Werner Tschan: Sexualisierte Gewalt und Trauma
Rezensiert von Franziska Weiser, Lars Weiser, 27.04.2026
Werner Tschan: Sexualisierte Gewalt und Trauma. Praxishandbuch für Pflege-, Gesundheits- und Sozialberufe. Hogrefe AG (Bern) 2024. 159 Seiten. ISBN 978-3-456-86324-5. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,90 sFr.
Thema
Mit seinem Praxishandbuch ‚Sexualisierte Gewalt und Trauma‘ widmet sich Werner Tschan einem fachlich und gesellschaftlich hochrelevanten Thema, das Pflege-, Gesundheits‑ und Sozialberufe in unterschiedlicher Weise betrifft. Im Zentrum steht die Frage, welches Wissen Fachkräfte benötigen, um sexualisierte Gewalt, Traumafolgestörungen und institutionelle Risiken erkennen, verstehen und angemessen bearbeiten zu können. Der Autor macht bereits zu Beginn deutlich, dass sexualisierte Gewalt nicht nur als individuelles Delikt, sondern auch als strukturelles und institutionelles Problem betrachtet werden muss. Damit richtet sich die Publikation an Berufsgruppen, die in ihrer Praxis mit Betroffenen, Angehörigen, Täter*innen, Institutionen und Schutzprozessen in Berührung kommen können.
Autor:in oder Herausgeber:in
Werner Tschan ist Dr. med., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und seit 1990 in eigener Praxis tätig. Sein fachlicher Schwerpunkt liegt in der Behandlung von Menschen mit Traumafolgestörungen. Neben dem Medizinstudium verfügt er über einen Masterabschluss in Angewandter Ethik der Universität Zürich sowie über einen Zertifikatsabschluss in der Behandlung von Sexualdelinquenten der Universität Mainz. Seine langjährige Tätigkeit mit Betroffenen, Angehörigen, Institutionen und Täter*innen prägt den Zugang des Buches deutlich. Der Autor wird im Buch allerdings nicht nur über seine fachliche Tätigkeit vorgestellt, sondern auch in seiner biografischen Nähe zum Thema. Diese persönliche Dimension wird jedoch nicht in den Vordergrund gestellt, sondern dient eher der Einordnung seines beruflichen Engagements in Prävention, Intervention und Schutzkonzeptentwicklung.
Entstehungshintergrund
Das Buch ist aus einer langjährigen fachlichen Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt, Traumafolgestörungen und institutionellen Dynamiken entstanden. Tschan möchte praxisrelevantes Wissen bereitstellen und Fachkräfte darin unterstützen, Betroffene angemessen wahrzunehmen, Traumafolgen einzuordnen und Schutzprozesse professionell zu gestalten. Der Schwerpunkt liegt auf Pflege-, Gesundheits-, Sozial‑ und Erziehungsberufen sowie auf institutionellen Kontexten, in denen Macht, Abhängigkeit und Schutzbedürftigkeit eine besondere Rolle spielen.
Aufbau
Das Buch ist als Praxishandbuch angelegt und in vier größere Teile gegliedert. Nach Einleitung, Begründung und aktuellem Überblick folgt Teil I zu sexualisierter Gewalt und ihren Auswirkungen. Teil II widmet sich der Aufarbeitung und Behandlung, Teil III nimmt unterschiedliche Praxisfelder in den Blick und Teil IV behandelt Maßnahmen wie Prävention, Schutzkonzepte, Aus-, Fort‑ und Weiterbildung, sekundäre Traumatisierung und eine Kultur des Hinschauens.
Inhalt
Eine zentrale Argumentationslinie des Buches besteht darin, sexualisierte Gewalt als durch Menschen verursachtes Trauma zu verstehen, dessen Folgen häufig verkannt, tabuisiert oder bagatellisiert wurden. Tschan arbeitet heraus, dass fehlendes Wissen bei Fachkräften zu Unsicherheit, blinden Aktionismus, Bagatellisierung oder Täter-Opfer-Umkehr führen kann. Damit wird die fachliche Haltung der Professionellen zu einem wichtigen Bestandteil von Schutz und Unterstützung.
Der Autor thematisiert die gesundheitlichen und psychischen Folgen sexualisierter Gewalt und stellt Traumafolgestörungen als hochrelevante Problematik für das Gesundheitswesen dar. Unter anderem verweist Tschan auf die ACE-Studie und beschreibt Zusammenhänge zwischen frühen Gewalterfahrungen, psychischen Belastungen, körperlichen Beschwerden und späteren Erkrankungen. Sexualisierte Gewalt wird dadurch als Erfahrung sichtbar, die langfristige Auswirkungen auf Biografie, Gesundheit und soziale Teilhabe haben kann. Im Bereich der Diagnostik erläutert das Buch zentrale Symptome und Störungsbilder, darunter Intrusionen und Flashbacks, Vermeidungsverhalten, erhöhte Grundspannung, emotionale Taubheit, posttraumatische Belastungsstörungen, komplexe posttraumatische Belastungsstörungen und dissoziative Störungsbilder.
