Markus Gabriel: Moralische Tatsachen
Rezensiert von Prof. Dr. Anton Schlittmaier, 26.11.2025
Markus Gabriel: Moralische Tatsachen. Warum sie existieren und wie wir sie erkennen können. Verlag C.H. Beck (München) 2025. 463 Seiten. ISBN 978-3-406-83747-0. 34,00 EUR.
Thema
Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) tätigte einst den Ausspruch: „Moral zu predigen ist leicht, Moral zu begründen schwer“. In diesem Sinne versuchen Moralphilosophen über die Behauptung von Werten, Normen oder einer Moral hinausgehend Forderungen an Menschen zu begründen. Dieses Unternehmen wird im Allgemeinen auch als Ethik bezeichnet.
In der Geschichte der Ethik finden wir zahlreiche Ansätze zur Begründung von moralischen Normen wie z.B. der Norm, dass man andere nicht belügen darf. Ganz prominent sind hierbei ethische Theorien wie die von Aristoteles (384 – 322 v.Chr.) oder Immanuel Kant (1724 – 1804). In unserer Gegenwart werden häufig Auffassungen vertreten wie die, dass die Moral grundsätzlich nicht begründet werden kann und dass sie letztlich Ansichts- oder Geschmackssache sei. Gerade im Rahmen der Philosophie der Postmoderne, die in den 1960er Jahren entstand, wird die Unmöglichkeit einer fundamentalen Begründung immer wieder hervorgehoben. Insbesondere konstruktivistische Auffassungen fallen in diesen Gesamtzusammenhang. Markus Gabriel (geb. 1980) setzt all dem einen Neubeginn entgegen: den neuen Realismus, der in der Ethik von der Existenz moralischer Tatsachen ausgeht. Das heißt, dass es in der Moral durchaus Normen gibt, die offensichtlich sind und die mehr sind als nur parteiliche Behauptungen.
Gerade für soziale Berufe scheint diese These spannend zu sein, weil sie sich oft in einer Ambivalenz in Bezug auf Moral befinden. Einerseits wird die Überzeugung vertreten, dass moralische Standards bestehen – z.B. in berufsethische Prinzipien –, anderseits wird Moral im Sinne von unnötigem Moralisieren im negativen Sinne abgetan. So hängen Praktiker sozialer Berufe streckenweise der Postmoderne oder dem Konstruktivismus an und geraten damit durchaus in Widersprüche, weil ihnen ein Fundament der Begründung von Moral fehlt.
Gabriels Buch ist eine Neubegründung der Ethik, deren Anspruch und Stellenwert es zu prüfen gilt. Inwieweit ist sie über den akademischen Bereich der Philosophie hinaus relevant und inwieweit kann sie orientierend für soziale Berufe und darüber hinausgehend auch für die Politik und die gesamte Gesellschaft sein?
Autor
Der Autor gehört zu den bekanntesten deutschen Philosophen der Gegenwart. Seit 2009 ist er Professor für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn. Neben Fachbüchern hat Gabriel auch Bestseller veröffentlicht. Er ist seit 2020 auch Gastprofessor an der New School for Social Research. Außerdem ist er seit 2024 Senior Global Advisor am Kyoto Institute of Philosophie.
Entstehungshintergrund
Nachdem Gabriel sich ursprünglich intensiv mit Fragen der Erkenntnistheorie, z.B. unter Bezugnahme auf den Logiker und Sprachphilosophen Gottlob Frege (1848 – 1925), beschäftigt hat, offerierte er 2013 einen Bestseller (Warum es die Welt nicht gibt), in dem er ein breiteres – über Fachkreise der Philosophie hinausgehendes – Publikum im Fokus hatte. Der Neue Realismus wurde hier einem größeren Publikum bekannt gemacht. Der Neue Realismus richtet sich gegen den Konstruktivismus und die Postmoderne. Letztere gehen davon aus, dass wir als Menschen maßgeblich die Gegenstände als Erkenntnisobjekte hervorbringen bzw. erzeugen. Dem setzt Gabriel entgegen, dass sich die Erkenntnis nach Gegenständen richtet, nicht umgekehrt.
