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Manfred Cierpka, Thomas Volker u.a.: Family Assessment. Integrating Multiple Clinical Perspectives

Rezensiert von Dr. Kirsten Oleimeulen, 14.02.2006

Cover Manfred Cierpka, Thomas Volker u.a.: Family Assessment. Integrating Multiple Clinical Perspectives ISBN 978-0-88937-240-5

Manfred Cierpka, Thomas Volker, Douglas Sprenkle: Family Assessment. Integrating Multiple Clinical Perspectives. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2005. 350 Seiten. ISBN 978-0-88937-240-5. 39,95 EUR. CH: 69,90 sFr.
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Assessment Center

Assessment Center ist ein Instrument, das hauptsächlich zur Personalauswahl oder Personalentwicklung eingesetzt wird. Gewöhnlich denkt man an eine Auswahlprozedur sobald man das Word hört. Es scheint daher fast unangebracht, es in Zusammenhang mit Therapien oder Beratungen im klinischen Bereich in Verbindung zu bringen. Während der Arbeit mit Familien wird Assessment als eine Methode zur systematischen Informationsbeschaffung eingesetzt, um trotz des blinden Fleckes des/der Therapeuten/-in ein umfassendes Bild der Familie zu erhalten. Das breit gefächerte Wissen über eine Familie ermöglicht es dem/der Therapeuten/-in Hypothesen über das grundlegende Problem zu generieren. Die Grenze zwischen Assessment- und Therapiephase ist dabei fließend.

Integration theoretischer Perspektiven und internationaler Expertise

Die drei Autoren/Herausgeber Manfred Cierpka (Heidelberg), Volker Thomas (Indiana/USA) und Douglas H. Sprenkle (Indiana/USA) sind Experten der Paar- und Familientherapie sowie angrenzender Gebiete. Jeder von ihnen hat einen Lehrstuhl inne und kann viele Jahre praktischer therapeutischer Erfahrung  mit Paaren und Familien aufweisen. Die Autoren und Herausgeber erzeugen Synergieeffekte zwischen ihren beiden Positionen in Wissenschaft und Praxis. Vor diesem Hintergrund entstand ein Buch von praktischer Relevanz und mit hohem Anwendungsbezug.

 "Ein gut beschriebenes Problem ist ein halb gelöstes Problem." (Charles Kettering)

"Family assessment" bietet eine Methode an, die es ermöglicht einen Blick in eine Familie von verschiedenen Blickwinkeln aus zu werfen, ähnlich einem Blick in ein Haus durch eines dessen Fenster. Das Fundament stellt ein theoretischer Rahmen dar, der das von 7 deutschen und 13 amerikanischen Autoren gebaute Haus trägt. Das Dach vereint damit zwei Kulturen und zwei verschiedene theoretische Welten.

Das Haus des "Family Assessment".

