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Oliver Nachtwey, Carolin Amlinger: Zerstörungslust

Rezensiert von Marvin Bucka, 21.01.2026

Cover Oliver Nachtwey, Carolin Amlinger: Zerstörungslust ISBN 978-3-518-43266-2

Oliver Nachtwey, Carolin Amlinger: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus | Was wollen Donald Trump, Elon Musk und ihre Anhänger:innen? Suhrkamp Verlag (Berlin) 2025. 453 Seiten. ISBN 978-3-518-43266-2. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,90 sFr.

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Thema

In ihrer theoretisch fundierten und empirisch gestützten Analyse des zeitgenössischen Faschismus, unter besonderer Berücksichtigung der Situationen in den USA und Deutschland, vertreten Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey die zentrale These, dass es vor allem das Gefühl eines blockierten Lebens mitsamt der daraus resultierenden Tendenz zu destruktiven Affekten und Einstellungen sei, die viele Menschen zur Unterstützung rechter Parteien und Akteure drängten. Deren Anziehungskraft auf große Teile der Bevölkerung rühre also, wie Amlinger und Nachtwey insbesondere durch quantitative Erhebungen sowie Interviews aufzeigen können, daher, dass sie die bestehende liberale Demokratie als dysfunktional und ihre Situation darin als blockiert oder hoffnungslos empfinden. Faschismus sei demzufolge nur über diese affektive Tiefenstruktur der Destruktivität verstehbar.

Autor:innen

Carolin Amlinger ist Literatursoziologin an der Universität Basel und forscht unter anderem zu kritischen Gesellschaftstheorien und Autoritarismustheorien. Von ihr erschien etwa „Schreiben: eine Soziologie literarischer Arbeit“ (2021). Oliver Nachtwey ist Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel und forscht zu gesellschaftlichen Modernisierungs- und Individualisierungsprozessen sowie zum neuen Autoritarismus. Von ihm erschien etwa „Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne“ (2016) (https://www.socialnet.de/rezensionen/21438.php). Gemeinsam haben Amlinger und Nachtwey bereits „Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus“ (2022) veröffentlicht, das auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse stand.

Entstehungshintergrund

Die neuen Analysen von Amlinger und Nachtwey reagieren auf neueste Entwicklungen in den USA, allen voran die zweite Trump-Regierung, und in Deutschland, wo eine zunehmend radikalisierte und extreme AfD ungebrochenen Zuspruch in großen Teilen der Bevölkerung erhält. In Anbetracht dieses, auch global, erstarkenden Faschismus entwickeln sie die Ideen ihres vorherigen Buches „Gekränkte Freiheit“ weiter, wo sie auf Basis von Interviews mit Anhänger:innen der Querdenken-Szene sowie mit aktiven AfD-Unterstützenden das Aufkommen eines libertären Autoritarismus beschrieben und dessen Anziehungskraft auf die Widersprüche (nach-)moderner Subjektivität bezogen hatten. In „Zerstörungslust“ untersuchen sie nun spezifischer eine Sehnsucht nach Destruktion, die wesentliche Akteure und deren Anhänger:innen zu teilen scheinen und die sie zunehmend auch öffentlich propagieren. Diese affektive Struktur, die Amlinger und Nachtwey eben als „Zerstörungslust“ beschreiben, halten sie für wesentlich zum Verständnis des zeitgenössischen Faschismus.