Diese Auffassung galt erst einmal für die Gegenstände der Erkenntnis, z.B. auch für Tische oder Flugzeuge. Aber wie steht es mit Werten oder Normen, also mit Aspekten der Wirklichkeit, die uns zum Handeln auffordern? Die Forderung, anderen in einer bestimmten Situation zu helfen, ist z.B. kein Fakt, sondern eine Aufforderung an uns, etwas zu tun. Die spannende Frage ist nun, um was es sich bei solchen Forderungen handelt. Sind es Wunschvorstellungen anderer, die an uns gerichtet sind? Oder steckt hier mehr dahinter? Wohnt solchen Aufforderungen nicht eine bestimmte Art von Objektivität inne und ist die ausgesprochene Verpflichtung nicht mehr als ein beliebiger Wunsch (z.B. Kirschen statt Pflaumen zu essen)? Gabriels Antwort hierauf ist, dass es moralische Tatsachen gibt, die genauso real sind wie z.B. die Hecke vor meinem Arbeitszimmer (immer vorausgesetzt sie existiert wirklich und ist nicht nur Produkt meiner Phantasie).
Ganz im Sinne der eingangs genannten Forderung Schopenhauers, dass Moral begründet werden muss, entwickelt Gabriel in Moralische Tatsachen eine Begründung der Moral, die gleichzeitig auch Fragen der Anwendbarkeit und des gesellschaftlichen Kontextes thematisiert.
Aufbau
Nach einer Einleitung folgen 4 umfangreiche Kapitel, die jeweils in Paragraphen unterteilt sind. Das Buch wird durch einen Anhang abgerundet.
Kapitel I (§ 1 – 6) befasst sich mit dem Thema der moralischen Tatsachen. Analog zum Tatsachenbegriff in der theoretischen Philosophie geht der Autor davon aus, dass z.B. „Niemand darf gefoltert werden!“ eine moralische Tatsache ist und „…nicht diskursiv produziert…“ (59) wird.
Kapitel II (§ 7 – 12) fragt danach, wie moralische Tatsachen erkannt werden können. Hier spielt u.a. das Gewissen eine wichtige Rolle (143).
Kapitel III (§ 13 – 16) handelt vom moralischen Fortschritt. Wenn es moralische Tatsachen gibt, können diese Schritt für Schritt besser erkannt werden. Diese Position grenzt sich ab z.B. von einem Relativismus, der alle in der Realität vorkommenden Moralvorstellungen als gleichwertig ansieht.
Kapitel IV (§ 17 – 23) behandelt zahlreiche Krisen – Gabriel spricht hier von Verdunkelung – und das Gegenmittel einer Neuen Aufklärung. Diese ist dadurch charakterisiert, dass die erkannten moralischen Tatsachen in das gelebte Wissen (25) eingebettet werden sollen.
Inhalt
Am Anfang des Buches behandelt Markus Gabriel den Begriff der Tatsache (§ 1). Dabei geht es erst einmal noch nicht um Ethik, also um das, was wir tun sollen. Den Startpunkt bildet vielmehr die Frage, was existiert. Um das Moralische abzugrenzen, muss erst einmal etwas über Fakten im Allgemeinen gesagt werden. Tatsachen sind für Gabriel etwas, was jemand mit einer wahren Antwort auf eine sinnvoll gestellte Frage ausdrückt; „Der Tisch ist braun“, wäre eine Tatsache, „Bring mir Wasser!“ ist dagegen eine Aufforderung und keine Tatsache, weil es keine wahre Antwort auf eine sinnvolle Frage ausdrückt. Oder anders: Nach „Der Tisch ist braun“ kann ich fragen, welche Farbe der Tisch hat. Nach „Bring mir Wasser!“ kann ich nicht sinnvoll fragen. Entscheidend ist für Gabriel, dass Tatsachen etwas sind, was unabhängig von unserem Fürwahrhalten (etwas für wahr halten) existiert. Ich kann also z.B. davon ausgehen, dass in der Hecke vor meinem Fenster ein großes Loch ist, aber in Wahrheit ist da gar kein großes Loch (die Hecke ist sehr dicht gewachsen). In diesem Fall war meine Annahme ein Irrtum.
