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Karin Lauermann, Rahel More et al. (Hrsg.): Soziale Arbeit zwischen Inklusion und Exklusion

Rezensiert von Prof. Dr. Wilfried Hosemann, 11.03.2026

Cover Karin Lauermann, Rahel More et al. (Hrsg.): Soziale Arbeit zwischen Inklusion und Exklusion ISBN 978-3-8474-3078-0

Karin Lauermann, Rahel More, Marion Sigot, Stephan Sting (Hrsg.): Soziale Arbeit zwischen Inklusion und Exklusion. Perspektiven aus Forschung und Praxis. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2024. 249 Seiten. ISBN 978-3-8474-3078-0. D: 72,00 EUR, A: 74,10 EUR.
Schriftenreihe der ÖFEB-Sektion Sozialpädagogik - Band 17.

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Thema

Das Begriffspaar Inklusion und Explosion umfasst die Themen Zugang zu den Möglichkeiten sein Leben zu gestalten, Grenzen und Risiken zu erleben, ausgeschlossen zu sein oder zu werden. Die Differenz zwischen sozialer Teilhabe und sozialem Ausschluss begründet die Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit. Wie ein Grundrauschen bestimmt sie die Ausrichtung und das Selbstverständnis der Sozialen Arbeit – wie können Perspektiven für soziale Teilhabe für wen gestärkt werden?

Herausgeberinnen und Herausgeber

Dr. Karin Lauermann (Bundesinstitut für Sozialpädagogik), Baden, Österreich; Dr. Rahel More (Institut für Bildungswissenschaft), Universität Wien und Graz; Dr. Marion Sigot (Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung, Arbeitsbereich Sozialpädagogik und Inklusionsforschung), Universität Klagenfurt; Dr. Stephan Sting (Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung, Professur für Sozialpädagogik), Universität Klagenfurt.

Entstehungshintergrund

Die Publikation ist im Zusammenhang mit der Tagung der ÖFEB-Sektion Sozialpädagogik „Soziale Arbeit zwischen Inklusion und Exklusion“ 2023 in Klagenfurt entstanden. Das ambitionierte Ziel war sowohl zur Fundierung, Präzisierung, Differenzierung und Reflexion dieses theoretischen Zugangs zur Sozialen Arbeit beizutragen, als auch auf aktuelle gesellschaftliche Probleme einzugehen.

Aufbau

Nach der Einleitung wird das Buch durch folgende Kapitelüberschriften gegliedert:

  • Inklusion und Exklusion: Inhaltliche Orientierungen und methodische Zugänge
  • Inklusion und Exklusion in Kindheit, Jugend und Familie
  • Digitalisierung zwischen Inklusion und Exklusion
  • Professionalisierung im Spannungsfeld von Inklusion und Exklusion
  • Inklusion und Exklusion in der thematischen Entwicklung des sozialpädagogischen Diskurses.

An dem Sammelband von 243 Seiten haben 34 Autor:innen an 20 Beiträgen mitgewirkt.

Inhalt

Das Begriffspaar Inklusion/​Exklusion kann als eine Einladung verstanden werden, über soziale Grenzen und soziale Ordnung nachzudenken. Es betrifft den Kern der Sozialen Arbeit, weil es nicht nur soziale Teilhabe an vorhandenen Strukturen zu analysieren hilft, sondern auch die Möglichkeiten der sozialen Selbstverwirklichung durch die Mitgestaltung an sozialen und gesellschaftlichen Strukturen.

Die inhaltliche Vielfalt des Buches bietet einen bedeutenden Mehrwert, nichts wird verdoppelt, die Themen werden präzise beleuchtet und so entsteht eine Tiefenschärfe, die keine Selbstverständlichkeit bei Sammelbänden ist.

Es ist mir nicht möglich alle Beiträge angemessen zu würdigen, deshalb werde ich nur Beispiele aus den Kapiteln vorstellen. Ich weiß, dass damit Willkür verbunden ist und möchte betonen, dass andere Beiträge ebenso eine detaillierte Darstellung verdient hätten.