Aufbau

„Zerstörungslust“ ist in vier Kapitel eingeteilt. In Kapitel 1 „Nach dem Fortschritt“ werden die Widersprüche der Spätmoderne beschrieben, insbesondere das scheinbare Ende des liberalen Fortschrittsversprechens. In Kapitel 2 „Blockierte Leben“ wird die subjektive Seite dieser gesellschaftlichen Prozesse beschrieben als ein in weiten Teilen der Bevölkerung verbreitetes Gefühl, abgehängt zu sein und die eigene Situation durch Selbstvermögen nicht verbessern zu können, sodass das eigene Leben als blockiert wahrgenommen werde. In Kapitel 3 „Destruktivität“ wird die destruktive Reaktion auf diese Empfindung beschrieben als ein Begehren nach Zerstörung der bestehenden liberal-demokratischen Gesellschaftsordnung. Und in Kapitel 4 „Demokratischer Faschismus“ wird in einem Transfer auf die Systemebene versucht, die zeitgenössische Spielart des Faschismus zu fassen und von historischen Faschismen abzugrenzen. Besonders hervorzuheben ist am Aufbau noch, dass sich in den einzelnen Kapiteln Schilderungen aus Interviews mit theoretischen Überlegungen sowie gängigen historischen und zeitgenössischen Ansätzen an Faschismus, den autoritativen Charakter oder Destruktivität, insbesondere bei Erich Fromm, abwechseln.

Inhalt

Ihren Ausgang nehmen Amlingers und Nachtweys Analysen von der Diagnose, dass zentrale Versprechen der liberalen Gesellschaft, wie Freiheit, Fortschritt und Aufklärung, angesichts einer Polykrise aus Klimawandel, Pandemien und Kriegen nicht mehr umfassend erfüllt werden könnten. Der Fortschritt stocke, gehe mit zahlreichen Rückschritten einher, weshalb sich die Zukunft nicht mehr als offener Horizont auftue, sondern viele Menschen sie als düster, ihren Horizont als verschlossen wahrnehmen würden. Aus dieser Zeitstruktur der Spätmoderne, in der die Gegenwart zukunftslos und stattdessen die Vergangenheit verklärt werde, erwachse „die Sehnsucht nach einer Ordnung, in der es keine Erschütterungen, keine Einbrüche – und damit auch keine Entwicklung mehr gibt“ (33). Insbesondere jene Menschen, die sich als „entprivilegiert“ erlebten, hielten Politik für nicht mehr in der Lage, für Wachstum oder nur ein funktionierendes Infrastruktursystem und Zusammenleben zu sorgen, wodurch die liberale Demokratie in deren Augen ihre Legitimität eingebüßt habe.

Amlinger und Nachtwey führen diese systemischen Entwicklungen auf die neoliberalen Reformen der letzten Jahrzehnte zurück, die, noch verstärkt durch die Finanzkrise von 2008, bestehende Ungleichheiten intensiviert und durch Privatisierungswellen Infrastrukturen verkommen lassen oder gar zerstört hätten. Ob Arbeit, Wohnen, Mobilität oder Konsum – in allen diesen Bereichen scheine es vielen Menschen immer schwieriger, ihre Gewohnheiten und Standards aufrechtzuerhalten, und in all diesen Bereichen seien auch, wie Amlinger und Nachtwey nahelegen, durch Reformen, Privatisierungen und Einsparungen realiter Einbußen produziert worden, sodass „Abstiege […] nun zur erwartbaren Normalität [gehören], unabhängig davon, wie stark man sich anstrengt“ (58). In der Folge beschreiben sie Austeritätspolitiken sogar als „eine Form symbolischer Gewalt“, die sich gegen eine Vielzahl an Bürger:innen, insbesondere der prekären Mittelschichten sowie der unteren Schichten, gerichtet und die daher massiv demokratisches Kapitel verspielt habe (84).