Bisher wurden Tatsachen im Allgemeinen diskutiert. Im § 2 geht es um moralische Tatsachen, also z.B. „Man soll niemanden mit einem Messer in den Hals stechen“ (60). Hier haben wir es mit Ethik zu tun, nicht mit Physik (Ethik ist nicht Physik, 33). Die genannte moralische Tatsache ist offensichtlich. Sie bedarf keiner weiteren Begründung (61). Moralische Tatsachen sind wahre Antworten auf eine sinnvoll stellbare ethische Frage (z.B.: Darf ich jemanden mit einem Messer in den Hals stechen?). Die Auffassung, dass es moralische Tatsachen gibt, wurde und wird immer wieder bestritten. Man geht davon aus, etwas wäre „…moralisch verwerflich dadurch, dass jemand diese Verletzung (Messerstich, A.S.) moralisch bewertet“ (80). Moral wäre dann rein subjektiv. Es mag korrekt sein – hält Gabriel dem entgegen –, dass Moral mit menschlichen Handlungen verknüpft ist, dies finden wir jedoch auch z.B. bei einem Tisch. Hier können wir jedoch feststellen, dass der Tisch ebenso real ist wie das Holz, aus dem er geschnitzt ist. Also: Auch das Artefakt ist real. Und dies gilt für Gabriel eben auch für moralische Tatsachen, die wir entdecken, aber nicht hervorbringen. Moralische Tatsachen sind wahr in einem bestimmten Sinnfeld (47). Sie existieren z.B. nicht im Sinnfeld der Naturwissenschaft, aber im Sinnfeld der Ethik als einer wissenschaftlichen Disziplin, die sich auf den Bereich der moralischen Tatsachen bezieht.
In § 3 geht Gabriel auf die Frage der Begründung moralischer Tatschen ein. Da sie keiner weiteren Begründung bedürfen, da sie offensichtlich sind und in werthaltigen Situationen (79) erkennbar sind, müssen sie auch nicht aus den bekannten Ethiktheorien abgeleitet werden. Hier zeigt der Autor z.B. die Grenzen des Utilitarismus oder der Ethik Kants (kategorischer Imperativ) auf. Sie alle scheitern an der Begründung und können im Rahmen von konkreten Situationen keine Orientierung liefern.
Im § 4 wird die Frage nach moralischen Dilemmata (90) gestellt. Oft steht man vor dem Problem, welchem Wert man folgen soll, da zwei zur Wahl stehende Werte realisiert werden müssen, dies jedoch nicht möglich ist. Im Krieg z.B. muss das Land verteidigt werden, was es ggf. erforderlich macht, anderen zu schaden, was auf der anderen Seite aber das Gebot verletzt, niemandem zu schaden. Gabriel geht davon aus, dass es keine ethischen Dilemmata gibt. Der Eindruck, es gäbe sie, „…stellt der Ethik deswegen kein verheerendes Zeugnis aus, weil sie die Dilemmata auf rational transparente Weise an eine andere Theorieposition verschieben kann“ (96). Ein Krieg unterminiert also das Ethische. Nach Gabriel sollen z.B. durch Politik (99) andere Programme eingesetzt werden, „…deren Ziel die möglichst schnelle Instandsetzung des ethischen Systems ist, das einen höheren Wert als die Kunst der Kriegsführung hat“ (99).
Im § 5 wird die Situation behandelt, in der jeweils moralische Handlungen stattfinden. Hier wird deutlich, dass der Universalismus vom Generalismus zu unterscheiden ist (106). Letzterer nimmt an, dass es ein allgemeines ethisches Prinzip gibt (z.B. den kategorischen Imperativ). Der Universalismus dagegen besagt, dass es keine Rolle spielt, wer von einer moralischen Tatsache betroffen ist. Wenn z.B. ein kleines Kind in einem Planschbecken zu ertrinken droht und ich danebenstehe und in der Lage bin es zu retten, dann habe ich auch die Pflicht dies zu tun. Dabei spielt z.B. die Hautfarbe oder der soziale Status des Kindes keine Rolle. Auch der Aspekt, dass ich z.B. ein Jahreseinkommen von 20 Mio. Euro habe, entbindet mich nicht von der Pflicht zu helfen: „Der Universalismus bestreitet, dass es irgendwelche moralischen Tatsachen gibt, die für Individuen als Individuen gelten“ (107).