Zur Einführung in die Diskussion um das Begriffspaar Inklusion und Exklusion machen Rahel More, Marion Sigot und Stephan Sting darauf aufmerksam, dass die Begriffe nicht auf die Teilnahme und Anerkennung von Menschen mit Behinderungen reduziert werden können. Soziale Ungleichheits‑ und Ausschließungsverhältnisse sind als zentraler Gegenstand der Disziplin unabhängig und lange Zeit vor der UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen identifiziert worden. Der Beitrag stellt heraus, „… dass die Forderung nach Inklusion nicht zuletzt eine Forderung nach systemischer Veränderung ist, d.h. dass Gesetze, Strukturen und Rahmenbedingungen nachgebessert bzw. geschaffen werden … müssen“ (S. 19). Zu der von ihnen geforderten theoretischen Präzision der Inklusion/​Exklusionsdebatte tragen More, Sigot, Sting u.a. mit dem Hinweis bei, Normalitätsvorstellungen und Fähigkeitserwartungen in den Fokus zu rücken, die mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen verwoben sind (S. 20). Betont wird eine intersektionale Perspektive, „…die sowohl ausschließende als auch einschließende Fähigkeitsorientierungen und ‑erwartungen mit in den Blick nimmt“ (S. 21). Im Resümee wird betont, dass Prozesse von Inklusion und Exklusion einer differenzierten Perspektive bedürfen und nicht eindimensional Systemen, Gruppen oder Personen zugeschrieben werden sollten (S. 26), denn letztlich müssten der Kontext der Globalisierung und der globalen Krisen in ihrem Einfluss auf „territoriale Ein‑ und Ausschlüsse in den Blick genommen werden“ (S. 27).

Diese Perspektiven werden im Beitrag von Priska Buchner „Anpassung in kritischen Zeiten. Überlegungen zu Krisen und den Folgen ihrer Bearbeitung am Beispiel der Corona Pandemie“ nachvollziehbar umgesetzt. Sie verweist darauf, dass ‚je niedriger der sozioökonomische Status, desto gravierender die Maßnahmenfolgen‘ sind und zum anderen, dass eine breitere und kritischere interdisziplinäre Diskussion der Corona Pandemie notwendig gewesen wäre, denn primär haben Kinder unter den Folgen der präventiven Maßnahmen gelitten (S. 100). Soziale Ordnungsvorstellungen und Möglichkeiten soziale Macht zu realisieren sind in modernen Gesellschaften u.a. an Vorstellungen über Wissen, Wissenschaft und Ursache-Wirkung‑ Zusammenhänge gebunden. Wer soziale Krisen oder Probleme thematisiert (was in der Sozialen Arbeit durchaus üblich ist), gerät unter Druck, Maßnahmen und Lösungen anbieten zu müssen, die sich auf verschiedene Horizonte akzeptierter Deutungsmuster berufen können. Die Konsequenz, gute Ziele zu vertreten, eröffnet nicht automatisch Zugänge.

Das Spannungsfeld von Zugangsmöglichkeiten wird an einer spezifisch sozialarbeiterischen Perspektive deutlich: junge Menschen mit der Auseinandersetzung von normativen Familienbildern und familienbezogenen Erfahrungen. Das ist das Thema von Anna Ebner, Stephan Sting, Georg Steißgürtl, Julia Weissnar. „Im Prozess der Auseinandersetzung mit (dem) Familienbild kommt es zu unterschiedlichen Formen der Positionierung zu Familie und zu verschiedenen damit einhergehenden Handlungsstrategien“ (S. 112). Die Art und Weise, wie die Auseinandersetzung um das Verhältnis von Familienideal und erlebter Wirklichkeit gelingt, beeinflusst die Identitätsbildung und die weiteren Lebensperspektiven (S. 114), sprich die realisierbaren Möglichkeiten von Inklusion und Exklusion in verschiedenen sozialen Zusammenhängen. Anhand von vier Erzähllinien werden die handlungsleitenden Orientierungen emotional und praktisch nachvollziehbar.