Diesen systemischen Umwälzungen wollen Amlinger und Nachtwey dann vor allem auf der Ebene individueller Erfahrungen und Affekte nachspüren. Denn in ihren Interviews hätten sie geteilte Gefühlsstrukturen unter den Befragten ausgemacht, sodass rechte Narrative und Verschwörungserzählungen insbesondere dort zu verfangen schienen, wo sie an emotionale Tiefenstrukturen anknüpften. So seien es nicht die Ungleichheit, die Arbeitslosigkeiten oder Perspektivlosigkeit selbst, die die Menschen anfällig für Faschismus machten, sondern es sei eine bestimmte affektive Reaktion darauf, eine Verpanzerung und ein Aufkommen von Rachegefühlen, die aus dem, wenngleich politisch induzierten, so doch gefühlten persönlichen Versagen im eigenen Alltag resultierten. Amlinger und Nachtwey bringen dies auf den Begriff des „blockierten Lebens“: „Das Zeitgefühl der Nachmoderne speist sich aus der Kumulation von Einbrüchen in sicher geglaubte Zonen“ (131), sodass weite Teile der Bevölkerung „einen tiefgreifenden Verlust [erleben], der zunehmend als gruppenweites und illegitimes Phänomen interpretiert wird“ (135). Insbesondere zeigen sie hier, wie reale gesellschaftliche Verschlechterungen, die politisch nicht bewältigt werden könnten, bei einigen Menschen zu einem Nullsummendenken geführt hätten, sodass sie die Ressourcen, die anderen zuteil würden, als ihnen geraubt erlebten. Von rechten Kräften bedient wird diese Logik aber nicht vertikal ausdifferenziert (‚die da oben gegen die da unten‘), sondern horizontal gegen Bürgergeld-Empfänger:innen, Zugewanderte oder Geflüchtete gerichtet: „ Eine spürbare Verschlechterung im eigenen Leben wird als direkte Folge der Verbesserung fremder Leben interpretiert“ (149). Der Zorn der Menschen über ihre prekarisierte Lage wird also in einer Sündenbocklogik auf diejenigen gerichtet, die zwar noch prekärer leben, aber aufgrund ihres Bezugs staatlicher Leistungen scheinbar begünstigt würden.

Für ein solches Sündenbockdenken empfänglich seien dabei gerade Menschen, die zu destruktiven Affekten und Einstellungen neigen. Der Hauptpunkt der Analysen Amlingers und Nachtweys, gestützt durch ihre quantitativen und qualitativen Erhebungen sowie ihren Rückgriff auf Theodor W. Adornos Analysen zum autoritären Charakter und Erich Fromms Studien zur Destruktivität, ist die Beschreibung, wie zahlreiche Menschen infolge von Deprivation, gefühlten Statusverlusten und einer prekarisierten ökonomischen Situation, bedient durch rechte Narrative, ein Verlangen danach entwickelten, die alte Ordnung zu zerstören und andere, ebenfalls prekarisierte Menschen leiden zu sehen. So heterogen rechte Kreise auch sein mögen (Amlinger und Nachtwey nennen etwa rechte Eliten, Angehörige der oberen Mittelklassen, Tech-Eliten, sowie Teile der unteren Mittelklasse und der abgestiegenen Arbeiterklasse), sie alle eine dieses „Bedürfnis nach Zerstörung“ (171). Wo die Gesellschaft also als instabil und als im Niedergang begriffen verstanden werde, kämen einige Menschen zur Überzeugung, es könne so nicht bleiben – und dass es einen radikalen Bruch und zum Teil Grausamkeiten brauche, um eine Transformation einzuleiten.

