Marilynn E. Doenges, Mary Frances Moorhouse et al.: Pflegediagnosen und Pflegemaßnahmen
Rezensiert von Dr. phil. Hubert Kolling, 16.12.2025
Marilynn E. Doenges, Mary Frances Moorhouse, Alice C. Murr: Pflegediagnosen und Pflegemaßnahmen. Hogrefe AG (Bern) 2024. 7., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. 1848 Seiten. ISBN 978-3-456-86247-7. D: 89,95 EUR, A: 92,50 EUR, CH: 120,00 sFr.
Thema
Pflegediagnosen, also die klinische Beschreibung der Reaktionen von Menschen auf aktuelle oder potenzielle Gesundheitsprobleme und Lebensprozesse, sind entscheidend in der Krankenpflege. Sie sind ein zentraler Bestandteil des Pflegeprozesses, indem sie die Basis für eine individuelle, zielgerichtete Pflegeplanung und -durchführung bilden, die Kommunikation zwischen Fachkräften fördern und die Pflegequalität durch gezielte Interventionen steigern. Im Kontext einer evidenzbasierten Pflegepraxis wurden die ursprünglich aus der Pflegepraxis stammenden Pflegediagnosen auf wissenschaftlicher Basis weiterentwickelt und in Klassifikationssysteme geordnet. Das Handbuch „Pflegediagnosen und Pflegemaßnahmen“ bietet einen Überblick zu allen Pflegediagnosen, die von der NANDA-International, der North American Nursing Diagnosis Association (NANDA), bis 2023 anerkannt wurden, einschließlich 38 neuer Pflegediagnosen und 172 diagnostischen Kernkonzepten.
Herausgeber-, Autor- und Übersetzerinnen
Die Herausgabe der englischsprachigen Originalausgabe des vorliegenden Buches („Nursing Diagnosis Manuals“) lag in Händen der drei amerikanischen, international bekannten Pflegewissenschaftlerinnen Marilynn E. Doenges (1922-2024), Mary Frances Moorhouse und Alice C. Murr (1946-2022), wobei das umfangreiche, im Laufe der Zeit stets erweiterte Werk unter Mitarbeit der Pflegewissenschaftler:innen Christina Baughn, Linda R. Renberg, Margret Moore-Nadler und Christian Braunschweiger erarbeitet wurde.
Die Übersetzung der deutschsprachigen Ausgabe lag in Händen der drei Fachübersetzer:innen Elisabeth Brock, Sabine Umlauf-Beck und Michael Herrmann.
Die Herausgabe der deutschsprachigen Ausgabe besorgten Jürgen Georg, Pflegefachmann, – lehrer und -wissenschaftler (MScN) sowie Programmleiter der Fachbereiche Pflege und Greencare beim Hogrefe Verlag in Bern, und Claudia Leoni-Scheiber, Diplom-Gesundheits- und Krankenpflegerin (DGKP), Pflegewissenschaftlerin und -pädagogin, die unter anderem an der Fachhochschule Gesundheit in Tirol (fhg), Standort Reutte, den primärqualifizierenden Bachelorstudiengang für Gesundheits- und Krankenpflege koordiniert und für die wissenschaftliche Leitung des Masterlehrgangs Gesundheits- und Pflegemanagement in Schloss Hofen (Voralberg) zuständig ist.
Entstehungshintergrund
Die intensive Auseinandersetzung mit Pflegediagnosen führte in den frühen 1980er-Jahren zur Gründung der „North American Nursing Diagnosis Association“ (NANDA), die eine erste Version von standardisierten Pflegediagnosen vorlegte. Die Basis für die Ordnungssysteme waren dabei Expertisen und Praxiserfahrungen von Pflegefachpersonen aus Kliniken. Erst nach und nach erfolgte die Ordnung der Pflegediagnosen der NANDA entsprechend einem theoretischen Modell und die Entwicklung von Kriterien zur wissenschaftlichen Fundierung (Kriterien für die Evidenzebene, auch Level of Evidence). Etwa um das Jahr 2000 kam es zu einer internationalen Ausrichtung der Organisation, die im Jahr 2002 auch zu ihrer Umbenennung in NANDA-International (NANDA-I) führte. Gleichzeitig wurden im deutschsprachigen Raum Klassifikationssysteme wie ENP (European Nursing care Pathways) in Deutschland und POP (PraxisOrientierte Pflegediagnostik) in Österreich entwickelt.