  • Der Eingang: Einführung in die Methode des Family Assessment (Manfred Cierpka). Diese Methode ist ein hauptsächlich theoriegeleitetes psychologisches Assessment, das dazu benutzt werden kann mit quantitativen Methoden familiäre (Dys)Funktionalität zu erfassen. Es umfasst eine Status- und eine Veränderungsevaluation. Diese ressourcenorientierte Art des Assessments baut auf einem dimensionalen Modell auf, das auf der Basis mehrerer kontinuierlicher Dimensionen Familien in Bezug auf ihre Schwächen und Stärken beschreiben lässt. Eine Familie selber ist definiert als Eltern und Kinder mehrerer Generationen, die mit gemeinsamen Aufgaben, dem Wunsch nach Intimität und Privatsphäre sowie einer Familienutopie zusammen leben. Family Assessment ist als eine Methode definiert, die Interaktionen und Veränderungen zwischen Familienmitgliedern und ihren Subsystemen untersucht und beschreibt. Die Familie wird als ein systematisches Ganzes betrachtet.
  • Die Eingangshalle: Das 3-Ebenen-Modell für Family Assessments (Manfred Cierpka). Das 3-Ebenen-Modell unterscheidet zwischen Individuen, Dyaden oder Triaden und dem Familiensystem als solches. Jede Ebene wird einzeln erfasst. Darüber hinaus muss die Interaktion zwischen den Ebenen erfasst werden. Zusätzlich ist eine Familie in einen sozio-kulturellen Hintergrund eingebettet. Deshalb müssen die Umstände der Umgebung der Familie in die Beobachtungen mit einbezogen werden.
  • 1. Fenster: Der erste Kontakt und Voraussetzungen für das Eingangsinterview ( Josph L. Wetchler and Gina Gutenkunst). Das Kapitel beinhaltet eine detaillierte Anleitung für die Organisation des Erstinterviews und für das Arrangement der ersten Sitzung. Das Erstinterview ist meistens ein Telefonanruf des Klienten/der Klientin mit dem Ziel des/der Therapeuten/-in die Familie zur Teilnahme an der ersten Sitzung zu motivieren. Das Werkzeug der Wahl ist dabei der/die Therapeut/-in selber.
  • 2. Fenster: Ein gut beschriebenes Problem ist ein halb gelöstes Problem (A. Peter MacLean). Bei einem Interview wurde Einstein gefragt, wie er damit umgehen würde, wenn er wüsste, dass in 60 Minuten die Welt untergeht. "Es wurde übermittelt, dass Einstein gut überlegte, bevor er antwortet, dass er die ersten 55 Minuten so viel wie möglich Informationen sammeln würde, um die Situation zu verstehen und die letzten 5 Minuten darauf verwenden würde eine Lösung für das Problem zu finden." (p.53). Um die Aussage auf die Arbeit mit Familien zu übertragen, werden verschiedene Tests und Therapien vorgestellt, die es ermöglichen Informationen in einem Family Assessment zu erarbeiten.
  • 3. Fenster: Erstinterview mit einer Familie (Volker Thomas). An Hand eines Beispieles werden das Erstinterview und verschiedene Sitzungen einer Familientherapie beschrieben.
  • 4. Fenster: Kontexte in Family Assessments (Dieter Benninghoven, Sabine Krebeck & Ute Bohlen). Kontexte von Familien, Family Assessments und Familientherapien üben einen starken Einfluss auf die Familien selber und auf den Therapieprozeß aus. Es wird zwischen dem Kontext der Institution, der überweisenden Einrichtung und weitreichenderen Systemen unterschieden. In allen drei Bereichen entwickeln Familien und Therapeuten/-innen - zumindest unbewusst - vorweg Grundannahmen auf der Basis dieser Einflussfaktoren. Das Kapitel verdeutlicht, wie jeder der drei Kontexte den Assessmentprozeß beeinflusst.
  • 5. Fenster: Die soziale Welt der Familie (Silvia Echevarria-Doan, Martha Marquez, & Diane Estrada). Die Einschätzung des sozialen Hintergrundes schließt die Familienökologie und -kultur mit ein. Die soziale Welt der Kunden/-innen besteht aus verschiedenen multikulturellen Dimensionen, mit denen sich Kunden/-innen identifizieren (z.B. Ethnizität, Klassen, Alter, Geschlecht, Rasse, Religion, sexuelle Orientierung etc.). Kulturelle Genogramme und schriftliche Assessments sind gute Werkzeuge, die Kunden/-innen eine Möglichkeit bieten ihre kulturelle Geschichte zu vermitteln. Einer der entscheidensten und wichtigsten Faktoren dieser breiteren Sichtweise von Kultur ist das therapeutische Bewusstsein kultureller Vielfalt.
  • 6. Fenster: Die multigenerationen Perspektive in Family Assessments (Günter Reich, Manfred Cierpka & Almuth Massing). Die Vergangenheit, besonders die unbewusste, konfliktbesetzte, nicht abgeschlossene Vergangenheit ist in heuten Ereignissen präsent. Bestimmte Beschwerden und Konflikte in der Kindergeneration resultieren oftmals aus Problemen zwischen Großeltern und ihren Eltern. Auf diesem Weg werden Basiskonflikte in der Familie über Generationen hinweg wiederholt.
  • 7. Fenster: Lebenszyklen von Familien und das Genogramm (Tina Timm & Adrian Blow). Das Genogramm einer Familie als Assessment Werkzeug, erfasst Basisinformationen, Informationen über die Beziehungen zwischen Menschen und historische Zeitschienen und wichtige sowie kritische Ereignisse. Dem Leser/der Leserin wird im Detail aufgezeigt, wie ein Genogramm entwickelt werden kann.
  • 8. Fenster: Erfassung von Erziehungsstilen und Erziehungsverhalten(C. Everett Bailey). Der Autor dieses Kapitels arbeitet die Bedeutung der Erfassung von Elternverhalten durch Selbstbeschreibungsinstrumente, Beobachtung und klinische Assessments heraus. Es wird aufgezeigt, dass elterliche Unterstützung, Kontrolle und Strukturen spezielle Aspekte elterlichen Verhaltens sind, die signifikanten Einfluss auf die Ergebnisse von Kindern haben.
  • 9. Fenster: Systematische Assessments (Douglas H. Sprenkle). Die Metatypologie von Fragen (Karl Tomm, 1987a) geht davon aus, dass es zwei verschiedene Typen von Hypothesen gibt, die Fragen der Therapeuten/-innen zugrunde liegen. Dies führt zu einem Kontinuum zwischen vorwiegend orientierenden und vorwiegend beeinflussenden Fragen und einem weiteren wichtigen Kontinuum zwischen linearen und zirkulären Hypothesen. Diese Kontinuen erzeugen das Metamodell der 4 Basistypen von Fragen. Die 4 Fragentypen werden erklärt und an hand von Beispielen vorgestellt.
  • 10. Fenster: Psychodynamisches Assessment (Günter Reich & Manfred Cierpka). Menschen haben teilweise persönliche und interpersonelle Konflikte, die Probleme und Symptome verursachen. Daher können Spannungen zwischen Familienmitgliedern aufgrund von inkompatiblen Beziehungswünschen und Lebenspläne oder durch  Gegensätze zwischen Forderungen der Familie und den Wünschen einzelner Familienmitglieder entstehen. Die Psychodynamik von Beziehungen und Partnerschaften zwischen Paaren und Kindern wird präzisiert.
  • 11. Fenster: Der Ablauf von Familienskulpturen (Gary H. Bischof & Karen B. Helmeke). Familienskulpturen umfasst die Positionierung der Familienmitglieder im physikalischen Raum um Beziehungen und Rollen im Familiensystem darzustellen. Raum ist hier eine Metapher um Familienbeziehungen zu verstehen. Der identifizierte Raum ist einer von drei Schlüsseldimensionen der Familienprozesse widerspiegelt, zusammen mit Zeit und Energie.