§ 6 handelt von komplexen moralischen Tatsachen. Gerade in der Gegenwart sind wir mit Situationen konfrontiert, die Pflichten beinhalten, die wir in der bisherigen Geschichte der Menschheit noch nicht kannten. Der Klimawandel könnte mit zur Selbstausrottung (121) der Menschheit führen. Aber: Haben wir moralische Verpflichtungen gegenüber Menschen, die es bisher nicht gibt (123)? Unsere Erkenntnis der Wirklichkeit in Situationen führt zu neuen Erfahrungen, die auch eine Differenzierung und Weiterentwicklung in Bezug auf unsere Moral hervorbringen. Hier ist allerdings immer zu berücksichtigen, dass die resultierenden Rechte und Pflichten (Menschenpflichten) keine subjektiven Konstrukte sind. Sie sind reale – im Sinnfeld der Moral auftauchende – Tatsachen, die unser Handeln leiten sollen. Dabei ist Fortschritt möglich, aber er hat kein Ende. Diese letztere Vorstellung widerspräche auch unserer anthropologischen Ausstattung, dass wir freie Wesen sind, die Verantwortung tragen. Ein Endzustand (Ende der Geschichte) würde – so Gabriel – die Freiheit abschaffen und uns zu „…Moralmaschinen… (121)“ degradieren.
In § 7 behandelt Gabriel das Gewissen. Dabei sind weitere allgemeine Überlegungen zu moralischen Tatsachen vorgeschaltet: Man könnte denken, dass moralische Tatsachen aus einer neutralen Beobachterposition erfasst werden und dann auf wertneutrale Situationen angewandt werden. Dem hält Gabriel pointiert entgegen: „Moralische Tatsachen erkennt man nicht von der Seitenlinie, sondern nur in der Gemengelage“ (137). D.h., dass der Mensch in der Wirklichkeit immer verwoben ist und dass jeder menschlichen Wirklichkeit immer schon moralische Tatsachen zugrunde liegen. Dies darf jedoch nicht in dem Sinne gedeutet werden, dass moralische Tatsachen unsere Erfindung wären. Dies macht Gabriel am Gewissen deutlich. Durch das Gewissen haben wir einen Zugang zu den moralischen Tatsachen. Es ist – das muss betont werden (so Gabriel) – ontisch subjektiv (154). Es ist ja unser Gewissen. Falsch wäre aber es deshalb vollkommen ins Belieben der Subjekte zu stellen. Wenn z.B. jemand absichtlich die Unwahrheit sagt, um einem anderen zu schaden (60), dann ist diese moralische Tatsache nicht subjektiv, sondern objektiv. Um wirksam zu werden müssen wir diese Tatsache aber erkennen. Hierfür ist das Gewissen entscheidend. Durch moralische Tatsachen sind wir nicht determiniert (145)! Selbstbestimmung und Freiheit bestimmen unser Sein als Menschen. Wir sind erst einmal unbestimmt und müssen dann in konkreten Situationen entscheiden. Die moralischen Tatsachen offenbaren sich jedoch erst in den konkreten Situationen in die wir uns als Handelnde begeben müssen. Die Ethik als praktische Wissenschaft kann somit nicht abstrakt vom Schreibtisch her entwickelt werden, sondern die Stimme des Gewissens meldet sich in der Situation und stellt dann einen unbedingten Anspruch, dem zu folgen wir uns aber auch verweigern können (146).