Die deutschsprachige Ausgabe „Pflegediagnosen und Pflegemaßnahmen“, die erstmals von Harald Stefan und Franz Allmer (unter Mitarbeit von E. Achtsnit-Ruggenthaler, J. Eberl, C. Gärtner-Horvath, U. Geissler, R. Hansmann, E. Jedelsky, R. Keihsler, A. Matzka-Dojder, A. Michalek, R. Pandzic, G. Pichler, W. Riel und D. Tomacek) unter dem Titel „Praxis der Pflegediagnosen“ (Wien 1999) – damals erst mit einem Umfang von 557 Seiten – herausgegeben wurde, liegt nunmehr, nach der 6., vollständig überarbeiteten und erweiterten Auflage (Bern 2018) mit einem Umfang von 1484 Seiten, in der 7., vollständig überarbeiteten und erweiterten Auflage mit 1850 Seiten vor.
Aufbau
Nach mehreren Geleitworten und einem Vorwort mit Hinweisen zur Benutzung des Handbuchs (S. 7–28) gliedert sich die Veröffentlichung in die folgenden sieben Hauptkapitel, die ihrerseits durch zahlreiche Unterkapitel unterteilt sind:
- Der Pflegprozess: Die Grundlage einer guten Pflegequalität (S. 31–40)
- Die Sprache der Pflege: NANDA-I, NIC, NOC und andere standardisierte Pflegesprachen (S. 41–48)
- Der Assessmentprozess: den Patientendatensatz entwickeln (S. 49–58)
- Den Pflegeplan entwickeln und dokumentieren (S. 59–84)
- Pflegediagnosen – Gegenstand und Hintergründe (S. 87–120)
- Pflegediagnosen und Maßnahmen von A-Z (S. 123–1558)
- Hilfen zum Auffinden einzelner Pflegediagnosen (S. 1561–1793)
Ergänzt wird die Darstellung durch einen „Anhang“ (S. 1795–1850).
Inhalt
In ihrem Geleitwort weisen Jürgen Georg und Claudia Leoni-Scheiber darauf hin, dass auf dem Weg von der sechsten Auflage (2018) zur siebten Auflage (2024) „allerlei Steine aus dem Weg zu räumen und zu verbauen“ waren, die sich auf dem Weg dorthin fanden. So habe es etwa gegolten, den Wandel von einer idiomatischen, am Sprachgebrauch von Pflegenden orientierten Übersetzung hin zu einer konzeptorientierten, stärker an klassifikatorischen Regeln orientierten Übersetzung umzusetzen und den Vorgaben der NANDA-International zu folgen.
Zur Bedeutung und Intention der Veröffentlichung schreibt die NANDA-International (USA) in ihrem aktuellen Vorwort: „Das vorliegende Handbuch wurde vor allem für Pflegepersonen in Praxis, Ausbildung und im Studium geschrieben. Es soll ihnen helfen, Interventionen zu erkennen, die bei spezifischen Pflegediagnosen erforderlich sind, wie sie von der NANDA International (NANDA-I) entwickelt und verbreitet werden. Diese Interventionen sind die Aktivitäten, die nötig sind, um die am individuellen Klient*innen geleistete Pflege umzusetzen und zu dokumentieren und können in verschiedenen Settings von der Akutpflege über die Langzeitpflege bis hin zur Gemeindepflege bzw. häuslichen Pflege angewandt werden“ (S. 24).
Das 1. Kapitel, „Der Pflegprozess: Die Grundlage einer guten Pflegequalität“ (S. 31–40), bietet einleitend kurze Darstellungen und Erörterungen zum Pflegeprozess. Skizziert werden dabei nicht nur Stationen der professionellen Entwicklungen, sondern auch den Fokus der Pflege definiert, den Pflegeprozess als zentrales Element der Qualitätssicherung in der Pflege dargestellt und dessen Elemente und Vorteile benannt.
Im 2. Kapitel, „Die Sprache der Pflege: NANDA-I, NIC, NOC und andere standardisierte Pflegesprachen“ (S. 41–48), werden standardisierte Pflegefachsprachen vorgestellt und diskutiert, wobei der Fokus auf den NANDS-I-Pflegediagnosen, NIC (Pflegeinterventionen) und NOC (Pflegeergebnisse) liegt.
Während im 3. Kapitel, „Der Assessmentprozess: den Patientendatensatz entwickeln“ (S. 49–58), das Pflegeassessment als Basis beschrieben wird, um Daten und Merkmalcluster für Pflegediagnosen sammeln und deuten zu können, wobei konkret die „Thematische Gliederung“ mit einem Assessment für die pflegerische Akutversorgung vorgestellt wird, werden im 4. Kapitel, „Den Pflegeplan entwickeln und dokumentieren“ (S. 59–84), traditionelle und neue kreative Wege vorgestellt, um einen Pflegeplan zu entwickeln und zu dokumentieren. Konkret wird dabei ein Assessment mit der thematischen Gliederung anhand eines Fallbeispiels und eines Musterpflegeplans ausführlich vorgestellt sowie konkrete Concept Maps für Menschen mit einer Herzinsuffizienz und einer Pneumonie aufgezeigt.
