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Sven Kernebeck, Florian Fischer (Hrsg.): Partizipative Technikentwicklung im Sozial- und Gesundheitswesen

Rezensiert von Prof. Dr. Paul Brandl, 05.12.2025

Cover Sven Kernebeck, Florian Fischer (Hrsg.): Partizipative Technikentwicklung im Sozial- und Gesundheitswesen ISBN 978-3-456-86266-8

Sven Kernebeck, Florian Fischer (Hrsg.): Partizipative Technikentwicklung im Sozial- und Gesundheitswesen. Interdisziplinäre Konzepte und Methoden. Hogrefe AG (Bern) 2024. 358 Seiten. ISBN 978-3-456-86266-8. D: 60,00 EUR, A: 61,70 EUR, CH: 78,00 sFr.

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Die Herausgeber

Sven Kernebeck hat nach der Krankenpflegeausbildung und dem Bachelor of Arts Pflege- und Gesundheitsmanagement den Master of Science Public Health an der Universität Bielefeld absolviert und promovierte an der Universität Witten/Herdecke. Seine Arbeitsgebiete sind Digitalisierung im Gesundheitswesen, Digital Health in der Versorgungsforschung und partizipative Technologieentwicklung in der Versorgungsforschung. Dazu hat er auch bereits zahlreiche Publikationen veröffentlicht.

Florian Fischer studierte an der Universität Bielefeld den Bachelor of Science in Health Communication, absolvierte den Master of Science in Public Health und anschließend der Promotionsstudiengang Public Health. Seit 2010 war der Autor zunächst in der Arbeitsgruppe „Bevölkerungsmedizin und Versorgungsforschung“ und weiterführend als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Ravensburg-Weingarten am Institut für Gerontologische Versorgungs- und Pflegeforschung tätig. Seit November 2021 ist er im Bayerischen Zentrum Pflege Digital tätig und leitet dort die Abteilung "Versorgung und Teilhabe". Seine Forschungsschwerpunkte sind ePublic Health: Digitalisierung in Gesundheitsförderung und Prävention in verschiedenen (pflegerischen) Settings, Nutzer*innenorientierung, Partizipation und Co-Creation im Kontext digitaler gesundheitsrelevanter Anwendungen, Evidenzbasierung in Public Health und Pflegewissenschaft, (Digitalisierung in der) Gesundheitskommunikation und Versorgungsforschung .

Darüber hinaus haben an der Publikation über 60 weitere Autor:innen vorwiegend aus dem wissenschaftlichen oder wissenschaftsnahen Bereich mitgewirkt.

Thema

Dieses Buch fokussiert die partizipative Technikentwicklung mit Bezug zum Sozial- und Gesundheitswesen. Die Publikation wendet sich an Forscher:innen, Entwickler:innen und Studierende aus verschiedenen Disziplinen und Anwendungsfeldern im Gesundheitswesen, darunter die Bereiche der Gesundheitswissenschaften, Medizin, Pflege- und Therapieberufe, Psychologie und angrenzende Disziplinen bzw. gesundheitsbezogene Professionen. Die Autor:innen der vielfältigen Beiträge nehmen sowohl eine theoretische als auch eine anwendungsbezogene Perspektive auf das Thema ein: Die Beiträge der zahlreichen Autoren orientieren sich an zentralen Prinzipien und Wirkweisen in Verbindung mit partizipativer Technikentwicklung. Sie stellen konkrete Methoden und Ansätze und Zugänge partizipativer Technikentwicklung vor, die sich in Forschungs- und Entwicklungsprojekten anwenden lassen.

Nach der Einführung der beiden Herausgeber in die partizipative Technikentwicklung bringt die Publikation folgende Inhalte:

Teil I – Grundlagen und Voraussetzungen partizipativer Technikentwicklung

Kernebeck/Fischer beschreiben das Verständnis und die Definition, die Nutzer:innen mit dem Grad der Partizipation, dem Zeitpunkt und der Häufigkeit des Einbeziehens mit den dazugehörigen Methoden. Dazu kommen noch Fragen der Organisation der partizipativen Technikentwicklung. Levelink/Brütt widmen sich Fragen der Abgrenzung der partizipativen Forschung von der Abgrenzung zur partizipativen Technikentwicklung und John/Oppenburger/Böschen gehen auf die Fragen der veränderten (Macht-)Beziehungen in der Forschung durch Partizipation ein. Rechtliche Aspekte der partizipativen Technikentwicklung steuert anschließend Djeffal bei – vom Verfassungsrecht, dem Fachrecht, dem Datenschutz, Technikgovernance, arbeitsrechtliche Aspekten und speziell der Einwilligung in die medizinische Behandlung.