Es folgt ein Kapitel (§ 8) zum Wir der moralischen Wirklichkeit, das heißt, es geht um uns als Menschen. Moralische Tatsachen adressieren den Menschen. Zwischen Ethik und Physik besteht hier ein fundamentaler Unterschied, da die Tatsachen der Physik nicht den Menschen adressieren (sie sind einfach!), moralische Tatsachen aber sehr wohl: „Das Gute zeigt sich in der Handlungswirklichkeit, die an ihm gemessen wird. Dafür muss sie existieren, was Ergebnis historischen Seins ist“ (138).
§ 9 befasst sich mit der gelebten Erfahrung, die neben dem Gewissen der entscheidende Ort ist, an dem die moralischen Tatsachen offensichtlich werden: „Nur durch Lebenserfahrung ist es möglich, moralische Tatsachen zu erkennen, die bisher partiell verborgen waren“ (169). Dieser Gedanke könnte dazu verleiten, gelebte Erfahrung als etwas anzusehen, was sich ausschließlich im inneren eines Subjekts abspielt. Von außen könnte diese Erfahrung dann nicht bewertet werden. Wenn jemand sich diskriminiert fühlt, hätte dies absolute Geltung und könnte von außen nicht hinterfragt werden. Gabriel setzt dem entgegen, dass letzteres doch möglich ist. Zentral ist dabei die Möglichkeit der Universalisierung. Z.B. kommt es bei einer Diskriminierung nicht darauf an, wer wen diskriminiert (z.B. Männer diskriminieren Frauen). Dies würde zu einem Denken in Identitäten führen. Es geht aber nicht um Identitäten – so Gabriel –, sondern um schädliche Diskriminierungsmuster. Worauf der Autor hinaus will ist, dass Diskriminierung universal verwerflich ist (170).
Im § 10 wird der Aspekt der anthropologischen Diversität diskutiert. Gabriel konstatiert an dieser Stelle, dass die bisherigen Konzepte zur Diversität zu erweitern sind. Gängige Begriffe wie Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit usw. reichen nicht aus, um die radikale Verschiedenheit von Menschen zu erfassen (173). Oft degenerieren die gängigen Begriffe (Weiße Menschen gegen schwarze Menschen usw.) zu Kampfbegriffen (ebd.).
§ 11 befasst sich mit dem Universalisieren. Es geht hier darum, welche Pflichten ich unabhängig von meiner Person und der Situation habe. Z.B. ist ein Kind, dass im Planschbecken zu ertrinken droht, immer zu retten, wenn der Helfer sich dabei nicht selbst übermäßig gefährdet. Ist der Helfer allerdings ein Mensch mit stark einschränkender Behinderung, dann besteht die Pflicht nicht. Der Betreffende würde sich selbst über die Maßen gefährden. Pflichten gelten somit nicht situationsübergreifend – entgegen Kants Auffassung – und auch nicht für alle Subjekte (182).
In § 12 wird der Begriff der konkreten Ethik weiterentwickelt. Diese ist abzugrenzen von einer angewandten Ethik (193). Letztere ginge von einem allgemeinen Prinzip aus (z.B. kategorischer Imperativ) und würde von diesem her mittels der Logik die konkrete Pflicht ableiten. Die Ethik ist aber konkret! Sie bezieht sich auf andere Mensch, uns selbst aber auch auf unser natürliche Eingebettetsein: Wir sind auch in die Natur verwoben! Aus diesem Wissen resultieren Pflichten bzw. moralische Tatsachen. Die ökosoziale Dimension unserer Situation wird schrittweise besser erkannt. Aus dieser Erkenntnis ergeben sich Pflichten, die in früheren Zeiten – als wir das Wissen über Natur noch nicht im gleichen Umfang wie heute hatten – für uns Menschen noch nicht gegeben waren (197). Die Aufrechterhaltung der Biodiversität ist ein „…gültiger ökologischer Imperativ…“ (197).
In § 13 wird der Fortschritt allgemein besprochen. Dieser ist Voraussetzung für den moralischen Fortschritt. Wenn erst das Fressen und dann die Moral kommt (210), dann muss allererst das Überleben gesichert werden, damit dann moralischer Fortschritt greifen kann (210).