Im 5. Kapitel, „Pflegediagnosen – Gegenstand und Hintergründe“ (S. 87–120), für das Jürgen Georg und Chris Abderhalden verantwortlich zeichnen, erfolgen vertiefende Darstellungen zum Gegenstand, zu Hintergründen und Anwendungen von Pflegeprozess, -diagnosen und -diagnostik. Sie bieten eine Übersicht zur Stellung der Pflegediagnosen im Pflegeprozess, definieren und differenzieren Formen der Pflegeassessments vom Screening- und Basisassessment bis hin zum Fokusassessment. Zugleich wird instruktiv beschrieben, wann, warum und wie Pflegediagnosen identifiziert und formuliert werden, wie Pflegende schrittweise zur Pflegediagnose kommen, wie sie deren PES-Struktur mit Pflegezielen und -interventionen verknüpfen können, Ressourcen von Klient:innen formulieren und integrieren können und wie man Pflegediagnosen priorisiert und vereinfacht nutzen kann.
Im umfangreichsten 6. Kapitel, „Pflegediagnosen und Maßnahmen von A-Z“ (S. 123–1558), werden die Pflegediagnosen in alphabetischer Reihenfolge ausführlich vorgestellt, wobei zu jeder einzelnen folgende Informationen angeführt werden: Definition, bestimmende Merkmale, Kennzeichen (Symptome) und mögliche ursächliche/​beeinflussende Faktoren beziehungsweise Risikofaktoren sowie Risikopopulationen und assoziierte Bedingungen.
Das 7. Kapitel, „Hilfen zum Auffinden einzelner Pflegediagnosen (S. 1561–1793), das von Jürgen Georg verfasst wurde, bietet schließlich Hilfen zum leichteren Auffinden einzelner Pflegediagnosen. Dabei werden die Pflegediagnosen mit im deutschsprachigen Raum bekannten Klassifikationen und den gebräuchlichsten Pflegemodellen (wie etwa ABEDL, ATL, RAI_HC und BESA) und dem in Deutschland Verwendung findenden Pflegebedürftigkeitsbegriff verknüpft, wodurch die Anwendung mit einem Assessment mit diesen Modellen erleichtert. Darüber hinaus werden rund 732 Erkrankungen, Behandlungssituationen und Lebensereignisse aus allen Fachbereichen mit den entsprechenden Pflegediagnosen verknüpft.
Der ausführliche „Anhang“ (S. 1795–1850) enthält unter anderem ein Glossar mit zentralen Begriffen rund um Pflegeprozess, -diagnosen und -klassifikationen sowie einen Nachruf für die Mitautorin Alice C. Murr, die im Laufe der Vorbereitungen zur aktuellen Auflage des „Nursing Diagnosis Manuals“ verstarb. Ferner findet sich hier ein Vergleich der deutschen Übersetzungen NANDA-I (2015-2017) und (2021-2023), eine Übersicht der Pflegediagnosen in alphabetischer Reihenfolge, ein Sachwortverzeichnis sowie eine Orientierungshilfe zu häufig gestellten Fragen. Eine beigelegte „Faltkarte“ fasst zudem kurz und anschaulich zentrale Checklisten, Grafiken, Modelle, Pflegediagnosen und Tabellen zusammen.
Diskussion
Das von Doenges, Moorhouse und Geissler-Murr herausgegebene Praxishandbuch „Pflegediagnosen und Pflegemaßnahmen“, das sich gleichermaßen an Pflegefachpersonen, Pflegeauszubildende, Pflegestudierende, Pflegedozierende, Pflegedienstleitungen, Pflegebegutachtende und Pflegewissenschaftler:innen wendet, hilft professionell Pflegenden, Merkmale und Ursachen von Pflegediagnosen zu erkennen, Daten des Pflegeassessments zu ordnen und Pflegediagnosen mit einheitlichen Begriffen zu benennen. Es bietet begründete Pflegeziele, Pflegemaßnahmen und -interventionen und gibt Hinweise zur Patientenedukation und Entlassungsplanung.
