Sally-Anne Wherry, Nikki Buck (Hrsg.): Komplexe Pflegesituationen
Rezensiert von Prof. Dr. Michael Schilder, 05.02.2026
Sally-Anne Wherry, Nikki Buck (Hrsg.): Komplexe Pflegesituationen. Komplexizität in der Pflege erkennen, verstehen und managen. Hogrefe AG (Bern) 2024. 323 Seiten. ISBN 978-3-456-86301-6. D: 40,00 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 52,50 sFr.
Thema der Publikation
Das Themenschwerpunkt der vorliegenden Publikation richtet sich auf die Darstellung komplexer Pflegesituationen in unterschiedlichen pflegerischen Settings und Kontexten. In diesem Sinne bezieht sich Komplexität auf pflegebedürftige Personen mit vielschichtigen gesundheitlichen Bedürfnissen, wie Menschen mit Lernbehinderungen, Menschen mit kognitiven Defiziten wie Demenz, Kinder und Erwachsene mit psychischen Erkrankungen und auch auf pflegende an- und zugehörige Personen. Deren klinische und sozioökonomische Situationen und die die Komplexität bedingenden Einflussfaktoren und Dimensionen, die vor allen Dingen auch politische, soziale und gesellschaftliche Dimensionen einbinden, dienen zur Bestimmung der jeweiligen Bedarfslage und münden in Strategien zum pflegerischen Komplexitätsmanagement.
Zu den Herausgeberinnen
Sally Anne-Wherry stammt aus England und lehrt zu den Themen Ethik, Forschung, gemeinsame Entscheidungsfindung, Langzeitkrankheiten, komplexe Erkrankungen und Verschreibung. Sie ist außerdem Pflegespezialistin für Parkinson und Mobilitätsstörungen und forscht in den Bereichen Selbstmanagement und gemeinsame Entscheidungsfindung. Sie promoviert in Philosophie zum Thema generationsübergreifende Traumata. Die zweite Herausgeberin Nicky Buck lehrt ebenso in England. Ihre beruflichen Schwerpunkte liegen im Bereich der Intensivpflege von Neugeborenen und Anatomie und Physiologie. Weitere Autor:innen des Sammelbandes sind Nick Preddy, Sam Greedy, Eleri Jones, Mark Smith sowie Stefan Schmidt und Jürgen Georg (zugleich die deutschen Herausgeber).
Entstehungshintergrund
Die Publikation basiert auf den Berufserfahrungen der Herausgeberinnen und Autor:innen, die sich schwerpunktmäßig auf pflegerische und sozialpflegerische Berufsfelder im englischen Gesundheitswesen National Health Service (NHS) beziehen. Die sich hauptsächlich auf das englische Gesundheitswesen beziehenden Informationen werden in den Kapiteln von den deutschen Herausgebern um Bezüge auf das deutsche Gesundheitswesen, Gesetze, Initiativen und Publikationen ergänzt.
Inhalt
Die Publikation „Komplexe Pflegesituationen“ widmet sich des pflegefachlichen Managements komplexer pflegerischer Situationen in unterschiedlichen Versorgungssettings und Kontexten. In zwölf Kapiteln werden Grundlagen zu „Complex Care“ für unterschiedliche Settings vermittelt. Dabei werden neben klassischen Versorgungsbereichen weitere, bislang weniger stark berücksichtigte, Kontexte mit einbezogen. So werden verschiedene Formen von Komplexität, ihre Entstehung und ihre Bedeutung für Pflege- und Versorgungssituationen alter, kranker und pflegebedürftiger Menschen sowie deren An- und Zugehörige systematisch dargestellt.
