechendes Denken und Handeln.
Gemeinschaftssicherndes und gemeinschaftsstiftendes Verhalten wird in der Bibel als gottgefällig dargestellt, etwa in Sir 4,9: „Rette den, dem Gewalt geschieht, vor dem, der ihm Unrecht tut; und sei unerschrocken, wenn du urteilen sollst.“ Auch Freundschaften erfahren eine besondere Würdigung: „Ein treuer Freund ist nicht mit Gold aufzuwiegen, und sein Wert ist nicht hoch genug zu schätzen“ (Sir 6,15).
Zugleich thematisiert das Alte Testament individuelle Einsamkeit und Leid, exemplarisch im Buch Hiob. Dieses zeigt jedoch auch Bewältigungsstrategien auf, etwa durch die Unterstützung von Freunden oder die Klage vor Gott. Witte arbeitet heraus, dass die Einsamkeit Hiobs als Chance für einen Perspektivwechsel verstanden werden kann: „Absoluter, grundloser Einsamkeit wird eine Absage erteilt, weil Gott auch dann an seinem Geschöpf festhält, wenn dieses von Menschen verlassen, von der Gesellschaft vergessen und von Gott enttäuscht ist. Einsamkeit erscheint vor diesem Hintergrund nicht sinnlos“ (S. 47). Das Mittel gegen Einsamkeit im Alten Testament ist das Gebet.
Einen kurzen abschließenden Teil widmet Witte dem Neuen Testament. Besonders eindrücklich ist hier der einsame Tod Jesu am Kreuz, der sich in seinem letzten Moment von Gott verlassen fühlt: „Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34; Mt 27,46). Jesus als Sohn Gottes steht dabei für zweierlei zugleich: für die Einsamkeit des Menschen und für die Einsamkeit Gottes.
… und am Lebensende: Einsames Sterben und unentdeckte Tode von Susanne Loke
Ältere Menschen haben ein erhöhtes Risiko, unter (emotionaler) Einsamkeit zu leiden. Dies hängt damit zusammen, dass ihre sozialen Netzwerke im Alter häufig kleiner werden und mortalitätsbedingte Verluste zunehmen. Obwohl Frauen meist über größere soziale Netzwerke verfügen, fühlen sie sich häufiger einsam als Männer. Damit verbunden ist auch die in der Bevölkerung weit verbreitete Angst vor dem einsamen Sterben – also davor, in den letzten Lebensstunden niemanden an der Seite zu haben.
Diese Angst ist, so Loke, empirisch durchaus begründet. In einer Datenauswertung der Städte Aachen und Gelsenkirchen für den Zeitraum von 2006 bis 2016 zeigt sich: „Mindestens jede fünfte Person, die im eigenen Zuhause verstirbt, [war] sozial unbegleitet und [ist] frühestens am Folgetag aufgefunden [worden]“ (S. 211), mit steigender Tendenz. Zudem stellt die Autorin eine positive Korrelation fest: „In sozial benachteiligenden Gebieten versterben […] überdurchschnittlich viele Personen mit brüchige(re)n sozialen Netzwerken“ (S. 211). Über 80 % der Verstorbenen werden innerhalb der ersten Woche entdeckt, es existieren jedoch auch wenige Extremfälle mit Liegezeiten von über einem Jahr. Unentdeckte Todesfälle treten zudem häufiger in urbanen als in ländlichen Räumen auf.
Wer verstirbt unentdeckt? Nach Loke handelt es sich vor allem um ledige Männer, verwitwete Frauen sowie geschiedene oder getrenntlebende Männer und Frauen. Zugleich betont die Autorin, dass aus unentdeckten Todesfällen nicht automatisch auf Einsamkeit geschlossen werden kann und Zuschreibungen mit Vorsicht vorzunehmen sind. Auch Nachkommen schützen nicht in jedem Fall davor, unentdeckt zu versterben. Damit stellt sich die Frage, ob Menschen, die unbegleitet starben und erst später aufgefunden wurden, tatsächlich einsam waren oder sich möglicherweise nicht einsam gefühlt haben – und ob der Begriff des einsamen Sterbens überhaupt zutreffend ist.
Loke definiert einsames Sterben wie folgt: „Einsames Sterben bedeutet, dass die physischen, psychischen und sozialen Abbau‑ und Zerfallsprozesse des Lebensendes unfreiwillig allein und ohne soziale Unterstützung von Angehörigen, Nahestehenden, Mediziner:innen oder Pflegekräften bewältigt werden müssen“ (S. 215, Hervorhebung im Original). Teilweise lässt sich anhand der Todesursache – etwa bei nachgewiesenem Suizid, dessen Anteil bei unentdeckten Todesfällen hoch ist – auf einen erheblichen Leidensdruck schließen. Vor diesem Hintergrund erscheint es der Autorin plausibel, „dass die Mehrheit der unentdeckt Verstorbenen einsam stirbt“ (S. 222, Hervorhebung im Original).