§ 14 führt näher aus, was unter moralischem Fortschritt zu verstehen ist. Aufwändig begründet hier Gabriel seine Position, die ethische Erkenntnis als zentral ansieht, aber gleichzeitig institutionelle Anerkennung für erforderlich hält (251). Entgegen den heute gängigen Auffassungen, dass Werte sozial konstruiert sind, begreift Gabriel – hier dem Philosophen Thomas Nagel (geb. 1937) folgend – Werte als Erkenntnisobjekte. Jede Position in Raum und Zeit ermöglicht je eigene Perspektiven auf die Werte. Minderheiten machen Erfahrungen, die sie zu Erkenntnissen moralischer Tatsachen befähigen, die anderen Gruppen nicht gleicherweise zugänglich sind. Dies hat für Gabriel nichts mit Identitätspolitik zu tun („Ethische Erkenntnis ist kein Privileg der Unterprivilegierten“ (247)). Moralischer Fortschritt ist dem entgegen eine „…Erweiterung lokal erkannter moralischer Tatsachen“ (246). Hier handelt es sich aber um keinen Platonismus, also die Auffassung, dass die Werte unabhängig vom Menschen existieren. Werte beziehen sich auf Menschen und sind – so Gabriel – trotzdem nicht subjektiv, sondern objektiv.
In § 15 wird der freie Wille thematisch entfaltet (251). Dieser ist letztlich grundlos (240) und ist mit der Determination vereinbar: „Die um die Freiheit erweiterte Natur entspricht der Wirklichkeit, in der wir leben“ (270). Dabei sind die moralischen Tatsachen zwar objektiv, zwingen uns aber nicht zur Umsetzung der geforderten Werte. Die sich aus der Freiheit, dem Selbst und der Person ergebenden Stufen der Zusammenfassung elementarerer Bestandteile der Welt verändern auch die Struktur des physikalischen Universums (267). Wir als Menschen sind der Welt nicht äußerlich, sondern Teil von ihr und verändern sie dadurch als Ganze. Der Geist ist damit eine Eigenwirklichkeit (265) und nicht eine bloße subjektive Konstruktion. Dies muss – so Gabriel – z.B. Vertretern der Dekonstruktion in Erinnerung gerufen werden (264).
§ 16 reflektiert den Fortschrittsbegriff. Fortschritt „verläuft nicht linear…“ (286). Z.B. machte uns die industrielle Revolution nicht moralischer, „…, sondern die soziopolitische Reaktion auf sie“ (287). In diesem Kapitel legt Gabriel auch dar, dass die Abdämpfung des Klimawandels als Ziel der Menschheit den Fortschritt nicht ersetzen kann (280). Stattdessen sind viele moralische Fortschritte nötig, z.B. Überwindung von Armut oder Bürgerkriegen (280). Realer „… sozioökologischer Fortschritt hat die Form von Windrädern und Wasserkraftwerken…“ (281), ist also kleinteilig. Insgesamt sind Moral und Politik bzw. Recht verkoppelt (285). Entgegen einer der häufigen Auffassungen, dass sie heterogene Sphären seien, sieht Gabriel die moralische Dimension als etwas an, was dem Recht eingeschmolzen ist: „Die moralische Dimension ist vielmehr in es eingeschmolzen, weil es eine moralische Tatsache ist, dass Menschen nachhaltig unter Bedingungen florieren, die sie vor der Willkür einzelner schützen…“ (285).
§ 17 stellt Zusammenhänge zwischen Kant und dem Begriff der Neuen Aufklärung her. Dabei will die Neue Aufklärung „… ethische Erkenntnis des Guten in den gesellschaftlichen Realitäten verankern …“ (294). Die Kritik an Kant bzw. seinem Dualismus (Vernunft vs. Neigung) soll eine Ethik begründen, die den Menschen als eingebettet in konkrete Lebensverhältnisse begreift (295). Dabei sind moralische Tatsachen immer Teil der Situation und im Gegensatz zum Ansatz Kants nicht abstrakte Forderungen wie der kategorische Imperativ.
In § 18 präzisiert Gabriel den Begriff der Neuen Aufklärung.