Um diese Zusammenhänge empirisch zu untermauern, haben Amlinger und Nachtwey zunächst 2595 Personen aus Deutschland mit einem Online-Fragebogen zu destruktiven Einstellungen (unter anderem inspiriert von Fromm und kürzlich durchgeführten internationalen Erhebungen) befragt und dabei immerhin 12,5 % der Befragten als mittel- oder hochgradig destruktiv eingeteilt (wobei 50 % der Befragten keinerlei destruktive Einstellungen aufwiesen). Diese destruktiv eingestellten Menschen seien vor allem männlich, eher jung und eher politisch rechts einzuordnen. Sie wählten vorrangig AfD und unterstützten in der Regel autoritaristische, antisemitische, klimaskeptische und queerfeindliche Aussagen (194 ff.). Im Anschluss daran haben Amlinger und Nachtwey 41 problemzentrierte Interviews mit Personen durchgeführt, die aus den quantitativen Befragungen oder aus rechtslibertären Vereinen bzw. über ein Schneeballverfahren gewonnen wurden. Sie alle eine, dass sie die AfD wählten, libertär eingestellt seien und/oder hohe Destruktivitätswerte aufwiesen. Dabei habe sich gezeigt, dass viele der Befragten biografische Brüche und Kränkungen erfahren hätten, die zentral für ihre narrative Identitätsbildung schienen, dass die Corona-Pandemie ein politisches Erweckungserlebnis gewesen sei und dass dies in Verbindung mit Verbitterung, Staatsskepsis und migrations- sowie islamfeindlichen Einstellungen destruktive Einstellungen begünstige, weil dann „Gewalt als Notwehr gegen Verletzungen der persönlichen Integrität“ gerechtfertigt werde (212). Amlinger und Nachtwey beschreiben dazu abschließend drei Typen destruktiver Menschen: 1. Erneuerer (50 % der Befragten), die auf den Trümmern der liberalen Gesellschaft eine traditionalistische Ordnung aufbauen wollen, 2. Zerstörer (25 %), die die bestehende Welt schlicht um der Zerstörung willen zerstören wollen (und besonders unbarmherzig auf Abschiebungen und Deportationspläne reagierten), sowie 3. libertär Autoritäre (25 %), die vor allem den Staat und seine Bürokratie in einem anarchokapitalistischen Gestus überwinden wollen (217).

Von diesen empirischen Analysen kehren Amlinger und Nachtwey schließlich auf die systemische Ebene der Analyse zurück und beschreiben den zeitgenössischen Faschismus als einen „demokratische[n] Faschismus“ (Hervor. i. Orig., 239), der zwar mit faschistischen Zielen, aber deutlicher innerhalb demokratischer Strukturen agiere. Im Unterschied zum historischen Faschismus im Mussolini-Italien oder in Deutschland unter den Nationalsozialist:innen wollten etwa Giorgia Meloni oder Marine Le Pen die Demokratie nicht zerstören, sondern entliberalisieren und ihre Ziele in einer erneuerten Ordnung erreichen (249). So ziele der zeitgenössische Faschismus auf eine Entliberalisierung der Demokratie: „Was die diversen Fraktionen eint, ist das destruktive Aufbegehren gegen die liberale Demokratie und der Wunsch, soziale Hierarchien zu restaurieren“ (Hervorh. i. Orig., 260). Im Unterschied zum historischen Faschismus, der stärker kultisch strukturiert und milizenhaft organisiert gewesen sei, gehe es heutigen Akteur:innen zwar auch um einen entfesselten Kapitalismus und eine nationalistische Revolution, aber sie seien etwa nicht in zentral organisierten paramilitärischen Formationen organisiert (262). Amlinger und Nachtwey schlagen daher zur Unterscheidung vom historischen Faschismus die Charakterisierung als zumindest aktuell noch demokratischen Faschismus vor.

Für das Verständnis des Faschismus sei nun entscheidend, wie die Soziolog:innen konkludieren, dass er affektive Energien freisetzt: „Wir denken bei ‚Faschismus‘ oft an historische Formen institutionalisierter Gewaltherrschaft, er dringt aber in Form kleiner Grausamkeiten auch in den Alltag vor“ (275). Und um diese alltägliche Fundierung des Faschismus zu verstehen, brauche es eben, wie sie mit ihren Untersuchungen vorschlagen, ein Verständnis der affektiven Tiefenstrukturen des Faschismus: „Die Wirksamkeit des Faschismus hängt an seiner Macht, emotional zu affizieren“ (284). Er funktioniere also, weil er affektive Atmosphären kreiere, die Erlösung und Lustgewinn für sich als blockiert erlebende Menschen verspreche.