Die Autor:innen geben der Partizipation eine gewichtige Stellung in der Produkt- und Dienstleistungsentwicklung. Damit haben die Nutzer:innen erstmals eine starke Stellung ohne dass sie Wissensexpert:innen sind und die Fachsprache beherrschen.

Teil II – Soziale Implikationen partizipativer Technikentwicklung

Spindler/Vondermaßen haben eingangs einen Beitrag zu den ethischen Aspekten gestaltet und reflektieren die Ziele, die Beteiligten und die Umsetzung. Horst/Mäder/Timpel heben Digital Divide hervor und bringen zu Fragen der Zielgruppen auch Anwendungsfälle mit dem Zugang zu Technologien sowie der Zielgruppenorientierung. Fragen der sozialen Exklusion werden von Ewert/Kniepkamp/Wanka thematisiert. Sie bringen Beispiele zu sozial exkludierten Zielgruppen sowie deren Herausforderungen. Den Abschluss bildet Merkel mit einem Kapitel zu Partizipation und Akzeptanz.

Wesentlich ist das Aufzeigen der ethischen Aspekte sowie die recht heterogenen Zielgruppen der Sozialwirtschaft. Alle wesentlichen Aspekte von den Randgruppen bis zu deren Akzeptanz zeigen die Breite des Themas Partizipation.

Teil III – Wirkungen und Transfer partizipativer Technikentwicklung

Spannungen bei Innovation in Verbindung mit Partizipation hat eingangs Lutze im Blick. Zu erwartbaren und erfahrbaren Wirkungen partizipativer Technikentwicklung im Gesundheitsbereich bringen Evers-Wölk/Krings/Weinberger einen Beitrag. Enthalten sind Technisierung als Impulsgeber, die Beteiligung von professionellen Experten sowie Partizipation von einer nichtorganisierten Bürgerschaft. Weibert et al. stellen das Thema Nachhaltigkeit in den Blickpunkt. Mit der Wissenschaftskommunikation für (zukünftige) Technologien runden Bischof et al. das Kapitel ab, in dem sie die Herausforderungen in diesem Themenbereich herausarbeiten und auch das Ermöglichen diskutieren.

Die Beteiligung der Kund:innen bringt im Sinne der Partizipation sichtbar neue Qualitäten in die Entwicklung von Technologie und insbesondere deren Anwendung – auch im Sinne einer gegenseitigen Befruchtung. Für Forscher gilt es das jeweilige Forschungsfeld zu begreifen, während die Betroffenen die Möglichkeiten der Technikentwicklung ausloten und umsetzen müssen. Es ist ein Lernen von Unterschieden.

Teil IV – Exemplarische Methoden und Instrumente partizipativer Technikentwicklung

Busse/Piontkowski/Kernebeck beginnen das Methodenthema mit dem Schwerpunkt Telling, Making und Enacting. Im zweiten Teil gehen sie auf die Organisation der Methoden ein. Hultgren/Klapperich befassen sich anschließend mit den Workshopformaten und deren Arten inklusive den Methoden und Rahmenbedingungen. Das Design Thinking mit seinen Phasen wird anschließend von Stein/Wolferts vorgestellt. Dazu passend wird von Busse et al. besonders auf das Thema Mock-Ups und Prototypen eingegangen. Weiters stellen Volkmann et al. das Kapitel zu den Methoden und Instrumenten vor - erweitert um das Historytelling als Produkt und Prozess. Ein Kapitel von Schaller et al. zu Reflexionsräumen in der partizipativen Technologieentwicklung mit informell Pflegenden und Sorgegemeinschaften bildet den Schluss.