Susanne Dungs und Sandro Bliemetsrieder gehen auf die „Digitalisierte (Nicht-)Inklusion im Kontext von Lebenswelt und System“ein. Ihr Thema ist das Verhältnis von Demokratie und Inklusion. Sie wollen eine Auseinandersetzung anstoßen. Dazu präsentieren sie die Positionen von Anna Wahl: Radikale Inklusion funktioniert im Kapitalismus nicht, dazu wäre ein drastischer Wandel vonnöten. Lisa Herzog fordert: Das System zurückerobern und wir sollten aufhören, uns wechselseitig zu erzählen, dass es keine Alternativen gäbe (135). Dazu gehört ihrer Auffassung nach, Organisationen für moralische Debatten zu öffnen und so gesellschaftliche Inklusion wieder als geteilten Wert zu verstehen (S. 137) Jürgen Habermas thematisiert den Strukturwandel der Öffentlichkeit und der beratschlagenden Politik. Er versteht Inklusion „… als rational begründeten Prozess allgemein und reziprok akzeptierter Geltungsfragen“ (S. 138). Habermas sieht für demokratische Prozesse die Notwendigkeit einer Inklusion möglichst aller als Gleichberechtigte an, aber die Digitalisierung „…lasse das Private und das Öffentliche fluide werden, …“ (S. 139). Neue Medien würden zu Selbstbezüglichkeit einladen und ‚Gemeinwohlorientierungen eher suspendieren‘ (S. 139). Dungs und Bliemetsrieder: „Demokratie verlangt immer nach einem Zusammendenken von Selbstvertretung und im Bedarfsfall Stellvertretung“ – was eine andere, eigenständige Ebene der Inklusion anspricht. Dem Autorenpaar geht es um ein Grundmotiv Sozialer Arbeit, der institutionellen Verwirklichungsgerechtigkeit.

Genau diese wird im Beitrag von Carmen Schlojer „Ein Plädoyer für eine gendersensible Suizidprävention“ anschaulich und praktisch nachvollziehbar problematisiert. Mit der Zielsetzung einer ‚lebensnahen Gestaltung suizidpräventiver Angebote in den Lebenswelten von Männern‘ wird gefragt: verfügen die Organisationen von präventiven Angeboten über Inhalte und Strukturen, um auf die hohe Suizidrate von Männern angemessen zu reagieren? „Männer verüben etwa drei Viertel der Suizide in Österreich und weisen in allen Altersgruppen erhöhte Suizidraten im Vergleich zu Frauen auf“ (S. 179). Beispielhaft werden persönliche Einstellungen, Zugänge, institutionelle Rahmenbedingungen, Geschlechterstereotypen und gesetzliche wie finanzielle Grundlagen in Betracht gezogen, um nachvollziehen zu können, warum Männer offensichtlich weniger von existierenden Angeboten der Suizidprävention profitieren (S. 179). Das vorgestellte Präventionsmodell mit einer gendersensiblen Ausrichtung auf Männer bietet konzeptionelle und praktische Alternativen.

Einen grundsätzlich anwendbaren Ansatz Inklusions-/​Exklusionsprozesse zu erfassen, wird von Paul Lackenbucher präsentiert: der Inklusionschart-Familiendiagnostik. Es handelt sich um eine sozialen Diagnostik zentraler Bereiche der Lebensbewältigung: der Inklusion in Funktionssysteme, dem Niveau der Existenzsicherung und der Funktionsfähigkeit. Seine Anwendung hat sich in den Bereichen der ambulanten Familienarbeit und in Kooperation mit freien Trägern der Kinder‑ und Jugendhilfe bewährt und wird vom Bundesland Kärnten für die Kinder‑ Jugendhilfe als geeignetes Verfahren vorgeschlagen. Es zielt auf das gesamte Familiensystem, ist nicht auf eine Person beschränkt (S. 224) und bildet eine ‚Reflexionsfolie für beobachtete soziale Realitäten‘ (S. 225). Der Chart konkretisiert soziale Zugänge, Barrieren und Interpretationen und eröffnet methodische Perspektiven für Transformationen. Dabei wird ein grundsätzliches Dilemma deutlich: je konkreter und zeitnaher Hilfen zum Überwinden von Exklusionsrisiken angeboten werden, umso unschärfer können größere Zusammenhänge, längere Zeitspannen oder überregionale Ursachen berücksichtigt werden.