Als Schluss der Analyse geben Amlinger und Nachtwey Ausblicke auf einen möglichen neuen Antifaschismus. Da der Faschismus seine Macht aus seinen affektiven Wirkungen schöpfe, könne Antifaschismus nicht bloß in Faktenchecks und epistemischen Entlarvungen sowie in Bildung und Aufklärung bestehen, sondern müsse, wie schon Adorno und Fromm in ihren Studien argumentierten, „die demokratische Mehrheit emotional adressieren“ und zwar in einem kreativen und aufbauenden Sinn, und eben nicht im destruktiven Zerstörungswillen des Faschismus (317). So gelte es etwa Gemeinsinn und Reziprozität zu kultivieren und dies politisch und ökonomisch durch die Demokratisierung von Arbeit, Boden und Geldverkehr zu unterstützen, um dem Antifaschismus „ein geistiges Obdach“ anzubieten und ihm etwas zu geben, „wofür es sich zu kämpfen lohnt“ (320).

Diskussion

Mit „Zerstörungslust“ legen Amlinger und Nachtwey eine äußerst reichhaltige und innovative Analyse der affektiven Wirkmacht des zeitgenössischen Faschismus vor, die insbesondere durch ihre Aktualität, ihre theoretisch reichhaltige Fundierung sowie ihre empirische Plausibilisierung überzeugt. Dabei bestätigt der Fokus auf die Destruktivität als Analyseinstrument ein Unbehagen, das eine:n als Beobachter:in des politischen Geschehens zunehmend ergreift: dass nämlich zahlreiche Akteure in politischen Verantwortungspositionen, aber auch Bürger:innen im nahen oder fernen, persönlichen oder professionellen Umfeld mit Begeisterung das Ende der liberalen Demokratie herbeisehnen und öffentliche Stimmen insbesondere im Diskurs um Migration und Flucht zunehmend unbarmherzig über Abschiebungen und Zurückweisungen sprechen. Wo Henrike Kohpeiß dies etwa als „bürgerliche Kälte“ beschrieb (https://www.socialnet.de/rezensionen/31422.php), gehen Amlinger und Nachtwey gewissermaßen weiter, indem sie, aufbauend auf Erich Fromms Analysen der Destruktivität sowie auf Sigmund Freuds Theorie vom Todestrieb, ein regelrechtes Begehren nach dieser Zerstörung sowie nach Grausamkeiten gegen Minderheiten beschreiben. Manche Akteure wollten die bestehende Ordnung geradezu zugrunde gehen sehen und ergötzen sich regelrecht an Bildern und Videos von Abschiebungen oder von menschenunwürdigen Haftbedingungen, wie etwa Reaktionen auf das Video von US-Ministerin Kristi Noems Besuch im Gefängnis in El Salvador, aber in schwächerer Form auch die abschätzigen Reaktionen auf die verhaltenen Äußerungen des Bundesaußenministers Johann Wadephul bezüglich der Lebensbedingungen in Syrien zeigen. Unaufhaltsam scheint sich der öffentliche Diskurs zu radikalisieren und von Inhaftierungen, Abschiebungen oder Zurückweisungen von Geflüchteten nurmehr als rein bürokratischer Prozess zu sprechen, die zur vermeintlichen Wahrung einer bestehenden Ordnung als notwendig propagiert werden. Amlinger und Nachtwey begegnen diesen Radikalisierungen auf einer plausiblen und innovativen Analyseebene, wenn sie sie ausgehend von alltäglichen Affekten untersuchen.

Dabei vermögen es Amlinger und Nachtwey, nah an faschistische Einstellungen und Affekte heranzuführen, ohne diese dadurch zu legitimieren oder zu verteidigen. Ihr empathischer, aber stets kritischer Zugang konfrontiert die Lesenden vielmehr mit den zahlreichen destruktiven Äußerungen der Interviewpartner:innen, die zum Teil mit einer erschreckenden Selbstverständlichkeit und Gleichgültigkeit grausame und menschenunwürdige Maßnahmen fordern. Damit führen die Soziolog:innen gleichsam vor Augen, wie weit diese Einstellungen und Affekte in das alltägliche Leben eingesickert sind und dort für normal befunden werden.

