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Tobias Zimmermann: Leistungsbeurteilungen an Hochschulen lernförderlich gestalten

Rezensiert von Dr. Julia Weitzel, 24.12.2025

Cover Tobias Zimmermann: Leistungsbeurteilungen an Hochschulen lernförderlich gestalten ISBN 978-3-8474-3045-2

Tobias Zimmermann: Leistungsbeurteilungen an Hochschulen lernförderlich gestalten. Prüfen, Beurteilen und Rückmelden von Lernleistungen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2024. 405 Seiten. ISBN 978-3-8474-3045-2. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR.

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Thema

Nach fast zwei Dekaden, in denen hochschulisches Prüfen und Bewerten primär im Fokus der Kompetenzorientierung diskutiert und zunehmend auch gestaltet wurde, rückt Tobias Zimmermann nun mit seinem Buch „Leistungsbeurteilungen an Hochschulen lernförderlich gestalten. Prüfen, Beurteilen und Rückmelden von Lernleistungen“ (2024, Barbara Budrich) das Lernen selbst verstärkt in den Mittelpunkt. Wie kann Lernen durch die Prüfungsgestaltung nicht nur gesteuert, sondern auch gefördert werden?

Autor

Tobias Zimmermann leitet das Zentrum für Hochschuldidaktik und -entwicklung (ZHE) der Pädagogischen Hochschule Zürich (PH Zürich). Er ist Dozent für Hochschuldidaktik, beschäftigt sich u.a. mit digital gestützten Lehr- und Lernszenarien und Blended Learning und arbeitet bereits seit Längerem zu Fragen der Leistungsbeurteilung und -rückmeldung sowie der Lernförderung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in die drei Hauptkapitel Grundlagen, Anwendung und Spotlights:

Im Grundlagenteil wird das theoretische Fundament für lernförderliche Leistungsbeurteilung gelegt. Leistung wird als sozial und gesellschaftlich präformiert reflektiert und die zentrale Funktion von Noten mit deren per se begrenzter Aussagekraft innerhalb metrischer Bildungskontexte kritisch betrachtet (Kap. 2 und 3). Unter Einbeziehung lern- und neuropsychologischer Kenntnisse, insbesondere der konstruktivistischen Lerntheorie, wird zunächst dargelegt, wie Lernen funktioniert (Kap. 4). Vorwissen, aktive Aneignung, neuronale Netzwerke, Gefühle und Motivation sind dabei wesentliche Stichworte. Als Zielsetzung hochschulischer Studiengänge formuliert Tobias Zimmermann dann den langfristigen Aufbau von Expertise:

„(…) Studierende [sollen] Expertise erwerben, also ein tiefgreifendes Verständnis der studierten Fachgebiete, das auch kritisches Hinterfragen und kreatives Weiterentwickeln dieser Wissensbestände umfasst. So zeichnen sich Expertinnen wesentlich dadurch aus, dass sie im Vergleich zu Novizen fachliche Probleme aufgrund ihrer Tiefenstruktur einschätzen können, während Novizen sich oft an oberflächlichen Merkmalen orientieren“ (S. 105).

Dieser Einsicht in die notwendigerweise hohe Zielsetzung folgend und den Steuerungseffekt von Prüfungen auf das Lernen ernst nehmend, wird deutlich, wie bedeutsam deren möglichst lernförderliche Ausgestaltung für die Qualität und Bildungstiefe des Studiums ist.

Im zweiten Teil Anwendung wird darauf aufbauend mit dem Constructive Alignment dargelegt, wie die Prüfungskonzeption so umgesetzt werden kann, dass die Lernziele sowie die Lehr-Lern-Aktivitäten optimal zu sinnvoll gesetzten Lernergebnissen beitragen. Tobias Zimmermann erläutert anhand von Fallvignetten das sogenannte Backward Design und gibt Anregungen zur Formulierung von Lernzielen und zur Klärung von Anforderungsniveaus (Kap. 5).

Kap. 6 reflektiert Voraussetzungen hochwertiger Leistungsbeurteilung, zu denen Gütekriterien wie etwa Reliabilität, Validität, Intersubjektivität oder auch Fairness sowie Klarheit über kriteriale, individuelle und kollektive Bezugsnormen ebenso gehören wie Sensibilität bezüglich möglicher Beurteilungsfehler und kognitiver Verzerrungen.

Ebenfalls im Anwendungsteil (Kap. 7) werden unterschiedliche Strukturierungsansätze von Aufgabenstellungen und Prüfungsformaten vorgestellt und klassische bis innovative Prüfungsformen mit ihren Vor- und Nachteilen porträtiert. Kap. 8 und Kap. 9 fokussieren die formative Leistungsrückmeldung und deren Einfluss auf die Motivation und den Lernprozess sowie die summative Beurteilung und deren lernförderliches Zusammenspiel.

Der abschließende dritte Teil Spotlights hält eine Vielzahl praktischer, kontextspezifischer Vertiefungsfeldern bereit. Was ist wichtig, über Prüfungsangst zu wissen? Was gibt es bei Multiple-Choice-Prüfungen zu beachten? Wie lässt sich das Betreuungsverhältnis bei wissenschaftlichen Arbeiten vertraglich klären? Neben aktuellen Fragestellungen zu KI und einer veränderten Beurteilungskultur werden auch bildungsgeschichtliche Vorläufer von Leistung als schulisches Leitkonzept erläutert.

