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Constanze Giese, Christian Koch u.a.: Pflege und Sterbehilfe

Cover Constanze Giese, Christian Koch, Dietmar Siewert: Pflege und Sterbehilfe. Zur Problematik eines (un-)wünschten Diskurses. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2005. 180 Seiten. ISBN 978-3-938304-17-4. 20,90 EUR.
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Einführung

Wer die Diskussion um die Sterbehilfe in Deutschland verfolgt, gewinnt den Eindruck, dass es sich zunehmend um einen akademisch geführten Streit zwischen Fachleuten handelt, die zur Realität des Sterbens wenig praktischen Bezug haben, während die Gruppe der aktiv Pflegenden, die in der Regel den engsten Kontakt zu Sterbenden haben, weitgehend ausgeklammert bleibt. Das vorliegende Buch setzt an diesem Punkt an und sucht das schwierige Verhältnis der Pflegenden zum Diskurs über die lebensentscheidenden Fragen am Lebensende näher zu beleuchten. Dazu greifen die Autoren auf historische, berufsethische und berufspolitische Dokumente zurück und analysieren die Argumentationsstränge. Zum Vergleich werden Erfahrungen aus den Niederlanden herangezogen. Die Autoren haben dabei den Vorteil, dass sie über eine grundständische pflegerische Ausbildung verfügen und darauf aufbauend sich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigen.

Aufbau und Inhalt

  • Constanze Giese skizziert in einem "Problemaufriss" aktuelle Positionen zu Sterbehilfe und Sterbebegleitung, befasst sich mit der Rolle der Pflege als "schlafender Riese", der sich allmählich seiner Verantwortung bewusst wird und zu einer Weiterentwicklung der beruflichen Identität über einen ethischen Diskurs angeregt wird.
  • Dietmar Siewert rollt das Thema Euthanasie und Krankenpflege aus einer historischen Perspektive auf. Er greift auf die im 19. Jh. einsetzende Euthanasiediskussion zurück, thematisiert ausdrücklich das Verhältnis von (männlicher) Ärzteschaft und (weiblicher) Pflegerschaft und geht schließlich auf die Beteiligung der Pflege an den Euthanasieaktionen der NS-Zeit ein.
  • Im Hauptteil greift Christian Koch zunächst auf die Situation in den Niederlanden zurück, in denen Gesetzgebung, Praxis und Evaluation zur Sterbehilfe weiter fortgeschritten ist. Darauf aufbauend befasst er sich ausführlich mit dem aktuellen Diskussionsstand in Deutschland und vor allem mit den rechtlichen Entwicklungen sowie den Positionen von Interessenverbänden.
  • In einem zusammenfassenden Fazit werden schließlich offene Fragen und Aufgaben für die künftige Ausrichtung der Pflege herausgestellt.

Diskussion - Einschätzung

Den Autoren geht es nicht so sehr darum, eine eigene inhaltliche Position zu vermitteln, sondern über aktuelle Bestrebungen zu informieren und dadurch zur Vertiefung des ethischen Diskurses über Sterbehilfe und Sterbebegleitung anzuregen. Zu diesem Zweck haben sie eine Vielzahl von schriftlichen Quellen herangezogen, was als unübersehbares Anzeichen für die zunehmende Verwissenschaftlichung der Pflege gewertet werden kann. Es gelingt, ein differenziertes Bild der Positionen, der strafrechtlichen Urteile und gesetzlichen Anregungen aufzuzeigen. Die Informationsflut bleibt auch mit Hilfe von tabellarischen Übersichten überschaubar.

Sterbehilfe wird in das Spannungsverhältnis von Selbst- und Fremdbestimmung eingeordnet. Die Bedeutung und Problematik von Patientenverfügungen wird wiederholt angesprochen. Die Einbeziehung der Rechtslage und Praxis in den Niederlanden, die erfreulicher Weise sehr realistisch beschrieben wird, hilft dabei, das infolge der Hypothek der NS-Zeit verkrampfte Verhältnis zu Euthanasie hierzulande zu lockern und einen offenen Blick auf die Realität des Sterbens angesichts der gegenwärtigen medizinischen Möglichkeiten zu wagen, was jedoch einen reifen "ethischen Diskurs" voraussetzt, der auch den Berufsstand der Pflegenden einzubeziehen hat.

Die Autoren konzentrieren sich primär auf verfügbare schriftliche Quellen in Form von gerichtlichen Urteilen, Gesetzen und Gesetzesentwürfen, Stellungnahmen von parlamentarischen Ausschüssen, Parteien und Interessenverbänden. Das führt unbeabsichtigt zu einer Dominanz der rechtlichen und vor allem der strafrechtlichen Seite, während die vielfach beschworenen ethischen Überlegungen im Hintergrund bleiben. Das erweist sich als Mangel, da Recht und Ethik bekanntlich nicht deckungsgleich sind. Die Betonung der strafrechtlichen Seite führt implizit auch zu einer strikten Trennung von Sterbehilfe und Sterbebegleitung, was in der Praxis nicht selten zu kaum lösbaren Problemen führt.

Als Leser hätte ich mir auch eine beherztere Berücksichtigung der pflegerischen Seite gewünscht, wie es der Titel eigentlich verspricht. Pflege als "schlafenden Riesen" zu beklagen, mag zwar weitgehend der Realität entsprechen, zeigt jedoch (noch) zu wenig auf, wie Pflegeberufe als Dialogpartner bei den letzten lebenswichtigen Entscheidungen ernster genommen werden sollen. So haben Pflegende bekanntlich wesentlich intensiveren Kontakt zu Sterbenden als Ärzte und können damit z.B. zur schwierigen Klärung des "Patientenwillens" in erheblichem Umfang beisteuern, wenn sie als Partner ernst genommen werden und nicht in der Rolle ärztlicher Erfüllungsgehilfen verharren. Auf Grund sorgfältiger Patientenbeobachtung sind sie auch besser in der Lage, körperlichen, seelischen und spirituellen Beistand zu leisten, als dies vielen Ärzten möglich ist, die ihnen statusmäßig und in Entscheidungsprozessen bisher übergeordnet sind.

Fazit

Trotz dieser Einschränkungen handelt es sich um eine bedeutsame Dokumentation, die ich Pflegeberufen, die mit Sterben fortlaufend konfrontiert werden, ans Herz legen möchte. Die unprätentiöse Darstellung der Positionen und Argumentationsstränge kann einen wertvollen Beitrag leisten, die eigene Praxis unter berufsethischen Aspekten zu reflektieren und die Konsequenzen eigenen und fremden Handelns klarer zu erkennen. Das Buch liefert keine eindeutigen Entscheidungsvorgaben, sondern bietet Anregungen, situationsangemessene Positionen zu entwickeln und mutig zu vertreten. Das könnte in einem weiteren Schritt auch dazu beitragen, ethische Fragen und rechtliche Konsequenzen in einem umfassenderen Kontext zu diskutieren. Die geforderte stärkere Berücksichtigung der Pflege in der aktuellen Sterbehilfedebatte dürfte vermutlich nur auf den ersten Blick für Beunruhigung sorgen. Längerfristig ist davon auszugehen, dass dadurch manche Probleme unverkrampfter angegangen werden könnten und die Grauzone schwieriger Entscheidungen verringert werden dürfte.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Goldbrunner


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Zitiervorschlag
Hans Goldbrunner. Rezension vom 22.08.2006 zu: Constanze Giese, Christian Koch, Dietmar Siewert: Pflege und Sterbehilfe. Zur Problematik eines (un-)wünschten Diskurses. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2005. ISBN 978-3-938304-17-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3396.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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