Für Behandlung und Aufarbeitung stellt Tschan ein phasenorientiertes Vorgehen dar, bei dem Sicherheit und Stabilisierung die Grundlage bilden. Ergänzend beschreibt das Buch verschiedene Stabilisierungstechniken, etwa körperorientierte Verfahren, Impulskontrollübungen, Imaginationstechniken und die Arbeit mit einem Notfallkoffer. Besonders praxisnah ist die Übertragung auf unterschiedliche Arbeitsfelder. In Arztpraxen, Kliniken, Notfallmedizin, Langzeitpflege und Altenbetreuung können Fachkräfte sowohl mit zurückliegenden Gewalterfahrungen als auch mit aktuellen Grenzverletzungen konfrontiert sein. Für die Langzeitpflege und Altenbetreuung zeigt Tschan, dass Sexualität im Alter häufig tabuisiert wird und ältere Menschen durch Abhängigkeit, Pflegebedürftigkeit oder Demenz besonderen Schutzbedarf haben können. Auch Menschen mit Behinderungen werden als vulnerable Gruppe thematisiert.
Weitere Abschnitte widmen sich Sozial‑ und Erziehungswissenschaften, Sport‑ und Freizeitbereichen sowie Täterstrategien. Sexualisierte Gewalt wird dabei nicht allein als individuelles Fehlverhalten verstanden, sondern als Geschehen, das durch Organisationen, Schweigestrukturen und fehlende Schutzkonzepte begünstigt werden kann. Diese Perspektive verdichtet sich im Begriff der Opfer-Täter-Institutionsdynamik. Im letzten Teil stehen konkrete Maßnahmen im Mittelpunkt. Schutzkonzepte beruhen nach Tschan auf Prävention, Intervention und Nachsorge. Einrichtungen benötigen klare Verfahren im Umgang mit Verdachtsfällen, Unterstützung für Betroffene, Angehörige und Fachkräfte sowie eine Nachsorge, die institutionelle Aufarbeitung einschließt.
Ziel ist eine Kultur des Hinschauens, in der Verdachtsmomente und Grenzverletzungen nicht verdrängt, sondern professionell bearbeitet werden.
Diskussion
Die Publikation von Werner Tschan bietet eine breite und praxisnahe Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt, Trauma und institutioneller Verantwortung. Besonders gelungen ist, dass der Autor medizinisches, psychotraumatologisches und institutionelles Wissen miteinander verbindet. Dadurch wird sexualisierte Gewalt nicht nur als individuelles Gewalterlebnis, sondern als Thema sichtbar, das Gesundheitswesen, Pflege, Soziale Arbeit, Bildungseinrichtungen, Sport und Freizeitbereiche betrifft.
Hervorzuheben ist der konsequente Blick auf Fachkräfte und Institutionen. Ohne Kenntnisse über Traumafolgen, Täterstrategien und institutionelle Dynamiken besteht die Gefahr, Betroffene nicht zu erkennen, ihnen nicht zu glauben oder Verantwortung zu vermeiden. Dieser Zugang ist für die Soziale Arbeit und die Sozialwirtschaft besonders relevant, weil Schutz nicht nur als Haltung, sondern als organisatorische Aufgabe verstanden wird.
Kritisch angemerkt werden kann, dass die große thematische Breite teilweise zulasten der Tiefe geht. Einige Abschnitte, insbesondere zu sozial‑ und erziehungswissenschaftlichen Arbeitsfeldern, bleiben eher knapp. Für Leser*innen aus der Sozialen Arbeit wären an einzelnen Stellen stärkere Bezüge zu sozialarbeiterischen Theorien, machtkritischen Perspektiven oder geschlechtertheoretischen Zugängen wünschenswert gewesen.
Zudem ist der Schreibstil stellenweise sehr deutlich und erfahrungsbasiert. Dies macht die Lektüre lebendig und unterstreicht die Dringlichkeit des Themas. Gleichzeitig kann diese klare Positionierung für Leser*innen, die ein durchgehend nüchternes Handbuch erwarten, gelegentlich irritierend wirken. Gerade darin liegt aber auch eine Stärke. Das Buch bleibt nicht bei einer distanzierten Darstellung, sondern macht die Bedeutung einer professionellen Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt sichtbar.
Insgesamt stellt Tschan ein wichtiges Praxishandbuch vor, das besonders für Fachkräfte in Pflege, Gesundheitswesen, Sozialer Arbeit, Beratung, Leitung und institutioneller Schutzkonzeptentwicklung gewinnbringend ist. Das Buch sensibilisiert für die Folgen sexualisierter Gewalt, stärkt den Blick auf institutionelle Verantwortung und bietet konkrete Anregungen für Prävention, Intervention und Nachsorge.
Fazit
Mit ‚Sexualisierte Gewalt und Trauma‘ legt Werner Tschan ein fachlich engagiertes und praxisnahes Handbuch vor, das Grundlagenwissen zu Traumafolgen, institutionellen Risiken und Schutzkonzepten bündelt. Die Publikation ist besonders für Fachkräfte in Pflege-, Gesundheits‑ und Sozialberufen hilfreich, die sexualisierte Gewalt erkennen, Betroffene unterstützen und institutionelle Verantwortung ernst nehmen wollen.
Rezension von
Franziska Weiser
M.A. Soziale Arbeit, freie Doktorandin (Universität Vechta & ASH Berlin) sowie psychosoziale Beraterin in einer Frauenberatungsstelle
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Lars Weiser
M.A. (Studiengang: Bildung und Soziale Arbeit), Promotionsstudent Universität Siegen.
Vorherige Rezensionen unter Lars Lucas
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