Zunächst wird als Basis der Gegenstandsbereich komplexer Pflegesituation näher bestimmt und sich diesem Gegenstand definitorisch angenähert. Komplexität in diesem Kontext systematisch in den Blick zu nehmen ist gefordert, weil deren Management zunehmend hohe Anforderungen an Pflegefachpersonen in verschiedenen Versorgungssettings stellt. Dies beinhaltet, vielschichtige Situationen im Rahmen der Pflegediagnostik frühzeitig zu erkennen, differenziert pflegefachlich zu beurteilen und den weiteren Pflegeprozess auf dieser Basis pflegefachlich auszugestalten. Wherry & Buck entwickeln mit ihrer Publikation zur Untermauerung dieses Anspruchs einen theoretisch fundierten und zugleich praxisorientierten Rahmen, der darauf zielt, pflegerische Expertise im Umgang mit Komplexität zu stärken. Infolgedessen wird fachliche Pflege als eigenständige, hochqualifizierte Profession positioniert. Komplexe Pflegesituationen werden folgerichtig nicht auf medizinisch-pathophysiologische Aspekte reduziert, sondern als Ergebnis dynamischer Wechselwirkungen zwischen gesundheitlichen, sozialen, ökonomischen und psychologischen Faktoren verstanden. Unvorhersagbarkeit, Mehrdeutigkeit und Unsicherheit stellen vor dem Hintergrund dieses Verständnisses von Komplexität das pflegerische Handeln formende Anforderungen dar. In den einzelnen Kapiteln werden ergänzende und spezifizierende Inhalte und Literaturbezüge von den deutschen Herausgebern eingefügt und Literaturquellen kommentiert. Dabei stellen fragmentierte Versorgungsstrukturen, begrenzte Partizipation von Patienten, pflegebedürftige Personen sowie Zu- und Angehörige oder eingeschränkte Handlungsspielräume der Pflege zentrale Herausforderungen für das pflegefachliche Komplexitätsmanagement dar, die auch für das deutsche Gesundheitswesen Geltung aufweisen.
Dabei wird hervorgehoben, dass der Umgang mit Komplexität eine interprofessionelle Verantwortung darstellt, die sowohl auf System- als auch auf Teamebene wahrgenommen werden muss.
Zur theoretischen Strukturierung komplexer Versorgungsprozesse werden u.a. pflegetheoretische Ansätze, wie das Pflegemodell von Roper et al. und NANDA-International Pflegediagnosen, der Pflegeprozess und beispielhafte Varianten der Ausgestaltung in Form des diagnostischen Prozesses mittels Concept Mapping und Syndrom-Pflegediagnosen (zur Vertiefung des Themas der Pflegediagnosen) sowie auch Case- und Care-Management angesprochen. Ergänzend zu diesen eher klinischen Perspektiven werden gesundheitsbezogene ebenso wie sozioökonomische Aspekte komplexer pflegerischer Versorgung aufgegriffen, wie das Modell „House of Care“, Ansätze gemeinsamer Entscheidungsfindung (Shared Decision Making), die weitere praxisbezogene Zugänge zur partizipativen Ausgestaltung der Versorgungspraxis praxisnah veranschaulichen.
Die didaktische Gestaltung des Buches beinhaltet eine nachvollziehbare Struktur mit Reflexionsfragen, Fallstudien und Übungen, die in die einzelnen Kapitel eingebunden sind und damit Möglichkeiten des Wissenstransfers anbieten. Am Ende des Buches werden einzelne auf die Inhalte bezugnehmende Fragenkomplexe zur Verfestigung des Lehrstoffs ausgeführt.
Diskussion
Insgesamt liegt mit dieser Publikation eine umfassende zumeist praxisbezogene Auseinandersetzung mit dem Gegenstand komplexe pflegerische Versorgung vor, die sich vornehmlich auf das britische Gesundheitswesen bezieht, wobei dann aber seitens der deutschen Herausgeber weitere auf das deutsche Gesundheitswesen bezugnehmende Ergänzungen vorgenommen werden. Mitunter sind die aus dem englischen Originaltext übersetzten Passagen nicht durchgängig verständlich und stringent dargestellt. Hier hätte eine ordnende Übersicht nach dem initialen Kapitel zur Begründung und Definition des Gegenstands etwas mehr Orientierung geben können. Zudem werden an einigen Stellen Querverweise auf andere Kapitel gegeben, was dann aber den Lesefluss etwas erschwert. Nichtsdestotrotz werden umfangreiche Kenntnisse zu verschiedenen Zielgruppen und Settings komplexer Versorgung vermittelt, die auch weitergehende Zielgruppen (z.B. Menschen mit Behinderungen) einbezieht, und damit die pflegefachspezifische Perspektive gewinnbringend erweitert. Damit trägt das Buch neben der Wissenserweiterung zur Sensibilisierung gegenüber spezifischen und komplexen Bedarfslagen verschiedener Zielgruppen bei. Die von den deutschen Herausgebern ergänzten und kommentierten Literaturangaben vermitteln weitere Möglichkeiten der Vertiefung.
Fazit
Somit kann das Werk von Wherry & Buck zur Auseinandersetzung mit dem Gegenstand des Komplexitätsmanagements für Kontexte der Berufsausbildung, Studium und Praxis empfohlen werden.
Rezension von
Prof. Dr. Michael Schilder
Professor für Pflegewissenschaft an der Evangelischen Hochschule Darmstadt
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