Die nun vorliegende siebte, vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage des Werkes, dessen Neuübersetzung auf Basis des umfassenden US-Originals beruht, bietet alle 267 Pflegediagnosen, die von der NANDA-I-Klassifikation bis 2023 anerkannt worden sind, einschließlich 38 neuer Pflegediagnosen und 172 diagnostischen Kernkonzepten, die inhaltliche Schwerpunktthemen der Pflegediagnosen zusammenfassen. Die neuen oder überarbeiteten Pflegediagnosen beschreiben unter anderem beeinträchtigte kognitive Prozesse des Denkens und der Informationsverarbeitung. So wird beispielsweise der vertraute Begriff des Dekubitus neu als „Druckschädigung“ übersetzt und die Lebensspanne differenziert für Säuglinge, Kinder und Erwachsene beschrieben. Die Fähigkeit gesundheitsfördernde oder -erhaltende Maßnahmen in den Alltag zu integrieren, wird sowohl für Individuen als auch für Familien unterschieden. Neu wird sie als „Gesundheits-Selbstmanagement“ bezeichnet und löst den früheren Begriff des „Therapiemanagements“ ab. Konkretisiert wird dies anhand der Pflegediagnosen eines ineffektiven Selbstmanagements eines Lymphödems oder einer Augentrockenheit.
Wie schon in den Vorauflagen enthält auch die aktuelle Auflage des praktischen Handbuchs klinisch nützliche Pflegediagnosen, die sich nicht in der offiziellen NANDA-I-Klassifikation finden. Dabei handelt es sich um menschliche Reaktionen auf vorhandene oder potenzielle Gesundheitsprobleme oder Lebensprozesse, die pflegerisch erkennbar, benennbar und behandelbar sind. Diese werden von den deutschen Herausgebenden zur Anwendung und wissenschaftlichen Validierung empfohlen. Dazu gehören etwa die Pflegediagnosen Intertrigo (Wundsein der Haut), Risiko einer Intertrigo, Risiko einer Mangelernährung, Pruritus (Juckreiz), Schlaf-Wach-Rhythmus-Umkehr und Instrumentelles Selbstversorgungsdefizit (IADL). Darüber hinaus wurden in der vorliegenden Auflage die bestehenden Pflegediagnosentitel, Definitionen, Einflussfaktoren und Symptome aktualisiert, überarbeitet und um Risikopopulationen und assoziierte Bedingungen ergänzt.
Für die Neuauflage wurden auch die weiterführenden Literaturangaben zu neuen und alten Pflegediagnosen aktualisiert und deutlich erweitert. Ebenso sind die Ausführungen der einführenden Kapitel 1 bis 5, die klären, was Pflegediagnosen sind, warum sie wichtig sind, wie man sie erkennt, einführt und dokumentiert, jetzt wesentlich ausführlicher. In diesem Zusammenhang wurden etwa die Pflegeziele und begründete Pflegemaßnahmen erweitert und mit zusätzlichen Anmerkungen versehen. Schließlich wurden auch die Pflegeergebnisse der Pflegeergebnisklassifikation (NOC) und die Pflegeinterventionen der Pflegeinterventionsklassifikation (NIC) aktualisiert und erweitert.
Die alternative Form der visualisierten Fallanalyse und -dokumentation mit Concept Mapping und Concept Maps wird ausführlicher beschrieben und anschaulicher illustriert. Der Advanced Care Planning Prozess oder der Advanced Nursing Process zeigen, wie Pflegeklassifikationen für Pflegediagnosen (NANDA-I), Pflegeinterventionen (NIC) und Pflegeergebnisse (NOC) verknüpft und in den Pflegeprozess integriert werden können. Das OPT-Entscheidungsfindungsmodell erklärt, wie man Pflegeprozess, Concept-Mapping, Theorieanwendung und kritisch-reflexives Denken miteinander verbinden kann und inspiriert dazu, den Pflegeprozess neu zu denken und weiterzuentwickeln. Schließlich wurde das Glossar überarbeitet und um neue Begriffe erweitert.
Insgesamt betrachtet ist es den Herausgebenden auch mit der siebten Auflage wieder hervorragend gelungen, allen Pflegefachpersonen, die den Pflegebedarf von Individuen und Familien systematisch einschätzen, erkennen, benennen und gezielt befriedigen möchten, eine international anerkannte, einheitliche, leicht erlernbare und anwendbare Fachsprache anzubieten.
Während sich das Buch in solider Aufmachung mit Festeinband und Fadenheftung präsentiert, hätte man sich die beigelegte zwölfseitige „Faltkarte“ mit ihren anschaulichen Grafiken, Tabellen und Checklisten in einem größeren Format (mindestens im Buchformat) gewünscht.
Fazit
Bei dem Buch „Pflegediagnosen und Pflegemaßnahmen“ handelt es sich um ein Standardwerk zum Pflegeprozess, dessen deutschsprachige Ausgabe nun in der 7., vollständig überarbeiteten Auflage vorliegt.
Rezension von
Dr. phil. Hubert Kolling
Krankenpfleger, Diplom-Pädagoge und Diplom-Politologe
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