Marion Pollmanns, Sascha Kabel (Hrsg.): Reformkritik
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 25.11.2025
Marion Pollmanns, Sascha Kabel (Hrsg.): Reformkritik. Zu den Widersprüchen der Reformen der Pädagogik. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2024. 537 Seiten. ISBN 978-3-8474-3050-6. D: 64,00 EUR, A: 65,80 EUR.
Pädagogik, Erziehung und Didaktik
Im fachbezogenen und fächerübergreifenden Diskurs wird die Gestaltung, Entwicklung und Veränderung des individuellen und kollektiven pädagogischen Denkens und Handelns thematisiert. Es ist theoretisches und praktisches, dialogisches, auf Erfahrung, Gestaltung und Doing fokussiertes Handeln. Es sind die kritischen Auseinandersetzungen, wie sie in pädagogischen Zeitschriften geführt werden. Die 1987 gegründete „Pädagogische Korrespondenz. Zeitschrift für kritische Zeitdiagnostik in Pädagogik und Gesellschaft“ hat sich zum Ziel gesetzt, Bildungsprozesse bei SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern zu fördern und nach Wegen zu suchen, wie ein pädagogisches Bewusstsein gelingen kann. Weil das, was geschrieben steht, bedacht, aufgehoben, einbezogen und kritisch bewertet werden muss, soll verantwortungsbewusste Bildung und Erziehung gelingen, ist es sinnvoll und nützlich, ausgewählte, wissenschaftliche Arbeiten, die in der Zeitschrift erschienen sind, zu dokumentieren. Das geschieht in drei Bänden: Sieglinde Jornitz, Kritische Theorie und Pädagogik (erscheint 2026), Karl-Heinz Dammer, Die unmögliche Pädagogik (2025), und das vorgelegte Werk „Reformkritik“. Die Auseinandersetzung mit ausgewählten, zwischen 1988 bis 2019 erschienenen Fachbeiträgen – als Zustimmung, Kritik, Ablehnung und der Erkenntnis, dass Reform und Reformkritik zusammengehören (siehe auch: Heinz-Elmar Tenorth, Klassiker der Pädagogik, Bd. 1 und 2) – beginnt die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Bielefeld, Maike Lambrecht, mit dem Beitrag „Zur Strukturlogik pädagogischer (Reform-)Kritik im Kontext bildungspolitischer (Struktur-)Reformen“: Eigennormativität oder Eigenlogik?
Aufbau und Inhalt
Pollmanns und Kabel gliedern die Studie in vier Kapitel: „Strukturreformen, Vermarktlichung und Autonomisierung“ – „Kompetitives Messen“ – „Didaktik und Erziehung im Wandel der Zeit“ – „Reformen der Lehrerbildung“. Der Erziehungswissenschaftler von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, Karl-Heinz Dammer, verweist mit dem Beitrag „Die Bildungsreform als Running Gag“ auf die Imponderabilien, Bewegungen und Persiflagen im theoretischen und praktischen Reformdiskurs. Der Bildungs- und Erziehungsphilosoph Martin Harant von der Universität Tübingen setzt sich in dem Beitrag „Der Inklusionsbegriff im Spannungsfeld pädagogischer ‚Mindsets‘“ mit den verschiedenen Bedeutungs- und Anwendungszusammenhängen auseinander. Der Berliner Soziologe Wolfgang Kühnel reflektiert und kritisiert mit dem Beitrag „Was Ganztagsschulen bewirken?“, die vom Deutschen Jugendinstitut vorgelegten Studien zur Entwicklung von Ganztagsschulen. Der Ulmer Pädagoge Ulrich Herrmann thematisiert „Das Gymnasium zwischen Bildung und Beschleunigung“, indem er auf die von Wilhelm Flitner(1937) geforderten Reformen der Schulzeitverkürzung und Studiendauer verweist. Der Schulleiter und Bildungsplaner Günter Rüdell kritisiert mit dem Beitrag „Schulpädagogische Phantasien vor dem Gericht einer pädagogischen Ökonomie“ die politisch-administrativen-bürokratischen Verordnungen und Schulgesetz-Verfahren Der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Martin Heinrich fragt: „Das Schulprogramm als effektives Reforminstrument?“. Stefan Blankertz, als (em.) Bildungswissenschaftler, stellt mit „Unternehmen Schule?“ Überlegungen zu einer Theorie der Folgeabschätzung marktlicher Schulstrukturreformen an. Der Grazer Schulpädagoge Bernd Hackl zeigt mit „Eyes wide shut“ Verwechslung von Markt und Freiheit auf.