§ 19 stellt Kompromisse (334) als Möglichkeiten dar, Konflikte zwischen Gruppen zu überwinden und gleichzeitig Zugang zu moralischen Tatsachen zu schaffen. Hierbei steht auch im Hintergrund, dass moralische Erkenntnis nur gemeinsam erfolgen kann und nicht allein durch ethische Reflexion.
In § 20 wird der politische Liberalismus dargestellt. Dabei ist zentral, dass die meisten Freiheiten nur gemeinsam mit anderen ausgeübt werden können. Dies schließt die Existenz einer Privatsphäre ein, „… in die man sich eigenbrötlerisch zurückziehen kann“ (295).
§ 21 stellt Grundzüge eines ethischen Kapitalismus dar. Nach der Identifizierung von Interessen können diese durch Problemlösung bedient werden. Um die jeweiligen Probleme zu lösen sind Märkte geeignete Strategien. Dabei steckt die Ethik einen Rahmen, weil die Ethik bereits bei der Identifikation der qualifizierten Interessen entscheidend ist.
In § 22 wird der ökosoziale Liberalismus vorgestellt. Dieser reflektiert die Einbindung des Menschen in komplexe, auch natürliche, Zusammenhänge. Dabei geht es nicht wahllos um die Befreiung von Regularien, was Gabriel Staatszerstörung nennt, sondern um sinnvolle Regulatorik, die „… Anreize schafft, die Kräfte des Guten und damit Problemlösungskompetenz zu fördern“ (296).
Das Buch schießt (§ 23) mit einem Kapitel über progressive Politik und rationalem Widerstand (381). Der Mensch soll hier sowohl in gesellschaftlichen, planetarischen und kosmischen Zusammenhängen verortet werden. Dabei ist, das „… Gute zu befördern und das Böse einzuhegen, … nicht nur Sache der Ethik als Wissenschaft …“ (385). Hinzu kommt die Integration der Ethik in die Praxis (auch der Politik) und letzteres ist konkret.
Diskussion
Das Buch spannt einen weiten Bogen von der theoretischen zur praktischen Philosophie bis zur Politik. Erfreulich ist – und dies zeichnet Gabriel absolut aus gegenüber anderen meinungsstarken Autoren in der Öffentlichkeit, die über alles und jedes sprechen und dies Philosophie nennen –, dass es einen systematischen Zusammenhang in den Gedanken des Autors gibt. Angefangen beim Begriff der Tatsachen, wobei er sich mit Frege und dessen Logik auseinandersetzt, bis zu Stellungnahmen zu Kant oder aktuellen politischen Theorien, ist erkennbar, dass das Gedankengebäude und auch die praktischen Schlussfolgerungen aus einem Guss sind. Dies ist auch insofern nicht verwunderlich, da Gabriel sich stark auf den objektiven Idealismus bezieht und sich von Richtungen wie der Postmoderne und dem Konstruktivismus deutlich distanziert.
Die moralischen Tatsachen sind für Gabriel offensichtlich und er versucht vielfach uns dies als Leser plausibel zu machen. Gleichzeitig ist die Welt nicht das, was die Naturwissenschaften feststellen. Hier knüpft Gabriel an frühere Bücher von ihm an, in denen er die Grenzen einer auf das Physikalische reduzierten Weltsicht deutlich macht. Die Schönheit einer Blume ist auch eine Realität und nicht nur die Wellenlängen, die physikalisch in Bezug auf die Blume gemessen werden können. Die Pointe ist hier natürlich, dass die Schönheit nicht subjektiv ist, sondern objektiv. Im Sinnfeld der Ästhetik ist Schönheit objektiv, genauso wie im Sinnfeld der Ethik das Gute objektiv ist. Genau hier liegt der Grund, warum man so fundamental ansetzen muss, wie Gabriel das tut. Wen man die üblichen Sichtweisen, die den Naturwissenschaften folgen, erweitern will, dann man muss sehr grundsätzlich fragen, was Sein ist. Dies leistet Gabriel, indem er den Tatsachenbegriff untersucht. Ist gezeigt, dass es das Gute im Sinnfeld der Ethik gibt und dass es real existiert, dann ist ein Hebel gegeben um moralische Tatsachen als objektiv einzuführen.