Abschließend verweist Loke darauf, dass die gesellschaftliche Relevanz des Themas bislang unterschätzt worden sei. Lösungsansätze sieht sie insbesondere in der Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und in der Bekämpfung sozialer Ungleichheit.
Fachliche und gesellschaftliche Ansätze im Umgang mit Einsamkeit im Alter – Sabine Millius und Eliane Pfister Lipp
Was bedeutet Einsamkeit, und wie verbreitet ist sie im Alter? Die Autorinnen Millius und Lipp eröffnen ihren Beitrag mit einer Darstellung grundlegender Begriffe wie soziale und emotionale Einsamkeit, Alleinsein und soziale Isolation. Während Alleinsein oder soziale Isolation – verstanden als fehlende soziale Kontakte – nicht zwangsläufig negativ erlebt werden, ist Einsamkeit stets mit subjektivem Leidensdruck verbunden. Dieser kann sich entweder als mangelndes soziales Zugehörigkeitsgefühl (soziale Einsamkeit) oder als Fehlen einer engen Bezugsperson (emotionale Einsamkeit) äußern.
Millius und Lipp zeigen, dass Einsamkeit kein Randphänomen ist, sondern in allen Altersgruppen vorkommt. So geben 30,7 % der über 75-Jährigen an, zumindest manchmal Einsamkeitsgefühle zu erleben. In sehr hohen Altersgruppen ist die Erfassung schwieriger; zugleich wird angenommen, dass Einsamkeit mit zunehmendem Alter eher zunimmt, da kritische Lebensereignisse das Einsamkeitserleben begünstigen können. Dazu zählen unter anderem abnehmende Mobilität, gesundheitliche Einschränkungen, Schwerhörigkeit, Sehschwäche sowie der Tod oder die Erkrankung der Partnerin oder des Partners. Chronische Einsamkeit wirkt sich negativ auf die Gesundheit aus und erhöht das Risiko für chronische Erkrankungen, Depressionen und Demenzerkrankungen. In einer qualitativen Erhebung in einem Altenzentrum in Zürich stellten die Autorinnen fest, dass vergleichsweise wenige Mieter*innen unter Einsamkeit litten – möglicherweise als Ergebnis präventiver Maßnahmen.
Abschließend leiten Millius und Lipp Empfehlungen für Interventionen im Umgang mit Einsamkeit im Alter ab. Zentrale Voraussetzung ist zunächst die Identifikation von Einsamkeit, u.a. anhand von Rückzug, selbstbezogenem Kommunikationsstil oder depressiven Symptomen. Wirksame Ansätze zur Reduktion von Einsamkeit sind unter anderem die Stärkung sozialer Kompetenzen, der Ausbau sozialer Begleitung, die Erweiterung von Kontaktmöglichkeiten sowie die Veränderung maladaptiver sozialer Kognitionen (vgl. Masi et al. 2011). Besonders betonen die Autorinnen jedoch die Bedeutung eines offenen Sprechens über Einsamkeit als grundlegenden ersten Schritt.
Diskussion
Der Sammelband bietet eine große Vielfalt an Perspektiven auf Einsamkeit. Er greift sowohl viel diskutierte Themen als auch (für mich) neue und teils überraschende Aspekte auf, darunter etwa die Analyse von Einsamkeit im Alten und Neuen Testament (Witte), und beinhaltet Beiträge mit konkreten Handlungsempfehlungen(z.B. Millius und Lipp). In der Einleitung weisen die Herausgeberinnen darauf hin, dass sich die Beiträge an ein breiteres Fachpublikum richten. Dem kann ich zustimmen: Die exemplarisch dargestellten Beiträge sind gut lesbar und auch für Leser*innen außerhalb eines engen Fachkontexts gut zugänglich.
Fazit
Einsamkeit ist ein vielschichtiges, gesellschaftlich relevantes Phänomen, das unterschiedliche Lebensphasen und soziale Lagen betrifft und aus unterschiedlichen Fachrichtungen betrachtet werden kann. Diese Perspektivvielfalt greift der Sammelband auf und leistet damit einen Beitrag zu aktuellen fachlichen Auseinandersetzungen mit dem Thema.
Literatur
Masi, Christopher M./Chen, Hsi-Yuan./Hawkley, Louise C./Gacioppo, John T. (2011), »A Meta-Analysis of Interventions to Reduce Loneliness«, in: Personality and Social Psychology Review, 15 (3), S. 219-266.
Rezension von
Dr. Franziska Sophie Proskawetz
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