Diskussion

Am Beispiel des Theaterprojektes zur Wohnungslosigkeit, präsentiert von Michael Wentschur, wird ein weiteres Grunddilemma der Diskussion um Inklusion und Exklusion deutlich. Die unbedingt notwendige Funktion des sichtbar Machen‘s von Exklusionsprozessen, von Hürden der Teilnahme an Grundrechten und den Grenzen der Selbstverwirklichung durch institutionelle Schranken bleibt häufig auf einer normativen Seite des „Nicht-Zugangs“ und der entsprechenden Forderungen. Es ist dringend erforderlich, dieser Seite präzise zu analysieren und Fakten und Forderungen in die gesellschaftliche Kommunikation einzubringen. Dazu gehört genau zu erfassen, wo Andockstellen und möglicher Weise Passungen sind.

Die Folge dieser Perspektive aber ist, dass die Gründe, Zielsetzungen und Veränderungspotenziale von Personen, Systemen, Organisation und gesamtgesellschaftlichen Funktionensystemen nicht in den Blick geraten. Sie bleiben unentdeckt (und häufig moralisch als anstößig bewertet) auf der Seite der unliebsamen oder als Gegner betrachteten Personen, Systeme, Organisationen. Auf deren Seite zu gehen, bietet aber den Vorteil überindividuelle Zusammenhänge zu verstehen, leichter Anknüpfungspunkte oder Veränderungspotenziale zu entdecken und zeitliche Prozesse angemessener für sich arbeiten lassen zu können.

Die professionelle Grundperspektive der Reflexion bietet hier eine förderliche Erweiterung: zu reflektieren sind sowohl die Faktoren für Inklusion wie die für Exklusion. Darüber hinaus sind die eigenen Kontextbedingungen wie die Kontextbedingungen der anderen Beteiligten in die Ansprüche und Erwartungen von Veränderungen einzubeziehen. Inklusions‑ und Exklusionsprozesse können angemessen und leichter durch die Berücksichtigung von zeitlichen, sachlichen und räumlichen Beziehungen erschlossen werden. In diesem Zusammenhang hätte man dem Buch eine präzisere Auseinandersetzung mit dem systemtheoretischen Analyseapparat zu Inklusion und Exklusion gewünscht (- die Wiedergabe salopper Kritik kann das nicht ersetzen).

Der Aspekt, dass Inklusion und Exklusion häufig enger zusammenwirken, als es die theoretischen Darstellungen nahelegen, hätte mehr Aufmerksamkeit verdient. Der Aufbau eines neuen Familienverbundes ist nicht ohne Exklusionsprozesse aus den bisherigen Zusammenhängen denkbar. Arbeitsplatz‑ oder Ortswechsel bedingen bestimmte Formen des Verlustes bisheriger Zugehörigkeiten und Teilhabemöglichkeiten. Soziale Arbeit fördert Exklusionsprozesse aus gewaltförmigen Familienbeziehungen oder ausbeuterischen Sozialbeziehungen. Die Arbeit an Exklusionsprozessen kann die Möglichkeiten von Teilhabe zur Vorbedingung haben. Exklusion zu unterstützen gehört zum Grundgeschäft der Sozialen Arbeit und verdient mehr Anerkennung, Reflexion und theoretische Arbeit.

Die Anmerkungen sollen Reflexionsperspektiven unterstützen und nicht die Verdienste des Buches schmälern, denn es trägt in ausgezeichneter Weise dazu bei, die Begriffe Inklusion und Exklusion präziser zu bestimmen und daraus unmittelbar Perspektiven für erfolgreiches Handeln ableiten zu können.

Fazit

Das Buch bietet eine ausgezeichnete Zusammenschau von theoretischen Ansätzen und praktischen Problemstellungen zum Thema Inklusion und Exklusion. Die Beiträge sind genau, hilfreich und leisten für das Verständnis von Sozialer Arbeit Überdurchschnittliches. Das Buch verschafft eine hervorragende Übersicht, wie soziale Teilhabe erweitert werden kann und leistet dazu praktische Unterstützungen durch die vielen Beispiele und Anregungen.

Rezension von
Prof. Dr. Wilfried Hosemann
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ISSN 2190-9245