Für die Sozialen Berufe erscheint der Gedanke, dass Werte objektiv sind absolut kompatibel mit den gängigen berufsethischen Prinzipien. Dort werden bestimmte Werte wie Menschenwürde als objektiv geltend vertreten. Allerdings unterbleiben dort Begründungen, die den Anspruch erheben würden, die Existenz von Werten auch argumentativ auszuweisen. Besonders ertragreich ist Gabriels Modell einer schrittweisen Konkretisierung einer moralischen Tatsache. Manche moralischen Tatsachen können wir erst in bestimmten Situationen erkennen. So z.B. ist Intersektionalität ein Phänomen, das empirischer Natur ist und sich aus Forschungsergebnissen nachweisen lässt. Intersektionalität war ursprünglich möglicherweise kein moralisches Problem. Erst die empirisch erfassten Diskriminierungsfolgen machen deutlich, dass es ein moralisches Problem ist. Kurzum: Aufgrund neuer empirischer Erkenntnisse werden neue moralische Tatsachen bewusst. Das heißt nicht, dass wir sie erfunden hätten. Sie waren lediglich nicht sichtbar, da es uns an entsprechendem Wissen über die Fakten fehlte.
Für Soziale Berufe wichtig ist auch die Unterscheidung zwischen Moral und Moralisieren. Immer noch gehen viele Angehörige Sozialer Berufe davon aus, dass Moral die fachliche Arbeit nicht tangieren sollte, da man primär nichtwertend verstehen möchte. Aber die Kritik am Machtmissbrauch von Professionellen kritisiert man durchaus und bezieht sich hier auf moralische Maßstäbe. Aber wo haben diese ihr Fundament? Gabriels Buch gibt hier Antwortvorschläge, die bis in Diskussionen zur Willensfreiheit oder Quantenmechanik reichen. Gerade als professionell Tätiger mit Haltung, ist der Anspruch eigene Positionen gut begründen zu können, unumgänglich. Gabriels Buch bringt eine Vielzahl gut vernetzter Argumente, die die Entwicklung eigener Positionen gerade in ethischen Fragen fördern können, indem man sich selbst mit Gabriels Positionen auseinandersetzt.
Kritisch ist anzumerken, dass Gabriel sich an manchen Stellen verliert bzw. der rote Faden aus den Augen gerät. Manche Punkte werden auch zu häufig wiederholt, z.B. seine Ablehnung des Konstruktivismus und der Postmoderne sowie seine Situierung der moralischen Tatsachen.
Schade ist auch, dass Gabriel seine Position wenig bis gar nicht in der Geschichte der Philosophie verortet. Gerade die Namen Viktor Frankl (1905 – 1997) und Max Scheler (1874 – 1928) erscheinen als wichtige Bezugsgrößen für eine Ethik, die von objektiv existierenden Werten ausgeht. Auch Frankls Sinnbegriff sollte nicht außen vor bleiben. Gerade letzterer ist über die in der Praxis sehr relevante Methode der Logotherapie vielen psychotherapeutisch und sozialpädagogisch Tätigen Menschen bekannt. Eine oft als obsolet abgetane Ethik objektiver Werte könnte durch Gabriels an der analytischen Philosophie orientierte Herangehensweise eine moderne Unterstützung finden. Hierzu wäre ein weiterer Diskurs wünschenswert.
Fazit
Ein lesenswertes Buch, dass eine breite Palette philosophischer Themen abdeckt, die gleichzeitig systematisch im Sinne des Zieles von Gabriels Argumentation verknüpft sind. In einer Gesellschaft, die durch eine Wertekrise gekennzeichnet ist, erscheint das Buch als gute Grundlage die Ethik neu zu begründen. Obwohl es dem Autor um die Entwicklung einer konkreten Ethik geht, verzichtet er nicht darauf, seine Gedanken für ein breites – auch im Sozialbereich tätiges – Publikum aufzubereiten und verständlich zu machen.
Rezension von
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Professor i.R. für Philosophie und Grundlagen der Sozialen Arbeit an der Dualen Hochschule Sachsen
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