Bei aller begrifflichen Klarheit, erkenntnisreichen theoretischen Einordnung und empirischen Plausibilisierung irritiert „Zerstörungslust“ aber doch in zweierlei Hinsicht. Erstens irritiert die Begrifflichkeit des „demokratischen Faschismus“, die es als solche ja sogar in den Untertitel des Buches geschafft hat, merklich. Zwar geben Amlinger und Nachtwey selbst an, dass dieser Begriff widersprüchlich scheine und als Lesende:r versteht man durchaus den Gedanken dahinter, zeitgenössische Formen des Faschismus von historischen Faschismen etwa in Italien oder Deutschland, abzugrenzen – aber es gibt doch starken Anlass zu zweifeln, inwieweit es etwa Viktor Orbán, Marine Le Pen oder Giorgia Meloni tatsächlich um die demokratische Verankerung ihrer Politiken bestellt ist. Zwar sind die Demokratien in Ungarn oder Italien tatsächlich nicht derart ausgehöhlt und zerstört worden wie in den genannten historischen Vorläufern des Faschismus, doch demokratisch kann man diese Politiken dennoch kaum nennen. Der Begriff soll zwar explizit nicht die Gefahren dieser Politiken kleinreden, doch er wirkt geradezu bagatellisierend und verharmlosend. Und selbst wenn es den Akteuren nur darum geht, den liberalen Kern der Demokratie zu zerstören, werden damit eben doch wesentliche Elemente dieser Demokratie, wie Gewaltenteilung, Minderheitenschutz oder das Asylrecht, de facto ausgehebelt. Und zerstört die Entliberalisierung der Demokratie dann nicht doch auch die Demokratie selbst? Wenn man die Perspektive von queeren Menschen, Geflüchteten oder aktiven Antifaschist:innen einnimmt, die im Alltag zunehmend gewaltsam unterdrückt, deren Situation ökonomisch wie rechtlich prekarisiert und die zum Teil, wie etwa Maja T. In Ungarn, gesetzeswidrig ausgeliefert und unter willkürlichen Bedingungen inhaftiert werden, dann erscheinen diese faschistischen Bestrebungen eben doch zunehmend undemokratisch und antidemokratisch. Bei aller Plausibilität der herausgearbeiteten Unterschiede zwischen den historischen und zeitgenössischen Faschismen muss man meines Erachtens konstatieren, dass die Begrifflichkeit des demokratischen Faschismus doch sehr unglücklich gewählt ist.

Zweitens bleibt das Schlusskapitel zu einem möglichen Antifaschismus allzu vage. Es ist zwar nur als Ausblick gemeint – und bei den reichhaltigen sonstigen Analysen in „Zerstörungslust“, sowie bereits in „Gekränkte Freiheit“, kann man nur hoffen, dass Amlinger und Nachtwey ihr Werk in eine Trilogie überführen und über diesen möglichen Antifaschismus noch mehr zu sagen haben –, doch dieser Ausblick wird der restlichen Studie nicht gerecht und hinterlässt eine:n am Ende des Buches etwas ratlos. Die Grundgedanken, die hier ausgeführt werden, erscheinen vor dem Hintergrund der vorherigen Analysen zwar allesamt plausibel: dass man die demokratische Mehrheit affektiv adressieren müsse, dass es eine Vision oder zentrale Werte brauche, für die es sich zu kämpfen lohne und dass all dies politisch flankiert werden müsse durch eine Demokratisierung von Arbeit, Boden oder des Geldsystems. Doch man hätte hier auf all die Bewegungen eingehen können, die es bereits gibt und die sich gerade für solche Vision einsetzen – etwa „Ende Gelände“, die in ihren Protesten neue Organisationsformen, flache Hierarchien und basisdemokratische Prozesse einüben, oder die „Soulèvements de la Terre“, die in ihren ökologischen Protestaktionen in Frankreich an Initiativen lokaler Bäuer:innen und lokaler Gruppen anknüpfen, diese verstärken und damit jenen Gemeinsinn und jene Reziprozität kultivieren, die Amlinger und Nachtwey für den Protest einfordern. So hat bereits Eva von Redecker in ihrem Buch „Revolution für das Leben“ genau die von Amlinger und Nachtwey skizzierte Vision des Antifaschismus im Rückgriff auf zahlreiche aktuelle Protestbewegungen beschrieben und gezeigt, wie diese bereits neue Formen der Organisation, der Fürsorge oder der ökologischen Sorge kultivieren (https://www.socialnet.de/rezensionen/27718.php).