Rita Casale von der Bergischen Universität Wuppertal, vermittelt einen Überblick über „35 Jahre Pädagogische Korrespondenz: Die Zeitdiagnostik des Besonderen am Beispiel des ‚kompetitiven Messens‘“. In den Zeiten der epistemischen Transformation ist Reformbedarf angesagt. Martin Heinrich bringt sich mit dem Beitrag „Vom Überlebenskampf des Homo faber“ erneut in den Diskurs ein, indem er sich mit dem technokratischen Mythos der Ergebnisse der Schulvergleichs-Untersuchungen (TIMSS) auseinandersetzt. Der (em.) Pädagoge Andreas Gruschka und Martin Heinrich nehmen sich mit „PISA“ die populistischen Verwendungen und positiven und negativen Zuweisungen der Schul-Untersuchungen vor und mahnen zu nüchterner Distanzierung und sachlicher Kritik. Andreas Gruschka setzt sich mit „Bildungsstandards“ auseinander. Der Frankfurter (M.) Soziologe und Bildungswissenschaftler Johannes Twardella legt mit „Vergleichsarbeiten“ eine Fallstudie der Instrumente schulischer Evaluationskultur vor. Der Schweizer Lehrer und Didaktiker Mario Gerwig erinnert an „Die vergessenen Anfänge der Standardbewegung“: Wozu sind Bildung und Schule da?
Lydia Brack von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg führt mit dem Beitrag „Didaktik und Erziehung im Wandel der Zeit“ in die Leitstrukturen des Kapitels ein. Es gibt in der Pädagogik keinen linearen Fortschritt und keine zementierten Veränderungsprozesse, sondern immer variable, angepasste und korrigierbare Entwicklungen. Andreas Gruschka und Michael Meisel diskutieren „Über die Kopflosigkeit der Forderung nach Einheit von Kopf, Herz und Hand“. Es sind die Forderungen nach ganzheitlichem Denken und Handeln: Identität und Sozialisation als Conditio Humana. Der Berufspädagoge Helmut Stövesand analysiert und bewertet Theorien und Praxen der „Schulentwicklung“, am Beispiel von Heinz Klipperts Methoden-Trainings. Nicht Zucht, Gewalt, Dressur und Zwang, sondern Partnerschaft und Empathie. Der Sprachwissenschaftler von der Universität Göttingen, Torsten Pflugmacher, bringt Theorien und Praxen für den Deutschunterricht ein: „Das deutsche Lesebuch“. Es sind Ordnungs- und Kanonisierungsaspekte für literarisches Lernen. Sieglinde Jornitz erläutert mit dem Beitrag „Der Trainingsraum: Unterrichtsstörung als Bumerang“. Es sind separate, im schulischen Alltag integrierte Maßnahmen, die hilfreich sein können und die Ursachen beheben, aber auch die dem Unterrichtverlauf störenden Verhaltensweisen potenzieren. Karl-Heinz Dammer thematisiert mit dem Beitrag „Mythos Neue Lernkultur“ die theoretischen und praktischen Versuche, das Interesse und die Aufmerksamkeit der SchülerInnen durch Unterrichtsmittel und –methoden zu wecken: Unterricht als Lernwerkstatt, als Entdeckungstour, als Event… Der Medienwissenschaftler Ralf Lankau schaut mit der Frage „Das Lernen verlernen?“ auf die zunehmende Digitalisierung auch im Unterricht. Es sind Fragen, was Lernen ist, ob Maschinen lernen (KI), und welche Bedeutung digitale Lernprogramme haben können. Sieglinde Jornitz und der Bildungsforscher Christoph Leser zeigen mit dem Beitrag „Mit Antonin punkten oder: Wie sich mit dem Leseförderprogramm der Bock zum Gärtner macht“, welche Fallstricke und Stoppstraßen sich auftun, und das angesagte Förderprogramm wird zur falsch verstandenen Sicherheit und Irrtum.