Der empirische Teil braucht die bisherigen Kapitel zum Verständnis der Wirkungsweise und der Einsatzbereiche der Methoden. Es zeigt an welcher Stelle eines Projekts eine Methode eingesetzt werden kann. So wird die komplexe Wirkungsweise der Methoden zu einem großen Teil offensichtlich. Die Methoden des Design Thinkings gehen weit über bisherige Projektmethoden hinaus.

Teil V – Zielgruppen partizipativer Technikentwicklung

In diesem Teil wird der Bogen über relevante Zielgruppen gespannt: Er beginnt mit Gender, das für die Partizipation ein wesentliches Thema ist. Frühwirth/Thaler bringen dazu einen Erfahrungsbericht. Auch das Thema der Co-Produktion wird bei einer virtuellen Simulation zur Alkoholprävention von Hrynyschyn/González/Stock bearbeitet. Zorn/Mildenberger setzen die partizipative Technologieentwicklung fort mit Jugendlichen im Kontext der sozialen Arbeit. Sie setzen drei Schwerpunkte: Digitale Exklusion, Teilhabe und die Partizipation von vulnerablen Jugendlichen inclusive der methodischen Aspekte.

Der nächste Artikel von Endter/Fischer betrachtet partizipative Technologieentwicklung von älteren Menschen und anschließend Held/Kunze den speziellen Bereich von Menschen mit Demenz. Munde/Zentel schließen mit einem Kapitel zur Zielgruppe „Behinderung“ an. Tillmann/Kersting/Mortsiefer legen ihren Schwerpunkt auf gesundheitsbezogene Technikentwicklung und den Einsatz von Patientenbeiräten: Ziele, Methoden der Beteiligung und praktische Inhalte. Rasche/Otte/Vollmer runden diesen Buchabschnitt mit den Healthcare Professionals ab. Sie gehen auf deren Besonderheiten und die Rekrutierung ein.

Zum Abschluss der Publikation wird das breite Thema der Kooperation bearbeitet. Es zeigt, dass die Formen der Zusammenarbeit auf die jeweiligen Zielgruppen und Rahmenbedingungen abgestimmt sein müssen. Die verschiedenen Formen der Beteiligung zeigen die Komplexität des Themenbereiches.

Diskussion

Die Gliederung des Buches hat einen recht systematischen Aufbau mit inhaltlich formaler Beschreibung. Die Leser:innen gewinnen so einen guten Überblick zur Thematik Partizipation. Eine Einordnung in das Change- und Transformationsmanagement ist nur in Ansätzen vorhanden und wird durch die interdiszipliäre Vorgangsweise deutlicher. Der methodische Teil ist recht umfangreich und reicht vom Storytelling bis zu den Mock-ups und die Zielgruppen. Die Ausweitung des Design Thinking auf das Service Design würde eine intensivere Einbeziehung einer zukunftsbezogenen Vision und Mission des jeweiligen Dienstleisters ermöglichen. Auch die Prozessorganisation sowie eine prozessbasierte Arbeitsweise könnte einen Platz finden und zu einer stratgeieumsetzenden Arbeitsweise beitragen. Der Nutzen einer sozialen Dienstleistung würde so auf drei Ebenen darstellbar werden: persönlich – betrieblich – gesellschaftlich. Damit wäre etwa auch ein Konnex zur Theorie U von Scharmer möglich. Alles in allem ist das Buch eine gute Grundlage für den Aufbaue eines individuellen Mindset.

Fazit

Wenn schon ein guter systematischer Überblick zu einer partizipativen Technikentwicklung gegeben wird, so müsste es auch möglich sein, eine Einordnung zum Change- und Transformationsmanagement zu bringen. Es sind die wesentlichen Themen bis zum Design Thinking angesprochen. Für eine strategieumsetzende Vorgangsweise wäre noch der Ansatz des Service Design hilfreich.

Rezension von
Prof. Dr. Paul Brandl
war Professor für Organisationsentwicklung und Prozessmanagement an der FH Oberösterreich, Department für Sozial- und Verwaltungsmanagement und ist Berater insbesondere für die prozessbasierte Optimierung und Neugestaltung von sozialen Dienstleistern
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ISSN 2190-9245