Dennoch kann man den Beitrag von „Zerstörungslust“ insgesamt nicht hoch genug einschätzen. Der Fokus auf die alltäglichen, affektiven Tiefenstrukturen des Faschismus, die reichhaltigen theoretischen Analysen der politischen Emotion der Destruktivität und deren Rolle für die Wirkmacht des Faschismus, die empirischen Untersuchungen zur Verbreitung destruktiver Einstellungen in Deutschland, die diese theoretischen Überlegungen plausibel stützen und verständlich machen, die historische Einordnung des aktuellen Faschismus und nicht zuletzt der dennoch wichtige Hinweis zur Notwendigkeit eines auch affektiven und wertegeleiteten Antifaschismus machen dieses Buch zu einer herausragenden und unbedingt notwendigen Analyse, deren Aktualität den Lesenden leider mit jedem Tag mehr bewusst werden muss. Amlinger und Nachtwey bieten genau die Analyse, die es braucht, um den zeitgenössischen Faschismus zu verstehen und jeder künftige politische Kommentar zu diesem Faschismus sollte unbedingt diese Untersuchungen zur Zerstörungslust einbeziehen.

Zusammenfassend legen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey in ihrer theoretisch reichhaltigen, begrifflich klaren und empirisch fundierten Studie zum zeitgenössischen Faschismus die affektiven Tiefenstrukturen von Anhänger:innen des Faschismus als ein Begehren nach Zerstörung der liberalen Ordnung sowie nach einem auch gewaltsamen Durchgreifen gegenüber Minderheiten offen. Plausibel, mit zahlreichen theoretischen Referenzen, insbesondere auf Erich Fromm, sowie mit einer beeindruckenden analytischen Schärfe führen sie die Lesenden somit nah an die Abgründe des faschistischen Denkens und Begehrens heran und zeigen auf, wie sich dies im Alltag und in seinen affektiven Strukturen zunehmend bahn bricht. Amlinger und Nachtwey bieten damit einen leider allzu aktuellen, aber daher umso wichtigeren Debattenbeitrag an, der insbesondere dadurch überzeugt, dass er sowohl auf der systemischen Ebene als auch im individuellen Erleben wichtige Anhaltspunkte bietet, um den zeitgenössischen, hier als noch demokratisch beschriebenen Faschismus besser zu verstehen – und ihm sodann effektiv begegnen zu können.

Fazit

Die Soziolog:innen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey charakterisieren den zeitgenössischen Faschismus durch sein Begehren nach Zerstörung der liberalen Demokratie. Theoretisch fundiert und durch empirische Untersuchungen plausibilisiert zeigen sie in beeindruckend klarer Weise, wie diese faschistische Zerstörungslust in das Alltagsdenken einsickert, etwa in der Unterstützung gewaltsamer Maßnahmen gegenüber Minderheiten. Mit ihrer ungemein aktuellen und wichtigen Studie legen sie insgesamt überzeugend dar, dass man dem Faschismus in Forschung und Praxis nur begegnen kann, wenn man diese affektiven Tiefenstrukturen in den Blick nimmt.

Rezension von
Marvin Bucka
M.A. "Philosophie" an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, B.Sc. "Psychologie" an der Goethe-Universität Frankfurt
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ISSN 2190-9245