Zielgruppe

"Family Assessment" ist an Personen adressiert mit einem breiten Erfahrungsfeld in der Familientherapie und gutem wissenschaftlichen Verständnis. Es ist jedoch auch wert von Studierenden der Psychologie oder anderer Fachrichtungen gelesen zu werden.

Kommentar

Das Buch ist einfach zu lesen und auch von Interessierten mit mittlerem Level englischer Sprachkenntnisse zu bewältigen. Es ist didaktisch aufbereitet und involviert den Leser/die Leserin über seinen/ihren eigenen Familienhintergrund zu reflektieren. Jedes Kapitel beginnt mit einer Zusammenfassung und endet mit einem Fazit. Einige Kapitel enthalten Übungen für den/die Leser/-in in Form von Lernaufgaben, um einen tiefergehenden Einblick zu vermitteln. Der Inhalt ist für klinische Familientherapeuten/-innen sehr nützlich zur Entwicklung einer wissenschaftlichen und professionellen Struktur bei der Arbeit mit Familien. Die Implementation von Family Assessments garantiert eine höhere und objektivere Qualitätssicherung der Arbeit.

Fazit

Das Buch Family Assessment schafft eine Verbindung zwischen psychodynamischen und systemischen Perspektiven. Die Familie kann auf drei Ebenen (Individuen, Dyaden oder Triaden und das Familiensystem) mit ihren Verbindungsstellen evaluiert werden. Theoretische Perspektiven und internationale Expertise überzeugen den/die Leser/-in die Methode zu benutzen. "Family Assessment" kann wie ein Handbuch benutzt werden. Das Buch zeigt darüber hinaus die Vielfalt und Komplexität der Methode auf.

Rezension von
Dr. Kirsten Oleimeulen
Psychologin – Familienberaterin, akkreditierte Psychologin für Gesundheitspsychologie und Prävention (BDP), systemische Familientherapeutin und Supervisorin, online-Beraterin
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Es gibt 96 Rezensionen von Kirsten Oleimeulen.

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Zitiervorschlag
Kirsten Oleimeulen. Rezension vom 14.02.2006 zu: Manfred Cierpka, Thomas Volker, Douglas Sprenkle: Family Assessment. Integrating Multiple Clinical Perspectives. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2005. ISBN 978-0-88937-240-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3398.php, Datum des Zugriffs 29.09.2022.


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