Diskussion

Tobias Zimmermann stellt seinem Buch ein Zitat von Herbert A. Simon voran:

„Lernen ergibt sich aus dem, was die Studierenden tun und denken, und nur aus dem, was die Studierenden tun und denken. Lehrende können das Lernen nur fördern, indem sie Einfluss darauf nehmen, was die Studierenden tun, um zu lernen.“

Die Veröffentlichung lässt sich insgesamt als eben jener Versuch verstehen, möglichst vielfältig nachzuforschen, wie genau eine solche Lernsteuerung gelingen kann. Dabei steht Tobias Zimmermann erkennbar in der Biggs'chen Tradition des Constructive Alignments, nach der Prüfungsgestaltung bereits grundlegend mit der Lehrplanung beginnt. Die Lernsteuerung kann dann, ausgerichtet auf Lehr- und Lernziele, durch die Auswahl des Prüfungsformats und die Formulierung der Aufgabenstellung gezielt designt werden. Durch die Strukturierung von Formaten und Aufgaben auch nach unterschiedlichen Taxonomiestufen zeigt Tobias Zimmermann konkrete Gestaltungsprinzipien von Leistungsnachweisen auf. Das inspiriert dazu, eigene Prüfungen weiterzudenken und neu zu konzipieren.

In Anlehnung an John Hattie hebt der Autor zudem die große Bedeutung von Feedback für den Lern- und letztlich auch Prüfungserfolg hervor. Besonders interessant sind dabei die studienbelegten Hinweise zu Effekten von Feedback. So steigert beispielsweise eine vergleichsweise hohe Erwartungshaltung einer Lehrperson den Lernzuwachs (Prinzip: „Erwarte viel und fordere viel!“, S. 233), während der Rückmeldungsunterdrückungseffekt von Noten deutlich macht, dass stets zuerst das inhaltliche Feedback gegeben werden sollte, bevor die Note kommuniziert wird (vgl. 273).

Neben den genannten Anregungen zur Prüfungsgestaltung samt formativem Feedback und summativem Bewerten sowie spannenden Spotlights zeichnet sich dieses Buch vor allem durch seine grundlegende Reflexion von Prüfungen aus. Tobias Zimmermann thematisiert die Verantwortung von Lehrpersonen, die mit Leistungsnachweisen und final mit Studienabschlüssen gesellschaftliche Zugangsberechtigungen im Spannungsfeld zwischen Lernförderung und Kompetenzsicherung vergeben. Diesen Überlegungen liegt ein kritisch reflektiertes Notenverständnis sowie eine klare Gesellschaftsanalyse zugrunde: Noten werden auch verstanden als Legitimationssystem für soziale Ungleichheit und als Ausdruck einer metrischen Fixierung in unserer Zertifikatsgesellschaft – bei dennoch nur eingeschränkter Aussagekraft.

Die Lektüre hilft, sich als Lehrperson zu positionieren, motiviert und inspiriert durch die zahlreichen Beispiele und Strukturierungen zur Ausgestaltung möglichst lernförderlicher Prüfung – und macht gleichzeitig die nicht vollständig einlösbare Überfrachtung von Noten deutlich. Das schafft etwas Distanz zu überhöhten Fremd- und Selbstansprüchen und lässt stattdessen lieber konkret und praktisch Prüfungen gestalten und planen. Dafür bietet das Buch vielfältige Anregungen und Hinweise. Auch die Auseinandersetzung mit kognitiven Bewertungsverzerrungen und Beurteilungsfehlern erweist sich als klärend für eine eigenständige, reflexive Prüfungspraxis.

Das Buch „Leistungsbeurteilungen an Hochschulen lernförderlich gestalten. Prüfen, Beurteilen und Rückmelden von Lernleistungen“ von Tobias Zimmermann ist für alle jene interessant, die eher neu im Thema sind und sich fundiertes Handlungswissen zu Prüfungen aneignen möchten, als auch für erfahrene Lehrende, die ihre Prüfungspraktiken aus bildungsoziologischer, -historischer und teilweise auch -philosophischer Perspektive reflektieren und praktisch neu justieren möchten.

Die Gestaltung des Buches ist übersichtlich, durch Tabellen sowie Abbildungen aufgelockert und mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis versehen. Einzig der Zeilenabstand und die Schriftgröße könnten großzügiger gestaltet sein. Da die Veröffentlichung auch als eBook verfügbar ist, sollte das aber kein Hinderungsgrund sein, sich der spannenden Lektüre zu widmen.

Fazit

Ein sehr kenntnisreicher, studienbasierter und vielseitiger Blick auf Prüfen an Hochschulen, der Prüfungen und Noten auch mit kritischer Distanz als Bestandteil meritokratischer Systeme betrachtet. Lernen als Fokus von Prüfungen zu setzen, ist eine wichtige Akzentuierung, die zwar auf Kompetenzorientierung aufbaut, das Gesamtbild jedoch neu justiert. Insgesamt gibt das Buch – auch mit den zahlreichen praktischen Empfehlungen – zugleich einen Reflexions- und Handlungsimpuls.

Rezension von
Dr. Julia Weitzel
selbstständige Lehr- und Neuberufenencoachin, Hochschuldidaktikerin sowie Moderatorin
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Es gibt 7 Rezensionen von Julia Weitzel.

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ISSN 2190-9245