Der Hannöversche Schulpädagoge Andreas Werner äußert zu den Reformen zur Lehrerbildung „Kritik als Angemessenheitskritik“. Mit dem Anspruch auf Praxisnähe entsteht die „Entwissenschaftlichung“ der Lehrerbildung, die in den folgenden Beiträgen konkretisiert wird. Andreas Gruschka verdeutlicht das am Beispiel der „neurolinguistischen Programmierung“. Wenn der Weg das Ziel ist, kommt es weniger darauf an, Zielführung und Ziel zu erreichen. Günter Rüdell zeigt in einer Fallstudie auf, „Wie Selektion eingeklagt wird“. Am Beispiel von nordrhein-westfälischen Integrierten Gesamtschulen setzt er sich mit Fördermaßnahmen auseinander und verurteilt Praxen der Leistungsmessung. Als ehemaliger, überzeugter Gesamtschullehrer und Lehrbeauftragter der Universität Hildesheim, nimmt sich der Rezensent zu diesem einseitig formulierten Beitrag eine Auszeit! Die Münsteraner Pädagogikstudentin Judith Endter nimmt mit dem Beitrag „Mehr Praxis gegen zu viel Theorie in der Lehrerbildung“ Stellung, Sie verweist auf den pädagogischen, erziehungswissenschaftlichen, unverbrüchlichen, professionellen Zusammenhang von Theorie und Praxis, der durch den Entwurf des Gesetzes zur Qualitätssicherung in hessischen Schulen (2024) ihrer Meinung nach infrage gestellt wird. Der Erziehungswissenschaftler Frank Ohlhaver (+2021) bringt mit dem Beitrag „Der Lehrer ‚riskiert die Zügel des Unterrichts aus der Hand zu geben, da er sich nun auf die Themen der Schüler einlässt‘“, typische Äußerungen von Lehramtsstudierenden bei der fallkonstruktiven pädagogischen Kasuistik zu Gehör, mit der Aufforderung, auch in der Lehrerbildung kasuistische, praktische Reflexionen zu erhöhen. Der Deutschlehrer und Lehrbuchautor Bernd Matzkowski setzt sich mit der Schülerfrage „Wann machen wir wieder richtigen Unterricht?“ mit Erwartungen und der Lernenden auseinander und verweist auf die Bedeutung des Fachwissens. Der Bonner Erziehungswissenschaftler (em.) Volker Ladenthin beschließt den Sammelband mit seiner Kritik: „Wie in der Lehrerbildung Wissenschaft marginalisiert und zur Akzeptanzbeschaffung umfunktioniert wird“. Die traditionelle „Unterrichtslehre“ als handwerkliches Können ausgewiesen und über Jahrhunderte angewandt, ist in der Moderne zum Anspruch und damit zum wissenschaftlichen Tun geworden.
Diskussion
Fachzeitschriften, als Mittel und Marker pädagogisch-wissenschaftliches Handeln, sind Anzeiger, Diskussionsblätter und virtuelle Informationsportale. Sie unterscheiden sich von populären Erzeugnissen und erheben den Anspruch, Bestandsaufnahme und Visionen zu publizieren. Die 1987 gegründete „Pädagogische Korrespondenz“ will kritische Zeitdiagnose in Gesellschaft und Pädagogik betreiben, mit Fallbeispielen, Diagnosen und Forschung. Die Autorinnen und Autoren stellen sich dabei dem Dialog und der Kritik.
Fazit
Der umfangreiche Sammelband kann Handbuch und interdisziplinäres Arbeitsmittel in der Lehreraus- und –fortbildung, und im gesellschaftspolitischen Diskurs Anreger und Argumentationsmittel sein. Nicht alle Beiträge finden beim Rezensenten Anerkennung und Zustimmung – das aber ist Schulkritik!
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
Mailformular
Es gibt 1727 Rezensionen von Jos Schnurer.





