Dieter Röh: Soziale Arbeit im Kontext von Rehabilitation und Teilhabe
Rezensiert von Prof. Dr. Carsten Rensinghoff, 19.11.2025
Dieter Röh: Soziale Arbeit im Kontext von Rehabilitation und Teilhabe. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2025. 3. überarbeitete Auflage. 262 Seiten. ISBN 978-3-8252-6394-2. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 37,50 sFr.
Thema
Die Publikation ist ein Grundlagenwerk, welches Sozial Arbeitenden die erforderlichen Kompetenzen für die Arbeit mit behinderungserfahrenen Menschen bietet. Studierenden der Sozialen Arbeit wird so in der Vertiefung der Allgemeinen Pädagogik ein sehr guter Einblick in das Themenfeld Rehabilitation und Teilhabe geboten.
Autor
Dieter Röh forscht und lehrt an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Dort ist er Professor für Soziale Arbeit. Sein Schwerpunkt ist die Rehabilitation und Teilhabe.
Entstehungshintergrund
Die zu besprechende Literatur liegt in der dritten, überarbeiteten Auflage vor. Seit der zweiten Auflage – aus dem Jahr 2018 - hat es einige Aktualisierungen „in den Daten zur Lebenslage von Menschen mit Behinderungen, zu neueren Publikationen (bzw. Auflagen) und zu aktuellen Entwicklungen“ (S. 7) gegeben.
Die erste und die zweite Auflage wurde von Röh mit dem Titel – Soziale Arbeit in der Behindertenhilfe – überschrieben. Dem Autor erscheint „der Begriff Behindertenhilfe nunmehr aufgrund des aktuellen Verständnisses von Behinderung inhaltlich-konzeptionell falsch“ (ebd.) Aus diesem Grund werden für die aktuelle Auflage die Termini – Rehabilitation und Teilhabe – verwendet. Hierin wird die Soziale Arbeit als Profession und Disziplin verortet.
Aufbau
- Grundlagen der Sozialen Arbeit
- Grundlagen von Rehabilitation und Teilhabe
- Professionelles Handeln der Sozialen Arbeit im Kontext von Rehabilitation und Teilhabe
Inhalt
Dieter Röh führt zu Beginn seiner Ausführungen in die Grundlagen der Sozialen Arbeit für die Soziale Arbeit mit Behinderungserfahrenen ein. Diese Grundlagen befassen sich u.a. mit der Geschichte der gesellschaftlichen Reaktion auf Behinderung. Und diese Geschichte führt uns ins ausgehende Mittelalter, in dem die Behinderungserfahrenen vorwiegend bei und von ihren Familien oder ihren Verwandten lebten und versorgt wurden.
Der Verfasser blickt in einem philosophischen Teil auf die ethisch-moralischen Grundlagen. Hier kommen die grausamen Erfahrungen während der NS-Diktatur und die aktuelle Bio-Ethik zur Sprache.
Nach den Grundlagen der Sozialen Arbeit für die Soziale Arbeit mit Behinderungserfahrenen wird dann zu den Grundlagen von Rehabilitation und Teilhabe eine begriffliche Bestimmung von Behinderung vorgenommen. Das geschieht auch mit Blick auf das menschenrechtliche Modell der Vereinbarung über die Rechte von Menschen mit Behinderung, die 2006 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurde. 2008 wurde diese UN-Behindertenrechtskonvention, nach Angaben Dieter Röhs, von der Bundesrepublik Deutschland ratifiziert. Bei der UN-Behindertenrechtskonvention handelt es sich um „eine Spezifizierung der allgemeinen, für alle Menschen gleichermaßen geltenden Menschenrechte“ (S. 55).
Für die sozialethischen Grundlagen in der Sozialen Arbeit mit Behinderungserfahrenen ist es wichtig in die Themen einzuführen, die für Behinderungserfahrene wesentlich sind. Hierbei handelt es sich um die Themen
- Empowerment, also der Entdeckung der eigenen Stärken;
- Selbstbestimmung;
- Normalisierung – und nach dem Normalisierungsprinzip, welches durch Bengt Nirje für die Arbeit mit Behinderungserfahrenen formuliert wurde, sollen Menschen mit einem Förderbedarf in der kognitiven Entwicklung ein möglichst normales Leben führen;
- Integration, Inklusion und Teilhabe
- Care-Ethik und Gerechtigkeit.
Im Weiteren werden die Lebenslagen behinderungserfahrener Menschen betrachtet, als da wären Wohnen, Bildung, Arbeit, Freizeit, Familie, Einkommen und soziale Netzwerke.
Aktuelle Entwicklungen thematisieren – unter dem Stichwort ambulant vor stationär – die Ambulantisierung, das gemeinwesenintegrierte Leben, das Expertentum in eigener Sache (Peer Counseling und Peer support) und das Assistenzmodell.
Der besondere Wert des Sozialen Arbeit im Kontext von Rehabilitation und Teilhabe wird gesondert herausgestellt, weil hier die Konzentration u.a. auf bzw. der Behebung von sozialen Problemen und einer daseinsmächtigen Lebensführung liegt. Ihre Funktion ist die Herstellung von Inklusion.
Diskussion
Interessant ist die Begründung der verwendeten Terminologie. So schreibt Röh, „dass die Bezeichnung ‚Menschen mit Beeinträchtigungen‘ auf die vorhandene Beeinträchtigung rekurriert und ‚behinderter Mensch‘ auf die erzeugten Teilhabebeeinträchtigungen durch Barrieren und Umwelt“ (S. 11). Beide Begriffe werden abgelehnt. Aus diesem Grund schlägt der Autor vor, von Menschen mit Behinderungserfahrung zu sprechen. Interessant ist die Begründung, weil Anfang dieses Jahrtausends in akademischen Kreisen das Wort – behindert – nicht akzeptiert wurde. Es wurde seinerzeit ausschließlich die Bezeichnung – Mensch mit Behinderung – anerkannt (Rensinghoff 2008). In der Begründung für die Ablehnung des Begriffs behindert/​Behinderte wurde angeführt, dass mit der Bezeichnung der Behinderte der gesamte Mensch mit einem derartigen Merkmal ausgestattet ist. Wenn von einer Person mit Behinderung die Rede ist, dann bezieht sich das Merkmal nur auf einen Teil, z.B. die gelähmte Körperhälfte oder die Gehörlosigkeit.
Fazit
Da die Themen behinderungserfahrener Menschen in der Ausbildung in Sozialer Arbeit in der Regel nicht die Hauptthemen sind, wie das z.B. in der Ausbildung in Heilerziehungspflege oder Heilpädagogik der Fall ist, ist Dieter Röhs Publikation für diesen Bereich sehr wertvoll.
Aus der Beratung in der ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) und aus eigener Erfahrung, der ich aufgrund eines schweren hirntraumatischen Ereignisses seit meinem dreizehnten Lebensjahr mit einer Behinderung lebe, weiß ich wie wichtig und notwendig die angesprochenen Aspekte für die Soziale Arbeit sind. Wenn man als Betroffener hier auf Verständnis- oder Ratlosigkeit trifft, hat das für die Rehabilitation und Teilhabe nur negative Konsequenzen.
Literatur
Rensinghoff, Carsten (2008): Wie man so redet. In; mondkalb – Zeitschrift für das organisierte Gebrechen. https://mondkalb-zeitung.de/wie-man-so-redet/ [abgerufen am 15.11.2025].
Rezension von
Prof. Dr. Carsten Rensinghoff
Hochschullehrer für Heilpädagogik und Inklusive Pädagogik an der DIPLOMA Hochschule
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